EWR 7 (2008), Nr. 4 (Juli/August)

Jörg Dinkelaker
Kommunikation von (Nicht-)Wissen
Eine Fallstudie zum Lernen Erwachsener in hybriden Settings
(VS Research, Schriftenreihe Theorie und Empirie Lebenslangen Lernens)
Wiesbaden: VS Verlag 2008
(281 S.; ISBN 978-3-531-15944-7; 35,90 EUR)
Kommunikation von (Nicht-)Wissen Das Lernen Erwachsener findet zunehmend auch außerhalb von institutionalisierter und organisierter Lehre statt. Lebenslanges Lernen, welches durch eine Verschränkung von Lernen und Anwendung des Gelernten innerhalb der Lernorte gekennzeichnet ist, geht mit verschiedenen von Lehre entkoppelten Lernformen einher. Zugänge zu einem solchen Lernen finden sich in den Theorien des informellen Lernens sowie der Entgrenzung des Pädagogischen. Mit der Untersuchung von „Hybriden Settings“ positioniert sich die empirische Studie von Jörg Dinkelaker im Feld des Lernens Erwachsener außerhalb von primär pädagogischer Organisation. Hybride Settings zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen dauerhaft ineinander greifend sowohl Wissen angeeignet als auch angewandt beziehungsweise ausgehandelt wird, teilweise einer widersprüchlichen inneren Logik folgend. Lernen ist dort eine Form des Umgangs mit Wissen neben anderen Formen. Anders als in pädagogischen Kontexten, in denen es primär um Lernen als solches geht, steht es in hybriden Settings nicht im Vordergrund, sondern ereignet sich nebenbei und zeitweise auch zufällig. Angesichts der Verbreitung des außerinstitutionellen Lernens und der zunehmenden gesellschaftlichen Erwartung lebenslangen Lernens ist die Analyse der Strukturen von hybriden Settings eine wichtige Aufgabe für die Forschung der Erwachsenenbildung.

Die Studie Dinkelakers entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Umgang mit Wissen in sozialen Welten“ (dazu Kade/Seitter 2007). Der Schwerpunkt lag dabei unter anderem auf dem systemtheoretisch konzipierten Ansatz der „Pädagogischen Kommunikation“ (Kade 2004). In der vorliegenden, ebenfalls auf systemtheoretischen Prinzipien gründenden Untersuchung wird der Eigenlogik der Kommunikation nachgegangen, die sich (indirekt) auf Lernen bezieht. Kade unterscheidet in dieser Hinsicht kommunikative Aneignung, die in Kommunikation sichtbar ist, von individuellen Aneignungsprozessen innerhalb der Bewusstseinssysteme, die nicht direkt sichtbar sind. Soziale Kommunikation etabliert die Formen der Darstellung von Lernen, die beobachtbar sind. Diese Formen und Darstellungsmechanismen sollen in der Studie rekonstruiert werden. Dinkelakers Untersuchungsgegenstand ist somit der pädagogischen Kommunikation vorgelagert. Bevor diese nämlich stattfinden kann, müssen prinzipiell kommunikative Möglichkeiten der sozialen Bezugnahme auf Lernen gegeben sein.

Im ersten Kapitel legt der Autor die mit der systemtheoretischen Perspektive einhergehenden Vorannahmen dar. Das impliziert die Frage, wie Lernen in einer Interaktion als etwas Vorhandenes behandelt werden kann, obwohl es nicht unmittelbar zugänglich ist. Lernen muss dann ein in sozialer Kommunikation verortetes Phänomen sein. Wenn Lernprozesse „sichtbar“ gemacht werden sollen, müssen sie also kommunikativ rekonstruiert werden.

Dinkelaker untersucht auf dieser Grundlage die empirisch auffindbare Darstellung des Lernens in der Kommunikation. In traditionell organisierter Lehre sind solche kommunikativen Darstellungen unschwer zu erkennen. Anders gestaltet sich dies außerhalb organisierter Lehre, in hybriden Settings. Kommunikative Darstellung von Lernen kann dort auch jenseits von pädagogischen Absichten stattfinden. Die soziale Bezugnahme auf Personen in hybriden Settings vollzieht sich unter der grundsätzlichen Zuschreibung von Wissen respektive Nicht-Wissen, welches jemand im Hinblick auf etwas (nicht) besitzt. Kommuniziertes Lernen ist eine Reaktion auf Nicht-Wissenszuschreibungen: Personen werden im Hinblick auf den Übergang vom Nicht-Wissen (bzw. -Können, -Wollen) zum Wissen (bzw. Können, Wollen) beobachtet. In hybriden Settings ist Kommunikation von Lernen allerdings nur eine Art des Umgangs mit Wissens- und Nichtwissenszuschreibungen. Neben ihr existieren andere Formen und Anschlüsse an solche Zuschreibungen, die in ihrer Verschränkung mit Lernen Mischformen und die besonderen Strukturmerkmale von hybriden Settings ergeben, die analysiert werden sollen.

