EWR 15 (2016), Nr. 1 (Januar/Februar)

Roland Stein / Thomas Müller (Hrsg.)
Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung
Inklusion in Schule und Gesellschaft, Band 5
Stuttgart: Kohlhammer 2014
(237 S.; ISBN 978-3-17-024337-8; 29,99 EUR)
Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung Roland Stein und Thomas Müller haben in der Reihe „Inklusion in Schule und Gesellschaft“ des Kohlhammer-Verlags den Sammelband „Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung“ herausgegeben. Das Ziel der Gesamtreihe wird wie folgt beschrieben: „Jeder Band enthält sowohl historische und empirische als auch organisatorische und didaktisch-methodische sowie praxisbezogene Aspekte bezogen auf das jeweilige spezifische Aufgabenfeld der Inklusion“ (5). Der vorliegende Sammelband umfasst neben einer Danksagung und Einleitung acht Fachartikel, die vor dem Hintergrund der genannten Zielsetzung kritisch zu betrachten sind.

Auf den einleitenden Überblicksbeitrag zu Aufbau und Konzeption des Sammelbands folgt ein Beitrag der Herausgeber, in dem eine Grundlegung des Gegenstandsbereichs vorgenommen wird. Es wird deutlich, dass sich die „Pädagogik bei Verhaltensstörungen“ erst seit vergleichsweise kurzer Zeit mit Fragen des Beschulungsortes auseinandersetzt. Gewinnbringend für eine neue Perspektive im Inklusionsdiskurs ist, dass auch ältere Quellen herangezogen werden, die bereits weit vor der gegenwärtigen Inklusionsdebatte veröffentlicht wurden, aber dennoch nicht an Aktualität verloren haben. Die angeführten Praxisfälle und deren Interpretation allerdings sind für die Leserschaft nicht gänzlich nachvollziehbar, da in der Darstellung zu kurz.

Den Ausgangspunkt des Beitrags von Marc Willmann zur geschichtlichen Entwicklung der schulischen Erziehungshilfe stellt der Hinweis auf die Schwierigkeit einer terminologischen Operationalisierung des Gegenstandsbereichs dar. Die Ausführungen zeichnen die historiographischen Linien vom Mittelalter bis zur aktuellen Situation nach und bieten Einblicke zu den Entwicklungen in anderen Ländern. Von großer Relevanz für das Thema Inklusion ist hier die Frage nach den zeitgenössischen schulischen Aussonderungsmechanismen, die Rolle des sonderpädagogischen Fachverbandes (vds), das Verhältnis zum Förderschwerpunkt Lernen sowie unterschiedliche begriffliche und konzeptionelle Fassungen des Inklusionsbegriffs. Dabei ist die Darstellung der Situation im Land Berlin aufschlussreich für die Frage nach den Konsequenzen bildungspolitischer Entscheidungen. Nicht zuletzt die Bezugnahme auf die Weiterentwicklung sonderpädagogischer Aufgabenprofile verdeutlicht die Bedeutung historischer Analysen.

Im anschließenden Beitrag legen Roland Stein und Stephan Ellinger den aktuellen Forschungsstand dar. Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Modifizierung und Ergänzung eines früheren Artikels, der bereits zuvor in der Zeitschrift Empirische Sonderpädagogik erschienen ist. Eine Öffnung zu den Forschungsergebnissen aus angrenzenden Gebieten (wie Soziale Arbeit und Jugendkriminalität) wäre hier als inhaltliche Fortführung des Originalbeitrags sicherlich interessant gewesen. Von großer Relevanz sind jedoch zweifelsohne die Zusammenfassungen im Unterkapitel „Diskussion“, denn hier wird nochmals sehr deutlich, auf welcher „dünnen empirischen Befundlage“ (101) sich der Inklusionsdiskurs auch und vor allem in diesem Förderschwerpunkt bewegt.

Im Beitrag von Thomas Hennemann, Heinrich Ricking und Christian Huber werden die Organisationsformen inklusiver Förderung im Bereich emotional-sozialer Entwicklung dargestellt. Grundlegend ist – und das wird an dieser Stelle erstmals explizit herausgestellt – die Perspektive, dass die allgemeine Schule den primären Förderort darstellen sollte. Von Bedeutung sind hier auch die aufgeführten Praxisbeispiele aus Kanada, Finnland, Hessen und Niedersachsen, ergänzt durch einige Überlegungen zu den Gelingensbedingungen. Dieser Beitrag weist aus Sicht des Rezensenten eine hohe Bedeutsamkeit für die (sonder-)pädagogische Praxis im Schulalltag auf.

