EWR 14 (2015), Nr. 4 (Juli/August)

Richard Kubac
Vergebliche Zusammenhänge?
Erkenntnispolitische Relationierungen von Bildung und Kritik
Theorieforum Pädagogik, Band 4
Paderborn: Schöningh 2013
(216 S.; ISBN 978-3-5067-7660-0; 29,90 EUR)
Vergebliche Zusammenhänge? Die Sehnsucht nach Theorie ist „in“. Eine solche Aussage ließe sich vor dem Hintergrund aktueller, ein breites sozial- und / oder geisteswissenschaftlich affiziertes Publikum anvisierender, auflagestarker Publikationen wie „Der lange Sommer der Theorie“ von Philipp Felsch oder „Wiedersehen mit den Siebzigern“ von Ulrich Raulff formulieren. Sie entfalten in gewohnt meisterhaftem Stil – aus einer Perspektive der biographischen Distanz oder eben des biographischen „Mittendrins“ – Theoriediskurse vergangener Jahrzehnte, als Theorie „Wahrheitsanspruch, ein Glaubensartikel und ein Lifestyle-Accessoire“ war [1], oder porträtieren durch nuancenreiche Beschreibungen von „hippen“ Theoretikern und ihrem „Publikum“ die 1970er-Jahre, in denen das Erotische mit der Intellektualität verknüpft und Lesen ‚sexy’ gewesen sei [2].

Eine Sehnsucht nach Theorie bzw. präziser: nach ganz bestimmten Formen der Theoriearbeit zeigt sich aber auch in Veröffentlichungen, die – in expliziter Auseinandersetzung mit den Ansätzen vorzugsweise aus den „wilden Jahren des Lesens“ [3] – zeitgenössische Theorieperspektiven zu analysieren und zu re-perspektivieren suchen. Dabei „erkenntnispolitische Relationierungen von Bildung und Kritik“ vorzunehmen und nach den vermeintlich „vergeblichen Zusammenhängen“ dieser begrifflichen In-Verhältnis-Setzung zu fragen, ist das ambitionierte und eindrücklich verwirklichte Programm der bei Schöningh in der renommierten Reihe „Theorieforum Pädagogik“ erschienenen Monographie von Richard Kubac. Die an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien als Dissertation eingereichte und für die Publikation überarbeitete Studie ließe sich als Gelehrtenarbeit im schönsten Sinne beschreiben. Dies zeigt sich nicht etwa daran, dass die Kenntnis der Bedeutung der für die Arbeit zentralen Begrifflichkeiten als derart selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass diese kaum eine Klärung erführen, sondern in der eindrücklich souveränen Beherrschung einer präzisen, klaren und ästhetischen Form der Sprache sowie im Einlösen einer Herausforderung, die im Prolog als für jede Dissertation zentral formuliert wird: sowohl eine umfassende Kenntnis des breiten Themenfeldes als auch eine Spezialisierung hinsichtlich des Erkenntnisinteresses zugleich auszuweisen. Mit der Relevanz grundlagentheoretischer Reflexionsarbeit, die als strategischer Einsatz des Denkens verstanden wird, setzt sich Kubac so auseinander‚ dass er im Schreiben darüber auch den Leser*innen vor Augen führt, wie diese zu leisten sei.

Dabei geht der Autor nicht etwa historisch der Frage nach – wie dies stellenweise die ersten beiden erwähnten Bücher tun –, was Theorie war, sondern behält stets im Blick, was das Mögliche für eine Theorie(arbeit) bedeute. Aber: Wie lässt sich das Ungedachte denken, das auf dem Horizont der Möglichkeiten aufscheinende Mögliche entfalten – ohne dabei beliebig zu werden? Zum Beispiel: spekulativ [4]. Nur nicht im Sinne „metaphysikverdächtige[r]“, „realitätsferner Grübelei“ (13), welcher Zuschreibung die von Kubac propagierte Theoriearbeit spätestens seit der empirischen Wende in den 1970er-Jahren begegnet, sondern „im Sinn kritischer Selbstreflexion des Verstandes, seiner Begrenztheit und ihrer Selbstkorrektur“ (16), wie Adorno in Bezugnahme auf Hegel formuliert. Eine Entfaltung des Möglichen wäre damit auch nur im Zusammenhang mit der Kritik der jeweiligen Möglichkeitsbedingungen zu leisten. Entsprechend plädiert Kubac dafür, bildungsphilosophische grundlagenreflexive Theoriearbeit prologisch orientiert, also „möglichkeitserschließend“ aufzufassen und dies heißt, so schreibt er mit Meyer-Wolters: „zwischen der Beschreibung von Ist-Zuständen, der Spekulation über darin enthaltene Möglichkeiten und der Frage nach der Legitimität von Ist-Zuständen und Möglichkeiten hin und her zu wechseln und diese ineinander zu spielen“ (21). Darin wird auch das Interesse an der erkenntnispolitischen, d. h. sich zu Erkenntnis selbst verhalten müssenden (46) Dimension des Denkens – explizit im Hinblick auf Bildung und Kritik – ausgewiesen. Wenig plausibel erscheint allerdings, aus welchen Gründen eine so gefasste, sich prologisch, spekulativ und reflexiv verstehende bildungstheoretische Grundlagenarbeit dem – in Galtungs Kategorisierung – „teutonischen“ (25) Denkstil verpflichtet werden will und was der intellektuelle Ertrag einer solcher Festlegung sein solle.