Als Fälle hybrider Settings werden in der Studie Gespräche innerhalb einer Hilfeeinrichtung für Obdachlose und eines Unternehmens analysiert. Nach einer präzisen Vorstellung der Einrichtungen mit den untersuchten Settings (im zweiten Kapitel) stellt der Autor die Ergebnisse der Suche nach Strukturierungsprinzipien dar, die den Umgang mit (Nicht-)Wissenszuschreibungen beschreiben können. Die in Kapitel 3 identifizierten kommunikativen Verfahren, durch die (Nicht-)Wissen zugeschrieben wird, geben Antwort auf die Frage, wie die an der Interaktion Beteiligten als wissend oder nicht-wissend behandelt werden können. Solche Verfahren sind erstens Wissensunterstellungen, zweitens Wissensbehauptungen und drittens Wissensüberprüfungen, zu denen auch (freiwillige) Wissensdemonstrationen zu rechnen sind.

Die Verfahren der Zuschreibung von (Nicht-) Wissen erzeugen in Gesprächen aneinander anschließende Sequenzen (Kapitel 4), die als wiederkehrende Muster in den Settings auftreten. Eine Nichtwissenszuschreibung geht mit einer Tendenz einher, sie zu bearbeiten und in eine Wissenszuschreibung umzuwandeln. Muster mit der Funktion der Aufhebung von Nichtwissenszuschreibungen sind beispielsweise „Vermeiden“, „Übergehen“, „Einigung & Konsens mangels Widerspruch“, oder „Personenveränderung“ (Lernen). Eine Wissenszuschreibung dagegen wirkt stabilisierend im Hintergrund und wird Voraussetzung für sachbezogene Kommunikation. Bei Wissenszuschreibungen werden also Strukturmuster beobachtet, die eine gemeinsame Anwendung des Wissens voraussetzen, nämlich „Vereinbarungen treffen“, „Geselligkeit“ und „gemeinsame Problembearbeitung“.

Eines der dargestellten Sequenzmuster der Nicht-Wissenszuschreibung ist die Kommunikation von Lernen (Kapitel 5). Der Übergang von Nicht-Wissenden zu Wissenden muss kommunikativ dargestellt werden. Die Personen werden zunächst als nicht-wissend identifiziert (Diagnose), dann als in Veränderung befindlich (Korrektur) und schließlich als wissend (Evaluation) charakterisiert. Die Abfolge dieser drei Schritte kann variieren.

Im sechsten Kapitel arbeitet Dinkelaker heraus, dass die Sequenzmuster in der Empirie kaum in reiner Form vorkommen und identifiziert fünf spezifische Kombinationen von Mischtypen, u.a. die Verbindung aus Lernen und Geltungsaushandlung, die Verbindung aus Lernen und Geselligkeit, die Verbindung aus Lernen und gemeinsamer Problembearbeitung oder die Verbindung aus Lernen und Vereinbarung. Dabei übernehmen die Sequenzmuster jeweils eine spezifische Funktion im Kontext des anderen Musters.

Im siebten Kapitel werden die Besonderheiten der je untersuchten hybriden Settings beschrieben. Die fünf Kombinationen, so findet der Autor unter anderem heraus, haben in den Settings eine konstitutive Funktion. Zum Beispiel sind in den Betreuungsgesprächen der Hilfeeinrichtung alle fünf identifizierten Kombinationen strukturbildend, in der Abteilungssitzung des Unternehmens ist es vorwiegend die Vereinbarung respektive die Problembearbeitung in Kombination mit der Kommunikation von Lernen. Schließlich wird es möglich, zwei Grundtypen hybrider Lernsettings zu identifizieren. Beim einen Typ findet sich eine prinzipielle Ungewissheit über Wissen, beim anderen dagegen eine grundsätzliche Gewissheit über Nicht-Wissen. Dieser Unterschied erweist sich als ausschlaggebend für den konkreten Aufbau und die Problembearbeitung in den Settings.

