EWR 9 (2010), Nr. 5 (September/Oktober)

Thomas Trautmann
Interviews mit Kindern
Grundlagen, Techniken, Besonderheiten, Beispiele
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
(190 S.; ISBN 978-3-531-17127-2; 16,90 EUR)
Interviews mit Kindern In der erziehungswissenschaftlichen Forschung kommt Interviews als Erhebungsmethode ein zentraler Stellenwert zu: Ob es um Fragen der Bedarfsermittlung oder Akzeptanz von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe geht, um Einstellungen zu und Bewertungen von pädagogischen Interventionen oder um beruflich-habituelle Orientierungen – Interviews sind bei ganz unterschiedlichen Fragestellungen das Mittel der Wahl. Sie werden in Studien mit verschiedenen Gruppen eingesetzt: Interviews mit Fachkräften in Hilfe- oder Bildungseinrichtungen, mit Adressat/inn/en wie Jugendlichen, Eltern oder mit außerinstitutionellen Partnern wie medizinischem Personal oder (fach-)politischen Akteuren.

Eine (Adressat/inn/en-)Gruppe hingegen bleibt dabei meist unbeachtet: die Kinder. Kinderinterviews sind daher eine nach wie vor nur mäßig verbreitete Erhebungsmethode – zugleich liefern die gängigen Lehrbücher und Standardwerke der empirischen Sozialforschung oder der erziehungswissenschaftlichen Forschungsmethoden recht wenig methodische und/oder methodologische Anhaltspunkte wie Interviews mit Kindern konzeptualisiert und diskutiert, aber auch vorbereitet, durchgeführt und ausgewertet werden können. Von dieser Diagnose der Nicht-Existenz von Grundlagen über Interviews mit Kindern nimmt das Buch einen seiner Ausgangspunkte. Für den Autor sind Kinder (und Jugendliche) die „primäre Zielgruppe“ der Erziehungswissenschaft (13); er betrachtet sie als Gruppe mit „eigene(n) Denk-, Verhaltens- und Kommunikationsmustern“ und „spezifischen […] Verarbeitungsmechanismen“ (13ff). Dies erklärt, warum der Autor die allgemeine Methode „Interviews“ auf die eigenständige Gruppe der Kinder bezieht und ein einführendes Lehrbuch in Grundlagenwissen und Fragetechniken bei Kinderinterviews vorlegt. Man darf daher ein Buch erwarten, das in gewisser Weise Neuland betritt und erstmals eine „konzentrierte Einführung“ in die Methode Kinderinterviews liefert – wie dies auch der Klappentext verspricht.

Das Buch ist, abgesehen von der zweiseitigen Einleitung, in acht Abschnitte aufgeteilt. Zunächst werden die kommunikativen Grundlagen von Interviews anhand der Darstellung von zwei verschiedenen Kommunikationsmodellen dargelegt (Abschnitt 1). Es handelt sich um das „Vier-Ohren-Modell“ von Schulz von Thun und das transaktionale Modell von Thomas Harris. Danach folgt in einem eigenen, zweiseitigen Abschnitt mit dem Titel „Kinder als Experten?“ ein Überblick über die Phasen kindlicher Entwicklung (Abschnitt 2), gefolgt von Abschnitt 3, der aus psychologischer Perspektive Einblicke in das „kindliche Gedächtnis“ (Arbeits- und Langzeitgedächtnis, deklaratives und episodisches Gedächtnis, Prozesse des (falschen) Erinnerns, etc.) liefert und die Sprachkompetenz von Kindern je nach Entwicklungsstand thematisiert. Hierauf folgt eine Darstellung von „Grundbegriffen und -konzepten“ von Interviews (Abschnitt 4). Dabei werden verschiedene Strukturelemente skizziert: Es geht u. a. um Interviewphasen und -formen (Telefoninterviews, vollstandardisierte Interviews, narrative Interviews ...), um Informationen zu Makro- und Mikroplanung von Interviews und um Rahmenbedingungen (Vorbereitung, Auswahl von Ort und Zeit ...). Eine spezifische Form wird besonders erläutert: die sogenannten „Interviewkatarakte“ (101), die man auch als ‚qualitative Längsschnitte‘ bezeichnen könnte. Diesem insgesamt größten Abschnitt des Buches folgt eine Einheit mit der Überschrift „Fragen – Fragestellung – Fragefehler“ (Abschnitt 5). Hier unterscheidet der Autor 22 Frageformen (Trautmann bezeichnet diese als Floskelfragen, Nötigungsfragen, Rumpffragen, etc.) und identifiziert Fehlerquellen. Die letzten drei Abschnitte widmen sich zentralen Punkten bei der Durchführung von Interviews („Dreizehn Professionalisierungsansätze für Interviewer/innen“ (Abschnitt 6)) und technisch-organisatorischen Grundlagen von Interviews (Abschnitt 7). Das Buch endet mit der Darstellung eines Hamburger Forschungsprojektes des Autors bei dem Interviews mit Kindern im Vordergrund standen (Abschnitt 8).

