EWR 11 (2012), Nr. 6 (November/Dezember)

Jutta Buchner-Fuhs / Lotte Rose (Hrsg.)
Tierische Sozialarbeit
Ein Lesebuch für die Profession zum Leben und Arbeiten mit Tieren
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007
(450 S.; ISBN 978-3-531-18075-5; 34,95 EUR)
Tierische Sozialarbeit Ein Buch mit diesem Titel fällt auf, da die Disziplin sich zunächst als Menschenrechtsprofession versteht. Tiere hingegen werden zumeist als Arbeitsgegenstände in einer tiergestützten Praxis verortet, flankiert von Publikationen, die oftmals im heilsversprechenden Ton abgefasst sind. Die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung scheint kaum gegeben zu sein. An dieser Engführung setzt der Band an: Die Artikel verstehen sich als Beiträge zu einer breiten, interdisziplinären Beschäftigung mit der Vielschichtigkeit von Mensch-Tier-Beziehungen, indem sie sowohl die vielfältige Arbeit als auch das Leben mit Tieren thematisieren und damit eine bislang ausstehende sozialarbeits- und erziehungswissenschaftliche Reflexion und Theoretisierung vorantreiben möchten, so die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung.

Auf 448 Seiten sind 27 Beiträge von 27 AutorInnen nicht nur aus der Sozialen Arbeit, sondern u.a. der Soziologie, Kulturanthropologie oder Sozialgeschichte versammelt und den vier Teilen des Bandes zugeordnet: „Pädagogische Reflexionen zur Mensch-Tier-Beziehung“, „Tiere im menschlichen Alltag“, „Die Beziehung zum Tier – eine Frage kultureller Differenz“ und schließlich „Tiere im sozialpädagogischen Einsatz“.

Der erste Teil wird eingeleitet mit einem historischen Parcours durch pädagogische Klassiker, die die Vielfalt der Thematisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses widerspiegeln. Daran schließen fünf Beiträge an, die u.a. das Verhältnis Mensch-Hund fokussieren: So unterbreitet bspw. Buchner-Fuhs (49ff) anhand der Hundeerziehung ihre Überlegungen zur Analogie zwischen Hunde- und Menschenerziehung, indem sie anhand der Figur des Wandels vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt treffsicher Parallelen in den Erziehungspraktiken herausarbeitet. Fuhs und Naumann (81ff) entfalten an Beobachtungen und Interviews, die sie im Kontext von Hundeausstellungen erhoben haben, die Praxis von bildungsbedeutsamen Erfahrungen.

Im zweiten Teil werden in sieben Beiträgen Perspektiven auf Tiere im menschlichen Alltag entworfen: Einerseits finden sich (kultur)historische Beiträge, die bspw. die Geschichte des menschlichen Fleischkonsums nachzeichnen (Hirschfelder/Lahoda, 147ff) oder die Darstellung und Funktion von Tieren in Kinderbüchern diskutieren (Richter, 167ff). Andererseits gibt es Beiträge, die den menschlichen Alltag mit Tieren problematisieren – wie bspw. das Problem des „Animal Hoarding“ (Deiniger, 185ff) oder die Heimtierhaltung in Armut (Zier/Rüger/Münster, 215ff).

Der dritte Teil wird von dem lesenswerten Beitrag „Deutsche Hunde: Ein Beitrag zum Verstehen deutscher Menschen“ (Ndonko, 241ff) eingeleitet, der in seinem ethnologisch-befremdeten Blick die deutschen Praxen im Umgang mit Hunden beschreibt und zugleich die Probleme dieser tierischen Vermenschlichung für die Hunde (!) herausarbeitet. Die anschließenden vier Beiträge verhandeln aus u.a. gendertheoretischer (Rose, 251ff) oder ethnologischer (Buchner-Fuhs, 309ff; Stibane, 273ff) Perspektive die Beziehung zu den Tieren.

Teil vier stellt mit acht Beiträgen eine beeindruckende Vielfalt tiergestützter Praxis in Settings der Therapie und Pflege – bspw. bei frühkindlichem Autismus (Schwartze, 369ff) oder demenziell erkrankten Pflegeheimbewohnern (Wesenberg, 383ff) – und Settings der Pädagogik – bspw. im Rahmen der Aidshilfe (Plößer, 327ff) oder der Einsatz eines Hundes in einer Grundschulklasse (Kehl-Brand, 399ff) dar. Perspektiverweiternd ist der Beitrag „Technik in animalischer Gestalt“ (Weiss, 429ff), der eine Wende in die Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses anstößt. Er thematisiert den Einsatz von Tierrobotern in der Altenhilfe, beschreibt die Grenzen und Potentiale dieser Unterstützung – und bringt damit ganz nebenbei die menschlich-tierische Akteursfixiertheit der Diskussion ins Wanken.

