EWR 9 (2010), Nr. 6 (November/Dezember)

Astrid Baltruschat
Die Dekoration der Institution Schule
Filminterpretationen nach der dokumentarischen Methode
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2010
(335 S.; ISBN 978-3-5311-7123-4; 49,95 EUR)
Die Dekoration der Institution Schule Wir finden derzeit eine Vielzahl an Publikationen und Projekten zur sozial- und erziehungswissenschaftlichen Videografie bzw. videogestützten Ethnografie und es scheint, dass sich die schon 1936 von Benjamin vorweggenommene Verbindung von Film und Wissenschaft einlöst: „Indem der Film durch Großaufnahmen […], durch Betonung versteckter Details […], durch Erforschung banaler Milieus […] auf der einen Seite die Einsicht in die Zwangsläufigkeiten vermehrt, von denen unser Dasein regiert wird, kommt er auf der anderen Seite dazu, eines ungeheuren […] Spielraums uns zu versichern.“ [1] Dieser Spielraum lässt sich – wie die Dissertation von Astrid Baltruschat zeigt – potenzieren, indem man den Film nicht nur als Erhebungsinstrument der Forscher und Forscherinnen nutzt, sondern ihm seinen künstlerischen Charakter erhält und die Beforschten durch diesen ihre Weltanschauung kommunizieren lässt. Was hierbei gesteigert werden kann ist das Analysepotenzial des Materials, das so nicht nur das filmisch Dargestellte interpretieren lässt, sondern auch den Modus der Herstellung der Darstellung und die Leistungen der Abbildenden freigibt. Die Autorin knüpft mit ihrer derart ausgerichteten Untersuchung an die Arbeiten von Ralf Bohnsack zu einer dokumentarischen Film- und Videointerpretation an und legt damit – Bohnsacks Studien ausgenommen – eine erste Arbeit vor, in der nicht nur die Handlungen und Orientierungen der Abgebildeten, sondern auch die der Abbildenden hinter der Kamera mittels der dokumentarischen Methode untersucht werden [2]. Die Dissertation stellt damit eine Weiterentwicklung der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung dar. Zugleich nimmt sich Astrid Baltruschat in diesem methodischen Rahmen die Beiträge eines Ideen- und Kreativwettbewerbs zur Gestaltung der Schule vor, rekonstruiert die Orientierungen von SchülerInnen und LehrerInnen und bindet ihre Ergebnisse an die aktuelle Schulforschung und -pädagogik zurück.

Im Sinne einer empirisch begründeten Theoriebildung startet die Arbeit zunächst nur mit einer kurzen Skizze der Forschungsfrage, um daran mit der Klärung methodologischer Grundlagen anzuknüpfen, die das empirische Vorgehen strukturieren. Es schließt sich ein umfassender und detaillierter empirischer Teil an. Die Forschungsfrage greift eine Frage auf, die sich den Beforschten im Rahmen des Wettbewerbs stellt: „Schule überdenken! Muss die Institution Schule grundlegend verändert werden?“ (Melanchthon-Wettbewerb 2004). Anhand der Bearbeitung dieser Frage durch SchülerInnen und LehrerInnen will die Autorin das implizite, atheoretische Wissen der beiden Akteursgruppen rekonstruieren und wählt dazu einen von Realschullehrern und -lehrerinnen eingereichten Kurzfilm („Kammer des Schreckens oder Realschule in Zeiten der Revaluation“) und einen von Gymnasialschülerinnen der 9. Klasse produzierten Kurzfilm („Melanchthon – find ich super“). Die Auswahl folgt dem Sampling-Prinzip des Kontrasts in der Gemeinsamkeit: Es handelt sich um zwei Kurzfilme, die von den Lehrerinnen und Lehrern und von den Schülerinnen an ihrer je eigenen Schule gedreht wurden und in denen diese auch als Schauspieler auftreten.

Die methodologischen Grundlagen der Analyse dieser beiden Kurzfilme stellen neben der praxeologischen Wissenssoziologie Konzepte Goffmans (etwa „persönliche Identität“, „Rollendistanz“) und Bourdieus („Habitus“- und „Feld“-Konzept) dar. Die Filminterpretation nach der dokumentarischen Methode wird nach der kurzen, aber präzisen Klärung des metatheoretischen Basisvokabulars ausführlich vorgestellt und die einzelnen Interpretationsschritte werden in ihrer Bezogenheit aufeinander erläutert. Zentral ist hier das Anliegen der dokumentarischen Filminterpretation, der Eigenlogik des visuellen Materials durch die Analyse seiner Formalstruktur methodisch gerecht zu werden.

Im empirischen Teil lässt die Autorin ihre Leser gewissermaßen an der Entstehung ihrer Interpretationen teilhaben, indem die Arbeitsschritte äußerst feingliedrig aufgefächert werden. Das Hauptergebnis der Analyse des Films der Schülerinnen der 9. Klasse ist in der Spezifik der Inszenierung ihrer Identität zu sehen, indem sie sich einerseits in ihrer Schüler-Rolle zu erkennen geben, zugleich jedoch deutlich machen, mehr und anderes (bspw. im Kontext von Peer-Milieu und Geschlecht) zu sein, das sich jedoch dem Zugriff der Institution Schule entzieht. In ihrer Rollendistanz erweisen sich die Schülerinnen als routiniert im Umgang mit institutionellen Zumutungen, die ihnen in machtstrukturierten Interaktionen auferlegt werden und von denen sie sich auf habituell verankerte, subtile Weise distanzieren, während sie ihnen in einem zeremoniellen Rollenspiel nachkommen.

