EWR 11 (2012), Nr. 1 (Januar/Februar)

Sammelrezension zu Rudolf Steiner

Miriam Gebhardt
Rudolf Steiner
Ein moderner Prophet
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2011
(368 S.; ISBN 978-3-4210-4473-0; 22,99 EUR)
Heiner Ullrich
Rudolf Steiner
Leben und Lehre
München: Beck 2011
(266 S.; ISBN 978-3-4066-1205-3; 19,95 EUR)
Helmut Zander
Rudolf Steiner
Die Biografie
München: Piper 2011
(535 S.; ISBN 978-3-4920-5448-5; 24,95 EUR)
Rudolf Steiner Rudolf Steiner Rudolf Steiner Zu Beginn des Jahres 2011 sind die o.g. drei Bände zu Rudolf Steiner erschienen, rechtzeitig zum 150. Geburtstag des Protagonisten im Februar 2011. Für wen sind sie geschrieben worden? Wohl nicht in erster Linie für die Anhänger der Anthroposophie, denn die präferieren wahrscheinlich die biografischen Werke aus der Feder von Anthroposophen [1]. Die Zielgruppen waren wohl andere. Während Ullrich und Zander bereits früher mit Publikationen zu Steiner und der Anthroposophie hervorgetreten sind [2], ist dies für Gebhardt nicht festzustellen. Alle drei sind habilitiert – Gebhardt und Zander in der Geschichtswissenschaft, Ullrich in der Erziehungswissenschaft – und lehren an Universitäten, wobei Gebhardt zugleich als Journalistin tätig ist. Alle drei sind nicht als Anthroposophen bekannt, sondern – zumindest gilt dies für Zander und Ullrich – als Autoren, die sich kritisch mit der Anthroposophie befasst haben und erhebliche Gegenkritik dafür erfahren haben. Einer entsprechenden Aufmerksamkeit auch unter Anthroposophen dürften also die Bücher dieser beiden gewiss gewesen sein, während Gebhardt im Feld der Anthroposophie- und Steiner-Deutungen ein unbeschriebenes Blatt darstellte. Das hat sich inzwischen sicher geändert.

Bleibt man zunächst bei den Äußerlichkeiten der Bände, so frappiert, dass bei Gebhardt und Ullrich das gleiche Foto benutzt wurde, das auch bei Lindenberg den Umschlag ziert: Steiner in Denkerpose um 1914, also in einer Zeit, als die Loslösung von der Theosophischen Gesellschaft und die Begründung der anthroposophischen Gesellschaft schon stattgefunden hatte. Vom Umschlag des Buches von Zander grüßt ein deutlich jüngerer Steiner aus dem Anfang der 1890er Jahre, der zwar in seinem Kleidungsstil schon einiges mit dem späteren gemeinsam hat, aber in seiner Selbstdarstellung noch weit entfernt ist von dem Bild des Sehers, das die späteren Jahre kennzeichnen sollte. Damit wie mit der Titelgestaltung ist, auch wenn diese Dinge von den Verlagen bestimmt werden, eine erste Unterscheidung gesetzt, die auch beim Lesen der drei Bände wiederzufinden ist. Die Titel unterscheiden sich zwar nur im Untertitel – dass der Name der vorzustellenden Person den Haupttitel abgibt, ist selbstverständlich –, aber auch sie geben erste Hinweise auf den Anspruch und die Ausgestaltung. Sind bei Ullrich „Leben und Lehre“ genannt, wird bei Gebhardt mit dem Untertitel „Ein moderner Prophet“ eine Interpretationslinie vorgegeben und auf dem Schutzumschlag durch ein schlichtes „Biographie“ ergänzt, während es bei Zander anspruchsvoll – und wohl auch mit Lust an der Provokation – „Die Biografie“ heißt [3].

