EWR 10 (2011), Nr. 1 (Januar/Februar)

Sammelrezension zu Grounded Theory

Janice M. Morse / Phyllis Noerager Stern / Juliet Corbin / Barbara Bowers / Kathy Charmaz / Adele E. Clarke
Developing Grounded Theory
The Second Generation
(Developing Qualitative Inquiry; Vol. 3)
Walnut Creek, CA: Left Coast 2009
(279 S.; ISBN 978-1-5987-4193-3; 25,99 EUR)
Antony Bryant / Kathy Charmaz (Hrsg.)
The SAGE Handbook of Grounded Theory
Paperback Edition
Los Angeles, CA et al.: Sage 2010
(623 S.; ISBN 978-1-8492-0478-1; 38,99 EUR)
Adele E. Clarke
Situational Analysis
Grounded Theory After the Postmodern Turn
(Reprint)
Thousand Oaks, CA / London, GB / New Delhi, IND: Sage 2008
(365 S.; ISBN 978-0-7619-3056-3; 52,99 EUR)
Developing Grounded Theory The SAGE Handbook of Grounded Theory Situational Analysis Als ich Mitte der 1980er Jahre meine erste Grounded-Theory (GT)-Studie begann, gab es an methodologischer Literatur im Wesentlichen nur Barney Glasers und Anselm Strauss‘ Werk „The Discovery of Grounded Theory“ aus dem Jahr 1967 und Glasers Fortschreibung „Theoretical Sensitivity“ von 1978. Diese Schriften werden heute als klassische GT bezeichnet. Seitdem hat sich die Basis an methodologischer Literatur zur GT enorm ausgeweitet. Vieles davon ist noch nicht ins Deutsche übersetzt, und das scheint, wie ich beobachte, immer noch ein Handicap für die Rezeption in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft zu sein. Forschungen, die sich an der GT orientierten, gab es dort in größerem Umfang erst, als die ersten Methodenbücher von Strauss [1] bzw. von Strauss zusammen mit Juliet Corbin [2] übersetzt waren.

Glaser hat eine ganze Reihe weiterer Bücher zur GT veröffentlicht (allerdings im Selbstverlag und daher nicht immer einfach zu beziehen). In ihnen hält er weitgehend an seiner ursprünglichen Position fest und grenzt sich – manchmal vehement – gegen Strauss’ spätere Varianten ab. Bekannter geworden ist in dieser Hinsicht eine Publikation von 1992 unter der Überschrift „Emergence vs. Forcing“, in der er seine Position teilweise polemisch der von Strauss und Corbin gegenüberstellt.

Es ist bemerkenswert, dass neuere theoretische Grundströmungen in den Sozialwissenschaften auch spätere Fortentwicklungen der GT-Methodologie beeinflusst haben. So hat Cathy Charmaz [3] eine konstruktivistische Variante vorgelegt, die, was ihre Verankerung in der Tradition der GT betrifft, sowohl auf Ideen von Glaser als auch von Strauss fußt. Eine Überarbeitung von Strauss‘ späterem Ansatz, die ebenso konstruktivistische wie auch postmoderne Sichten beachtet, stammt von Corbin [4], die zwölf Jahre nach Strauss‘ Tod eine stark veränderte dritte Auflage ihres gemeinsamen Buches veröffentlicht hat. Beide Bücher sind bislang nicht ins Deutsche übersetzt.

Drei andere englischsprachige Bücher aus neuerer Zeit möchte ich nun besprechen. Sie sind in erster Auflage zwischen 2005 und 2009 erschienen und bisher in der deutschsprachigen erziehungswissenschaftlichen Literatur wenig rezipiert worden. Bei dem erst 2009 erschienenen Sammelband „Developing Grounded Theory: The Second Generation“ dürfte dies vor allem an seiner Neuheit liegen. Interessant ist das erste Handbuch zur GT, das 2007 als Hardcover-Version erschienen ist und nun seit 2010 als preiswerte Paperback-Ausgabe angeboten wird. Schließlich verdient als drittes Buch die bislang am weitesten gediehene Fortentwicklung der GT-Methodologie beachtet zu werden: Adele Clarkes „Situational Analysis“ (erstmals 2005 erschienen, nachgedruckt 2008). Sie nimmt eine explizit postmodern orientierte Perspektive ein, die sich in ihrer Variante stark am Werk Foucaults orientiert.