Während es den Schülerinnen in einer spielerisch ausgestalteten Übergegensätzlichkeit möglich ist, die an sie herangetragenen An- und Aufforderungen zu erfüllen wie zugleich ihre persönliche Identität vor dem pädagogisch-institutionellen Zugriff zu schützen, scheint den Lehrerinnen und Lehrern eine Form der Distanzierung von den an sie gerichteten institutionellen Ansprüchen nicht zu gelingen. Erwartungen, die sich aus dem Verständnis der eigenen Berufsrolle und beruflichen Ideale ergeben, konfligieren mit Erwartungen der Institution Schule (bspw. hinsichtlich des Bewertungs- und Selektionszwangs), so dass berufliche und institutionelle Identität kaum in Einklang zu bringen sind. Insofern machen die Lehrerinnen und Lehrer die Schülerinnen und Schüler zu Opfern des institutionellen Programms und begreifen sich als Täter (und Verräter ihrer Ideale), gleichzeitig aber auch selbst als Opfer der Institution Schule. Dabei wird eine Fassade des Scheins einer gelungenen, idealen Praxis aufrechterhalten, was eine Modifikation dieser Praxis wiederum kaum ermöglicht. Beide Akteursgruppen sind in eine solche Praxis der alltäglichen Dekoration der Institution Schule eingebunden, allerdings unterscheiden sich die Lehrerinnen und Lehrer insofern von den Schülerinnen als dass ihnen die Bewältigung der Differenz zwischen normativ-institutioneller Programmatik und alltäglicher Praxis nur unter der Erfahrung eines Double-Binds als „Opfer-Täter“ möglich ist.

Die Autorin arbeitet die Praxis der Dekoration der Institution Schule nicht nur detailliert und schlüssig anhand der jeweiligen Kurzfilme heraus, sondern zeichnet sie auch in weiterem Material des genannten Wettbewerbs nach. Die empirische Theoriegenerierung erhält ihre Validität ganz entscheidend dadurch, dass die rekonstruierten Orientierungen und Praktiken in den verschiedenen Dimensionen der beiden hauptsächlich analysierten Filme – Simultanstruktur der Einzelbilder (Fotogramme) und deren Sequenzialität (Montage), Sprache/Ton sowie schließlich in der Gesamtrahmung des Films (durch Vorspann und Outtakes) – in homologer Weise identifiziert werden können.

Abschließend bezieht die Autorin ihre Ergebnisse auf den aktuellen schulpädagogischen Diskurs, wodurch es ihr möglich ist, weit geteilte Deutungsmuster zu hinterfragen, wie etwa die Vorstellung von Schule als Lebens- und Erfahrungsraum (bspw. nach von Hentig) oder die Forderungen nach einer neuen Lernkultur, in der Fremdbestimmung in und Lebensferne der Schule zu überwinden seien. Aus ihren Studien leitet die Autorin die Notwendigkeit einer praxeologischen bzw. performativen Schulpädagogik ab, die sensibel für die alltägliche Bearbeitung der Differenz von institutionell-normativem Programm und alltäglicher Praxis ist. Die Arbeit endet mit Empfehlungen zur Bearbeitung dieser Differenz und zur Verringerung des Bedarfes an Zeremonien der Dekoration; dies ohne sich der Illusion hinzugeben, dass diese Zeremonien etwa vollständig abzuschaffen seien.

Die Arbeit kann von der minutiösen Rekonstruktion des zeremoniellen Rollenhandelns anhand des audiovisuellen Materials bis hin zur Forderung nach einer Modifikation der Schulpädagogik überzeugen. Lediglich ein Rückbezug der Ergebnisse nicht nur auf die angewandten Theoriediskurse der (Schul-)Pädagogik, sondern auch auf die Grundlagentheorie bleibt zu wünschen übrig. Die gewissermaßen nebenbei geleistete, empirisch begründete Triangulation der Perspektiven von Habitus- und Identitätstheorie, die heute einander in Sozialisations- wie Bildungstheorie weitgehend unvereinbar bzw. unvereint gegenüberstehen, also die Zusammenführung der Konzepte Goffmans und Bourdieus im Rahmen einer praxeologischen Wissenssoziologie wäre deutlich mehr Aufmerksamkeit wert gewesen. Weiter ist anzumerken, dass die zwar äußerst schlüssig und an jeder Stelle plausibel erscheinenden empirischen Ergebnisse zu weiteren Untersuchungen anregen, angesichts des durch den Wettbewerb gesteuerten Samples aber relativ wenig Vergleichshorizonte ermöglichen.

Diese Kritik ist allerdings insofern erheblich einzuschränken, als dass in dem Untersuchungsdesign Perspektiven von Schülern und Schülerinnen wie Lehrern und Lehrerinnen Berücksichtigung finden, so dass eine Erweiterung des Samples einen erheblichen Mehraufwand generiert hätte, der gerade angesichts des methodischen Pioniercharakters der Arbeit im Bereich der sozial- und erziehungswissenschaftlichen Video- und Filminterpretation nicht ratsam gewesen wäre. Die Arbeit ist insbesondere Forschenden, Lehrenden und Studierenden zu empfehlen, die mit der Auswertung von Videos und Filmen beschäftigt sind. Zudem hält sie spannende Einsichten für Erziehungs- und Sozialwissenschaftler bereit, die sich mit der Schulpädagogik auseinandersetzen und an praxeologischen und performativen Aspekten des Interaktionsraums Schule interessiert sind.

[1] Benjamin, Walter (1963): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt am Main, S. 34.
[2] Bohnsack, Ralf (2009): Qualitative Bild- und Videointerpretation. Die dokumentarische Methode. Opladen & Farmington Hills.
Alexander Geimer (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Alexander Geimer: Rezension von: Baltruschat, Astrid: Die Dekoration der Institution Schule, Filminterpretationen nach der dokumentarischen Methode. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2010. In: EWR 9 (2010), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353117123.html