EWR 2 (2003), Nr. 6 (November/Dezember 2003)

Werner Weidmann
Schul-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Pfalz
Band 3
Otterbach: Verlag Franz Arbogast 2002
(616 Seiten; ISBN 3-87022-301-4; 25,00 EUR)
Wenn ein Buchtitel explizit Einblicke in die Schul-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte einer Region verspricht und bereits das dritte Exemplar einer Reihe ist, wird selbstverständlich die Neugier des an historischer Bildungsforschung Interessierten geweckt. So nimmt man dann das solide verarbeitete, mit einem festen Einband und zahlreichen Abbildungen versehene Buch in die Hand und wirft einen ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis.

Dort versammelt sich unter den Überschriften ‘Lebensläufe’, ‘Brauchtum’, ‘Pfälzer Mühlen und Müllerdynastien’ sowie ‘Alte Wirtschafts- und neuere Sozialgeschichte’ eine Vielzahl von Texten, deren Umfang zwischen einer und 55 Seiten schwankt.

Diese Heterogenität lässt den Betrachter stutzen, und erst mit dem Aufspüren der Quellenangaben am Ende des Buches, die wie das Namens- und Ortsverzeichnis leider nicht im Inhaltsverzeichnis aufgeführt werden, ist auch eine Erklärung gefunden. Es handelt sich nämlich um eine Sammlung von Zeitungsartikeln, Aufsätzen und zum Teil älteren unveröffentlichten Manuskripten aus der Feder von Werner Weidmann, der bereits die Beiträge für die ersten beiden Bände verfasste und somit wohl durchaus als profunder Kenner der Pfälzischen Geschichte gelten darf.

Da das Interesse des Bildungshistorikers sich in erster Linie auf die Schulgeschichte der Region richtet, soll ein zweiter Blick ins Inhaltsverzeichnis Aufschluss darüber vermitteln, wie viele Texte sich explizit schulhistorischen Themen widmen. Dabei ist der Auftakt durchaus vielversprechend, denn gleich der erste und längste Aufsatz des Buches beschäftigt sich ausführlich mit einer Lehrerbiografie. Des weiteren finden sich acht Artikel zu schulgeschichtlichen Themen, die jeweils zwei Seiten umfassen und in der Zeitung ‘Rheinpfalz’ erschienen, ein unveröffentlichtes Manuskript zum Schulwesen in Bacharach, ein längerer Aufsatz, in dem die Schulentwicklung zweier dörflicher Gemeinden exemplarisch dargestellt wird sowie ein weiterer Artikel im Umfang von sechs Seiten über das Zentralabitur in der französischen Besatzungszone.

Alleine vom Zahlenverhältnis gesehen, schneidet die Schulgeschichte im Vergleich zu den anderen Themenschwerpunkten freilich schlecht ab: Nur 112 von knapp 600 Seiten widmen sich diesem Komplex.

Es bedarf also noch eines dritten Blicks, um ein abschließendes Urteil über die bildungshistorische Bedeutung des vorliegenden Buches fällen zu können. Dieser soll sich den beiden längeren Aufsätzen zuwenden, denn bei diesen handelt es sich um durchaus wissenschaftlich gehaltene Arbeiten, die sich deutlich von den für ein breiteres Publikum gedachten Zeitungsartikeln unterscheiden.

Beide beruhen u.a. auf Archiv- und Quellenmaterial, das jeweils in einem recht umfangreichen Anmerkungsapparat nachgewiesen wird. Der erste Artikel widmet sich der Biografie von Paul Münch, der in dem politisch bewegten Zeitraum von 1911 bis 1944 an der Oberrealschule in Kaiserslautern Zeichenunterricht gab und sich in vielfältiger Form mit der Geschichte seiner Pfälzischen Heimat beschäftigte. Weidmann zielt darauf ab, Münchs Geschick auf beiden Tätigkeitsfeldern nachzuzeichnen, und lässt sich dabei seine Sympathie für seinen ehemaligen Lehrer durchaus anmerken. Eigene Erinnerungen sowie die von seinem Großvater, seinem Vater und anderen Verwandten fließen dabei in die Darstellung ein und geben ihr einen spürbar subjektiven Anstrich.