(I) Morse et. al: Developing Grounded Theory

Der vorliegende Band präsentiert die Geschichte, die Prinzipien und die Praktiken der GT aus der Warte der zweiten Generation von ForscherInnen, die an die Begründer der GT – die erste Generation, verkörpert durch Glaser und Strauss – anschließt. Dabei geht es besonders um Differenzen, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben.

Alle im Titel des Bandes genannten Autorinnen, mit Ausnahme von Morse, haben an der University of California in San Francisco studiert, der Wiege der GT. Entsprechend betrachten sie sich als in der Tradition von Glaser oder Strauss stehend. Heute bekleiden sie Professuren für Pflegewissenschaft, Soziologie oder qualitative Methodologie an verschiedenen nordamerikanischen Universitäten. Sie sind damit den Arbeitsfeldern ihrer Mentoren verbunden geblieben. Morse ist die einzige, die nicht zum Kreis der direkten Schülerinnen gehört. Das Buch ist aus einem eintägigen Symposion hervorgegangen, das erstmals die wichtigsten ForscherInnen der zweiten Generation zusammenbringen sollte, um über Entwicklungen der GT, ihre Kontroversen und verschiedenen Formen zu diskutieren.

Der Haupttext besteht aus acht Kapiteln. Diese beginnen jeweils mit einem theoretischen Beitrag von einer der Autorinnen – ausgenommen das achte Kapitel, das eine bilanzierende Diskussion zum Abschluss des Symposions wiedergibt. In fünf der Kapitel stellen die Autorinnen ihre nun eigenen Varianten der GT vor. Dabei wird jeweils ein eigenes Forschungsbeispiel präsentiert, meistens in Form eines zweiten – bereits veröffentlichten – Beitrags im jeweiligen Kapitel. Anschließend werden in diesen fünf Kapiteln kurze Gesprächsausschnitte des Symposions wiedergegeben, die sich jeweils auf einen relevanten strittigen Aspekt des dargestellten Forschungsprozesses beziehen.

Die beiden Anfangskapitel spannen den Rahmen für die folgenden Präsentationen der verschiedenen Varianten. Im ersten Kapitel skizziert Morse, auch grafisch, eine Genealogie der GT mit den wichtigsten Meilensteinen der Entwicklung. Morse begreift diese Geschichte als eine von erkenntnistheoretischen und methodologischen Streitigkeiten, Spannungen und möglichen Lösungen. Als letzte Innovation weist Morse auf Clarkes „Situational Analysis“ hin. Das zweite Kapitel, verfasst von Stern, stellt kurz die Anfänge der GT anhand der Biografien von Glaser (geb. 1930) und Strauss (1916–1996) dar.

Die folgenden Kapitel beschreiben die Varianten der GT. Den Anfang macht Corbin, deren Ansatz sich im Wesentlichen an der späteren straussschen GT orientiert und diese durch eine Verbindung von sozialen Prozessen und Strukturen akzentuiert. Erweitert wird der Ansatz um konstruktivistische, feministische und postmodern orientierte Sichtweisen, wie sie sich in den Arbeiten von Charmaz und Clarke finden. Unter dem Eindruck postmoderner Diagnosen, welche die Begrenztheit jeder Theorie angesichts multipler Realitäten hervorheben, fragt Corbin, wie weit die Relevanz theoriebildender Forschung heute reicht.

Stern hält dagegen hauptsächlich an Glasers Version der GT fest. Sie geht vor allem auf Punkte ein, für die Glaser heute kritisiert wird, wie etwa sein striktes Verständnis davon, dass und wie die Theorie aus den Daten emergiert. Stern stellt dar, wie sich Glasers Position zwar im Laufe der Jahre in Maßen entwickelt hat, wie wichtig es ihm aber ist, dass er nichts grundlegend geändert hat. Das bezieht sich auch auf sein Interesse, formale Theorien zu entwickeln.

Bowers – zusammen mit Leonard Schatzman – gibt eine kurze Einführung in die „Dimensional Analysis“ als eine weitere Variante. Dieser Ansatz wurde von Schatzman entwickelt, einem früheren Studenten und späteren Kollegen von Strauss. Er reagiert mit seinem Ansatz auf vermeintliche Einengungen der frühen GT, indem er, anders als Strauss, nicht sofort mit der vergleichenden Analyse („comparative analysis“) – eine spezifische Strategie der Daten- und Materialanalyse – beginnt und auch deren Zentralität relativiert. Vielmehr ermuntert er seine Gewährsleute im Forschungsfeld, in einer ausgedehnten frühen Phase des Forschungsprozesses selbst Konzepte zu nennen und deren Dimensionen und Eigenschaften zu erläutern. Ziel ist es, einen ergiebigen, inhaltsreichen Fundus an Dimensionen zu sammeln, um den Blickwinkel der Forschenden auf den Forschungsgegenstand auszuweiten.

