EWR 6 (2007), Nr. 2 (März/April 2007)

Andreas Pehnke
"Vollkommen zu isolieren!"
Der Chemnitzer Schulreformer Moritz Nestler (1886-1976)
Beucha: Sax-Verlag 2006
(252 S.; ISBN 3-934544-88-6; 18,00 EUR)
"Vollkommen zu isolieren!" Dies ist der vierte Band einer ansehnlichen, von bemerkenswert zahlreichen und einflussreichen Sponsoren finanziell geförderten Reihe „biografischer Studie(n)“ (7). Sie ist sächsischen Lehrern gewidmet, die während beider deutscher Diktaturen im 20. Jahrhundert „gemaßregelt und/oder ausgegrenzt“ wurden (ebd.). Dem Buch über den Chemnitzer Lehrer Fritz Müller [1] folgten die Studien über den geborenen Dresdener Kurt Schumann [2] und den Leipziger Waldus Nestler [3]. Alle ausgewählten Pädagogen gehörten einer Generation an, die ihre Kindheit im deutschen Kaiserreich vor der Jahrhundertwende erlebte. Sie erhielten am Beginn des „Jahrhundert des Kindes“ eine pädagogische Ausbildung, durchlitten beide Weltkriege, erfuhren während der Weimarer Republik erste demokratische Ansätze, engagierten sich politisch und bezahlten ihre demokratische Überzeugung während der nationalsozialistischen Diktatur und in der frühen DDR mit Repressionen unterschiedlicher Art und verschiedenen Ausmaßes. Dass der Verfasser diese Reihe mit dem Buch über Moritz Nestler zu beschließen gedenkt, erscheint unwahrscheinlich. Der Anspruch verpflichtet; zu mächtig wirkt die Zahl der (noch) nicht erzählten Schicksale sächsischer Lehrer, die inzwischen „nahezu vergessen wurden und nun wiederentdeckt werden“ (ebd.) sollen.

Was indes ist es, das ausgerechnet diese Pädagogen in die (regionale) Bildungsgeschichte einzugehen privilegiert? Was zeichnet ihre Biografien aus vor den unerzählten Lebensläufen – wenn schon nicht ihrer gemeinen Berufskollegen, dann aber ihrer Schicksalsgenossen?

Folgt man Andreas Pehnke, dann verdient es der Lebensweg Moritz Nestlers mindestens aus drei Gründen, dem Vergessen entrissen zu werden: Erstens verweist er auf dessen „ganz bemerkenswerten Leistungen als Schulreformer während der Weimarer Republik“ (8). Als Sohn eines Volksschullehrers hatte sich Nestler früh entschieden, dem beruflichen Vorbild des Vaters zu folgen. Zunächst durchlief er das Lehrerseminar im erzgebirgischen Annaberg. Mit einem reformpädagogischen Versuchsklassenprojekt wurde er 1912 in Chemnitz bekannt. Kernstück der Reformarbeit bildete ein wenig spektakulärer, aber durchaus erfolgreicher und allgemein anerkannter, die elementaren Bildungsbereiche übergreifender Gesamtunterricht. Von 1914 an ist Nestlers Interesse an verschiedenen Formen des Arbeitsschulunterrichts belegt. Dass er zu Beginn der Weimarer Republik auch bildungspolitisch zu den Sozialdemokraten fand, stellt sich als folgerichtige Entwicklung dar.

Nestler avancierte in den 1920er Jahren zwar nicht zum Vorreiter der Schulreform, wohl aber zu einem engagierten Streiter für die Durchsetzung einer weltlichen Einheits- und Arbeitsschule, wie sie durch das sächsische Übergangsschulgesetz für die Volksschulen geregelt wurde. Entsprechend verlief seine Karriere zunächst unspektakulär. 1922 wurde er stellvertretender Schulleiter. 1930 – im Alter von 44 Jahren – übernahm Nestler die Leitung der neu errichteten Diesterwegschule, die das kulturelle Zentrum der Chemnitzer Gablenzsiedlung, einer von der Lebensreformbewegung inspirierten Gartenstadt, bildete. Seine pädagogischen Leitbilder sind mit den zeitgenössisch populären Begriffen Arbeitsschule, Gemeinschaftsschule, Selbstverwaltung und soziales Lernen charakterisiert.

Dass Nestler 1933 zu den nach dem ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ Entlassenen gehörte, prädestinierte ihn nach Kriegsende in seiner Heimatregion für eine herausgehobene bildungspolitische Position. Die von Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten geprägte Besetzung der Verwaltungsämter endete mit seiner Ernennung zum Kreisschulrat unter der Ägide eines kommunistischen Bezirksschulrates. Hier verantwortete er auf lokaler Ebene die Entnazifizierung und Demokratisierung des Schulwesens nach Maßgabe der Sowjetischen Militäradministration und des ‚Gesetzes zur Demokratisierung der deutschen Schule‘ ebenso wie er sich von den bildungspolitischen Idealen der sächsischen Sozialdemokratie aus der Vorkriegszeit leiten ließ. Der sich sukzessive entfaltende Konflikt eskalierte 1948 mit der Entlassung Nestlers.