Wenn man eine Einschätzung dieses Lehrbuchs vornehmen will, kommt man nicht umhin zunächst den Aufbau des Buches auf formaler Ebene zu betrachten. Das Buch ist gekennzeichnet durch eine gefällige, leicht verständliche und mit vielen plastischen Beispielen angereicherte Darstellung und Sprache, welche Studierenden, also der primären Leserschaft, sicherlich auf den ersten Blick sehr sympathisch sein wird und einen schnellen Lesefluss ermöglicht. Dennoch erweist sich das Buch im Hinblick auf die Frage, welchen Ertrag man von der Lektüre für die eigene Aus- und Weiterbildung ziehen kann, als schwer zugänglich. Dies liegt u. a. daran, dass der Aufbau des Buches und die formale Darstellung der Inhalte irritieren.

Wie aus der Übersicht über die „Abschnitte“ des Buches ersichtlich wird, vermisst man einen roten Faden, der den Aufbau des Buches begründen würde. Bereits eine Durchnummerierung der „Kapitel“ und insbesondere ihre sinnvolle (Unter-)Gliederung wären hilfreich; sie würden es gerade für Studierende erleichtern, sich im Buch besser zurechtzufinden. Schwer nachvollziehbar ist auch, warum z. B. der Frage des Einsatzes von Aufnahmegeräten im Interview ein eigenes „Kapitel“ am Ende des Buches zugestanden wird und sie damit genauso bedeutsam erscheint, wie die kommunikationstheoretischen Grundlagen von Interviews – auch angesichts der Tatsache, dass einige Abschnitte zuvor bereits zahlreiche Interviewformen und Rahmenbedingungen von Interviews bis hin zur Transkription und den Auswertungsmethoden beschrieben wurden und sich die Verwendung von Aufnahmegeräten oder weitere technische Grundlagen hier gut einfügen ließen.

Ebenso wenig erschließt sich der Rezensentin, warum die Frage „Kinder als Experten?“ als eigenes Kapitel deklariert wird, wobei dieses Kapitel – das insgesamt nur zwei volle Seiten umfasst – lediglich Grundlagen der Entwicklungspsychologie (Phasen der kindlichen Entwicklung) benennt, die eigentlich im darauffolgenden Kapitel „Psychologische Grundlagen“ behandelt werden könnten. Wie sollen Studierende eine Ordnung unterschiedlicher Perspektiven vornehmen lernen und sich die Gewichtung von Fragen und Herausforderungen beim Einsatz von Interviews mit Kindern vergegenwärtigen, wenn es das Lehrbuch selbst nicht leistet?

Die formalen Irritationen haben eine Entsprechung auf inhaltlicher Ebene. Das Buch tritt an um allgemeine „Grundlagen und Techniken“ von Kinderinterviews darzustellen und spezifische Probleme zu diskutieren. Diese breite Grundlegung wird auf mehrfache Weise recht einseitig bearbeitet. Beispielsweise werden die zentralen Grundlagen von Kinderinterviews insbesondere in kommunikationstheoretischen sowie entwicklungs- und wahrnehmungspsychologischen Ansätzen und Modellen gesehen. Daraus erklärt sich zwar Trautmanns Vorstellung, dass „gehaltvolle Interviews“ eher mit Kindern im Schulalter durchgeführt werden könnten (60) und jüngere Kinder hierfür noch nicht geeignet seien, allerdings blendet er hier weitere theoretische Perspektiven aus wie zum Beispiel kindheitstheoretische oder sozialwissenschaftliche Herangehensweisen an Interviews mit Kindern, die seit vielen Jahren Beiträge zur Diskussion um die „Perspektive der Kinder“ beisteuern [vgl.1]. Auch hätte dann die spannende Frage aufgeworfen werden können, warum Kinder bislang in der empirischen Sozialforschung oder Kinderinterviews, gerade mit jüngeren Altersgruppen, in der erziehungswissenschaftlichen Forschung eine so marginale Rolle spielen.