Charmaz versteht ihren konstruktivistischen Ansatz als eine zeitgemäße Überarbeitung der klassischen GT. Hier werden auch die Forschenden selbst fokussiert. Sie sollen lernen, eine reflexive Haltung einzunehmen, indem sie ihre Standpunktverhaftetheit als Forschende erkennen und indem sie beleuchten, wie sie selbst Wirklichkeit konstruieren und rekonstruieren. Dies beinhaltet eine Untersuchung der verschiedenen im Forschungsprozess beteiligten Perspektiven, eine Reflexion der Forschungssituation selbst und die Einsicht, dass die Ergebnisse sozial hervorgebracht sind.

Zuletzt führt Clarke in ihre „Situational Analysis“ ein. Dies soll hier aber nicht näher dargestellt werden, weil diesem Ansatz ja der letzte Teil der Sammelbesprechung gilt. Nur so viel sei gesagt: Clarke beschreibt einzig die erste von drei Arten kartografischer Abbildungen („maps“), die das Kernstück ihrer Erweiterung der GT ausmachen, sog. „situational maps“. Außerdem erfährt man, dass außer einigen eigenen Arbeiten bisher nur wenige Aufsätze erschienen sind, die auf der Situational Analysis gründen. Clarke führt das auf die Neuheit des Ansatzes zurück. Unter den genannten Veröffentlichungen finden sich keine mit erziehungswissenschaftlichem Bezug.

Auch die Forschungsbeispiele zu den einzelnen Ansätzen liegen außerhalb der Erziehungswissenschaft. Untersucht werden die Erfahrungen von US-Sanitätern im Vietnamkrieg (Corbin), die Neuordnung des Lebens nach einem Wohnungsverlust durch Brand (Stern, zusammen mit June Kerry), die Vorstellungen von Pflegeheimbewohnern über Pflegequalität (Bowers, zusammen mit Barbara Fibich/Nora Jacobson), die subjektive Anpassung an körperliche Beeinträchtigungen (Charmaz) und diskursive Konstruktionen über RU486, die sog. Abtreibungspille (Clarke).

Das Buch ist jedoch auch ohne den direkten Bezug zur Erziehungswissenschaft lesenswert, weil es die aktuell gängigen Positionen der GT gerafft und prägnant vorstellt, durch überschaubare Forschungsbeispiele anschaulich macht und die charakteristischen Unterschiede gegenüberstellt. Es eignet sich deshalb auch hervorragend für LeserInnen, die ihren eigenen Standpunkt innerhalb des Spektrums klären möchten. Eine solche Klärung ist allen Forschenden aufgegeben, die sich auf irgendeine Weise – und sei es in Ausschnitten – auf GT berufen. Ferner ist der Beitrag über Dimensional Analysis von besonderem Interesse, weil das Vorgehen bisher hauptsächlich mündlich tradiert wurde.

(II) Bryant & Charmaz: The SAGE Handbook of Grounded Theory

Das vorliegende Handbuch soll einen umfassenden Überblick zur Theorie und Praxis der GT geben. Dabei soll es die Leistungsfähigkeit entsprechender Forschung belegen. Alle hauptsächlichen Standpunkte der GT-Methodologie sollen vertreten sein. Bryant und Charmaz verstehen das Handbuch aber keineswegs als eine Normierung des neuen Standes, sondern als eine Diskussionsgrundlage für Forschende und Studierende. Auch soll das Handbuch zeigen, wie GT andere Methodologien beeinflusst hat und von ihnen beeinflusst wurde, und das in unterschiedlichen Forschungsfeldern und Disziplinen.

Der Herausgeber Bryant ist promovierter Soziologe und Professor für Informatik an der Leeds Metropolitan University, GB. Die Herausgeberin Charmaz ist Professorin für Soziologie an der Sonoma State University, CA. Der Soziologie gehört auch etwa die Hälfte der 34 AutorInnen aus den USA, Europa und Australien an; ErziehungswissenschaftlerInnen sind nicht vertreten.

Nach einer Einleitung von Bryant und Charmaz gliedert sich das Handbuch in sechs Teile. Diese umfassen insgesamt 27 Artikel. Die Teile umfassen zwischen 65 und 152 Seiten und sind damit sehr unterschiedlich. Das Handbuch schließt mit einem zehnseitigen Glossar und einem elfseitigen Sachverzeichnis.