Die Relevanz eines wie von Kubac entfalteten wissenschaftlichen Denkanspruchs wird je dringlicher und aktueller, desto wortgewaltiger eine Krisenhaftigkeit grundlagentheoretischer Reflexionsarbeit (hinsichtlich der Relationierung von Bildung und Kritik) diagnostiziert und ihr „rapide[r] Imageverlust“ (19), „wachsende[r] Bedeutungsverlust“ (20), ihre „depotenzierte diskursive Bedeutung“ (21) und „krisenhafte Marginalisierung“ (23) konstatiert wird. Die Studie liest sich jedoch nicht nur als eine systematische Anklage gegen Instrumentalisierungsversuche von Theorie, gegen den Einsatz naturwissenschaftlicher Logiken in human- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, gegen die positivistisch ausgerichtete empirische Bildungsforschung, gegen das Epilogische, gegen dogmatische Setzungen und Wahrheitspostulierungen, die sich als halt-los erweisen mögen, wie „evidenzbasiert“ sie sich selbst auszuweisen trachten. Denn eine solche Dramaturgie – sozusagen den „Gegner“ aufzubauen und gegen ihn anzuschreiben – ist ebenso ertragreich wie verfänglich: Sie lässt einen vielseitigen Blick auf diesen „Gegner“ und konkret etwa dafür, welche andere Art von Bildungsforschung auch möglich wäre, kaum offen. Zugleich ermöglicht sie eine differenzierte und präzise Entfaltung des eigenen Gegenentwurfes, der bei Kubac auch daraufhin geprüft wird, inwiefern dieser den aufgestellten anspruchsvollen Kriterien selbst entspricht. Darin lässt sich bereits die Methode der Studie erkennen: Es ist die des Hinterfragens, auch der eigenen Hintergründe. So begegnet die Arbeit der Legitimationskrise von Grundlagenreflexion im Allgemeinen und in der Pädagogik im Speziellen auf systematische Weise, wovon bereits der eindrücklich durchkomponierte Aufbau zeugt.

In der auf den Prolog folgenden Introduktion (Kapitel eins) erfolgt eine begriffsgeschichtliche Auslegung des Theoriebegriffs als contemplatio, speculatio und consideratio sowie eine Begründung der Relevanz von Grundlagenreflexion. Zudem wird die Erschließung der „Problematizität des Legitimationsdispositivs [...] für kritisch-bildungstheoretische Denkeinsätze“ (38) aus einer erkenntnispolitischen Redimensionierung in Aussicht gestellt. Doch wie lässt sich die Bedeutsamkeit von Bildung und Kritik bildungswissenschaftlich legitimieren, wenn diese Begriffe zwar vielfach beschworen, angesichts eines Legitimationsdefizits jedoch dem Trivialitätsvorwurf ausgesetzt sind – der auch, so die These von Kubac, die Theoriearbeit selbst tangiert? In Anbetracht dieser Frage werden in den anschließenden beiden Kapiteln zwei „Enttrivialisierungsstrategien“ untersucht: die kritisch-materialistische Bildungstheorie, insbesondere in Bezugnahme auf die Arbeiten von Peter Euler und Astrid Messerschmidt (Kapitel zwei), sowie der skeptisch-transzendentalkritische Denkeinsatz, für den die Beiträge von Wolfgang Fischer und Jörg Ruhloff herangezogen werden (Kapitel drei). Erstere Theorieperspektive versuche dabei der Trivialisierung des Verhältnisses von Bildung und Kritik „im Modus der Reflexivität“ (51–90), letztere „im Modus der Methodisierung“ (91–130) ihrer begrifflichen Gehalte zu begegnen. Beide erfahren eine Kritik mit der zentralen Begründung: Sie blieben einer klassischen Figuration des Legitimationsdispositivs verpflichtet oder schrieben eine hypertrophe Legitimationskritik fort. Wenn die Monographie mehrfach und unmissverständlich für eine prologische Theoriearbeit plädiert und vor diesem Hintergrund eine Kritik formuliert, dann ist es erwartbar, dass die beiden untersuchten Denkeinsätze dem formulierten Anspruch nicht gerecht werden können und dass es gilt, „insistierende Alternativen“ (131–169) zu erarbeiten. Eine solche wird in Bezugnahme auf Foucaults Arbeiten zu Parrhesia (Kapitel vier), die als möglichkeitserschließende Artikulation ausgelegt wird, einleuchtend entfaltet. Und wenn sich die Arbeit gegen das Epilogische, gegen das Abschließende ausspricht, dann erweist es sich nur als konsequent, den Schluss, der kein Schluss sein soll, möglichkeitseröffnend zu halten und eben nicht als Epilog, sondern als Prolog zu bezeichnen.

