EWR 15 (2016), Nr. 4 (Juli/August)

Charles Taylor
The Language Animal
The Full Shape of the Human Linguistic Capacity
Cambridge / London: The Belknap Press of Harvard University Press 2016
(352 S.; ISBN 978-0-674-66020-5; 31,50 EUR)
The Language Animal „Die Metaphern und die Wahrheit:
In nichts offenbart sich die eigentümliche Vieldeutigkeit der Sprache – in der allein wir Wahrheit haben und sagen können, durch die allein wir aktiv Wahrheit aus der Welt schaffen können und die in ihrer notwendigen Abgeschliffenheit uns immer im Weg ist, die Wahrheit zu finden – deutlicher als in der Metapher. So habe ich zum Beispiel ein Leben lang die Metapher „es öffnet sich mir das Herz“ benutzt, ohne je die dazu gehörende physische Sensation erfahren zu haben. Erst seit ich die physische Sensation kenne, weiß ich, wie oft ich gelogen habe, so wie junge Männer ahnungslos lügen, wenn sie den Mädchen sagen: ich liebe Dich. – Wie aber hätte ich je die Wahrheit der physischen Sensation erfahren, wenn die Sprache mit ihrer Metapher mir nicht bereits eine Ahnung von der Bedeutsamkeit des Vorgangs gegeben hätte? (Hervorhebungen im Original)“ [1]

Dieser auch in Anbetracht der Tatsache, dass „alles Denken „überträgt““ d.h. „metaphorisch ist“ [2], inspirierende Gedanke von Hannah Arendt verweist auf die konstitutive Rolle von Sprache für den menschlichen Zugang zur Welt und zu sich selbst, die Thema des neuen Buchs von Charles Taylor ist. In seinem monumentalen Werk „The Language Animal“ liefert Taylor eine Ausarbeitung und Weiterentwicklung seiner sprachphilosophischen Arbeiten der letzten drei Jahrzehnte, die in einem Entwurf zu einer neoromantisch inspirierten Theorie der Sprache gebündelt und systematisiert werden. Das in drei Hauptkapitel untergliederte Buch, das in Zukunft noch durch eine Anschlussstudie zu bestimmten Strängen (post-)romantischer Poesie ergänzt werden soll, kann als eine sprachphilosophische Komplementäruntersuchung zu den in „Quellen des Selbst“ [3] vorgenommenen ideengeschichtlichen Rekonstruktionen der moralischen Quellen der neuzeitlichen Identität gelesen werden. Ähnlich wie in früheren Arbeiten verbindet Taylor erneut historische Analysen zur Entstehung moderner sprachtheoretischer Paradigmen mit dem systematischen Anspruch einer theoretischen Erschließung eines vollständigeren Bildes der sprachlichen Dimensionen der Conditio Humana, d.h. es geht, wie im Untertitel des hermeneutischen Großprojekts angekündigt, um nichts weniger als „The Full Shape of the Human Linguistic Capacity“.

Seine Studie geht aus von der leitmotivischen Unterscheidung zweier sprachphilosophischer Theorietraditionen und Theorietypen, die das philosophische Nachdenken über Sprache bis heute prägen:

„I will call the first an “enframing theory”. By this I mean that the attempt is made to understand language within the framework of human life, behavior, purposes, or mental functioning, which is itself described and defined without reference to language. […] The other type of theory I want to call “constitutive”. As this word suggests, it is the antitype of the enframing sort. It gives us a picture of language as making possible new purposes, new levels of behavior, new meanings, and hence as not explicable within a framework picture of human life conceived without language“ (3-4).

Eine zentrale Differenz zwischen einrahmenden (oder designativ-instrumentellen) auf Hobbes, Locke und Condillac zurückgehenden (daher: „HLC“-Theorie) und konstitutiven (oder konstitutiv-expressiven) auf Herder, Humboldt und Hamann zurückgehenden (daher: „HHH“-Theorie) Theorien der Sprache besteht nach Taylor darin, dass erstere Sprache primär die Funktion eines Instruments der Beschreibung und Kontrolle von mentalen Repräsentationen als distinkten Informationsträgern zuweist, die als Vermittlungsmedien Aufschluss geben sollen über die repräsentierte „äußere“ Welt. In diesem metaphorischen „Sprach-Bild“ wird das Verhältnis von Sprache und Welt vermittelt gedacht über ein Drittes, ein vorsprachliches Element (Ideen etc.), das im Rahmen einer repräsentationalen Epistemologie als ontologisiertes Konstruktionsmaterial und Manipulandum eines individualistisch vorgestellten Welt- und Selbstzugangs fungiert. Diese in mehrfacher Hinsicht atomistische [4] Konzeption der Funktionsweise und des Zwecks von Sprache als Informationsverarbeitung und -codierung (Atomismus der individuellen Bedeutungen in Relation zum sprachlichen Gesamtzusammenhang, des individuellen Subjekts in Relation zu seiner sozialen Einbindung und Konstitution und der sprachlichen Ausdrucksform und Funktion in Relation zur Vielfalt sprachlicher Artikulationsmöglichkeiten und Funktionen) läuft auf eine reduktionistische, die Vielfalt sprachlicher Möglichkeiten auf bestimmte prä- oder extrasprachliche Funktionen einschränkende Theorie der Sprache hinaus. Diese Festlegung, die zugleich eine Übergeneralisierung der Relevanz einer Funktion von Sprache darstellt, blendet jedoch aus, dass sich die Ziele und Zwecke von Sprache im Rahmen der linguistischen Dimension der menschlichen Existenz nicht künstlich feststellen lassen:

