EWR 12 (2013), Nr. 1 (Januar/Februar)

Herbert Altrichter / Martin Heinrich / Katharina Soukup-Altrichter (Hrsg.)
Schulentwicklung durch Schulprofilierung?
Zur Veränderung von Koordinationsmechanismen im Schulsystem
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
(258 S.; ISBN 978-3-531-16671-1; 29,95 EUR)
Schulentwicklung durch Schulprofilierung? Seit den 1990er Jahren wird den Schulen u.a. mit dem Ziel, die Qualität, Effektivität und Responsivität schulischer Bildung zu steigern, zunehmend mehr Entscheidungsautonomie zur Schulentwicklung zugestanden. Der vorliegende 8. Band der Buchreihe „Educational Governance“ stellt aus governanceanalytischer Perspektive dar, wie diese neuen Gestaltungsspielräume von Schulen zur Schulprofilierung genutzt und welche neuen Koordinationsprinzipien der Steuerung des Schulsystems in diesem Prozess sichtbar werden.

Im Rahmen des ersten Teils des Bandes (9 - 45) konkretisieren die Herausgeber zunächst das Konzept des „Schulprofils“, verorten Schulprofilierung im Kontext schulbezogener Autonomiepolitik, deren Entwicklung sie für Deutschland und Österreich nachzeichnen, und positionieren sich innerhalb der aktuellen Diskussion um die Koordinationsprinzipien „Autonomie“ und „Wettbewerb“. Nach einer Einführung der für die weitere Darstellung notwendigen governanceanalytischen Begriffe und Instrumente verdeutlichen die Herausgeber die Zielsetzung des dreiteiligen Bandes. Im Vordergrund steht die Beschreibung und Interpretation des Gesamtzusammenhangs der in Schulprofilierungsprozessen sichtbar werdenden Prinzipien und Muster der Handlungskoordinationen (Governance-Regime). Weiterhin soll die Frage geklärt werden, inwieweit diese Entwicklung die traditionelle „hierarchisch-professionelle Doppelsteuerung“ (13) des Schulwesens verändert.

In der theoretischen Diskussion wird leider die brisante Thematik der Schulprofilierung im aktuellen Kontext des Ausbaus von Ganztagsschulen ausgeklammert, was für den Band insgesamt eine inhaltliche Einschränkung bedeutet. Dies zeigt sich auch bei der nachfolgenden Darstellung des Forschungsstands zur Schulprofilierung im Kontext der Schulautonomiepolitiken in Österreich und Deutschland, den die Herausgeber als „nicht unbedingt reichhaltig“ (25) kennzeichnen. Insgesamt bietet der erste gut strukturierte Teil jedoch sowohl für Fachleute als auch für interessierte Praktiker eine komprimierte und gut lesbare Einführung in die Thematik.

Im zweiten Teil (47-213), dem eigentlichen Schwerpunkt des Bandes, werden fünf qualitative und quantitative Forschungsprojekte zur Schulprofilierung referiert. Zu Beginn stellen Herbert Altrichter, Martin Heinrich, Eva Prammer-Semmler und Katharina Soukop-Altrichter übergreifende Erkenntnisse einer Untersuchung an unterschiedlichen Schularten in der österreichischen Sekundarstufe vor (49-117). Die elf Schulfallstudien werden dabei vergleichend gegenübergestellt, um wichtige Merkmale des Governance-Regimes herauszuarbeiten. Hierbei werden strukturelle und schulinterne Entwicklungsimpulse zur Profilbildung thematisiert, Ergebnisse zu verschiedenen Koordinationsprinzipien (Wettbewerb, Klassen- vs. Schulprofilierung) vorgestellt sowie Auswirkungen von Profilbildungen im Kontext eines zweigegliederten Schulsystems einerseits und in Bezug auf die Autonomie von Lehrkräften andererseits dargestellt.

Aufbauend auf der vorgenannten Studie analysiert Ewald Feyerer die Entwicklungsverläufe zweier österreichischer Hauptschulen bei der Ausformung eines Arbeitsschwerpunktes zur Integration von Kindern mit Behinderung (119-139). Während eine Hauptschule das Thema Integration offensiv als besonderes Angebot zur Profilierung nutzt, findet sich bei der anderen zwar eine gewisse Öffnung des Unterrichtsgeschehens, aber hauptsächlich das Prinzip der Normalisierung. Die Entwicklungen beider Schulen werden im Hinblick auf ihre unterschiedliche schulstrukturelle Einbindung und die Bedeutung von Einstellungen maßgeblicher Einzelpersonen analysiert.

Werner Specht widmet sich dem Thema Restschulen und Restklassen im Gefolge neuer Steuerungsformen und stellt Befunde der Untersuchung „Schule BEWUSST" an österreichischen Hauptschulen vor (141-163). Im Rahmen dieser Studie wurden Unterschiede auf Klassenebene in Bezug auf ausgewählte Qualitätsdimensionen von Schule untersucht. Die Ergebnisse legen nahe, dass die gefundenen Klasseneffekte nicht nur auf regionale Aspekte (z.B. Stadt vs. Land), sondern auch auf einzelschulische Schwerpunktsetzungen zurückgeführt werden können. Der Beitrag endet mit Empfehlungen zur Vermeidung negativer Konsequenzen von Schwerpunktbildungen für Schülerinnen und Schüler. So wird die Notwendigkeit der Regulierung beispielsweise durch ein regionales Bildungsmanagement betont. Darüber hinaus wird die Bedeutung eines Monitoring-Systems hervorgehoben, welches Rückmeldungen an die Verantwortlichen gibt.

