EWR 11 (2012), Nr. 1 (Januar/Februar)

Günther Robert / Kristin Pfeifer / Thomas Drößler (Hrsg.)
Aufwachsen in Dialog und sozialer Verantwortung
Bildung – Risiken – Prävention in der frühen Kindheit
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
(313 S.; ISBN 978-3-5311-6759-6; 29,95 EUR)
Aufwachsen in Dialog und sozialer Verantwortung Die sozialen und lokalen Rahmenbedingungen sowie die professionell gerahmten Settings eines gelingenden Aufwachsens von kleinen Kindern sind Gegenstand des Sammelbandes von Günther Robert, Kristin Pfeifer und Thomas Drößler. Sie werden beispielsweise im Zusammenhang mit dem zumindest auf diskursiver Ebene verstärkten Förderungs-, Präventions- und Bildungsauftrag an Kindertageseinrichtungen oder mit Blick auf eine intensivierte frühe Intervention bei Risikokindern bzw. -familien diskutiert. Die Beiträge beleuchten bezüglich der frühen Bildung und Prävention die in den aktuellen Debatten deutlich werdenden vielfältigen, mitunter sich widersprechenden (fach-) politischen Forderungen sowie die Divergenz oder Konvergenz von öffentlicher Meinung und wissenschaftlichen Befunden, von politischen Positionen und fachlichen Standards.

Der Sammelband umfasst neben einer Einleitung, die in die Thematik und Problemstellung einführt und alle Beiträge in ihren Grundzügen skizziert, insgesamt 13 Beiträge. Diese stammen nicht nur von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen (Psychologie, (Sozial-)Pädagogik, Soziologie) sowie aus verschiedenen, insbesondere frühpädagogischen Handlungsfeldern, sondern sie haben auch unterschiedliche Stoßrichtungen und Abstraktionsebenen.

Manche Beiträge beinhalten eine fundierte, z.T. auch theoretisch hergeleitete Problematisierung und Kritik an aktuellen politischen, aber auch arbeitsfeldbezogenen Diskursen und Debatten. Hierzu gehören u.a. – im Beitrag von Thomas Drößler, Annekatrin Lorenz und Andreas Wiere – die organisationstheoretische Perspektive auf das Handlungsfeld Kindertageseinrichtungen, das sich der Herausforderung stellen muss, zu mehr Chancengerechtigkeit beizutragen, oder der strukturalistische und sozialisationstheoretisch ausgerichtete Beitrag von Bruno Hildenbrand. Dieser beobachtet eine neue Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zulasten von Familien und plädiert für ein fallbezogenes und nicht generalisiertes Verhältnis von Anerkennung und Verdacht und damit für eine Stärkung der professionellen Kompetenz von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe.

Andere Artikel konzentrieren sich indessen auf die Darlegung fachlicher (sozialpädagogischer) Standards und Methoden professionellen Handelns in Bezug auf frühe Bildung und Prävention (i.S.v. mehr Sozialraumorientierung, besserer Vernetzung) und den damit verbundenen Herausforderungen. Dieser Fokus ist u. a. im Beitrag von Klaus Fröhlich-Gildhoff und Gabriele Kraus-Gruner über Familienbildung und Resilienzförderung durch Vernetzung oder im Beitrag von Ulrich Deinet zum sozialräumlichen Blick auf Kindheit und Kindertageseinrichtungen zu finden.

Eine weitere Variante von Beiträgen stellt spezifische Modelle und Projekte zum Themenbereich Bildung, Risiko und Prävention in der frühen Kindheit vor, die exemplarisch illustrieren welche Maßnahmen institutionalisiert wurden, um ein gelingendes Aufwachsen von Kindern sicherzustellen bzw. bei riskanten Lebensbedingungen früh zu intervenieren. Zu letzterer Gruppe gehören u. a. die Beiträge von Klaus Schäfer zu sozialen Frühwarnsystemen (in NRW), die Darstellung eines auf den Sächsischen Bildungsplan zugeschnittenen Fortbildungskonzepts der Stadt Dresden von Sabine Grohmann und Birgit Glöckner oder auch die Beobachtungen aus einem Netzwerkprojekt für Frühprävention, Sozialisation und Familie in Dresden von Kristin Pfeifer.