Ullrich stellt Steiners Biografie in einem etwa 90 Seiten umfassenden Kapitel vor, bevor er sich auf gut 80 Seiten mit der Lehre Steiners sowie auf 30 Seiten mit dessen Rezeption und Kritik befasst, um schließlich in einem 4. Kapitel die Waldorfpädagogik als „größte[n] Erfolg“ der Steinerschen Lehre auf weiteren 40 Seiten in den Blick zu nehmen. Der Anteil der Biografie beträgt also nur etwas mehr als ein Drittel des Textteils, während Gebhardt und Zander Steiners Biografie folgen und die Darstellung der Entwicklung der Steinerschen Lehre in die der Biografie einbetten – was allerdings bei Gebhardt im Verhältnis zu Zander nur recht oberflächlich geschieht.

Weitere Formalia seien rasch noch erwähnt: Alle drei Bände weisen Register auf, wobei dieses bei Gebhardt auf Namen reduziert ist, während bei Ullrich und Zander auch Orte und Sachen integriert sind, was freilich bei Registereinträgen wie „Berlin 100-120“ (bei Zander) auch etwas befremdlich wirkt. Immerhin kann man so gewahr werden, dass auch „Bielefeld“ einmal eine Rolle spielte [4]. Eine Zeittafel findet sich bei Gebhardt und Ullrich, Bilder sind in allen Werken vorhanden: bei Gebhardt und Ullrich in den fortlaufenden Text eingebaut, bei Zander als Bildteil in besonderer Qualität. Neben Bildern von Steiner (bei Gebhardt fast ausschließlich [5]) sind solche von Familienangehörigen und Wegbegleitern zu finden, aber auch – bei Ullrich – Plakate und Tafelbilder Steiners sowie Bilder von Eurythmiefiguren und -tänzerinnen.

Bei der Gestaltung der Nachweise und der Literaturhinweise unterscheiden sich die drei Werke in der Weise, dass Gebhardt und Zander die Literaturangaben in den Anmerkungen unterbringen und kein gesondertes Literaturverzeichnis (Zander) bzw. nur eine gesonderte, recht übersichtliche Auswahlbibliografie (Gebhardt) präsentieren, während Ullrich mit Kurztitelangaben zitiert und ein Literaturverzeichnis mit den Werken und Einzelschriften Steiners sowie weiterer (Sekundär-)Literatur die Suche nach den je interessanten Titeln erleichtert.

Erste Hinweise auf inhaltliche Unterschiede wurden bereits mit Blick auf die Titel und die Inhaltsgliederung gegeben. Betrachtet man die Bände im Einzelnen nun genauer, werden die Unterschiede deutlicher sichtbar. Dazu werden die drei Bände zunächst nacheinander kurz vorgestellt, bevor ein abschließendes Fazit gezogen wird. Willkürlich wird mit dem schmalsten der Bände begonnen, also mit dem Buch von Heiner Ullrich. Danach folgt der Band mit dem mittleren Umfang von Miriam Gebhardt. Den Abschluss bildet der umfangreichste Band von Helmut Zander.

Ullrich widmet sich Steiners „Leben und Lehre“ vor dem Hintergrund, dass Steiner in der Regel hochkontroverse Reaktionen hervorrufe – „von enthusiastischer Bewunderung bis hin zu Verachtung“ (9) – was es besonders schwer mache, sich der Person und dem Denken Steiners anzunähern. Das sehr umfangreiche Gesamtwerk Steiners und seine „oft fremdartig-esoterisch anmutenden, eher bildhaften als begrifflichen“ Texte stellen nach Ullrich ebenfalls hohe Hürden „für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner“ dar (10). Naheliegend sei daher der Weg über die Biografie, wobei Ullrich allerdings hinzufügt, dass eine „quellenkritische Biographie, die auch die krisenhaften Momente in Steiners Lebenslauf […] klarer akzentuiert, […] weiterhin ein Desiderat“ bleibe (11). Sein eigener Anspruch sei auch bescheidener, denn es gehe ihm v.a. darum, „auf dem neuesten Forschungsstand und mit größtmöglicher Fairness in das Leben und die Entwicklung der Lehre“ Steiners einzuführen (12). Dabei werde ein Schwerpunkt auf die Waldorfpädagogik gelegt, weil über diese „die meisten Menschen mit der Anthroposophie in Kontakt kommen“ (12).