Der erste Teil gilt den Ursprüngen und der Geschichte. In epistemologischer Hinsicht wird hier (von Bryant und Charmaz) auch auf die Bezüge der ursprünglichen GT zur US-amerikanischen Soziologie der 1960er Jahre eingegangen, was für ein Verständnis grundlegend ist. Von einer Zeitzeugin (Eleanor Krassen Covan) wird rekonstruiert und reflektiert, was es hieß, in den 1970er Jahren GT in San Francisco zu studieren, und eine weitere Autorin (Susan Leigh Star) beschreibt, was es für sie bedeutet, über Jahrzehnte mittels GT zu forschen, GT zu lehren und zu „leben“.

Mit einem Beitrag von Glaser zur Entwicklung formaler Theorie beginnt der zweite Teil. Die Reichweite der mittels GT-Methodik zu gewinnenden Theorien ist insgesamt ein zentrales Thema dieses Teils. Glaser ermutigt dazu, das Vorhaben formaler Theoriebildung anzugehen und die spezielle Kompetenz der GT-Methodologie dafür anzuerkennen. Andere Autorinnen greifen diesen Faden auf oder problematisieren die von Glaser eingenommene Position (ohne sich von ihr zu verabschieden), indem die Frage aufgeworfen wird, welcher Grad an Abstraktion angesichts „postmoderner“ Verfasstheiten angemessen ist.

Der dritte Teil soll GT in der Praxis zeigen. Beiträge gelten dem Kodieren des Datenmaterials, dem Schreiben von Memos, der Bildung und Entwicklung von Kategorien, der Abduktion (als der Entdeckungslogik der GT) und der besonderen Weise der Stichprobenbildung: dem „theoretical sampling“. Besonders der Artikel über Abduktion (Jo Reichertz) ist hervorzuheben. Hier wird nicht nur unterschieden zwischen den Forschungslogiken der Deduktion, Induktion und Abduktion, sondern es wird auch die wichtige Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Induktion getroffen.

Auch der vierte Teil betrachtet einige praktische Seiten, allerdings über die Konstitutionsmerkmale hinaus. So geht es etwa darum, wie Teams gemeinsam forschen können und wie GT-Methodologie in Hochschulseminaren gelehrt werden kann.

Der fünfte Teil bringt GT in einen Rahmen oder Zusammenhang mit verschiedenen anderen Forschungsmethoden, und das in einem sehr weiten Sinn. Hier findet sich wieder ein Beitrag von Clarke (gemeinsam mit Carrie Friese) über Situational Analysis, auch hier im Wesentlichen begrenzt auf „situational maps“. Andere Beiträge stellen Verbindungen her zur Aktionsforschung, zu feministischer qualitativer Forschung, zur Kritischen Theorie, zur Berücksichtigung rassischer/ethnischer Diversität und zur spezifisch ethnografischen Forschung. Erwähnenswert ist der Beitrag von Norman Denzin, der als einziger im Handbuch einen Bezug zur Pädagogik herstellt. Er lehnt sich an ein Konzept des Empowerment an, das „indigenen Stimmen“ in der Praxis der GT einen Vorrang gibt. Es geht Denzin aber nicht um eine empirische Erziehungswissenschaft, sondern um eine praktische Pädagogik in einem sehr weiten Sinn, umschrieben als „critical, collaborative, performance pedagogy“ (465).

Nochmals erweitert wird der Kontext für die Betrachtung einzelner GT-Aspekte im sechsten Teil: „Grounded Theory in the Context of the Social Sciences“ (513). Die Beiträge diskutieren die Reflexivität im Forschungsprozess, die Vermittlung zwischen Struktur und Interaktion, die Spannung zwischen einem rational kontrollierten Vorgehen und dem freien Fluss der Gedanken sowie die Verwurzelung bestimmter Varianten der GT – wie die von Strauss – im Pragmatismus. Besonders bemerkenswert ist der Beitrag von Karen Locke, weil sie versucht, den Weg der Abduktion gleichsam introspektiv aufzuzeigen: Sie hat in einem Protokoll festgehalten, wie bei einer ihrer Forschungen ihr Denken zwischen rationalem Vorgehen und freiem Spiel der Gedanken oszilliert.

