EWR 10 (2011), Nr. 6 (November/Dezember)

Dorothea Krüger (Hrsg.)
Genderkompetenz und Schulwelten
Alte Ungleichheiten – neue Hemmnisse
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
(260 S.; ISBN 978-3-5311-7508-9; 29,95 EUR)
Genderkompetenz und Schulwelten Die Kategorie „Geschlecht“ hat Einzug in die Institution Schule gehalten. Die mit ihr einhergehende wissenschaftliche Debatte wird unter schul- und unterrichtsrelevanter Perspektive in dem von Dorothee Krüger herausgegebenen Sammelband „Genderkompetenz und Schulwelten“ fortgeführt. Neben einer Bestandsaufnahme der geschlechtsspezifischen Bildungsbeteiligung geht es in den Beiträgen um das Ziel der Entwicklung von Genderkompetenz als Richtlinie für eine geschlechtersensible Handlungskompetenz in der Schulpraxis.

In ihrem einleitenden Beitrag nimmt die Herausgeberin die Institution Schule als einen Ort der Geschlechterinszenierung in den Blick und fragt nach ihrem Beitrag zur Produktion und Reproduktion von Geschlechterhierachisierungen. Wenn eine geschlechtergerechte Kultur innerhalb der Schul- und Unterrichtsentwicklung angestrebt werden soll, sei es notwendig die Zusammenhänge der Kategorien „Race“, „Class“ und „Gender“ zu reflektieren.

Hieran knüpft der Beitrag von Ilse Brehmer an, der sich vorwiegend auf „Aspekte der feministischen Schulforschung“ bezieht. Vor dem Hintergrund einer „weiblichen Bildung“ und der damit verbundenen Manifestation einer Einführung der Kategorie Geschlecht in die Schulforschung, gibt Brehmer in ihrer empirisch angelegten Studie einen Ausblick, was „Sandkastenrocker und Heulsusen“ (46) hinsichtlich geschlechtsspezifischer Sozialisations- und Bildungsverläufe noch lernen könnten. Dem vermutlich „utopischen Wunsch“ (48) nach Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft stellt Brehmer die tatsächlichen Lebens- und Berufswelten beider Geschlechter gegenüber, die schließlich noch immer von einem „geschlechtssegregierenden Mythos“ (52) umgeben seien.

Ausgehend von der Forderung nach einer ganzheitlichen Betrachtung der Geschlechterungleichheit aus einer intersektionalistischen Perspektive, konstatiert auch Michael Corsten, dass der bloße Einbezug der Geschlechterkategorie kaum ausreicht, um den Wandel der Geschlechterverhältnisse in der Bildung zu erklären. Auf der Grundlage zweier empirischer Studien zeichnet Corsten unter der Frage, was „eigentlich aus den katholischen Arbeitertöchtern vom Lande“ geworden sei, die Auswirkungen einer Bildungsmobilität und der damit verbundenden Deutungsmuster nach. Im Anschluss daran diskutiert er die Kombination der Einflussfaktoren Geschlecht, Region, Herkunft und Religion im Hinblick auf individuelle Bildungschancen. Resümierend stellt er fest, dass von der Bildungsexpansion vor allem Mädchen aus dem städtischen Raum mit selbstständig tätigen Eltern und einer Zugehörigkeit zum Protestantismus profitierten.

Heike Kahlert nimmt in ihrem Beitrag die Diskussion um die Implementierung der Geschlechtergerechtigkeit in der Schule auf. Sie betont, dass eine geschlechtergerechte Schulentwicklung neben der Bereitstellung angemessener Ressourcenausstattung und einer ausgeprägten Entscheidungsbereitschaft seitens der Organisation Schule nur in ihrem Zusammenwirken zweier Richtungen möglich sei, nämlich aus Maßnahmen von zugleich bottom-up wie auch top-down Strategien. Das Gender Mainstreaming als eine exemplarische top-down Strategie verfolge nicht nur eine Gerechtigkeit im Hinblick auf Frauen und Männer, sondern versuche auch „Kategorien sozialer Vielfalt wie Alter, Ethnizität, soziale Herkunft, Behinderung und sexuelle Orientierung“ (73) in die Betrachtung mit einzubeziehen.

Der nachfolgende Beitrag von Waltraud Cornelißen versucht die Frage nach dem schulischen Beitrag zur Sicherung von Geschlechtergerechtigkeit mit den Ansätzen der Mädchen- und Jungenförderung zu erklären. Für den erfolgreichen Umgang mit der Geschlechterheterogenität sei vor allem die Reflexion der Geschlechterstereotype wichtig, aber auch eine damit einhergehende Förderung individueller Selbstentwürfe, fernab der Kategorie Geschlecht.