Im ersten Kapitel folgt nach diesen einleitenden Worten die Darstellung von „Lebensgang und Gedankenwelt“ Steiners (13ff). Der Weg Steiners (geografisch) vom (heute kroatischen) Kraljevec über Wien, Weimar und Berlin nach München und schließlich nach Dornach, (ideell) vom naturwissenschaftlich-technischen Interesse über idealistische Philosophie und Goetheforschung hin zu Theosophie und Anthroposophie wird anhand der vorliegenden autobiografischen und biografischen Darstellungen in klaren Strichen nachgezeichnet, wobei auch die Brüche erwähnt werden, die den Lebensgang Steiners gekennzeichnet haben. Auf der Basis dieses Einblicks in das Leben folgt im zweiten größeren Kapitel die Darstellung der „Lehre“ (97ff), in der zuvor angesprochene Themen noch einmal aufgenommen und vertieft werden.

Dass Ullrich dabei den Anspruch der „größtmöglichen Fairness“ erfüllt, kann attestiert werden. Ob es diesem Anspruch an Fairness geschuldet ist, dass manche Textpassagen bei flüchtigem Lesen den Eindruck vermitteln, dass der Autor Steiners Denken ohne Kenntlichmachung der Beobachterperspektive vorstellt, muss offen bleiben – irritierend ist es allemal. Ein Beispiel soll dies illustrieren: Im Abschnitt über die „Entwicklungsgemäße Erziehung“ (151ff) muss auf die Entwicklungslehre Steiners eingegangen werden. Durch die Einflechtung von Formulierungen wie „für Steiner“ oder „nach Steiner“ wird dabei auch immer wieder deutlich gemacht, dass es sich um die Darstellung von dessen Gedankengut handelt. In einem Absatz aber heißt es dann: „Im ersten Jahrsiebt entfaltet das erdenreif gewordene Kind seine äußeren Sinne durch nachahmendes Lernen. Deshalb kommt alles darauf an, dass für die nun freigewordenen Kräfte des physischen Leibes eine angemessene dingliche und moralische Umgebung vorbereitet wird.“ (153) Hätte Ullrich diese Passage, wie man es erwarten würde, im Konjunktiv formuliert, dann wäre der Eindruck ein ganz anderer. Man mag einwenden, dass die Lektüre dadurch erschwert würde und ja ohnehin klar sei, dass der Autor (Ullrich) hier nur die Gedankenwelt eines anderen (Steiner) darstelle – angemessener schiene mir diese Form dennoch.

Das tut dem Band insgesamt kaum Abbruch, denn Ullrich geht souverän auf die verschiedenen Aspekte der Anthroposophie ein – von der Entwicklungslehre bis hin zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Wer eine knappe Einführung in die Anthroposophie sucht, wird hier fündig. Dies gilt auch für die Diskussion der „Rezeption und Kritik“ (Kap. 3, 173ff), wobei die kritische Sicht freilich überwiegt. Ullrich benennt philosophische und wissenschaftstheoretische Ansätze der Kritik an der Erkenntnistheorie und Ethik der Anthroposophie, analysiert den Wissenschaftlichkeitsanspruch der Anthroposophie, der vor dem Hintergrund des modernen Wissenschaftsverständnisses defizitär sei, konstatiert eine „Rückkehr des mythischen Denkens“ (180ff) und geht schließlich auf die zuletzt intensiv geführte Debatte ein, ob die Anthroposophie rassistisch sei, wobei er besonders hier die „größtmögliche Fairness“ walten lässt, indem er die Argumente beider Seiten zwar knapp, aber im Rahmen des Möglichen ausführlich nennt und zu dem Ergebnis kommt, dass „Steiner nicht der völkisch-rassistische Antisemit“ gewesen sei, „zu dem ihn seine polemischen Kritiker gerne machen“ (200), ohne das Problem zu verharmlosen, das in den Äußerungen Steiners über die verschiedenen „Rassen“ und deren weltgeschichtliche Bedeutung steckt.

