EWR 4 (2005), Nr. 5 (September/Oktober 2005)

Frank Nestmann / Frank Engel / Ursel Sickendiek (Hrsg.)
Das Handbuch der Beratung.
Band 1: Disziplinen und Zugänge; Band 2: Ansätze, Methoden und Felder
Tübingen: DGVT-Verlag 2004
(1280 S.; ISBN 3-87159-050-9; 82,00 EUR)
Das Handbuch der Beratung. Wer den Titel dieses fast 1300 Seiten umfassenden zweibändigen Werkes genau bedenkt, wird vermutlich angesichts der ungewöhnlichen Verwendung des bestimmten Artikels (<„Das“ Handbuch der Beratung>) zunächst stutzig werden. Diese Irritation läßt sich allerdings leicht auflösen, wenn man die relativierenden einleitenden Erläuterungen der Herausgeber zur Kenntnis nimmt. Denn es geht ihnen – wie bei Handbüchern eigentlich zu erwarten wäre – gerade nicht um ein systematisierendes, den derzeitigen Wissensstand zusammenfassendes „letztes Wort“ (29), sondern vielmehr um eine „vorläufige Zusammenschau“ (ebd.), die als eine Art von „Zwischenbilanz“ ohne Anspruch auf Vollständigkeit gelesen werden soll. Die Absicht bestand darin, die Offenheit und Vielfalt eines kaum noch überschaubaren Feldes abzubilden, um so ein „lebendiges Bild von der gegenwärtigen Beratungslandschaft“ (30) zu zeichnen. Dieses Ziel ist, um es vorweg zu nehmen, auf eindrucksvolle und angesichts der Menge und Reichhaltigkeit des zusammengetragenen Materials uneingeschränkt Anerkennung verdienende Weise erreicht worden, so dass, wer immer sich mit Beratung beschäftigt, in Zukunft an diesem Werk nicht vorbeikommen wird. Dass allerdings das kleine Wörtchen „das“ kein stilistischer lapsus ist, sondern durchaus seine Berechtigung hat, wird sich am Ende dieser Rezension erweisen. Zunächst jedoch muß in groben Umrissen skizziert werden, wie der Anspruch der Herausgeber in Struktur und Aufbau, Inhalt und Form der beiden Bände Gestalt gewonnen hat.

Der erste 567 Seiten umfassende Band besteht aus sieben ungleich langen Abschnitten, die wiederum unterschiedlich große Gruppen von einzelnen Artikeln zusammenfassen. Nach Vorwort und Einleitung geht es zunächst um „Beratungsdisziplinen“, ein 158 Seiten umfassender Abschnitt, der zwölf verschiedene disziplinäre Zugänge zu eröffnen versucht (zunächst in vier Varianten „Psychologie und Beratung“, dann Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik, gefolgt von Soziologie, Philosophie, Theologie bis hin zu Gesundheits-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften). Der folgende Zugang variiert das Thema in vier Durchführungen unter dem Vorzeichen von „Geschlecht und Beratung“ (Beratung von Frauen und Männern, gender troubles sowie Beratung für Lesben und Schwule). Die nächste Variation ist dem „Alter“ gewidmet (Beratung für Kinder, Jugendliche und alte Menschen), die folgende zielt in drei Beiträgen auf „Kultur“ (Beratung für Migranten und interkulturelle Kompetenzen in der Beratung). Der sechste Abschnitt ist wiederum recht umfangreich (122 Seiten) und trägt den Titel „Beratung und Soziale Systeme“; hier geht es von der „Personenzentrierten Beratung“, der „Systemischen Paarberatung“ und der „Beratung in Gruppen“ über „Selbsthilfe“, „Teamsupervision“, „Netzwerke“ bis hin zu „Organisationsberatung“ und „Community Counseling“. Der letzte Abschnitt des ersten Bandes bündelt unter der Überschrift „Perspektiven und Entwicklungen der Beratung“ schließlich neun thematisch weitgespannte Beiträge; der Bogen reicht hierbei von „ethischen Richtlinien“, der „Identitätsarbeit in der Spätmoderne“ und „Beratungssettings“ über „Neue Medien“, „Prävention“, „Krisenintervention“ und „Empowerment“ bis hin zum Verhältnis von „Alltäglicher Hilfe und Profession“ und endet mit einem englischsprachigen Ausblick über „Counselling in the United Kingdom“.

