EWR 9 (2010), Nr. 4 (Juli/August)

Jan Masschelein / Maarten Simons
Jenseits der Exzellenz
Eine kleine Morphologie der Welt-Universität
Zürich: diaphanes 2010
(75 S.; ISBN 978-3-03734-121-6; 8,00 EUR)
Jenseits der Exzellenz Jan Masschelein und Maarten Simons haben mit „Jenseits der Exzellenz“ einen Essay vorgelegt, der auf eine Selbst-Positionierung der Universität und derer, die sie bewohnen, abzielt. Nach den massiven Protesten gegen die Umstrukturierungen des europäischen Hochschulraums nach „Bologna“ fragen die Autoren danach, „welche Universität aus dieser Krise hervorgeht und hervorgehen soll“ (Cover). Ihre Überlegungen zentrieren Masschelein und Simons um den öffentlichen Charakter der Universität, in dem die Autoren eine pädagogische Form sui generis sehen (11).

Der Essay gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil wird eine Geschichte der „Zähmung“ der öffentlichen Form der Universität erzählt. Es handelt sich nach Masschelein / Simons um eine Geschichte der Deformation oder Neutralisierung, die sich zum einen gegen eine Innovationsgeschichte der Universität richtet und zum anderen gegen eine Verfallsgeschichte richtet. Der zweite Teil stellt eine Morphologie, eine Formenlehre der Universität und ihrer Bewohner, dar, welche auf eine Transformation der Universität in eine „Angelegenheit des öffentlichen Interesses“ (12) abzielt.

Die Kartographie des ersten Teils lässt sich als ein Vermessen der Universität lesen, die sich an den Kategorien der Zeit, des Raumes, der Materie und des akademischen Ethos orientiert. Auf der Grundlage dieser Kategorien entfalten die Autoren eine deskriptive Analytik, welche die Figuration oder Signatur der modernen Universität zum Vorschein kommen lässt: die Behandlung der Zeit in der Sprache der Entwicklung, das Verständnis des Raumes als institutionelle Einbettung, die Fassung von Materie mit Begriffen der Kultur sowie ein Bildung und Kultivierung anvisierendes akademisches Ethos. Die Universität avanciert in diesem Zusammenhang zum Garanten wie zur Verkörperung der Idee von Fortschritt und Emanzipation. Sie sieht sich – so Masschelein und Simons – der Gesellschaft gegenüber und sucht eine Distanzierung der Bürger/innen von sozialen Abhängigkeitsverhältnissen zu ermöglichen.

Gegenwärtig bilde sich nun ein neues Selbstverständnis der Universität heraus, das sich an Unternehmertum und Exzellenz orientiere. Die in der unternehmerischen Universität ablaufenden Prozesse seien durchweg in ihren Ressourcen begrenzt. Das Raumkonzept sei ökologisch, das Verständnis von Materie erfolge unter Verfürbarkeit bzw. Nicht-Verfügbarkeit, dem als Ethos der wettbewerbsorientierte Forscher und der employable student entsprächen. Der „Zirkel der Exzellenz“ (34) stellt demnach das Ordnungsprinzip dar, unter dem die Universität hier Kontur gewinnt.

Die Morphologie der Universität gehen die Autoren über die Beschreibung der bereits erwähnten „pädagogischen Form“ an, welche zugleich Erforschung, Bildung und Weltverfertigung umfasse (41). Im Rahmen dieser Form werde Materie öffentliche Materie; Studierende und Professoren/innen würden zu öffentlichen Figuren gemacht. Masschelein und Simons beschreiben diese Öffentlichkeit als eine Enteignung und Entledigung von Partikularinteressen, als einen Raum des öffentlichen Vernunftgebrauchs (Kant), der sich im Zusammenhang von „Bewegungen und Erfindungen“ nachvollziehen lasse (43).

In der ersten Bewegung, der „Profanierung des Buches“ verfolgen Masschelein und Simons die Herausbildung der Bewohner der Universität mit der Geburt des Buches-als-Text in der frühneuzeitlichen Universität: Hier galt das Buch „nicht mehr als Symbol der kosmischen und göttlichen Realität“, „sondern als Materialisierung von Abstraktionen und Konzepten, sprich von Gedanken“ (44). Durch die Loslösung des Geschriebenen vom bestimmten Gebrauch eröffnet sich ein Raum der gemeinsamen Auseinandersetzung.

In der zweiten Bewegung, der „Profanierung der Vernunft“, geht die Öffentlichkeit aus einer „De-Identifikation“ mit dem Privatgebrauch der Vernunft hervor (46). Als Gelehrte – so folgen die Autoren den Überlegungen Kants in dessen Aufklärungsaufsatz – sprechen wir nicht im Namen eines partikularen Zusammenhangs, sondern unter Absehung funktionaler Interessenszusammenhänge und mit einem egalitären Anspruch.

Die dritte Bewegung schließt an Beobachtungen der 68’er-Bewegung an: Die „Profanierung der Kultur und der Zeit“ zeigt sich hier als De-Identifikation mit Autorität und selbstgenügsamer Kultur, so dass die Funktionalität der Universität zur Erreichung gesellschaftlicher Positionen eingeklammert erscheinen und sich eine öffentliche Sphäre durch „kollektive Überlegung und Imagination“ (52) formen konnte.