In der Gesamtschau liefern die Beiträge zur Frage, wie das Verhältnis von Mensch und Tier als eine dezidiert sozialarbeits- respektive erziehungswissenschaftliche Fragestellung weiter konzeptualisiert und theoretisiert werden kann, auf vier Ebenen produktive Hinweise:

Erstens stellen die Beiträge, die den Alltag zwischen AdressatInnen und ihren jeweiligen Tieren reflektieren, heraus, dass kaum empirisches Wissen über die heterogenen Vollzüge des Alltags besteht. Die Rekonstruktion dieser menschlich-tierischen, also verdoppelten Heterogenität ist jedoch zentral für weitere Theoretisierungen: Wenn bspw. der Umgang mit dem Hund für Kinder als eine Praxis des informellen Lernens (Fuhs/Naumann) und für Obdachlose als eine Praktik der Fürsorge (Bodenmüller, 201ff) theoretisiert werden, verweisen allein diese Perspektivierungen darauf, dass nicht von einer tierimmanenten Eigenschaft ausgegangen werden kann, die sich in jeder Mensch-Tier-Interaktion gleichermaßen entfaltet. Darauf verweist auch Kunz in seinem Beitrag (255ff): Vor dem Hintergrund der Debatte um das Verhältnis von Menschen mit Migrationshintergrund und Tieren kritisiert er, dass „falsche Fragen, etwa wie die – ob und – wenn nein – warum sich Türken keinen Dackel halten, von vorherein falsche Antworten“ provozieren (269) und stellt sich damit gegen„homogenitätsfixierte Darstellungslogiken“ (ebd.). Die Effekte dieser Logik zeigen sich auch in Beiträgen des Sammelbandes selbst: So wird bspw. vom türkischstämmigen Mädchen Gaze erzählt, die dem Schulhund distanziert gegenüber steht (Kehl-Brand). Daraus wird ein doppelter kulturalisierender Fehlschluss gezogen, nämlich dass Türken in der Türkei sich nicht vorstellen können, einen „Hund im Haus zu halten“ und so „Kinder lernen, dass Tiere keine engen Begleiter oder gar Freunde sein sollen“ (401). Diese Fallstricke zeigen v.a. die Komplexität einer entsprechenden Forschungsarbeit. Die Nivellierung von „Brüchen und Paradoxien“ (Kunz, 269) der subjektiven Vollzugslogiken kann neue blinde Flecken produzieren, möglicherweise mit dem Effekt, dass zwar die Position oder der Nutzen des Tieres verstanden wird, aber die der Praktiken der damit agierenden Menschen aus dem Blick geraten können.

Zweitens ist der Mangel an belegbaren Effekten eine Herausforderung an eine professionstheoretische Forschung. So problematisiert bspw. Spies (115ff), auf welche Weise sich Studierende in ihren Abschlussarbeiten diesem Themenfeld annähern können. Aus der Perspektive der Wirksamkeitsforschung verweist sie auf einen Überschuss an interessensgeleiteten Projektionen und tierfixierten Hoffnungen. Daran anschließend stellt sie die kritische Anfrage, „ob und wie weit sie [tiergestützte Settings], die nicht von der Instrumentalisierung eines dritten Lebewesens abhängig sind, ersetzbar sind“ (128), appelliert, nicht das Tier, sondern die agierenden Professionellen in den Mittelpunkt der empirischen Analysen zu stellen (124). Diese Art der auf die Profession bezogenen Gegenstandskonstitution ist gewinnbringend. Auch Sturzenhecker (99ff) entwickelt mit seinem Vergleich zwischen dem Fernsehhund Lassie und den Anforderungen an JugendarbeiterInnen die Professionsfigur einer „Bildungsassistenz“(107), die politisch handlungsfähig ist – und zeigt damit, dass dies eine spezifisch menschliche Leistung ist, die nicht an Tiere abgegeben werden kann.

Drittens zeigen praxisnahe Beiträge (bspw. Plößer, Wesenberg), wie die Verknüpfung von alltäglicher Lebensgestaltung und sozialarbeiterischer bzw. therapeutischer Praxisformen auf hohem Reflexionsniveau gelingen kann. Als good practice-Beispiele können sie vorherrschende professionelle Deutungsroutinen in Frage stellen und veranschaulichen, wie ein adressatenorientierter Umgang auch eine Basis für stabilere Arbeitsbündnisse ermöglicht, indem sie zwischen den Bedürfnissen und Interessen der AdressatInnen und den Anliegen der Professionellen vermitteln.

Viertens verweisen die kulturtheoretischen Beiträge darauf, wie wichtig sie für eine innovative Soziale Arbeit sein können, indem sie für selbstverständlich gehaltene Routinen hinterfragen (u.a. Ndonko, Stibane) oder Tabus artikulieren (u.a. Perinelli). Damit vermitteln diese Beiträge alternative Perspektiven – und diese sind wichtig für eine Disziplin, die sich darauf spezialisiert hat, Problemlösungen zu suchen.

Eine kleine Kritik ist abschließend anzumerken: Bei der Vielzahl an Beiträgen wäre eine jeweils kurze, die Lesenden navigierende Zusammenfassung hilfreich gewesen. Insgesamt ist die Lektüre jedoch aufgrund der transdisziplinären Perspektiven informativ und bisweilen auch sehr unterhaltsam. Das Buch trägt dazu bei, einerseits auf die Lücke an theoretisch fundierten und empirisch gesättigten Beiträgen zum Leben und Arbeiten mit Tieren hinzuweisen und andererseits Vorschläge zu liefern, wie dieses Verhältnis stärker sozialarbeits- respektive erziehungswissenschaftlich zu fundieren ist. Es ist gleichermaßen für einschlägig Forschende, Lehrende als auch in der pädagogischen oder therapeutischen Praxis Tätige empfehlenswert.
Marc Schulz (Hildesheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marc Schulz: Rezension von: Buchner-Fuhs, Jutta / Rose, Lotte (Hg.): Tierische Sozialarbeit, Ein Lesebuch für die Profession zum Leben und Arbeiten mit Tieren. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007. In: EWR 11 (2012), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353118075.html