EWR 14 (2015), Nr. 5 (September/Oktober)

Rainer Bendel / Norbert Spannenberger (Hrsg.)
Katholische Aufklärung und Josephinismus
Rezeptionsformen in Ostmittel- und Südosteuropa
Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015
(397 S.; ISBN 978-3-412-22270-3; 49,90 EUR)
Katholische Aufklärung und Josephinismus Der Katholischen Aufklärung, einem lange vernachlässigten Forschungsgebiet der Frühneuzeitforschung, ist erst in den letzten Jahren vermehrte Aufmerksamkeit zuteil geworden [1]. Eine der neuesten Arbeiten zu dieser sowohl für die Historische Bildungsforschung als auch für die Aufklärungsforschung insgesamt bedeutenden Thematik haben jetzt der Tübinger Kirchenhistoriker Rainer Bendel und der Leipziger Osteuropahistoriker Norbert Spannenberger vorgelegt. Als Ergebnis der 48. Arbeitstagung des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte e. V. (Regensburg) haben sie einen umfangreichen Sammelband herausgegeben, der die vielfältigen Rezeptionsformen und Transformationsprozesse der Katholischen Aufklärung und des Josephinismus (einer von Joseph II. in Österreich erprobten Variante der Katholischen Aufklärung) auf den Gebieten der ehemaligen Habsburgermonarchie zwischen 1740 und 1820 zusammenträgt. Mit der Einordnung in die Rubriken „Regionale Perspektiven“, „Josephinismus und Glaubenspraxis“ und „Exemplarische biografische Perspektiven“ wird versucht, die vielseitigen und auf tiefgründige Untersuchungen gestützten Fallstudien auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dabei wird das Bemühen deutlich, Spezialwissen als auch notwendiges Überblickswissen zu vermitteln. Wegen der Komplexität der Thematik, der Vielfalt der Quellen, Ansätze, Untersuchungsschwerpunkte sowie nicht zuletzt aufgrund des wohlwollenden Detailreichtums der einzelnen Studien ist die Beantwortung der Frage nach den maßgeblichen Rezeptionsformen, nach Kernelementen und grenzüberschreitenden Gemeinsamkeiten einer Katholischen Aufklärung in Ostmittel- und Südosteuropa naturgemäß ein schwieriges Unterfangen. Die obligatorische Einführung in die Thematik, die als „Hinführung“ (23) verstanden werden soll, wird von dem Bamberger Domkapitular Norbert Jung geliefert, der sich in seinem Beitrag ebenfalls der Auseinandersetzung der katholischen Kirchengeschichtsschreibung mit der Aufklärung sowie der Internationalisierung der Erforschung der Katholischen Aufklärung widmet.

Was sind die wesentlichen Inhalte des Bandes? Mit der besonderen Berücksichtigung Ostmittel- und Südosteuropas werden in den einzelnen Beiträgen zunächst Räume in den Blick genommen, die allein durch ihre vermeintliche Abgeschiedenheit und Distanz zu den Zentren der Aufklärung bislang keine nennenswerte Rolle bei der Erforschung katholisch-aufgeklärter Ideen, Impulse und Reformen gespielt haben. Die Bearbeitung der Katholischen Aufklärung und des Josephinismus stützte sich lange Zeit vornehmlich auf die Deutung der reformpolitischen Konzepte, die in den Residenz- und Verwaltungszentren katholisch verfasster Territorien entwickelt und umgesetzt wurden, während Fragen nach der konkreten Wirkung, des Erfolgs und Misserfolgs der Reformbemühungen in den ländlichen, peripheren Strukturen der jeweiligen Territorien vergleichsweise wenig aufgeworfen wurden. Der Sammelband vermag hier erste Desiderate zu beseitigen und macht auf eindrückliche Weise darauf aufmerksam, inwiefern auch jenseits der Zentren und abseits vorherrschender Diskurse katholisch-aufgeklärtes Denken und Handeln betrieben wurde. Dabei wirkt der Untertitel des Sammelbandes fast missverständlich, da in den Beiträgen nicht nur von Rezeptionsprozessen im engeren Sinne gesprochen werden kann, sondern sich die Rezeption der Katholischen Aufklärung und des Josephinismus gerade auch durch die produktive Aneignung und Anpassung staatlich verordneter Reformen an die örtlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten auszeichnet und dadurch die lokalen Handlungsträger auch zu eigenen Ideen und Maßnahmen kommen konnten.