Im achten und letzten Kapitel der Reflektion und Diskussion werden die Ergebnisse in den Kontext der Theorien des informellen Lernen und der Entgrenzung des Pädagogischen gestellt. Diese Theorien erweisen sich nach Auffassung Dinkelakers als nicht hinreichend, das Lernen Erwachsener außerhalb von Institutionen und formaler Lehre angemessen zu erklären. Insgesamt impliziert das Konzept des Lernens Erwachsener in hybriden Settings eine „partielle Entkopplung des gesellschaftlich bedeutsamen Lernens vom gesellschaftlich anerkannten Lehren. Der Umgang mit Lernen wird zum Bestandteil des gesellschaftlichen Umgangs mit Wissen.“ (S. 257).

Obwohl es sich um einen sehr komplexen und umfangreichen Untersuchungsgegenstand handelt, ist die Darstellung Dinkelakers gut nachvollziehbar. Dies wird durch den klaren Aufbau des Buches unterstützt. Der zu Beginn jedes Kapitels gegebene Ausblick auf die Hauptgedanken sowie die Zusammenfassungen und übersichtlichen Tabellen tragen zur Strukturierung und Verständlichkeit bei. Sehr hilfreich sind die vielen Veranschaulichungen durch Datenbeispiele, die schrittweise die Kategorienfindung nachzeichnen.

Die Untersuchung Dinkelakers macht deutlich, in welchem Maße Kommunikation in außer-pädagogischen Kontexten durch kontinuierliche Zuschreibungen von (Nicht-) Wissen strukturiert ist, welche Lernerwartungen implizieren können. Dabei bleibt jede Nicht-Wissenszuschreibung ein im Kern normativ geladener Begriff, denn Nicht-Wissenszuschreibungen gilt es in vielen Fällen aufzuheben. Hier zeigen sich also in hybriden Settings Merkmale institutionalisierter Formen der Erwachsenenbildung. Umgekehrt wäre zu fragen, inwiefern institutionalisierte Formen der Erwachsenenbildung Merkmale hybrider Settings in sich tragen. So geht es beispielsweise in vielen Kursen der Erwachsenenbildung auch um Geselligkeit; in Moderation und Beratung kann es um Aushandlung von Wissen und Vereinbarungen gehen. In allen Fällen sind diese Strukturelemente mit Lernen kombiniert. Überlegungen dieser Art legen die Untersuchung der pädagogisch organisierten Erwachsenenbildung mit Hilfe der Konzepte Dinkelakers nahe, weshalb die Analyse weit über die hybriden Settings hinausweist.

Eine wichtige Erkenntnis Dinkelakers ist es, dass pädagogische Bezugnahme auf Lernen durch situative Zuschreibungen von Wissen und Nichtwissen gesteuert wird. Damit ist die Frage nach der Wechselbeziehung von kommunikativ dargestellter Lernmöglichkeit oder erkennbarem Lernbedarf zu daran anschließender pädagogischer Kommunikation angesprochen. Es sollte also auch in organisierter Lehre analysiert werden können, wie die Kommunikation von Lernen eine das situative pädagogische Handeln konditionierende Rolle spielt.

An den genannten Beispielen sollte deutlich geworden sein, dass die mit dieser Untersuchung gewonnenen Begrifflichkeiten viel versprechende Möglichkeiten für die Analyse der kommunikativen Strukturen von Lernprozessen in verschiedensten Szenarien bieten. Damit stellen sie wichtige Grundlagen für zukünftige Forschung bereit.

Literaturangaben:
Kade, J., Seitter, W. (Hrsg.) (2007): Umgang mit Wissen. Recherchen zur Empirie des Pädagogischen. 2 Bände. Opladen
Kade, J. (2004): Erziehung als Pädagogische Kommunikation. In: Lenzen, D. (Hrsg.): Irritationen des Erziehungssystems. Pädagogische Resonanzen auf Niklas Luhmann. Frankfurt am Main
Kathrin Berdelmann (Freiburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Kathrin Berdelmann: Rezension von: Dinkelaker, Jörg: Kommunikation von (Nicht-)Wissen, Eine Fallstudie zum Lernen Erwachsener in hybriden Settings (VS Research, Schriftenreihe Theorie und Empirie Lebenslangen Lernens). Wiesbaden: VS Verlag 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 4 (Veröffentlicht am 06.08.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353115944.html