Bücher, die eine*n nach Theorie sehn-süchtig oder nostalgisch stimmen mögen, sind meist faszinierend, aufschluss- und kenntnisreich und tragen eine gute Portion Kulturkritik in sich. Die Monographie von Kubac zählt zu diesen Büchern – auch wenn sie nicht dadurch affiziert, dass sie, wie die neuere Memoirenliteratur, von einer vergangenen Zeit erzählt und dabei leuchtend ausmalen lässt, wie es wohl gewesen wäre, Foucault etwa nicht nur als Text zu begegnen. Die Studie steckt gerade dadurch an, dass sie aufzeigt, wie Theoriearbeit heute überaus möglich ist. Damit trägt sie die Leser*innen zwar nicht Jahrzehnte zurück, sondern nimmt sie mit auf anspruchsvolle, mal steile, mal steinige theoretische (Ab-)Wege und empfiehlt sich eben für jene, die bereits etwas für solche (prologischen) Denkabenteuer [5] übrig haben oder haben möchten. Die Arbeit hat auch etwas von der Theorieeuphorie der 1960er- und 1970er-Jahre – auch wenn die Euphorie, die Leidenschaft „ruhiger“ geworden zu sein scheint. Das Theoretische ist bei Kubac weiterhin politisch – auch wenn es ihm auf eine andere Weise um die Politizität des Theoretischen geht: Theorie ist weniger Widerstandsinstrument, sie ist widerständig. So versteht Kubac widerständige Theorie als riskante Art, als „wagnishafte Praxis des Denkens“, die „nicht nur die erkenntniskritische, sondern ebenso auch die erkenntnispolitische Dimension aller Regeln, nach denen Wissen produziert wird und Wissensansprüche durchgesetzt werden“ (177), anerkennt. Diesem Wagnis stellt sich die Arbeit und wird ihm auf genauso herausragende wie herausfordernde Weise gerecht.

[1] Felsch, Ph.: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. München: Beck, 2015, 12.
[2] Raulff, U.: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens. Stuttgart: Klett-Cotta, 2014.
[3] Ebd.
[4] Unter dem Titel „Spekulationen“ wird beim Merve-Verlag, dessen Geschichte im Zentrum des Buches von Felsch steht, eine neue Buchserie von dem Philosophen Armen Avanessian herausgegeben, die – wie der Homepage des Projektes „Spekulative Poetik“ zu entnehmen – „jene intellektuellen und theoretischen Strömungen würdigt, die sich seit einigen Jahren auf sehr heterogene Weise anschicken, ein neues Paradigma philosophischen Denkens herauszubilden. Gemeinsamer Absetzungspunkt der nicht notwendig miteinander kompatiblen spekulativen Positionen ist eine spätestens seit Ende des 20. Jahrhunderts erschöpfte (post)moderne Kondition. Signum der neuen Denkansätze ist ihr positives Verhältnis zur Ontologie und ihr entspannter Umgang mit Metaphysik.“
http://www.spekulative-poetik.de/compone...
[5] In dem nun auf Deutsch mit dem Titel „Das nackte Denken“ erschienene Werk fokussiert Jean-Luc Nancy auf die Entblößtheit und Ausgesetztheit des Denkens anderen gegenüber, da dieses „zwischen uns“ stattfindet. Vgl. Nancy, J.-L.: Das nackte Denken. Zürich: diaphanes, 2014.
Veronika Magyar-Haas (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Veronika Magyar-Haas: Rezension von: Kubac, Richard: Vergebliche Zusammenhänge?, Erkenntnispolitische Relationierungen von Bildung und Kritik Theorieforum Pädagogik, Band 4. Paderborn: Schöningh 2013. In: EWR 14 (2015), Nr. 4 (Veröffentlicht am 07.08.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978350677660.html