Das vierte Kapitel ist schließlich der Waldorfpädagogik einschließlich der Heilpädagogik gewidmet (203ff). Vorgestellt werden die pädagogischen Leitlinien sowie die Ausgestaltung der Waldorfschulen vom Lehrplan bis zu den Bauten. Besonders hervorzuheben ist die knappe Zusammenfassung von Ergebnissen der empirischen Forschung zu Waldorfschulen in den letzten Jahren (234ff), die z.B. eine relativ homogene soziale Zusammensetzung der Schülerschaft, ein schlechteres Abschneiden bei nationalen Schulleistungstests, aber zugleich höhere soziale Kompetenzen und eine hohe Akademikerrate der Absolventinnen und Absolventen aufgezeigt haben.

In seinem Nachwort, „Steiner als Lebensreformer“ (243ff), kommt Ullrich zu dem Ergebnis, dass „[n]icht die Anthroposophie, sondern die lebensreformerischen Impulse Rudolf Steiners […] bis heute eine eindrucksvolle Wirkung entfaltet“ hätten (243). Wenn dann am Ende die „Fruchtbarkeit seiner [Steiners, KPH] vielfältigen praktischen Anregungen“ ins Spiel gebracht und ihr das „Befremdliche seiner Lehre“ (245) gegenübergestellt wird, stellt sich erneut die Frage, ob man die Praxis ohne die Lehre haben kann – eine Frage, die von Ullrich aber nicht beantwortet wird.

Miriam Gebhardt betont in ihrem eher journalistisch geschriebenen Band die Perspektive der Historikerin, der es darum gehe, die Biografie Steiners zu kontextualisieren: „Nur über Steiners Zeitgenossenschaft wird man ihm näherkommen“ (11). Die Autorin platziert Steiner also dort, wo auch Ullrich ihn sah: im Kontext der Lebensreformbewegung des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund wird Steiner in der Folge als ein „Prophet“ unter vielen vorgestellt, wobei insbesondere die Autobiografie Steiners als Selbststilisierung und die Biografien (u.a. vom „Hausbiographen“ Lindenberg, vgl. 36 oder 54) als hagiografische Arbeiten kritisiert werden – eine Kritik, die ähnlich auch von Zander geäußert wird. Gleich zu Beginn bei der Charakterisierung Steiners als aus einer bildungsfernen und unterprivilegierten Familie stammend erweist sich die Stärke der kontextualisierenden Sicht, denn bei einem vergleichenden Blick wird deutlich, dass Steiners Vater als Bahnbeamter sicher nicht zur untersten Schicht der Bevölkerung gehörte und durchaus Bildungsaspirationen hegte, die v.a. für seinen ältesten Sohn einen Aufstieg durch höhere Schulbildung möglich machen sollten (siehe 34ff).

So wichtig die Kontextualisierung ist und so gut gelungen die Präsentation Steiners als eines Menschen der Moderne, so wenig überzeugen viele Details (als ein Beispiel diene hier die Passage zu Käte Kruse, 94f) und so unklar werden die Begriffe „Prophet“ und „Guru“ benutzt. So heißt es bei Gebhardt: „Der Schlüssel zum Verständnis seiner ungeheuer lang anhaltenden Wirkung liegt jedoch nicht in seiner Stilisierung zum dämonischen Propheten, wie die Anthroposophiekritiker glauben, aber auch nicht in seiner Heiligsprechung durch die Adepten – er liegt im Tatbestand der gekonnten Verkörperung eines modernen Gurus“ (18). – Was denn nun, fragt man sich: Ein „dämonischer Prophet“ war Steiner nicht, aber laut Untertitel des Buches ein „moderner Prophet“, oder doch eher ein „moderner Guru“? Der zuletzt genannte Begriff des Gurus scheint passender als der des Propheten, taucht aber im späteren Text nicht mehr als tragender Begriff auf. Stattdessen ist wiederholt vom modernen Propheten die Rede, ohne dass die Konstruktion im Verlauf an Überzeugungskraft gewinnt.

