EWR 5 (2006), Nr. 6 (November/Dezember)

Daniel Wrana
Das Subjekt schreiben
Reflexive Praktiken und Subjektivierung in der Weiterbildung: eine Diskursanalyse
(Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung; 47)
Hohengehren: Schneider Verlag 2006
(265 S.; ISBN 3-8340-0064-7; 19,80 EUR)
Das Subjekt schreiben Mit der Machtanalytik Foucaults ist – neben der Kritischen Theorie, dem Konstruktivismus, der Subjekt- und der Systemtheorie – eine weitere theoretische Referenz für die Erwachsenenbildung wichtig geworden. Vertreten und empirisch auf die Erwachsenenbildung angewandt wird diese Theorie vor allem von der Forschergruppe um den Giessener Lehrstuhlinhaber Hans-Hermann Forneck, der 2005 zusammen mit Daniel Wrana eine Einführung in die Erwachsenenbildung unter dem Titel „Ein parzelliertes Feld“ vorgelegt hat.

Auch in der jetzt erschienenen Dissertation von Wrana ist der Bezug zur von Foucault inspirierten Gouvernementalitätstheorie unübersehbar. Seine Bedeutung erfährt er hier in der Anwendung auf das – allseits proklamierte, aber eben kaum untersuchte – selbstgesteuerte Lernen, das die wissenschaftliche und bildungspolitische Diskussion der letzten Jahren stark bestimmt hat. Den eigentlichen Untersuchungsgegenstand bilden zwölf so genannte Lernjournale, die von Erwachsenen in einem Weiterbildungsbildungsstudiengang über den Zeitraum eines Jahres geführt wurden. Es geht also – gemäß der gewählten theoretischen Perspektive - um gesellschaftlich geteilte Selbstpraktiken, mit denen Subjekte produziert und verändert werden.

Methodologisch orientiert sich die Arbeit an der Diskursanalyse, erhebt aber den Anspruch, diese unter besonderer Berücksichtigung von Subjektivität und Subjektivierung poststrukturalistisch weiterzuentwickeln. Mit der Machtanalytik ist sie insofern verbunden, als sie darauf zielt, feldspezifisch den Zusammenhang von Machtverhältnissen und Diskursen zu beschreiben.

Das didaktische Instrument des Lernjournals wird zum einen anhand begründender und konkrete Praktiken empfehlender Texte untersucht, zum anderen an dem Korpus der erfassten Lernjournale selbst. In der ersten Untersuchung werden die dem Instrument unterstellten Effekte beschrieben und betont, dass in allen Konzepten das Führen eines Lernjournals ein Lernprozess darstellt, der sich als Subjektivierungspraxis verstehen lässt. Diesem Prozess wird unterstellt, die Produktivität des Lernens zu steigern und äußere in innere Disziplinierung übergehen zu lassen. Von den unterschiedlichen Modellen scheint der Autor das am Beispiel schulischen Mathematikunterrichts entwickelte der Schweizer Gallin und Ruf zu bevorzugen, das – im Unterschied zu den durchstrukturierten Vorgaben im Modell der deutschen Weiterbildnerinnnen Kemper und Klein – den Eigensinn der Lernenden als produktive Kraft aufnehme. In allen Formen sei aber eine Kapitalisierung und Ökonomisierung des Selbst angelegt. Dazu gehöre meist auch der – neoliberale – Glaube, mit der Steigerung der (Lern-)Produktivität auch eine (Betreuungs-)Kostenersparnis erreichen zu können. Als ebenso problematisch sieht der Autor – im Anschluss an Wittpoth – die Auffassung einer verstärkten Teilhabe am eigenen Lernprozess, wenn nicht berücksichtigt werde, dass die dort herzustellende Autonomie eigentlich schon vorausgesetzt wird und damit habituell Benachteiligte ausgegrenzt werden. Im Gegensatz zur englischsprachigen Diskussion werde im deutschsprachigen Raum die Idee des Lernjournals meist – naiv – mit dem Emanzipationsgedanken verbunden – ein Vorwurf, den der Autor auch an die konstruktivistische Didaktik richtet (Umso bemerkenswerter ist, dass einer ihrer Hauptvertreter die Arbeit in die von ihm herausgegebene Reihe aufgenommen und mit einem weitgehend zustimmenden Vorwort versehen hat).