Die vierte Bewegung – die „Profanierung der Produktion und Zirkulation“ – lokalisieren Masschelein und Simons in den gegenwärtigen Protesten: „Wir sind kein Humankapital“. Könnten diese Proteste als eine De-Identifikation mit der Logik von Produktion und Wettbewerb gesehen werden? Die Autoren beantworten die Frage so, dass sie eine viel weiter reichende Profanierung in Aussicht stellen, die sich auf das Denken und Sprechen selbst richtet. In der öffentlichen Vorlesung sehen Masschelein und Simons ein diesbezüglich paradigmatisches Geschehen und suchen auf den letzten Seiten ihres Textes diese genuin(e,) pädagogische Form der Universität zu artikulieren.

Nach Masschelein / Simons ist ein Rekurs auf die Vorlesung nicht unproblematisch – wegen ihres Anachronismus und ihrer Archaik, wie mit Horkheimer gesagt wird. Dennoch entwickeln die Autoren die Vorlesung im positiven Sinn als eine Form, bei der der Gegenstand als gemeinsamer gestiftet wird und die Zuhörer eingeladen werden, sich mit dem Vorgelesenen zu befassen; denn es sei eben die Verhaltung zum Gegenstand, die in der Vorlesung öffentlich und fraglich werde. Für diese Räume des Sprechens und Nachdenkens bringen die Autoren den Begriff der „Heterotopie“ von Foucault ein, mit dem dieser eine Aufhebung sozialer Sinnzuweisung in Räumen bezeichnete. Der Text endet mit einer Schlussbemerkung, in dem die Autoren dafür eintreten, unser Denken und Sprechen an der pädagogischen Form der öffentlichen Universität zu messen: Wie können Lehrende Professoren und Lernende Studierende werden?

Der Essay von Jan Masschelein und Maarten Simons erscheint in der Reihe „Unbedingte Universitäten“ des diaphanes Verlags, in dem zeitgleich weitere Publikationen zur aktuellen Lage der Universität veröffentlicht worden sind. Gemeinsam ist allen diesen Texten, das Versucherische mit der Stellungnahme zu verbinden, ohne positionell zu werden. So lässt sich leicht feststellen, dass Autoren wie Jacques Rancière oder Michel Foucault wichtige Referenzen für diesen Essay darstellen; die Bezüge sind jedoch ganz auf das eigene Ziel ausgerichtet – einerseits die moderne und die unternehmerische Universität zu kartographieren und andererseits die pädagogische Form des Öffentlichen zu beschreiben.

Man könnte sagen, dass der Essay sich an eine Öffentlichkeit im Nachdenken über Universität richtet. Verständlich wird so auch, dass es nicht um eine historische Verifizierung der Gehalte geht. Wer frühere Publikationen der beiden Autoren kennt [1], weiß, dass die angestrebte deskriptive Analytik nicht in erster Linie auf Wahrheit im Sinne von Legitimität und Konsistenz abzielt. Vielmehr geht es den Autoren um Plausibilität: das Herauspräparieren einer Signatur, die etwas sehen lässt und eine Auseinandersetzung in Gang bringt.

Auch wenn der Essay eben nicht mit dem Anspruch auftritt, eine schlagende Position im Feld verschiedenster Deutungen der Universität und ihrer Öffentlichkeit zu vertreten, so stellt sich doch die Frage, inwieweit eine dispositionelle Konfiguration wie die Vorlesung, die sich aus verschiedenen Praktiken und diskursiven Einsätzen herausbildet, als eine Form gefasst werden kann, die den öffentlichen Charakter der Universität einbehalten soll. Diese Frage stellt sich nicht einfach nur wegen des Auseinanderklaffens von Form und möglicher Realisierung. Sie stellt sich mit der Einsicht Foucaults, dass die Dinge ihre Bestimmung und Bestimmtheit nicht ursprungshaft in sich tragen, sondern aus vielfältigen Konstellationen hervorgehen („Genealogie“). Wäre es nicht auch an der Zeit, dieser Kontingenz, die in der Bestimmung von „pädagogischen Formen“ und deren Neutralisierungen überschritten wird, Raum zu verschaffen?

Der Kern der pädagogischen Form der öffentlichen Universität scheint in ihrer Deidentifizierungskraft zu liegen, durch die sich Professoren/innen und Lernende um ein Thema versammeln können. Gerät dabei nicht die politische Dimension der internen und externen Sinnstiftungsprozesse zur „Universität“ aus dem Blick? Inwieweit erhalten wir durch „pädagogische Formen“ Aufschluss über die Dynamiken politischer Prozesse, einschließlich jener, durch die Menschen veranlasst werden, ein Auditorium Maximum zu „besetzen“? Der Essay von Jan Masschelein und Maarten Simons, gerichtet an ein breites Publikum, wirft viele Fragen mit erziehungswissenschaftlicher Relevanz auf: die Frage nach dem Ort des Sprechens und Denkens in der Hervorbringung eines Selbst verändernden Wissens sowie die Frage nach der öffentlichen Dimension dieses Geschehens und seiner kritischen Potentialität. Die Antworten auf diese Fragen sind Teil eines Sprechens in der und über die öffentliche Universität.

[1] vgl. z.B. Masschelein/ Simons: Globale Immunität oder Eine kleine Kartographie des europäischen Bildungsraums. Zürich: diaphanes 2005
Christiane Thompson (Fribourg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christiane Thompson: Rezension von: Masschelein, Jan / Simons, Maarten: Jenseits der Exzellenz, Eine kleine Morphologie der Welt-Universität. Zürich: diaphanes 2010. In: EWR 9 (2010), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978303734121.html