Das Adjektiv „modern“ allerdings verweist auf einen Aspekt, den zu betonen man nicht genug tun kann: Steiner war ein Vertreter der Moderne, und darin einer von vielen, die eine Möglichkeit des Umgangs mit der Moderne und den mit ihr einhergehenden Problemen aufgezeigt haben (12ff). Ihn als antimodernen oder vormodernen Denker zu kennzeichnen, führt in die Irre. Besonders sinnfällig wird dieser moderne Zug an Steiner in dem Versuch Gebhardts, ihn mit Bezug auf die „historische Soziologie“ als „transgressives Subjekt“ zu beschreiben, als einen Menschen, der wie viele andere „um die Jahrhundertwende herum [sich] selbst mittels der Überschreitung von bürgerlichen Identitätsgrenzen identifiziert hat“ (121). Steiners Weg wird damit als ein Weg der stetigen Neuerfindung sichtbar, was ebenfalls für Modernität spricht.

Mehr und Differenzierteres über die Kontexte des Steinerschen Lebens und Denkens erfährt man in der Biografie Steiners, die Helmut Zander vorgelegt hat. Auf jahrelangen Studien zur Anthroposophie und ihrer Entwicklung, also auf profunder Quellenkenntnis weit über Steiners Schriften hinaus basierend, legt Zander vielleicht die quellengesättigte und quellenkritische Biografie vor, von der Ullrich sagt, sie sei ein Desiderat. Auch Zander folgt dem Lebensgang Steiners, auch er setzt sich kritisch ab von den Steiner-Biografien Lindenbergs und anderer Anthroposophen – zuweilen etwas sehr salopp formulierend – , auch er betrachtet Steiner im Verhältnis zu seiner jeweiligen Umwelt und zu den Denktraditionen, auch er stellt die Waldorfpädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft sowie die anthroposophische Medizin vor, auch er betont die Brüche und Wandlungen in Steiners Leben und Gedankengebäude und versucht, sie zu verstehen, zu erklären – aber er benutzt dazu keine „Prophet“- oder „Guru“-Zuschreibungen, sondern verlässt sich auf das Material, das er ausbreiten kann. Und dieses Material ist sehr reichhaltig: Man kann den Eindruck gewinnen, dass alle Quellen durchforstet wurden, in denen jemals Steiner eine Rolle spielte, sei es als Verfasser oder Adressat, sei es als Gegenstand in den Beschreibungen anderer. Damit wird (in Anlehnung an Clifford Geertz [6]) eine dichte Biografie vorgelegt, von der allerdings der Autor trotz des Untertitels seines eigenen Buches sagt, dass es „die“ Biografie Steiners nicht sei, weil es „die“ Biografie – nicht nur von Steiner – aus wissenschaftlicher Sicht nicht geben könne (473).

In seinem abschließenden Kapitel (473ff) erweist sich Zander als souveräner Kenner der verschiedensten Biografen und Biografien und zugleich als durchaus um „Fairness“ (s. Ullrich) bemühter Kritiker: „Die vorliegende Biografie versucht, den bis dato erarbeiteten Wissensstand über Rudolf Steiner zusammenzutragen und in eine Deutung zu überführen, die den Anspruch Steiners, Hellseher zu sein, nicht aus der Perspektive ewiger Wahrheiten erklärt, sondern aus der Lebenswelt des 19. Jahrhunderts. Sie versucht, Steiners Leistungen anzuerkennen, ohne den Blick für „Versteinerungen“ zu verschließen. Viele Anthroposophen fürchten, die historisch-kritische und kontextualisierende Biografik sei das Ende einer spirituellen Steiner-Deutung: Aber das scheint mir nur ein Ausdruck intellektueller Angst“ (477). Auch bei Zander scheint, wie bei Ullrich, der Versuch vorzuliegen, sich einem umstrittenen Denker so zuzuwenden, dass die Differenzen in der Deutung nicht übertüncht werden, aber doch nicht zu wechselseitigen Abwertungen führen müssen, zumal dann nicht, wenn man als Wissenschaftler seine eigene Deutung nicht als „das letzte Wort“ ansieht (477).