Ferdinand Eder referiert Ergebnisse einer Untersuchung an österreichischen Hauptschulen, die neben Regelklassen auch Klassen mit musikalischem Schwerpunkt eingerichtet haben (165-193). Es wurde der Frage nachgegangen, ob sich die Schülerinnen und Schüler der Musikklassen hinsichtlich relevanter Prozess- und Outputmerkmale positiv abheben und ob es sich insgesamt um ein ausbaufähiges Schulmodell handelt. Tatsächlich zeigen sich hinsichtlich der untersuchten Kriterien Unterschiede zugunsten der Musikklassen, die laut den Ergebnissen jedoch durch Kompositionsmerkmale der Schülergruppen erklärt werden können und somit nicht unmittelbar auf die Schwerpunktsetzungen zurückzuführen sind.

Als letztes berichten Christian Maroy und Agnès van Zanten Ergebnisse aus dem europäischen Forschungsprojekt „Reguleduc", welches die Auswirkungen neuer Steuerungsmethoden in sechs europäischen, großstädtisch geprägten Schulregionen untersuchte (195-213). Von besonderem Interesse waren sogenannte „kompetitive Interdependenzen“ (198), d.h. die Betroffenheit der Einzelschule vom Handeln anderer Schulen. Solche Einflüsse waren laut der Autoren in allen untersuchten Kontexten feststellbar und kommen u.a. durch die von Eltern genutzten Spielräume bei der Schulwahl zustande. Der politische Wille zur Regulierung der Auswirkungen kompetitiver Interdependenzen variiert stark in den untersuchten Gebieten. Problematisierend weisen die Autoren in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Verwaltungseinheiten in der Regel nicht den tatsächlichen Grenzen von Wettbewerbsräumen entsprechen. Darüber hinaus machen die Autoren auf die fehlende Verbindung von Bildungs-, Bevölkerungs- und Städteplanungspolitik aufmerksam. Nach Ansicht der Autoren ist „es politisch dringend geboten, eine ‚Koordinierung der Koordinatoren‘ [...] zu entwerfen“ (213).

Insgesamt erlauben die berichteten fünf Forschungsprojekte aus verschiedenen Blickwinkeln einen tiefen Einblick in die Rahmenbedingungen und Konsequenzen von Schulautonomie und Schulprofilierung. Der eindeutige Schwerpunkt liegt hierbei auf Befunden aus dem österreichischen Schulkontext, worauf im Hinblick auf Leserinnen und Leser aus anderen Kontexten leider weder im Klappentext noch direkt zu Beginn des Bandes hingewiesen wird.

Im dritten Teil (215-239) fassen die Herausgeber die in den Befunden sichtbar gewordenen Merkmale eines schulischen Governance-Regimes in zwölf pointierten Thesen zusammen, die insbesondere die sichtbar gewordene deutliche Wettbewerbsorientierung zwischen und innerhalb der Schulen um „gute“ Schülerinnen und Schüler zum Ausdruck bringen. Aus Sicht der Herausgeber belegen die Daten, inwieweit „‘alte‘ Steuerungsprinzipien […] Seite an Seite mit den durch Modernisierung forcierten Koordinationsprinzipien wirksam sind“ (238f). Dieser Transformationsprozess im Schulwesen habe im Ergebnis eine „neue Unübersichtlichkeit“ (239) zur Folge.

Leider wird im Schlussteil die dem Ansatz inhärente Retrospektivität beibehalten und nicht die Chance genutzt, mögliche weitere Forschungsfelder zumindest zu skizzieren. Die Rolle von Schulträgern/Schulerhaltern im Kontext der Schulprofilierung als Ganztagsschule wäre z.B. genauso interessant wie eine Diskussion, ob der Befund, dass Wettbewerb überwiegend innerhalb der Schularten stattfindet (229), während der Einführungsphase der „Neue Mittelschule“ in Österreich oder im föderalen und durch schulische Reformvorhaben geprägten deutschen Kontext Bestand hat. Insgesamt wird an dieser Stelle aber auch deutlich, dass die Herausgeber den im ersten Teil formulierten Zielansprüchen mehr als gerecht werden und mit ihrer Zusammenfassung eine solide und anregende Grundlage für weitere Forschungsfragen bieten.
Frank Pfänder (Althütte)
Zur Zitierweise der Rezension:
Frank Pfänder: Rezension von: Altrichter, Herbert / Heinrich, Martin / Soukup-Altrichter, Katharina (Hg.): Schulentwicklung durch Schulprofilierung?, Zur Veränderung von Koordinationsmechanismen im Schulsystem. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. In: EWR 12 (2013), Nr. 1 (Veröffentlicht am 19.02.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353116671.html