Im Buch sind dementsprechend gegenstandsbezogene und praxisbezogene, reflexiv gewendete und eher beschreibende Beiträge vereint. Der Sammelband richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende, aber auch an Verantwortliche in Bildungsinstitutionen und bildungspolitische Entscheidungsträger in Bund, Ländern und Kommunen.

Ausgangspunkt des Bandes ist die Beobachtung, dass sich die derzeit breit geführten Diskussionen um frühe Bildung, Benachteiligung, Netzwerke der Frühprävention etc. aufgrund der Vielschichtigkeit der Diskussionsbeiträge kaum bündeln lassen. Das Herausgeberteam setzt sich daher zum Ziel, pointierte Facetten der Debatten aufzugreifen und im Band darzulegen. Mit dieser Absicht grenzen sie sich von zahlreichen thematisch ähnlichen Publikationen ab, die in evaluativer Absicht eine Bilanzierung und Bewertung der aktuellen Entwicklungen aufzeigen wollen. Robert, Pfeifer und Drößler indessen bringen schlüssige Argumente vor, warum dieses (politisch, wissenschaftlich und/oder aus der pädagogischen Praxis motivierte) Ansinnen derzeit als „verfrüht“ (19) zurückgewiesen werden muss. Statt einer Bilanz und Evaluation werden in den gegenstandsbezogenen Beiträgen das Verhältnis von familialer und institutioneller Sozialisation am Beispiel Kindertageseinrichtungen oder auch die Institutionalisierung von Frühen Hilfen und Frühwarnsystemen beleuchtet. Der zunehmende Rückgriff auf Konzepte wie „Prävention“ und „Risiko“ in den aktuellen Bezugnahmen auf das als gefährdet angesehene Aufwachsen „verdächtiger“ Kinder oder Familien wird problematisiert.

Das Kernstück des Bandes bilden zwei komplementäre und anregende Beiträge zur „sprachlosen Pädagogik?“ (95) und zur „präventiven Skepsis“ (119) des Autorenteams Stephan Hein, Günther Robert und Thomas Drößler. Im ersten Beitrag beleuchten sie die Diskrepanz von Präventionsprogrammatik, pädagogischem Selbstverständnis und pädagogischer Praxis. Sie kritisieren einen Großteil der fachlichen und politischen Debatte um Prävention, der sich überwiegend einem oberflächlichen „Pro-Contra“ und einer einfachen Ursache-Wirkungs-Verknüpfung verschrieben habe und oftmals jenseits der Relevanzen, Handlungslogiken und Wissensbeständen von pädagogischen Arbeitsfeldern liege.
Stattdessen fordern sie, sich vermehrt systematisierenden Argumentationen zuzuwenden, die u.a. danach fragen wie kritische Orientierungsmaximen in handlungsleitendes Wissen der pädagogischen Praxis überführt werden können (96ff.). Hierzu, so die Autoren, sei es notwendig auch die möglichen Reflexions- und Handlungsgewinne der (sozial-) pädagogisch Tätigen selbst zum Thema zu machen. Dabei allerdings distanzieren sie sich von dem verbreiteten Ruf nach einer Professionalisierung über „bloße Akademisierung bzw. Expertisierung i. S. einer bloßen technischen Anwendung von Fachwissen […], von der man sich Steuerungs- und Kontrollgewinne erhofft“ (114).

Auch kritisieren sie die den politischen, aber auch fachlichen Präventionsdiskursen innewohnenden „Normalitätsfiktionen“ (102), die Variationen u.a. des Lernverhaltens heranziehen und als Entwicklungsrisiken deklarieren oder über diskreditierendes Vokabular (u.a. anregungsarme Milieus) zur pauschalen Abwertung von Gruppen und Handlungspraxen beitragen. Dabei werde zugleich suggeriert, Ursachen von in der pädagogischen Praxis beobachtbaren Phänomenen zu beschreiben.