In bildungshistorischer und erziehungswissenschaftlicher Sicht bieten die drei Biografien Steiners unterschiedliche Ansatzpunkte. Steiner im Kontext seiner Zeit zu verorten wird am ehesten mit Zanders Arbeit gelingen, zu deren Lektüre man allerdings einen längeren Atem benötigt als für die knappere Arbeit von Ullrich, bei der die personellen und thematischen Bezüge, in denen Steiner sich bewegte, zwar auch vorkommen, aber nicht so intensiv ausgeleuchtet werden. Beide sind intime Kenner der Materie, was man von Gebhardt nur mit deutlichen Einschränkungen sagen kann, deren Buch durch die etwas weitere Perspektive auf die Zeitumstände punktet – was freilich noch stärker wirken würde, wenn die bisweilen etwas weit weg führende Kontextualisierung und die etwas enge Deutung Steiners als „moderner Prophet“ nicht die Perspektive auf Steiner und seine Gedankenwelt paradoxerweise verengen würden.

Für die Biografik, die ja auch in der bildungshistorischen Literatur hin und wieder noch eine Rolle spielt, und für die Frage nach dem Umgang mit Klassikern kann man von Ullrich und Zander lernen, wie man ein distanziertes Vorgehen mit in einem gewissen Sinne wohlwollender und insgesamt fairer und differenzierter Kritik verbinden kann; wichtig ist dafür v.a. auch die Einsicht, dass die eigene Deutung eben nur eine Deutung unter mehreren ist und durch weitere wissenschaftliche Forschung überholt werden kann.

Wer also Interesse an einer kenntnisreich kontextualisierenden und zugleich in Details gehenden Biografie Steiners hat, sollte Zander lesen. Wer die Biografie nicht ganz so wichtig findet, sich aber trotzdem über die Zusammenhänge von Biografie und Werk bzw. „Lehre“ Steiners fundiert informieren will, der ist bei Ullrich besser aufgehoben. In beiden Bänden sind zudem die Abschnitte über die Waldorfpädagogik, den biologisch-dynamischen Landbau und die Medizin in aller Knappheit sehr informativ und als Einstieg in die bis heute präsenten anthroposophisch fundierten Praxen zu empfehlen.

[1] V.a. Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie. Stuttgart: Freies Geistesleben 1997 (2 Bände mit knapp über 1.000 Seiten). Dieses Werk wurde 2011 in broschierter Form in einem Band neu herausgegeben.

[2] Siehe v.a. Heiner Ullrich: Waldorfpädagogik und okkulte Weltanschauung. 3. Aufl. Weinheim, München: Juventa 1991. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945. 2 Bde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007 (2. Aufl. 2007; kartonierte Sonderausgabe ebd. 2008).

[3] Man bedenke dabei, dass es bei Lindenberg, einem der besten Kenner der Quellen und Anthroposophen, nur „Eine Biographie“ heißt, und dass Zander aufgrund seiner Darstellung und Analyse der Anthroposophie heftigen Angriffen seitens der Anthroposophie-Anhänger ausgesetzt war.

[4] Verwiesen wird im Register auf die Seite 448.

[5] Hier fällt auch die Betitelung der Bilder im Bildnachweis auf. So wird ein Foto von Steiner auf S. 258, das dort ohne Erläuterung abgedruckt wird, im Bildnachweis folgendermaßen beschrieben: „Rudolf Steiner als moderner Prophet 1920 (Picture Alliance, Frankfurt, dpa Fotoreport).“ Statt etwas über den Kontext der Aufnahme zu erfahren, wird man auch hier mit der Interpretationslinie der Autorin konfrontiert.

[6] Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003 (Orig. 1973).
Klaus-Peter Horn (Göttingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Klaus-Peter Horn: Rezension von: Gebhardt, Miriam: Rudolf Steiner, Ein moderner Prophet. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 1 (Veröffentlicht am 24.02.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978342104473.html