„This is the crux of Herder’s thesis that language is constitutive of reflection. And at the same time, this shows how a constitutive theory of language breaks out of the bounds of the enframing. We can’t explain language by the function it plays within a pre-or extralinguistically conceived framework of human life, because language through constituting the semantic dimension transforms any such framework, giving us new feelings, new desires, new goals, new relationships, and introduces a dimension of strong value. Language can only be explained through a radical discontinuity with the extralinguistic“ (33).

Die Annahme einer radikalen Diskontinuität zwischen einer sprachlich verfassten Lebensform und anderen Lebensformen wird von der Einsicht getragen, dass das, worüber wir sprechen, von unserem Sprechen nicht unberührt bleibt, da unser Zugang zu uns selbst und zur Welt durch sprachlich-metaphorische Artikulation zugleich konstituiert und transformiert wird. Im Rahmen einer Rekonstruktion der vielfältigen expressiv-kreativen, d.h. welterschließenden, -eröffnenden und -verändernden Funktionen von Sprache unterscheidet Taylor unterschiedliche Formen und Aspekte verkörperten menschlichen Sprachgebrauchs und -ausdrucks, denen jeweils eine Pluralität sprachimmanenter Standards der Richtigkeit („modes of intrinsic rightness“; 47) unterliegen, über die zugleich unterschiedliche normative Facetten von sprachlich verfasster sozialer Realität artikuliert und strukturiert werden. Dass die szientifisch ambitionierte HLC-Theoriefamilie nur einen kleinen Teil dieser Facetten abzudecken vermag („a suburb of the vast, sprawling city of language“; 263), plausibilisiert Taylor im Kontext von komplexen und weitverzweigten konstitutionstheoretischen, dem Paradigma der HHH-Theoriefamilie verpflichteten Analysen unterschiedlicher aufeinander aufbauender und miteinander verschränkter Ebenen des sprachlichen Ausdrucks (z.B. Verkörperung von Sprache, Artikulation von Emotionen in Selbstinterpretationen, ethische Aspekte des Sprachgebrauchs und der sprachlichen Selbstverständigung).

Ausgehend von dieser antireduktionistischen Betriebsprämisse stellt Taylor der desengagiert-monologischen Konzeption des Subjekts und der atomistischen Konzeption der Sprachaneignung der HLC-Theoriefamilie eine holistische und sozialtheoretisch fundierte Konzeption des sozial und leiblich eingebundenen Sprachverwenders und der ontogenetischen Sprachentwicklung gegenüber. Strukturelemente menschlicher Lebensformen, d.h. (Identitäts-)bildung, (Selbst-)reflexion, Erfahrung, Emotion, Leiblichkeit, starke Wertungen, soziokulturelle Rollen etc. werden, so die leitende Grundidee, durch die unterschiedlichen sozialen Dimensionen von Sprache konstituiert, performativ in Form gebracht und transformiert. Die menschliche Lebensform und Welt als „world of our involvements“ (37) wird intergenerational tradiert und verändert durch die Initiation in normativ strukturierte und verkörperte soziale Sprachpraktiken, metaphorische Formen der normativ-evaluativen Selbstinterpretation und affektiv-emotional geladene Räume der geteilten Aufmerksamkeit („joint attentional frames“; im Anschluss an Tomasello), die Taylor „spaces of communion“ nennt. Dabei wird ein geteilter, habitualisierter und sprachlich verfasster – niemals vollständig artikulierbarer – Horizont und Hintergrund zugleich immer schon vorausgesetzt und performativ reproduziert und verändert.