Die Begrenzung des theoretischen Blickwinkels korrespondiert zudem mit den empirischen Darstellungen, die nahezu ausschließlich auf den eigenen Erfahrungen des Autors beruhen. Spannend für ein Lehrbuch wäre es gewesen, auch Techniken, Befunde und Problemstellungen aus weiteren Forschungsprojekten einfließen zu lassen. Hier hätte sich gezeigt, dass z. B. auch problemlos Kinder im Vorschulalter in Forschungsvorhaben integriert werden können wie dies nicht nur in einem Mannheimer Forschungsprojekt realisiert wurde [2]. Die Leser/innen hätten so zugleich einen Überblick über die Verbreitung von Kinderinterviews und die jeweiligen Fragestellungen erhalten können, die mittels Interviewverfahren mit Kindern bearbeitet werden.

Der Autor indessen nimmt in seinem Lehrbuch auf nahezu keine der neueren Studien Bezug oder diskutiert seine Überlegungen vor dem Hintergrund des deutschen und auch internationalen Forschungsstandes – den es auch auf dem Gebiet der Kinderinterviews gerade im Kreis der Kindheitsforschung gibt. Daher fällt es auch schwer, pauschale Urteile über Sinn und Unsinn von spezifischen Formen von Kinderinterviews einfach so hinzunehmen. Trautmann schreibt, das vollstandardisierte Kinderinterview sei „bei Kindern von vorn herein problematisch“ (72), hingegen ließen sich Leitfadeninterviews oder auch episodische Interviews „hervorragend“, zumindest aber „ohne gravierende Probleme“ führen (74ff). Auf welchen Grundlagen basieren solche Einordnungen? Wie sollen Studierende, die sich zum ersten Mal mit dem Gegenstand Kinder und Interviews beschäftigen, damit umgehen?

Aus didaktischer Perspektive ist es zudem schwer nachzuvollziehen warum der Autor fast durchweg mit Negativbeispielen arbeitet und diese mitunter recht artifiziell wirken wie die folgenden Beispiele deutlich machen: „Interviewer/in zu einer Erstklässlerin „Wie hast Du deine Einschulung reflektiert … äh konntet ihr da metakognitiv in der Familie mal drüber diskutieren?“ (141); „Ich helfe Dir gleich mal auf die Sprünge, willst Du diesen kompletten Lügentext hier weiterverfolgen?“ (121) oder auch „Manuel, Deine Antworten sind mir immer noch zu knapp“ (28). Was und wie sollen die Studierenden aus diesen Beispielen lernen? Zudem stellt sich die Frage, ob diese Beispiele tatsächlich auf typische Problemstellungen von Kinderinterviews in der Forschung aufmerksam machen oder nicht vielmehr den Umgang von Laien mit einer für sie unbekannten Methode illustrieren.

Zweifelsohne hat Thomas Trautmann einen reichen Erfahrungsschatz in Bezug auf Fragestellungen zur zwischenmenschlichen Kommunikation und bei Kinderinterviews im Grundschulbereich. Allerdings ist sein Buch weniger als ein allgemeines, einführendes Lehrbuch für Studierende zu lesen, das einen Einblick in die Grundlagen, Techniken und Besonderheiten der Kinderinterviews als eine Methode der empirischen Sozialforschung gibt. Vielmehr lassen sich die Beispiele und Überlegungen am besten einordnen, wenn man das Buch als eine Art Werkstattbericht liest, bei dem der Autor aus den Erfahrungen mit seinen Studierenden bei der Durchführung von Kinderinterviews in der Grundschule berichtet, diese einordnet und reflektiert.

Studierende finden im Buch zwar nicht „alles, was man zur richtigen Interviewführung mit Kindern braucht“, wie es die Werbung für das Buch suggeriert; gleichwohl bietet das Buch dennoch hilfreiche Anregungen für eine intensivere Beschäftigung mit Kinderinterviews: Es weist auf zentrale Stolpersteine hin, unterscheidet wichtige formale Elemente der Interviewführung und liefert über „Professionalisierungsansätze für Interviewer/innen“ (144ff), die „Kriterien guter Interviews“ (95ff) oder auch durch die Darstellung des Hamburger Forschungsprojekts (168ff) praxisnahe Tipps.

[1] Honig, Michael-Sebastian / Lange, Andreas / Leu, Hans. R. (1999): Zur Methodologie der Kindheitsforschung. München / Weinheim: Juventa.

[2] Van Deth, Jan W. / Abendschön, Simone / Rathke, Simone / Vollmar, Meike (2007): Kinder und Politik. Politische Einstellungen von jungen Kindern im ersten Grundschuljahr. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Tanja Betz (Frankfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tanja Betz: Rezension von: Trautmann, Thomas: Interviews mit Kindern, Grundlagen, Techniken, Besonderheiten, Beispiele. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. In: EWR 9 (2010), Nr. 5 (Veröffentlicht am 13.10.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353117127.html