Mit der Untersuchung handschriftlich verfasster, elliptischer und somit für Außenstehende oft kaum verstehbarer Lernjournale hat sich der Autor eine besonders schwierige Textsorte gewählt, die mit der klassischen Diskursanalyse nur bedingt zu beschreiben und zu interpretieren sind. Es ist eine intelligente Entscheidung, äußerst wenige Beispiele anzuführen, an denen aber wichtige Probleme erläutert werden, da es nicht um eine Beurteilung oder Interpretation von Lernjournalen, sondern eher um das äußerst differenzierte, diskursanalytisch bzw. linguistisch informierte Aufzeigen der Grenzen des Verstehens gehen kann. Ziel ist deshalb weniger das Verstehen des Geschriebenen, sondern die Rekonstruktion der Praxis des Schreibens. Angesichts des prekären Status der meist fragmentarischen Texte geht es nicht – wie in Diskursanalysen meist üblich – um einen Diskurs (hier: den Diskurs über sich selbst), sondern um diskursive Figuren als im Text lokalisierbare Figurationen von Elementen. Diese nämlich bilden Spuren, anhand dessen man diskursive Praktiken analysieren kann. Vor allem geht es um Figuren der Subjektivität.

Den diskursiven Figuren der Subjektivität bzw. reflexiven Figuren, in denen der Sprecher das eigene Selbst zum Gegenstand des Sprechens macht, ist eine Reihe von sprachsensiblen und scharfsinnigen Beispielanalysen gewidmet. Zu entnehmen ist ihnen, dass die Lernenden das Lernjournal kaum - wie in der Literatur erhofft oder befürchtet – zur Selbstoptimierung und Selbstkontrolle einsetzen. Neben diesen gut geschriebenen und immer anregenden Interpretationen enthält die Studie auch einen – eher knappen – quantifizierenden Teil, der dem gewaltigen Umfang des Korpus (1223 Seiten) mit Angaben zur Menge des Geschriebenen, zu Gelegenheiten des Schreibens, zu den behandelten Themen u.ä. beizukommen versucht. Es wird klar, dass die Lektüre von Lernjournalen nicht die black box des lernenden Individuums ausleuchtet, dass aber auch auf der Basis von halbverständlichen Texten Einsichten gewonnen werden können, die den die (Erwachsenen-)Pädagogik beherrschenden Proklamationen entgegengesetzt werden können.

Die ungewöhnlich kenntnisreiche und anspruchsvolle Arbeit verfällt nur gelegentlich in einen für die deutsche Erwachsenenbildung (noch) ungewöhnlichen Jargon (ein Beispiel: „Ist dieser Mistkäfer des Eigensinns das Heureka des widerständigen Subjekts oder nur ein weiterer Zug der Schraube in der Kapitalisierung des Selbst?“, 85). Auffällig ist der souveräne, manchmal aber auch etwas allzu selbstbewusste Umgang mit wissenschaftlichen Autoritäten wie Foucault oder Austin.

Eine Problematik der Arbeit ist die Fülle der engagiert behandelten Themen (vom Systemumbau der Weiterbildung über die Didaktik als Kunst des Führens von Führungen zur Korrektur bzw. Erweiterung der subjekttheoretischen Diskussion in der Erwachsenenbildungswissenschaft). Man kann deshalb fast froh sein, dass das noch im Titel der eingereichten Dissertation aufgeführte Thema der Professionalisierung in der Buchausgabe weitgehend zurücktritt.

Der Wert dieser Arbeit liegt weniger in einer Beratung von Praktikern über den Wert von Lernjournalen, und auch der vom Autor erhoffte Beitrag zur subjekttheoretischen Diskussion hätte dieser aufwändigen Studie nicht bedurft. Wesentlich ist vor allem die Konfrontation der die Erwachsenenbildung bestimmenden normativen Literatur mit den alltäglichen Praktiken und die Gegenüberstellung pädagogisch-politischer Sorge um die Klienten mit deren hier nachgewiesenem Eigensinn, der Ansinnen wie dem der permanenten Überprüfung des Selbst offensichtlich erfolgreich auszuweichen in der Lage ist. Dies trifft jedenfalls dann zu, wenn man die ausgewählten Lernjournale nicht als Sonderfall einer eher lässigen Handhabung dieses Instruments sieht. Um den Gegenbeweis anhand anderer Typen von Lernjournalen anzutreten, bedarf es allerdings einer ebenso subtilen Analyse wie der hier vorgelegten.
Sigrid Nolda (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sigrid Nolda: Rezension von: Wrana, Daniel: Das Subjekt schreiben, Reflexive Praktiken und Subjektivierung in der Weiterbildung: eineDiskursanalyse (Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung; 47). Hohengehren: Schneider Verlag 2006. In: EWR 5 (2006), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83400064.html