Was die Anschaffung des Handbuchs lohnenswert macht, ist, dass es tatsächlich die gesamte Breite der erkenntnistheoretischen und methodologischen GT-Positionen versammelt: angefangen bei einem aktuellen Originalbeitrag Glasers und Positionen, die in einer mehr oder weniger orthodoxen Glaser-Nachfolge stehen, über Positionen, die sich sowohl an Glaser als auch Strauss orientieren, bis hin zu Weiterentwicklungen des späten straussschen Ansatzes, die sich mit gegenwärtigen theoretischen Grundströmungen verbinden, wie einem Konstruktivismus oder Postmodernismus. Die AutorInnen scheuen nicht davor, Widersprüche zwischen den Positionen zu benennen. Deshalb ist bei den meisten Texten zu fragen, mit Bezug auf welchen Rahmen sie ihr Thema entfalten. So machen die AutorInnen generell deutlich, welche Basisannahmen sie innerhalb des Spektrums der GT treffen. Bei vielen AutorInnen handelt es sich um eigene Aneignungsformen und Adaptionen. Das ist durchaus bereichernd und entspricht der Forschungsrealität. Eine Stärke vieler AutorInnen ist, dass sie ihre praktische Erfahrung mit GT immer wieder in die Darstellung, in Beispiele und Begründungen einfließen lassen.

Die einzelnen Teile des Handbuchs beinhalten mitunter sehr Heterogenes, sodass einzelne Überschriften etwas schwer zu fassen sind. Was sich bei all dem nicht vermeiden lässt, sind inhaltliche Wiederholungen zwischen den Artikeln. So eignet sich das Buch kaum, um schnell irgendwelche vermeintliche Standards nachzuschlagen. Es ist vielmehr ein Werk, das die eigene Auseinandersetzung erfordert. Insbesondere die Einleitung von Bryant und Charmaz zeigt aber komprimiert die Entwicklungslinien der GT auf, macht deutlich, wo aktuelle Kontroversen unter den VertreterInnen verlaufen und welche erkenntnistheoretischen und methodologischen Punkte sie betreffen. Dadurch wird quasi ein Koordinatennetz geschaffen, das bei einer gewissen Vertrautheit mit der GT, den LeserInnen hilft, den eigenen Standort zu bestimmen oder zu finden.

Wie unterschiedlich sich inzwischen die einzelnen Methodologien entwickelt haben, zeigt sich zugespitzt an der Schwierigkeit, dem Handbuch ein Glossar beizufügen. Jeder Versuch, eine maßgebliche Reihe an Definitionen zu erarbeiten, müsse umstritten bleiben und sei aussichtslos. Der Zweck des letztlich als „diskursiv“ bezeichneten Glossars sei es zu illustrieren, wie einige der AutorInnen des Handbuchs wichtige Begriffe und Leitvorstellungen charakterisieren.

(III) Clarke: Situational Analysis

Die Autorin ist Professorin für Soziologie und Geschichte der Gesundheitswissenschaften an der University of California in San Francisco. Sie versteht sich als feministische Medizinsoziologin. Clarke behauptet, dass die Debatten um die Postmoderne die Notwendigkeit neuer Forschungsmethoden gezeigt haben. Gebraucht würden Methoden mit einem gesteigerten Vermögen, die Komplexität und Heterogenität des Soziallebens empirisch zu erfassen und zu interpretieren. Das gelte besonders angesichts einer Flut an Diskursen, die das Sozialleben gestalteten.

Die Besonderheit der Situational Analysis besteht darin, dass sie nicht in erster Linie auf soziale Prozesse fokussiert, sondern auf Handlungssituationen (z.B. die Arbeit von KrankenpflegerInnen unter dem Regime bewirtschafteter medizinischer Versorgung). Im Anschluss an das soziologische Werk von Strauss nimmt Clarke eine mehr sozialökologische Position ein. Das Verständnis der Elemente der Situation und der Beziehungen zwischen ihnen ist das primäre Ziel. Insgesamt versteht Clarke ihren Ansatz als eine Ergänzung vorliegender GT-Methodologie. Situational Analysis führe vor allem im straussschen Spätwerk bereits Angelegtes fort – unter Berücksichtigung seiner konstruktivistischen Deutung (Charmaz).

Im Zentrum der Analyse stehen drei kartografische Herangehensweisen, die den Forschungsgegenstand gleichsam unter verschiedenen Blickwinkeln konstituieren: „situational maps“, „social worlds/arenas maps“ und „positional maps“.