Für die Historische Bildungsforschung ist die Katholische Aufklärung nun insofern von Bedeutung, weil die aus innerkirchlichem Erneuerungsstreben einerseits und aus staatlichem Nützlichkeitsdenken andererseits gefassten Reformimpulse ganz wesentlich – wenn auch nicht ausschließlich – das Erziehungs- und Bildungswesen erfassten. Von besonderer Wichtigkeit erscheinen daher für den bildungshistorisch interessierten Leser im vorliegenden Band die Studien vom Osnabrücker Historiker Horst-Alfons Meißner und vom Mainzer Religionspädagogen Werner Simon, die beide das Wirken und Werk einflussreicher katholischer Geistlicher in Schlesien auf dem Gebiet des niederen Schulwesens beleuchten. So reflektiert Meißner mit seiner Studie zur Revision des Landschulwesens durch den königlich-preußischen Dekan und erzbischöflichen Vikar Carl Winter im Jahr 1770 die Schulreform in der katholisch geprägten, schlesischen Grafschaft Glatz vor dem Hintergrund des preußischen Generallandschulreglements. Während sich die schlesischen Schulverhältnisse in dieser Zeit kaum von den Zuständen in anderen Gegenden unterschieden, so ist es doch erstaunlich, inwiefern vom protestantisch dominierten Preußen auch die Notwendigkeit und Möglichkeit zur Aufklärung der überwiegend katholischen Bevölkerung Schlesiens gesehen wurde – zumal in der zeitgenössischen protestantisch-aufgeklärten Publizistik allein die Reformfähigkeit der Katholiken infrage gestellt wurde. Gerade im Fall Schlesiens ist jedoch auch zu bedenken, dass eine solche staatliche Bildungsstrategie nicht allein dem Zweck diente, eine katholische Bildungslandschaft preußischer Prägung zu schaffen, sondern auch die administrative Durchdringung des nach dem Schlesischen Krieg neu gewonnen Landes mit Hilfe lokaler Kräfte voranzubringen. Dem Fazit Meißners, diese „Volksbildungsoffensive“ insgesamt als eine „wirkliche Pioniertat“ (325) zu beurteilen, lässt sich durchaus beipflichten, da es sich dort um eine außerordentlich frühe Revision und in weiten Teilen vollendete katholisch-aufgeklärte Reform des Schulwesens handelt, die sich viele geistliche Staaten des Alten Reiches später zum Vorbild nahmen [2].

Auch Werner Simon beleuchtet in seinem Beitrag die Schulreform sowie die Reform der Katechese in Schlesien in den 1760/70er Jahren. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Wirken und Werk des Augustinerchorherren Benedikt Strauch (1724–1803), das eng mit der Reformtätigkeit des weitaus bekannteren Johann Ignaz Felbiger (1724–1788), Abt des Augustinerchorherrenstifts zu Sagan, verknüpft ist. Der bislang unzureichenden Würdigung Strauchs, der als ein scharfsinniger Denker und engagierter Verfasser religionspädagogischer Schriften bekannt war, stellt Simon dessen bedeutenden und deswegen unverkennbaren Anteil an der Entwicklung neuer Unterrichtsmethoden gegenüber, die später als „Sagan’sche Lehrart“ überregionale Bedeutung erlangten. Die detaillierte, quellenbasierte und umfassende Studie verschafft einen tiefgründigen Einblick in das gemeinsame Werk von Felbiger und Strauch und deutet es vornehmlich unter religionspädagogischen Gesichtspunkten. Äußerst anregend und erhellend ist die abschließende konkrete Beurteilung des Wirkens Strauchs als „ein Ansatz „katholischer Aufklärung““ (291). An dieser Stelle verdeutlicht Simon anhand der von Strauch in einer Predigt angeführten und für die Aufklärung bezeichnenden Lichtmetaphorik, dass nach Strauchs Verständnis eine für die schulische Erziehung und Bildung zweckmäßige Aufklärung bereits grundlegend im christlichen Offenbarungsglauben begründet liegt, wodurch frommes und aufgeklärtes Denken, Handeln und Glauben grundsätzlich in keinem Gegensatz zueinander stehen.

Der Sammelband liefert insgesamt profunde Studien, die zur weiteren Auseinandersetzung mit der Breiten- und Tiefenwirkung der Katholischen Aufklärung und des Josephinismus anregen – und zwar nicht nur mit Blick auf die Kirchen- und Kulturgeschichte Osteuropas. Denn bei der Beschränkung auf die Erforschung nur eng umschlossener lokaler Rezeptionsformen, Strukturen, Medien, Akteure und Räume besteht die Gefahr, die wirkliche Strahlkraft aus dem Blick zu verlieren, die aufgeklärte Ideen bisweilen auch über große räumliche Distanzen hinweg zur Wirkung gelangen ließen. So wird im vorliegenden Band die Bedeutung überregionaler Netzwerke und Diskurse häufig unterschätzt. Für den ostmittel- und südosteuropäischen Raum liefert der vorliegende Sammelband nun vielfältige biografische, mediale und institutionelle Anknüpfungspunkte, von denen in Zukunft noch zahlreiche Verbindungslinien zu anderen Räumen, Akteuren, Medien und Konzepten konstruiert werden können, die auch das Potential besitzen, die Grenzen der ehemaligen Habsburgermonarchie zu überschreiten.

[1] Vgl. hierzu vor allem Klueting, H. (Hrsg.): Katholische Aufklärung – Aufklärung im katholischen Deutschland. Hamburg: Meiner 1993; Lehner, U. L. / Printy, M. (Hrsg.): A Companion to the Catholic Enlightenment in Europe. Leiden: Brill 2010; Flammer, T. / Freitag, W. / Hanschmidt, A. (Hrsg.), Franz von Fürstenberg (1729–1810): Aufklärer und Reformer im Fürstbistum Münster. Münster: Aschendorff 2012.
[2] Vgl. z.B. Hanschmidt, A.: Schulverordnung – Schulvisitation – Schulkommission – Lehrerprüfung – Normalschule. Die Entstehung der Institution der Elementarschulreform im Fürstbistum Münster 1772 bis 1784. In: Ders. (Hrsg.): Elementarschulverhältnisse im Niederstift Münster im 18. Jahrhundert. Die Schulvisitationsprotokolle Bernard Overbergs für die Ämter Meppen, Cloppenburg und Vechta 1783/84. Münster: Aschendorff 2000, 152–174.
Andreas Oberdorf (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Oberdorf: Rezension von: Bendel, Rainer / Spannenberger, Norbert (Hg.): Katholische Aufklärung und Josephinismus, Rezeptionsformen in Ostmittel- und Südosteuropa. Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 5 (Veröffentlicht am 23.09.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978341222270.html