Dabei erfährt man zwar viele interessante Details über den Lebensweg und Ausbildungsgang dieses Pädagogen und Heimatdichters (Münch ist der Verfasser des erstmals 1909 erschienenen Buches ‚Die Pälzisch Weltgeschicht’, einer in Versen gedichteten, humoristischen Hommage an seine Heimat), viele Schlussfolgerungen Weidmanns werden jedoch nicht belegt oder gründen auf einer zumindest zweifelhaften Basis.

So beschreibt Weidmann Münchs "weltanschaulich-politische Einstellung" als "rechts-liberal bis deutschnational" (43) und spricht im Hinblick auf seine Stellung zum nationalsozialistischen System von einer selbstverständlichen und strikten Distanz (44), bleibt aber einen überzeugenden Beleg für diese Behauptung schuldig. Der Hinweis darauf, dass Münch einem als Halbjuden entlassenen Freund geholfen habe (44), reicht dabei ebenso wenig als hinreichender Beweis aus wie die Schilderung einer selbst erlebten Unterrichtsstunde vom Oktober 1943, die die "Würde und Größe des pädagogischen Meisters" (53) zeigen soll. Nicht nur diese Angaben bleiben mit einer gewissen Oberflächlichkeit behaftet. Der an weiterführender Forschung und verlässlichen Ergebnissen interessierte Leser kann sich somit zwar Anregungen holen, der eigene Rückgriff auf die angegebenen Quellen bleibt aber unerlässlich.

Der zweite näher zu betrachtende Aufsatz beschreibt die Schulgeschichte der dörflichen Gemeinden Otterbach und Sambach. Dieser ursprünglich für eine lokalgeschichtliche Veröffentlichung verfasste Text stellt eine zwar knapp gehaltene, aber gelungene schulhistorische Untersuchung dar, die sich auf die Darstellung des zugrundegelegten Archiv- und Quellenmaterials konzentriert. Dabei wird nicht nur eine interessante Fallstudie vorgelegt, sondern es finden sich auch verschiedene Anregungen für weitere Forschungsarbeiten, wenn zum Beispiel die Existenz einer jüdischen Schule in einem Schriftwechsel des 18. Jahrhunderts in Otterbach belegt wird (356) oder die konfessionellen und politischen Konfliktfelder, die sich mit den Schulentwicklungsplänen verbanden, geschildert werden.

Wenn man dann noch den sich unmittelbar anschließenden Aufsatz zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte dieser beiden Dorfgemeinden berücksichtigt, hat man einen Eindruck davon gewonnen, was heimatgeschichtliche Untersuchungen trotz gewisser Einschränkungen auch für den bildungshistorischen Bereich leisten können.

Unzweifelhaft stellt der vorliegende Band keinen eigenständigen Beitrag zur schulgeschichtlichen Forschung dar. Vermutlich wollte er dies jedoch auch nie sein, sondern vielmehr eine Zielgruppe ansprechen, die ‚bei einem guten Schoppen‘ in der eigenen Regionalgeschichte schmökern möchte. Dennoch hat das Buch von Werner Weidmann auch für die schulgeschichtliche Forschung seinen Wert, denn es liefert Hinweise auf Archivalien, Literatur, Vorgänge und Entwicklungen, die eine vertiefende Forschungsarbeit durchaus erleichtern oder zu dieser anregen können. Entsprechend kann es sich durchaus lohnen, dem ersten Blick in eine regional- und lokalgeschichtliche Studie einen zweiten oder dritten folgen zu lassen.
Rüdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rüdiger Loeffelmeier: Rezension von: Weidmann, Werner: Schul-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Pfalz, Band 3, Otterbach: Verlag Franz Arbogast 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/87022301.html