  1. „Situational maps“ legen die hauptsächlichen Bestandteile der Handlungssituation an. Diese können menschlicher Art sein (z.B. PatientInnen), außermenschlicher (z.B. Arzneimittel), diskursiver (z.B. KrankenpflegerInnen als fürsorglich) oder welcher Art auch immer. Durch die Kartierung soll eine Analyse der Beziehungen zwischen den Bestandteilen herausgefordert werden. Absicht ist es, die Komplexität der Situation mittels einer Analyse der Beziehungen und deren Kombinationen einzuholen. Von einem postmodernistischen Standpunkt aus gelte es, dabei die Vielfalt der Differenzen zu betonen.

  2. „Social worlds/arenas maps“ bezeichnen die Mesoebene der Handlungssituation. Sie beinhalten die kollektiven Akteure (z.B. Privatversicherungsunternehmen) und die Arenen (z.B. das Krankenhaus und das Gesundheitssystem), in denen sich die kollektiven Akteure in anhaltenden Aushandlungen engagieren. Diese Karten dienen der Analyse der Verpflichtungen und Diskurse des Forschungsfeldes mit Blick auf dessen erweiterte Umgebung. Hier werden ausführlich sozial-organisatorische, institutionelle und diskursive Dimensionen der Situation aufgenommen.

  3. „Positional maps“ legen die wesentlichen Positionen innerhalb der Diskurse an (z.B. bezüglich der Frage: Was ist am wichtigsten bei der Pflege der PatientInnen?). Die Positionen werden in Koordinatensystemen verortet, die mittels Achsen der Differenz, des Interesses und der Kontroverse aufgespannt sind (z.B.: Wichtigkeit der Gefühlsarbeit in der Pflege vs. Wichtigkeit der klinischen Effizienz). Untersucht wird auch, welche Positionen ausgespart, nicht besetzt sind. Dies geschieht unter dem Gesichtspunkt der Machtanalytik. Insgesamt sollen diese Karten die volle Streuung der diskursiven Positionen bezüglich der jeweiligen Belange darstellen.

Das Buch beginnt mit einem ausführlichen Prolog, in dem Clarke die skizzierte Ausrichtung darlegt. Der Kern besteht sodann aus sieben Kapiteln. Wie es dem kartografischen Forschungsansatz entspricht, enthält das Buch mehr als siebzig Illustrationen. Der Text schließt mit einem Nachwort, das häufig gestellte Fragen zur Situational Analysis beantwortet, auf Kommentare der Fachöffentlichkeit eingeht und Offenes benennt.

Im ersten Kapitel legt Clarke dar, dass GT in der Version von Strauss (und Corbin) schon eine Nähe zu einer postmodernistischen Wendung habe: durch die Verwurzelung im Symbolischen Interaktionismus und dessen Konzept der Handlungssituation; durch die Verwandtschaft mit dem Sozialkonstruktivismus, durch ihre relational-ökologische Grundstruktur; durch das Vermögen, mit der Komplexität von Situiertheit, Variation, Differenz, Positionalität und sich verändernden Beziehungen umzugehen. Auf der anderen Seite müsse GT im Sinne der postmodernistischen Wendung aber gelöst werden von Glasers Variante der GT, von deren positivistischer Verwurzelung in einer Soziologie der 1950er und 1960er Jahre sowie der modernistischen Vorstellung formaler Theorie.

Die eigentliche theoretische Fundierung erfolgt in Kapitel 2. Auch hier spielt die Soziologie von Strauss eine zentrale Rolle; nun werden aber auch die Anleihen, die Clarke bei Foucault macht, dargestellt. Für sie ist Foucault der wichtigste Autor für eine postmodernistische Wendung, und zwar durch seine Diskurstheorie. Clarke sieht in diesem Punkt eine Nähe zwischen beiden Autoren, wobei Strauss die Relevanz des Diskurskonzepts weniger ermessen habe. Weiter lehnt sich Clarke besonders an Foucaults Analytik von Machtbeziehungen an, während sie von Strauss das Augenmerk auf die Pluralität der Perspektiven übernimmt. Mehr mit Foucault verbindet Clarke wiederum die explizite Analyse von außermenschlichen Elementen der Situation und eine Stärkung der historischen Perspektive.

Kapitel 3 ist die eigentliche Einführung in die Praxis der drei kartografischen Zugänge. Sie werden an zwei medizinischen Forschungsbeispielen ausführlich erläutert. Auch zeigt sich, wie Clarke auf herkömmlichen GT-Techniken und Kriterien aufbaut – wie Kodieren, Memo-Schreiben, theoretische Stichprobenbildung oder theoretische Sättigung.