Da dieser sprachlich-soziale Hintergrund – zu dem sich die designativ-instrumentelle Sprachfunktion letztlich parasitär verhält (262) – natürlich immer auch durch Leit- und Hintergrundmetaphern vorstrukturiert ist, analysiert Taylor u.a. im Anschluss an die Metapherntheorie von Lakoff und Johnson Zusammenhänge zwischen der irreduziblen Metaphorizität und Normativität des Sprachlichen, d.h. den Nexus zwischen metaphorisch-konzeptuellen und normativ-evaluativen Formen des „mappings“ (also der Übertragung zwischen verschiedenen Erfahrungsbereichen oder konzeptuellen Domänen), die für eine Pädagogische Metaphorologie [5] und für jede Form pädagogischer Bildung selbstverständlich von grundlegender Bedeutung sind [6]. Die Eröffnung, Erweiterung und Strukturierung eines normativen Horizonts der Bedeutsamkeit durch metaphorische Artikulationen, die als Medien von Prozessen des normativen Wandels von Lebensformen und Formen des Zusammenlebens fungieren (z.B. „footings“; 266-288), liefert so einen der vielen Anknüpfungspunkte zwischen den in „Quellen des Selbst“ und den in „The Language Animal“ rekonstruierten sprachlich-ethischen Topographien. Hier wie dort ist es die figurierende Macht (130) von metaphorischen Frames und Bildern, die es uns auch in ethischen Fragen „gestatten klarer zu sehen als früher“ [7]. Klarer sieht man auch, wenn man Taylor‘s komplexe Konzeption der Bildung als Form der biographischen Transfiguration von narrativ strukturierten Selbstartikulationen und -interpretationen vergleicht mit normativen Minimalprämissen von im Rahmen von postmodernen Welt- und Selbstauslegungsdogmatiken und Schrumpfanthropologien formulierten Bildungstheorien, die die geschichts- und horizontlose Vorstellung eines von evaluativen Inhalten und Bezügen entkoppelten Transformationsethos propagieren.

Der nicht nur ontogenetische Primat des sprachlichen Hintergrunds und des Dialogischen (59; 333) für Menschen als „self-interpreting animals“ (41) und „essentially linguistic beings“ (58) wird von Taylor mit Bezug auf eine Vielzahl von Referenzautoren (Merleau-Ponty, Wittgenstein, Heidegger, Bourdieu u.a.) und philosophische Themenfelder diskutiert, zu denen – und das macht nicht zuletzt das Besondere des sicherlich nicht immer leicht zu lesenden und viel Geduld erfordernden Buchs aus – nicht nur sprachphilosophische Themen gehören. So wie Sprache nach Taylor das Tor zur Welt und zu uns selbst darstellt, so liefert die von ihm entworfene sprachphilosophische Landkarte den orientierenden Ausgangspunkt für eine überaus reiche und vielgestaltige Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten philosophischen Fragestellungen zu einer Vielzahl von moral-, sozial-, politik-, kunst- und erziehungstheoretischen Themen.

Kurzum: Die theoretische Kartierung unserer sprachlichen Fähigkeiten und unserer sprachlichen Weltbeziehungen, die Taylor in ‚The Language Animal‘ entfaltet, liefert Orientierung auf dem komplexem theoretischen Terrain einer sprachlich-ethischen Topographie menschlicher Selbstverständigung und ist selbst Ausdruck der Vielfalt der damit immer auch verbundenen Möglichkeiten „moralisch-anthropologische(r) Vorstellungskraft“ [8].

[1] Arendt, Hannah: Denktagebuch. 1950-1973, Erster und zweiter Band. München: Piper 2003, 46.

[2] ebd., 728.

[3] Taylor, Charles (1994): Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

[4] Eine interessante Analyse zu klassischen Metaphoriken „kommunitaristischer“ – ein mit Bezug auf Taylor natürlich nicht unproblematischer Begriff – Zeitdiagnosen (Atomismus, Sphären, Eingebettetsein etc.) entwickelt: Reese-Schäfer, Walter: Die Metaphorik kommunitaristischer Zeitdiagnosen. In: Junge, Matthias (Hrsg.): Metaphern soziologischer Zeitdiagnosen. Wiesbaden: Springer VS 2016, 161-180.

[5] hierzu: Drerup, Johannes: Wertneutralität in der Erziehungswissenschaft. Metaphorologische Überlegungen zum Umgang mit einheimischen Metaphern. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik 2015 (1), 133-150.
Drerup, Johannes (2016): Pädagogische Metaphorologie. Grundlegungs- und Anwendungsprobleme. In: Ragutt, Frank/Zumhof, Tim (Hrsg.): Hans Blumenberg: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer VS 2016, 71-99.

[6] Reichenbach, Roland: Pädagogische Autorität. Macht und Vertrauen in der Erziehung. Stuttgart: Kohlhammer 2011, 126.

[7 Taylor, Charles: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994, 884.

[8] Taylor, Charles: Replik. In: Kühnlein, Michael / Lutz-Bachmann, Matthias (Hrsg.): Unerfüllte Moderne? Neue Perspektiven auf das Werk von Charles Taylor. Berlin: Suhrkamp 2011, 856.
Jens Beljan / Johannes Drerup (Jena / Koblenz-Landau)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jens Beljan / Johannes Drerup: Rezension von: Taylor, Charles: The Language Animal, The Full Shape of the Human Linguistic Capacity. Cambridge / London: The Belknap Press of Harvard University Press 2016. In: EWR 15 (2016), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978067466020.html