Zweitens soll die Biographie Nestlers vergegenwärtigt werden, weil er seine beruflichen Aufgaben stets mit einem besonders regen sozialen Engagement als Bürger seiner westsächsischen Heimat verbunden habe. Allerdings agierte Nestler als Kreisschulrat durchaus mit ziemlicher Strenge und Rigorosität, die offenbar auch das eigene soziale Gewissen nicht zu mildern vermochte.

Drittens ist es das energische und standhafte Eintreten Nestlers für Demokratie, Meinungsfreiheit und staatsbürgerliche Grundrechte, „sein Leben im Widerstand gegen Ideologie und Unrecht“ (7), das es wert sei, (bildungs)historisch „aufgearbeitet“ zu werden: Nestlers Maßregelung während des Nationalsozialismus folgte in stalinistischer Zeit die „vollkommene Isolierung“ in der berüchtigten Bautzener Strafvollzugsanstalt (1949-1956). Durch die sowjetische Besatzungsmacht war er als angeblicher Feind der demokratischen Schulreform, als ausgemachter und bekennender Gegner der Vereinigung von KPD und SPD und als Schumacher-Anhänger mit Kontakten zu den Ostbüros der West-SPD nach sowjetischem Recht zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Unmittelbar nach seiner vorzeitigen Entlassung siedelte er in die Bundesrepublik über.

Zweifellos beeindruckt die Biographie Nestlers mithin vor allem, weil sie einen charakterfesten Sozialdemokraten vorstellt, der rücksichtslos gegen sich selbst und mitunter auch gegen andere kompromisslos dazu bereit war, für seine politische Überzeugungen unerbittlich einzutreten und gegebenenfalls schwerwiegende persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Seine durchaus anerkennenswerten bildungspolitischen und pädagogischen Leistungen drängen sich hingegen der bildungsgeschichtlichen Forschung nicht mit besonderem Nachdruck auf. Nestler wird dem Leser vielmehr als ein Typus des vorbildlichen staatsbürgerlichen Widerstandskämpfers präsentiert, dessen Schicksal sich als Gegenstand politischer Bildung eignet, zumal die DDR-Geschichtsschreibung hartnäckige Spuren der Verklärung hinterlassen hat. Eher wohltuend denn befremdlich wirkt, dass Nestler bei all dem auch charakterliche Schwächen offenbarte; Nachgiebigkeit zeichnete ihn in seinem Privatleben ebenso wie in seinem Verhalten gegenüber politischen Freunden nicht aus.

Aus der Distanz fällt besonders Nestlers Antikommunismus ins Gewicht. Die biographische Studie zeigt die militante Ausprägung dieser Haltung gleichsam als Konsequenz des engagierten Eintretens für Freiheit und Demokratie. Nestler bekannte sich als „ein geschworener Feind des Kommunisten“ (176). Wenn Pehnke das kommunistische Feindbild des Sozialdemokratismus als ein Denkmuster kommentiert, das in den Auseinandersetzungen der 1920er Jahre entstand (186), dann gilt dies jedoch umgekehrt auch für das sozialdemokratische Feindbild des Kommunismus. Zur Toleranz gegenüber kommunistischen Andersdenkenden zeigte sich Nestler nicht fähig. Seine persönliche Leidensgeschichte verhärtete eingeschliffene Denkmuster. Gewiss machen es die totalitarismustheoretische Interpretation von Nationalsozialismus und Gesellschaftsentwicklung in der SBZ und frühen DDR im sowjetischen Machtbereich ebenso wie die Gleichsetzung von Kommunismus und realem Stalinismus nicht gerade leicht, Nestler auch in dieser Weise als historisches Gegenbild seiner kommunistischen Peiniger zu akzeptieren. Als staatsbürgerliches Vorbild taugt Nestler endlich erfreulicherweise dann doch weit weniger denn als historische Gestalt mit regionalgeschichtlichem Gewicht, dessen Biographie zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit reizt. Das wäre dann wohl die gewünschte „angemessene Rezeption“ (15) und überdies eine bildungsgeschichtlich lohnende Sühne historischen Unrechts (12).

Die schwierige Quellenlage hat der Verfasser überzeugend gemeistert. Ebenso gelungen ist im Großen und Ganzen die Darstellung in ihrer Einheit von Biographie-, Regional- und Bildungsgeschichte, auch wenn mitunter die (bildungs-)geschichtlichen Zusammenhänge ein wenig überdehnt erscheinen. Jedoch könnte die Studie so ein breiteres Publikum gewinnen. Es ist ihr zu wünschen.

[1] Pehnke, Andreas (2000): „Ich gehöre in die Partei des Kindes!“ Der Chemnitzer Sozial- und Reformpädagoge Fritz Müller (1887-1968). Beucha (2. Aufl. 2002).
[2] Ders. (2004): Ich gehöre auf die Zonengrenze!“. Der sächsische Reformpädagoge und Heimatforscher Kurt Schumann (1885-1970). Beucha.
[3] Ders. (2004): Botschaft der Versöhnung. Der Leipziger Friedens- und Reformpädagoge Waldus Nestler (1887-1954).
Ulrich Wiegmann (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ulrich Wiegmann: Rezension von: Pehnke, Andreas: "Vollkommen zu isolieren!", Der Chemnitzer Schulreformer Moritz Nestler (1886-1976). Beucha: Sax-Verlag 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 2 (Veröffentlicht am 28.03.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/93454488.html