Die Kapitel 4 bis 7 wenden sich verschiedenen Gattungen von Daten zu, die für ein Projekt einschlägig sein können. Es geht, über Interview und Beobachtung hinaus, um die kartografische Darstellung vorliegender narrativer, visueller (wie Kunst, Film, Fotografie) und historischer Diskurse. Bei letzteren werden alle drei Typen der kartografischen Darstellung für verschiedene historische Zeitpunkte erstellt und verglichen. Clarke gibt zu allem Beispiele aus ihren medizinsoziologischen Forschungsfeldern.

Die drei Arten des Kartografierens versteht Clarke als Zwischenprodukte eines methodischen Experimentierens. Insofern stellt das Buch eine Einladung an LeserInnen dar, sich in diesen offenen Prozess einzuklinken und eigene Erfahrungen zu sammeln. Es hat einen eigenen Reiz, das Arbeiten mit mehr visuellen Repräsentationen zu erproben, die Linearität der geschriebenen Sprache aufzubrechen. Insbesondere scheint der kartografische Zugang eine angemessene Art der Darstellung situationeller Komplexität zu ermöglichen.

Clarke stellt mitunter hohe Anforderungen an die LeserInnen, obwohl es sich bei ihrem Buch um eine sehr systematische, gründliche, in der Regel gut lesbare Darlegung handelt, die zudem mit didaktischem und methodischem Geschick aufbereitet ist. Die Anforderung zeigt sich vor allem bei der Diskussion von Foucault. Wer keine Vorkenntnisse hat, wird sich schwertun; zumal Clarke selbst über ihren Versuch urteilt: „Meine Wiedergaben von Foucault hier sind primitiv und unfassbar partiell“ (60; Übersetzung C.B.). Mit Foucaults Gedanken bringt Clarke zudem einen Horizont in die erkenntnistheoretische und methodologische Diskussion ein, den kein anderer Ansatz der GT kennt.

Wer nicht die entsprechenden Vorkenntnisse hat, kann dennoch mit Clarkes kartografischen Zugängen experimentieren, gleichsam forschungspragmatisch reduziert. Selbst unter einer solchen Einengung handelt es sich um die derzeit interessanteste Erweiterung der GT. Sie scheint sich für eine breite Palette an Forschungsthemen zu eignen, besonders für Projekte, die zugleich mit unterschiedlichsten Arten von Material arbeiten.

Resümee

Die Erziehungswissenschaft ist in keinem der drei Bücher wirklich präsent, obwohl GT-Methodologie auch in der englischsprachigen Erziehungswissenschaft geläufig ist. Vielmehr geben die vorgestellten Bücher die Ursprünge der GT und deren erstes Anwendungsfeld in der qualitativen soziologischen Forschung und in der Pflegewissenschaft immer noch überdeutlich zu erkennen. Auch die entsprechenden Beiträge in den aktuellen deutschsprachigen Handbüchern der Erziehungswissenschaft – dem „Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft“ [5] und der „Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online: Fachgebiet Methoden der empirischen erziehungswissenschaftlichen Forschung“ [6] – sind von Soziologen verfasst. Es ist daher in der erziehungswissenschaftlichen Forschung wichtig, die jeweiligen soziologischen Basistheorien eines GT-Ansatzes zu ergründen und im eigenen fachlichen Rahmen zu reflektieren.

Wer praktische Unterstützung im Forschungsprozess sucht, ohne sich gleich an eine bestimmte Variante der GT binden zu wollen, ist sicher mit dem Handbuch von SAGE am besten ausgestattet. Allerdings bietet es keine einfachen Lösungen und es geht nicht anders, als intensiv mit dem Buch zu arbeiten. Wer an methodologischer Selbstaufklärung interessiert ist, wird in diesem Handbuch die Einleitung von Bryant und Charmaz schätzen: Kompakt – auf 28 Seiten – wird hier die umkämpfte Stellung methodischer Konzepte dargelegt, auch aus historischer Perspektive. Dieses Terrain lässt sich anhand des Bandes von Morse u.a. weiter begehen. Besonders die Diskussionen des Symposions fordern implizit die LeserInnen heraus, selbst Stellung zu beziehen. Was einen ausformulierten Anspruch auf Erkenntniskritik betrifft, gibt sicherlich das Buch von Clarke dem am deutlichsten und am meisten Raum. Dies macht schon der 21-seitige Prolog „Regrounding Grounded Theory" deutlich, und vor allem das erste Kapitel (36 Seiten) gilt ganz und gar dem Ziel, GT in eine postmoderne Wendung der Theoriebildung einzubeziehen. Clarke eröffnet damit einen auch mit systematischem Interesse verfolgten Anschluss an aktuelle Debatten.