Der zweite Teil des Sammelbandes geht stärker auf die mikrosoziale Sicht ein und gibt einleitend mit einem Beitrag von Jürgen Budde, die Perspektive von Lehrkräften als HauptakteurInnen innerhalb der Institution Schule wieder. Im Vordergrund steht die Frage nach der Wahrnehmung der SchülerInnenschaft und das darin eingebettete Spannungsverhältnis von Heterogenität und Homogenität. Veränderungen auf der gesellschaftlichen, schulstrukturellen und unterrichtlichen Ebene können in Hinblick auf eine produktive Bearbeitung von Heterogenität – so Budde – das soziale Lernen von Schülerinnen und Schülern nur begünstigen. Hinsichtlich einer optimalen individuellen Förderung und einer lernfördernden Unterrichtsgestaltung seien Transformationen im Bildungssystem nötig.

Ähnlich sieht auch Katharina Willems in der Homogenisierung der Heterogenität die Gefahr einer Stabilisierung geschlechtlicher Zuschreibungen. Der dargelegte Zusammenhang von schulischen Fachkulturen, Geschlechterhierarchien und Lernräumen knüpft an die Debatte um Differenz- und Gleichheitsherstellung in der Schulpraxis an und zeichnet am Beispiel von Unterrichtsfächern die Ordnung der Geschlechter als geschlechterstereotyp konnotierte Interessensgebiete nach.

Ein Beitrag von Elke Gramespacher beschäftigt sich mit dem Schulsport. Gramespacher richtet den Blick auf geschlechtlich konnotierte Erfahrungsräume, in denen der Körper zentrales Medium der Geschlechtskonstruktion wird. In ihrer Untersuchung befragte sie Lehrkräfte zu ihrem Wissensstand über Geschlechteraspekte und deren Umsetzung sowie zur Bedeutung eines geschlechtersensiblen Umgangs mit SchülerInnen im Sportunterricht. Aufgrund bestehender und aufrechterhaltener Geschlechterstereotypisierungen formuliert Gramespacher als primäres Ziel, dass der Schulsport genderkompetenter gestaltet werden müsse, um zugleich soziale Ungleichheit abzubauen.

Der letzte Block widmet sich dem globalen Ziel einer gendergerechten Kultur. Eine erste Entwicklungslinie dahingehend zeichnet Uli Boldt, indem er einen interessanten Einblick in bildungspolitische Initiativen zur Qualitätssicherung der Schule liefert und im Anschluss daran Kriterien für eine förderliche Schulentwicklung vorstellt. Neben der Einführung eines Gütesiegels für die individuelle Förderung von Mädchen und Jungen könne z.B. auch eine Verankerung der Gleichberechtigung der Geschlechter im Schulgesetz eine der möglichen Maßnahmen auf schulpolitischer Ebene darstellen und den Weg zu einer gendersensiblen Schulentwicklung öffnen.

Dazu passend stellt Heidi Schrodt ein Beispiel dafür vor, wie die Integration von Genderkompetenz in den Schulprozess gelingen könnte. Sie gibt einen Einblick in Entwicklungen, die von einer reinen Mädchen- oder auch Jungenarbeit unter dem Differenzansatz über das Konzept der Koedukation bis zur Verankerung eines Schwerpunktes Gender und Diversität am Gymnasium reichen.

Einen innovativen Vorschlag, die Schüler aktiv in den Prozess der geschlechtergerechten Schule mit einzubinden, stellen Nora Schulze und Manuela Westphal mit einem Modell vor, Mädchen und Jungen in der Reflexion über Geschlechterverhältnisse und im Aufbau einer Genderkompetenz begleitend zur Seite zu stehen. Festzuhalten sei, dass die Wahrnehmung einer Gleichheit oder Differenz zwischen den Geschlechtern sich trotz festgestellter Aufweichung von Geschlechterbildern, vor allem über den Körper und die Körperlichkeit definiere. Problematisch sei es jedoch, wenn der Aufbau einer Genderkompetenz nur in die Verantwortung von Genderbeauftragten auf Schülerseite gelegt würde und fernab von der Reflexion der Lehrerschaft passiere.

Abschließend widmen sich Katharina Schiedering und Dagmar Vinz der bildungspolitischen Perspektive, indem sie den Nutzen einer Verknüpfung von Gender Mainstreaming und Diversity Management für das Gelingen einer förderlichen Schulentwicklung und einem gleichzeitigen Abbau von sozialen Ungleichheiten im Schulalltag aufzeigen.

Fazit: Der vorliegende Sammelband liefert markante Beiträge zur Diskussion um das Spannungsverhältnis von Gender und Schule und eignet sich auch für Leserinnen und Lesern, die bislang nur wenig Zugang zu dieser Thematik hatten. Die Beiträge bewältigen den diskurstheoretischen Spagat zwischen „alten Ungleichheiten“ und „neuen Hemmnissen“ und geben Denkanstöße und Impulse für eine geschlechtergerechtere und – vor allem – kompetentere Gestaltung der Institution Schule.
Dominika Walla (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Dominika Walla: Rezension von: Krüger, Dorothea (Hg.): Genderkompetenz und Schulwelten, Alte Ungleichheiten – neue Hemmnisse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. In: EWR 10 (2011), Nr. 6 (Veröffentlicht am 14.12.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353117508.html