Der zweite Band ist mit 770 Seiten noch umfangreicher als der erste und gliedert sich in fünf wiederum sehr ungleich lange Abschnitte. Statt einer Einführung stellen die drei Herausgeber zunächst „Offene Fragen “. Danach folgen unterschiedliche „Beratungsansätze“ (Psychoanalyse; verhaltensorientierte, klientenzentrierte und systemische Beratung; integrative und konstruktivistische Ansätze; kooperative und lebensweltorientierte Soziale Beratung; gemeindepsychologische, ressourcenorientierte, lösungsorientierte, narrative und feministische Beratung). Unter der Überschrift „Beratungsmethoden und Beratungsforschung“ werden fünf Artikel zusammengefaßt (Beratungsmethoden und Beratungsbeziehung in zwei Varianten, Beratungsforschung, Evaluation und Qualitätssicherung). Der folgende Abschnitt ist mit mehr als 240 Seiten der umfangreichste überhaupt, was kein Wunder ist, denn hier geht es um „Beratungsfelder“, wobei fünfundzwanzig genauer bearbeitet werden: Schule, Studienberatung, Weiterbildung, Berufsberatung in drei Varianten, Coaching, Arbeitslosenberatung, Erziehungs- und Familienberatung, Paarberatung, Mediation mit Familien, Trennungs- und Scheidungs- sowie Sucht- und Drogenberatung, Gesundheitsberatung, Rehabilitation, Sozialpsychiatrische Beratung, Schwangerschaftskonflikte, Genetische Beratung, Trauer und Verlust, Migrationsberatung, Schuldnerberatung, Wohnberatung für ältere Menschen und Beratung für Opfer sexueller Gewalt. Der letzte Abschnitt ist dann wieder recht knapp und befaßt sich unter der Überschrift „Institutionelle und professionelle Bedingungen“ mit gesetzlichen Grundlagen und Finanzierungsproblemen. Schließlich folgen noch ein Sachwort- und Personenregister, ein Abkürzungs- und AutorInnenverzeichnis sowie als Anhang zwei programmatische Dokumente, nämlich die sogenannte „Frankfurter Erklärung“ und die „Erklärung der AG Beratungswesen“.

Während der Umfang der einzelnen Abschnitte in beiden Bänden des Handbuches stark streut (zwischen 12 und 241 Seiten), ist es den Herausgebern offensichtlich gelungen, die Autoren der jeweiligen Artikel in formaler Hinsicht auf ein einheitliches Muster zu verpflichten, was den Nutzen für den Leser deutlich erhöht. Denn die Artikel sind im Durchschnitt nicht länger als 10-15 Seiten, sie sind in sich gut und übersichtlich gegliedert, häufig auch um empirische Stützung der Argumentation bemüht und enden alle mit einem aktuellen Literaturverzeichnis, gefolgt von genauen Angaben zu den Autorinnen und Autoren und zeitgemäßen Hinweisen auf einschlägige Internetadressen, unter denen weiterführende Informationen zu erhalten sind.

Die große Zahl der Artikel läßt in diesem Rahmen eine genauere Darstellung natürlich nicht zu. Ein Eindruck soll allerdings doch erwähnt werden: Zum einen scheint die Qualität der Texte erkennbar in Abhängigkeit von der Spezifität des Problemfeldes und/oder der Klarheit der jeweiligen theoretischen Perspektive zu variieren; und zum anderen gewinnen die Darstellungen immer dann an Prägnanz, wenn die jeweiligen Konzepte an einschlägigen Fallbeispielen konkretisiert werden. Auch die graphische Gestaltung des Handbuches wirkt insgesamt durch klare Konturierung sehr nutzerfreundlich und erscheint im Hinblick auf die erzielte Übersichtlichkeit gleichsam umgekehrt proportional zu der gelegentlich eher verwirrenden Komplexität der Handlungsfelder und Divergenz der theoretischen Perspektiven.

Das Verhältnis der institutionellen Anbindung der Autoren ist relativ ausgewogen (36 verstehen sich eher als „Praktiker“ der Beratung, während die anderen vorwiegend an Universitäten und Fachhochschulen in Lehre und Forschung tätig sind). Betrachtet man hingegen die Herkunftsdisziplinen, ist ein (kaum verwunderliches) deutliches Übergewicht der Psychologie zu konstatieren (n=47), gefolgt von Pädagogik (n=23), Soziologie (n=8) und anderen Disziplinen (n=8). Es fällt allerdings auf, dass hinsichtlich des Geschlechts Männer stark dominieren (n=62), während nur etwa ein Drittel Frauen sind, was insofern von Interesse sein könnte, als in den verschiedenen Praxen der Beratung gerade Frauen sowohl als Beratende als auch als Klientinnen deutlich in der Mehrzahl sind (vgl. den Artikel von I. Vogt im Band 1, 211).

Trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) der Fülle der in diesem Handbuch behandelten Konzepte und Ansätze haben die Herausgeber in ihrem Vorwort in weiser Voraussicht eine Art von „Unvollständigkeitsgarantie“ (30) abgegeben, denn natürlich wird der eine oder andere das eine oder andere vermissen (z.B. Artikel über die psychodynamischen Bedingungen des Beratens oder zur „Beraterpersönlichkeit“, vielleicht auch zu „Grenzen der Beratung“ oder zur Gefahr des sogenannten „burn-out“ u.a.m.). Solche Wünsche nach Ergänzungen sind bei einem Werk dieses Umfangs vermutlich unvermeidlich.

Entscheidender scheint mir jedoch zu sein, dass die (mit voller Absicht und guten Gründen) eklektische Anlage des Handbuches auf ihrer Rückseite zwangsläufig ein systematisches Defizit zum Vorschein bringen muß. Denn wer, wie der Rezensent, die beiden Bände von Anfang bis Ende genau studiert, weiß am Schluß kaum noch, was der Begriff „Beratung“ eigentlich meint, bedeutet und bezeichnen soll. Das Phänomen selbst hat seine deskriptive Prägnanz eingebüßt und scheint sich in der Fülle der Perspektiven fast bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst zu haben. Mit anderen Worten: „Beratung“ ist am Ende nicht mehr als ein „umbrella term“, eine Chiffre oder ein Etikett für kommunikative Formen sozialer Hilfe bei Problemlagen aller Art. Kurzum: Dem Handbuch fehlt eine solide phänomenologische Fundierung, auf der aufbauend dann „Thema“ und „Variationen“, aber auch notwendige Abgrenzungen (etwa gegenüber Erziehung und Therapie), nachvollziehbar und überzeugend erfolgen könnten.

Eine ganze Reihe auffälliger inhaltlicher Unklarheiten und Widersprüche zwischen den einzelnen Artikeln dürfte sich diesem systematischen Mangel verdanken. Denn wenn nicht sorgfältig zwischen dem Phänomen der „Beratung“ und ihren vielfältigen „Sprachspielen“ unterschieden wird, fehlen die leitenden Gesichtspunkte, nach denen die einzelnen Abschnitte und die Ausrichtung und Anordnung der darin enthaltenen Einzelbeiträge genau zugeordnet werden können mit der Folge, dass die Struktur vielfach willkürlich erscheint und unklar bleibt, auf welchen Ebenen die Texte jeweils argumentieren. Ohne eine theoretische Reduktion dieser Art jedoch gerät „Beratung“ als eine eigene, von anderen eindeutig abgrenzbare Form kommunikativen Handelns, in der auf spezifische Weise Lebensprobleme als Lernprobleme thematisiert und operativ artikuliert werden, aus dem Blick. Stattdessen wird dann die in modernen Gesellschaften unvermeidlich exponentiell anwachsende Liste der zu lösenden sozialen Probleme zum theoretischen Bezugspunkt, so dass „Das Handbuch der Beratung“ auch den Titel „Die Beratungsgesellschaft“ tragen könnte.

Insofern spiegeln die beiden Bände in gewisser Weise charakteristische Merkmale funktional differenzierter Gesellschaften wider, als sich zeigt, wie im Zuge von Individualisierungsprozessen alle Lebenslagen gleichsam unter Beratungsansprüche geraten können, damit „falsche“ curriculare Entscheidungen vermieden werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch „Beratung“ als ein funktional differenziertes Phänomen erscheint. Das kann aber weder lebenspraktisch noch theoretisch das letzte Wort sein. In seinen unter dem Titel „Objektivität in der Sozialforschung“ veröffentlichten Vorlesungen hat Gunnar Myrdal einmal die Überzeugung ausgesprochen, „daß es in der Realität keine wirtschaftlichen, soziologischen oder psychologischen Probleme“, sondern eben nur Probleme, und in der Regel sehr komplexe, gebe (Frankfurt/M. 1971, 15). Anders gesagt: die Lebensprobleme der Klienten fügen sich den differenzierten professionellen Beratungsangeboten in der Regel nicht. Und systemtheoretisch folgt auf Differenzierung, wenn sie weit genug getrieben wurde, die Wiedereinführung des Unterschiedenen auf einer neuen Stufe der Allgemeinheit. Mit anderen Worten: Eine Meta-Theorie der Beratung ist das Desiderat, das in Zukunft einzulösen ist.