Benjamin Jörissen und Christoph Wulf [7] haben aus der Sicht der erziehungswissenschaftlichen Ritualforschung auf Clarkes Situational Analysis hingewiesen. Diese sei besonders dann von Interesse, wenn die Erziehungswissenschaft Fragen der Konstitution von und des Umgangs mit Differenz untersucht. Es fragt sich aber gerade angesichts von Clarkes Ergänzung, inwieweit der Rahmen der GT noch zu erweitern ist. Mit der extensiven Berufung auf Foucault hat Clarke ein Terrain betreten, bei dem fraglich ist, ob zum einen der erkenntnistheoretische und methodologische Bezug tatsächlich zufriedenstellend aufgearbeitet werden wird. Und zum anderen ist noch offen, ob es eine entsprechende Forschungspraxis in größerem Umfang geben wird. Trotz häufiger Zustimmung unter GT-MethodologInnen wird der Ansatz auch als kompliziert erlebt. Ebenso sollte man beachten, wie Lars Allolio-Näcke [8] jüngst gezeigt hat, dass anderweitige empirisch-diskursanalytische Ansätze, die sich auf Foucault berufen, dessen Ideen nur partiell aufgearbeitet haben und methodologische Fragen im Anschluss daran noch nicht zureichend beantworten.

Alle drei Bücher richten sich an eine breite, fachübergreifende LeserInnenschaft. Sie eignen sich besonders für Forschende, die ihr Verständnis der GT weiterentwickeln wollen. Auf jeden Fall setzen die Bücher Grundkenntnisse voraus, manche Beiträge auch fortgeschrittenes Wissen. Das gilt vor allem dann, wenn die Unterschiede zwischen den verschiedenen Positionen thematisiert werden. Hilfreich ist es, Forschungserfahrung mit GT zu haben: Dann eignen sich die Bände hervorragend, um die eigene Praxis zu reflektieren. Aber auch in Seminaren mit Studierenden, die fortgeschrittene Kenntnisse in qualitativen Forschungsmethoden mitbringen, ist ihr Einsatz bei entsprechender Hilfestellung denkbar.

[1] Strauss, Anselm L. (1991): Grundlagen qualitativer Sozialforschung: Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. (Übergänge; Bd. 10) München: Fink.

[2] Strauss, Anselm / Corbin, Juliet (1995): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

[3] Charmaz, Kathy (2010): Constructing Grounded Theory: A Practical Guide Through Qualitative Analysis. Reprint. Los Angeles, CA et al.: Sage.

[4] Corbin, Juliet / Strauss, Anselm (2008): Basics of Qualitative Research: Techniques and Procedures for Developing Grounded Theory. 3rd ed., Los Angeles, CA: Sage.

[5] Hülst, Dirk (2010): Grounded Theory. In: Friebertshäuser, Barbara/Langer, Antje/Prengel, Annedore (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Unter Mitarbeit von Heike Boller/Sophia Richter. 3. vollständig überarbeitete Auflage, Weinheim/München: Juventa, S. 281-300.

[6] Strübing, Jörg (2010): Grounded Theory – ein pragmatistischer Forschungsstil für die Sozialwissenschaften. Aus: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. URL: http://www.erzwissonline.de/fachgebiete/... (14.11.2010).

[7] Jörissen, Benjamin / Wulf, Christoph (2010): Qualitative Methoden in der Ritualforschung. In: Friebertshäuser, Barbara/Langer, Antje/Prengel, Annedore (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Unter Mitarbeit von Heike Boller/Sophia Richter. 3. vollständig überarbeitete Auflage, Weinheim/München: Juventa, S. 639-651.

[8] Allolio-Näcke, Lars (2010): Diskursanalyse – Bestandsaufnahme und interessierte Anfragen aus einer dichten Foucault-Lektüre [69 Absätze]. In: Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research, 11(3), Art. 26. URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1003261 (03.10.2010).
Christian Beck (Wörrstadt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christian Beck: Rezension von: Morse, Janice M. / Stern, Phyllis Noerager / Corbin, Juliet / Bowers, Barbara / Charmaz, Kathy / Clarke, Adele E.: Developing Grounded Theory, The Second Generation (Developing Qualitative Inquiry; Vol. 3). Walnut Creek, CA: Left Coast 2009. In: EWR 10 (2011), Nr. 1 (Veröffentlicht am 16.02.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978159874193.html