Einen im Vergleich zu den übrigen Beiträgen des Sammelbandes gänzlich anderen Zugang eröffnen Birgit Herz und David Zimmerman, die sich aus psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive mit einem grundlegenden pädagogischen Basiselement auseinander setzen: Erziehung und / durch Beziehung. Dieses Basiselement wird auf Grundlage der psychoanalytischen Pädagogik ausgeführt. Es wird als „genuin pädagogische Aufgabe“ im Förderschwerpunkt betrachtet, die pädagogische Beziehung „anzulegen und aufzubauen“ (160). Die Ausführungen üben zugleich konstruktive Kritik an evidenzbasierten Förderprogrammen.

Den Ausgangspunkt des Beitrags von Clemens Hillenbrand bildet eine Diskussion zur Kausalität pädagogischen Handelns, die zu dem Ergebnis führt, dass evidenzbasierte Methoden und Verfahren die Wahrscheinlichkeit erhöhen, „tatsächlich eine positive Wirkung auszulösen, auch wenn sie es nicht garantieren können“ (174). Damit möchte der Autor den Vorwurf der Technologisierung evidenzbasierter Forschung entkräften. Die Bezugnahme zum wissenschaftlichen Auftrag der Evidenzbasierung wird im Anschluss erläutert und durch umfangreiche Literaturverweise bekräftigt, wobei eine kritische Einschätzung des Forschungsstandes – vor allem hinsichtlich der Übertragbarkeit – ausgeklammert bleibt. Für Deutschland wird eine verbreitete Distanz zur und Ablehnung von Evidenzbasierung konstatiert und kritisiert. Die Hintergründe und Motive für die verbreitete Skepsis werden allerdings nicht diskutiert. Ergebnisse der Therapieforschung werden mit Blick auf die Frage einer wirksamen Praxis vorgestellt. Für die Umsetzung wird das Response-to-Intervention-Modell vorgeschlagen und in seiner Implementierung beschrieben. Leider wird es versäumt, auch kritische Überlegungen aus der aktuellen Fachliteratur aufzugreifen (vgl. dazu etwa Herz / Heuer, 2014 [1]).

Im abschließenden Beitrag diskutieren Roland Stein und Thomas Müller den Aspekt der Erziehung im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Als ertragreich für den Inklusionsdiskurs und die besondere Situation von SchülerInnen dieses Förderschwerpunkts erachten sie die fortlaufende Verknüpfung von Erziehungstheorien der Allgemeinen Erziehungswissenschaft und der Sonderpädagogik im speziellen. Das Bewusstmachen der erziehungstheoretischen Grundlegung ermöglicht Professionellen der pädagogischen Praxis eine Reflexion und zugleich Entlastung für den Fall des „Scheiterns“, so die Autoren. Gleichwohl die Erziehungsdiskussion für den Förderschwerpunkt unverzichtbar ist, wäre eine umfassendere Diskussion, Zusammenfassung und ggf. Gegenüberstellung der in den einzelnen Beiträgen herausgearbeiteten Perspektiven wünschenswert.

Das Herausgeberwerk ermöglicht unterschiedliche Erkenntnisse: Zum einen liefern die einzelnen Beiträge eine sehr gute und hilfreiche Zusammenfassung des jeweiligen Diskussions- und Forschungsstandes. Zum anderen werden die einzelnen Schwerpunkte sowohl ausführlich dargestellt als auch durch die breite Herangehensweise überblicksartig akzentuiert. Für eine tiefergehende Auseinandersetzung sind die an einen jeden Beitrag anschließenden kommentierten Literaturempfehlungen hilfreich.

Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung wird als „Nagelprobe“ (12) für Inklusion gesehen. Dennoch ist der Kreis an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit Fragen der Inklusion in diesem Bereich beschäftigen, relativ klein, sodass die Beiträge vielfach aufeinander verweisen. Nicht berücksichtigt werden intersektionale Perspektiven auf den Förderschwerpunkt, die im Sinne einer Selbstreflexion pädagogisch Professioneller für eine differenzierte Betrachtung der Klientel und der Interaktionen, in die sie involviert sind, gewinnbringend wären.

Bezugnehmend zur oben dargestellten Gesamtkonzeption der Schriftenreihe fällt auf, dass didaktisch-methodische Aspekte in keinem Beitrag des vorliegenden Sammelbandes explizit thematisiert werden. Gerade für praxisorientierte Leserinnen und Leser wären sicherlich die zahlreichen offene Fragen zur didaktischen Praxis des inklusiven Unterrichts im Bereich emotional-soziale Entwicklung von großem Interesse. Hier besteht ein anhaltender Bedarf.

[1] Herz, B. / Heuer, J.: Eine Pädagogik der Beschämung? Emotionale Gewalt als Disziplinartechnik. In: VHN, 83. Jg. Nr. 3, 2014, 246-249.
Marian Laubner (Hannover)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marian Laubner: Rezension von: Stein, Roland / Müller, Thomas (Hg.): Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Inklusion in Schule und Gesellschaft, Band 5. Stuttgart: Kohlhammer 2014. In: EWR 15 (2016), Nr. 1 (Veröffentlicht am 04.02.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978317024337.html