Im zweiten Beitrag skizzieren und problematisieren die Autoren u.a. die verschiedenen Bezugnahmen auf und die Indienstnahme des Präventionskonzepts. Dabei rekurrieren sie zum einen auf das Verständnis von Prävention als Investition, das Prävention in einer Ursache-Wirkungskette sieht. Im Sinne einer Wirtschaftlichkeitsberechnung wird hierbei eine selektive Prävention nahegelegt anhand der Fragen, in welchen Bereichen und mit Blick auf welche gesellschaftlichen Gruppen sich der (präventive) Aufwand lohnt (129).

Zum anderen geht es um „Kindesschutz als Prävention“ (130) und die Schwierigkeiten der rechtzeitigen Identifizierung von (Risiko-) Konstellationen sowie die damit einhergehenden Stigmatisierungsprozesse. Beide Verständnisweisen werden von den Autoren auf den aktuellen Diskurs über die Präventions-, Kompensations- und Bildungsfunktion von Kindertageseinrichtungen bezogen und problematisiert – beispielsweise indem sie kritisieren, dass der diesbezügliche Handlungsauftrag an die Einrichtungen deren fachliche und strukturelle Ressourcen überstrapazieren würde (144).

Ohne alle Beiträge im Einzelnen nachzeichnen zu können, kann man festhalten, dass der Sammelband insgesamt auf viele spannende Diskussionspunkte verweist und weiterführende Fragen aufwirft. Kritisches Potenzial steckt insbesondere in den Beiträgen von Drößler, Robert und Hein u. a., wenn sie von der anhaltenden Attraktivität des Präventionskonzepts sprechen und dies „trotz des […] Umstandes, dass dabei konzeptionell manches ungeklärt, widersprüchlich, bisweilen nur gering reflektiert, fast plakativ vorgetragen“ wird (119) und wenn die Autoren, die „nicht hinreichende“ Klärung der Unterschiede zwischen den Begriffen Hilfe, Prävention, Intervention, Förderung etc. problematisieren.

Diese Kritik ist nachvollziehbar, zugleich scheint die vielleicht interessantere Frage zu sein, ob der Präventionsdiskurs nicht gerade deshalb so erfolgreich ist, weil er ungeklärt ist, Widersprüche in sich vereint und Begriffe miteinander vermischt. Daher ist den Autoren nur zuzustimmen, wenn sie dafür plädieren, sich stärker mit Kontexten und Entstehungsbedingungen von Konzepten und Programmen zu beschäftigen sowie mit gemeinsamen Bezugsproblemen – genau hierfür haben sie über den Sammelband bereits eine gute Grundlage geschaffen.

Lediglich ein kritischer Punkt sei abschließend angemerkt: Die eingangs genannte große Vielschichtigkeit der Diskussionsbeiträge zum Themenfeld Bildung, Risiko und Prävention in der politischen und wissenschaftlichen Debatte spiegelt sich leider insofern im Buch wider, als dass es erstens keine interne Gliederung des gesamten Sammelbandes z.B. über Abschnitte gibt, die die Beiträge strukturieren würden. Zweitens sind die Beiträge in sich auf formaler Ebene sehr heterogen. Ein einheitlicher, v.a. aber für die Leserin bzw. den Leser nachvollziehbarer Aufbau jedes Beitrags sowohl im Sinne einer Skizzierung der Fragestellung oder des Ziel des Beitrags als auch im Sinne der Darlegung worum es mit welchen Argumenten gehen wird, hätte dem Buch gut getan und würde die Rezeption erleichtern.
Tanja Betz (Frankfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tanja Betz: Rezension von: Robert, Günther / Pfeifer, Kristin / Drößler, Thomas (Hg.): Aufwachsen in Dialog und sozialer Verantwortung, Bildung – Risiken – Prävention in der frühen Kindheit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 1 (Veröffentlicht am 24.02.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353116759.html