Was hier vom Rezensenten als systematisches Defizit beschrieben wurde, verstehen die Herausgeber jedoch eher als „Chance der Entwicklung“ (33). Diese Sichtweise führt nun zum Schluß direkt auf das eingangs angesprochene Problem des bestimmten Artikels, auf das kleine Wörtchen „das“, zurück. Wieso? Nun, der bestimmte Artikel hat insofern seine Berechtigung, als die Herausgeber das voluminöse Werk sozusagen als „Das Handbuch des “ konzipiert haben und verstanden wissen wollen. So betrachtet sollte man es als Ausdruck einer „réflexion engagée“ rezipieren, einer breit angelegten interdisziplinären Initiative, die versucht, einen „offenen integrativen Hilfediskurs“ zu formulieren und Beratung verstehen will als „auf Inklusion verschiedenster Felder und Klientele orientiertes präventives und entwicklungsorientiertes Unterstützungsangebot – eine in Lebensweltkontexte eingebundene offen eklektische Orientierungs-, Planungs-, Entscheidungs- und Bewältigungshilfe“ (37). Dabei werden drei „Zukunftstrends der Beratung“ angenommen, die die weitere Entwicklung bestimmen werden: „die therapienahe Beratungsperspektive“, die „Informationsperspektive“ und die „vernetzte Perspektive heterogen reflexiver Modelle“ (39). Die Maximen dieses „Neuen Beratungsdiskurses“ sind, wie der „Frankfurter Erklärung“ zu entnehmen ist, „Alltags- und Lebensweltorientierung, Ressourcenbezug ebenso wie Prävention und Nutzerempowerment“ (1273). Das Handbuch versteht sich somit als ein Beitrag zu der notwendigen „kontinuierlichen Selbstreflexion“, durch die sich Beratungstheorie wie Beratungspraxis angesichts einer offenen Zukunft „eigene Planungssicherheit“ zu verschaffen vermögen (43).

Die Auseinandersetzung mit dem, was hier „Neuer Beratungsdiskurs“ genannt wird, kann in diesem Rahmen nicht geführt werden. Abgesehen davon, dass die Unterscheidung zwischen „alt“ und „neu“ so leicht nicht nachzuvollziehen sein dürfte, ist es doch verwunderlich, dass der Aufbau des Handbuches eher dem „alten Beratungsdiskurs“ zu folgen scheint, denn dem „neuen“ gemäß hätte es doch nahegelegen, den theoretischen Prämissen von Alltags- und Lebensweltorientierung entsprechend mit den Lebensproblemen und Handlungsfeldern zu beginnen, also gleichsam bottom-up zu verfahren und nicht, wie geschehen, sozusagen top-down und den Zugängen der einzelnen Wissenschaften das erste Wort zu überlassen. Dann hätte sich auch das spannungsreiche Verhältnis von Selbsthilfe, Ressourcenorientierung und Nutzerempowerment gegenüber den Bemühungen um eine Professionalisierung der Beratung anders dargestellt.

Wie dem auch sei – die Diskussion um den „Neuen Beratungsdiskurs“ wird sicherlich in Zukunft die Fachgespräche nachhaltig bestimmen. Was sich dadurch andeutet, ist die Vorstellung von „Beratung“ als einem eigenständigen Funktionssystem, das möglicherweise zu dem der „Sozialen Hilfe“ hinzukommt oder gar an dessen Stelle treten könnte. Damit aber wird eine ganze Reihe schwieriger Theorieprobleme aufgeworfen, die nicht zuletzt durch „Das Handbuch der Beratung“ provoziert werden. Insofern ist den Herausgebern durchaus zuzustimmen, denn das Werk dient nicht nur der Information und Wissenserweiterung, sondern bietet auch eine Fülle von „Material für Fragen, Antworten, Argumentationen und Kritik“ (30). Damit diese Diskussionen vorankommen, sollte es nun gelesen werden.




Volker Kraft (Kiel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Volker Kraft: Rezension von: Nestmann, Frank / Engel, Frank / Sickendiek, Ursel (Hg.): Das Handbuch der Beratung., Band 1: Disziplinen und Zugänge; Band 2: Ansätze, Methoden und Felder, Tübingen: DGVT-Verlag 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/87159050.html