EWR 12 (2013), Nr. 1 (Januar/Februar)

Susann Fegter
Die Krise der Jungen in Bildung und Erziehung
Diskursive Konstruktion von Geschlecht und Männlichkeit
Wiesbaden: Springer VS 2012
(205 S.; ISBN 978-3-531-18601-6; 29,95 EUR)
Die Krise der Jungen in Bildung und Erziehung Mit ihrer Studie zur Produktivität des medialen Jungenkrisendiskurses legt Susann Fegter mit ihrer Dissertation eine zugängliche, tiefgehende und pädagogisch kommentierte Analyse der (Re-)Konstruktion männlicher Geschlechterordnungen vor, die in der Reihe „Kinder, Kindheiten und Kindheitsforschung“ erschienen ist. Die Autorin zeichnet nach, wie der Krisendiskurs eine asymmetrische Geschlechterordnung stabilisiert und leistet mit ihrer innovativen Arbeit und neuen Befunden einen wesentlichen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Theorieentwicklung. Fegter fokussiert in ihrer Forschung die Produktivität des Krisendiskurses anstatt Fragen nach seiner inhaltlichen Gültigkeit zu stellen. Mit diesem Ziel und dieser Herangehensweise setzt sich die Autorin deutlich von bisherigen Arbeiten zum Thema ab. Durch diese Perspektive wird der Fokus auf die Konstruktion von Geschlecht gelenkt und dabei insbesondere auf den Anteil des medialen Diskurses hieran: Das konstruktivistische Verständnis entspricht der Absicht, den medialen Diskurs als solchen bzw. hinsichtlich seiner Produktivität diskursanalytisch zu betrachten. Die Ergänzung der diskursanalytischen Methode um die der Fotoanalyse erweist sich dabei als vielversprechende methodische und analytische Erweiterung.

Fegter zeigt, wie durch spezifische diskursive Regeln eine doppelte Krise hervorgebracht wird. Der Diskurs erlangt seine Wirkmächtigkeit durch seine spezielle Eigenschaft als Krisendiskurs. In der abgrenzenden Relationierung zu Mädchen und zur Gesellschaft werden Jungen als Scheiternde in Bezug auf Bildung, Leistung, Konkurrenzfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe hervorgebracht. In der Relationierung zu Eltern, Schule, Gesellschaft wird dieses Scheitern mit einem Notstand an Wertschätzung, Gerechtigkeit und Unterstützung verbunden. Diese doppelte Krise verbindet Scheitern und Leiden und wird exklusiv männlichen Kindern und Jugendlichen zugeschrieben. Mit der Analyse von Totalisierung, Dramatisierung, Appellen und Profilierung der Krisensubjekte als Zuwendungsbedürftige zeigt die Studie auf, wie der Diskurs die Möglichkeiten von Krisen umfassend ausschöpft, Zustimmung zu bestimmten Männlichkeitsnormen herzustellen und ein Mitwirken aller am Erhalt dieser Ordnung herbeizuführen.

Über eine vielseitige Herausarbeitung von Diskursstrategien wird transparent, welche Geschlechts- und Männlichkeitsordnungen hervorgebracht werden und wie Aufmerksamkeit kanalisiert wird. Als zentrale Strategie zeigt sich die Konstruktion einer hegemonialen Jungenmännlichkeit, zusammengefasst als „wild aber harmlos“ (165). Fegter verdeutlicht beispielhaft, wie der Diskurs seine Wirkmächtigkeit entfaltet: anhand von zum Teil aggressiven und potenziell empörenden Zitaten wird sichtbar, wie der mediale Diskurs eine differenzierende und hierarchisierende Abgrenzung gegenüber Weiblichkeit sowie gegenüber anderen Männlichkeiten produziert und dabei die Bestätigung traditionaler Normen fördert.

Auch in der von Fegter in Anlehnung an Franck entfalteten Analyse der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ (173) liegt ein wesentlicher Beitrag (nicht nur) zur Kindheitsforschung: Der Diskurs erzeugt Aufmerksamkeit für nur ganz bestimmte Subjekte und Problemzusammenhänge. Anhand der analytisch explizierten moralisierenden Semantiken lässt sich erkennen, wie eine „wohlwollende Aufmerksamkeit“ (173) für die Krisensubjekte geschaffen sowie eine problematisierende Aufmerksamkeit auf Eltern, Schule und Gesellschaft gerichtet wird. Beide Konstruktionen privilegieren diejenigen, die hegemoniale Männlichkeitsnormen repräsentieren. Bestimmte Jungengruppen und Mädchen werden von dieser Aufmerksamkeit indessen ausgenommen. Tendenziell werden dabei jene Jungen ausgeschlossen, die am stärksten von den diskutierten Problemen betroffen sind: Jungen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status und Migrationsgeschichte. Zudem wird das im Diskurs behauptete Leiden der Jungen mit einer übermäßigen Hinwendung zu Mädchen verbunden – ein Bezug zum (vormaligen) Mädchenkrisendiskurs wäre hier interessant gewesen, um Diskursstrategien vergleichen oder kontrastieren zu können. Denn auch der insbesondere feministisch motivierte Mädchenkrisendiskurs beinhaltet Erzählungen über Benachteiligung und Normierungen, die erstens anders gelagert sind als im Jungenkrisendiskurs, aber zweitens auch seine (unsichtbare) Hintergrundfolie ausmachen, wenn der Verliererstatus der Jungen als Negativfolge „erfolgreicher“ emanzipatorischer Mädchenarbeit diskursiviert wird.

Mit der produktiven Verbindung von geschlechtlicher und generationaler Differenz wird in der vorliegenden Arbeit ein Desiderat gewinnbringend aufgearbeitet. Als männliche Kinder werden Jungen in einem spezifischen Verhältnis zu Erwachsenen sowie als Angehörige einer jüngeren Generation gegenüber der älteren positioniert. Die scheinbar natürliche Form des Kindseins naturalisiert Männlichkeit unter Einsatz generationaler Differenz und erzeugt Zustimmung zu dieser Jungenmännlichkeit. Die hervorgebrachte „wilde aber harmlose“ Jungenmännlichkeit stellt eine generational bestimmte Weise von Männlichkeit dar, die jene Akzeptanz bewirkt, die Hegemonien gründet und stabilisiert. Gerade diese Zustimmung zu bestimmten Männlichkeitskonstruktionen wird diskursiv über generationale Differenzvorstellungen ermöglicht – ein wesentlicher und aussagekräftig herausgearbeiteter Befund.

Als weitere wirkmächtige Diskursstrategie stellt die Autorin die Figur (mangelnder) „guter Elternschaft und Pädagogik“ heraus. Gegenwärtige Elterndiskurse machen die Sorge um eine bestmögliche Förderung der Kinder zum Merkmal „guter Elternschaft“. Eine Adressierung, diese Ansprüche zu verfehlen, trifft einen empfindlichen Punkt und provoziert Handlungsdruck. Auch für Pädagoginnen und Pädagogen stellt die Zuschreibung eines ungerechten und vernachlässigenden Umgangs mit Jungen einen gravierenden Vorwurf dar. So zeigt Fegter, wie die Stabilisierung männlicher Hegemonie im Jungenkrisendiskurs über moralisierende Zuschreibungen funktioniert. Transparent ist nun, wie machtvoll und produktiv diese Reduktionen sind, indem sie Zustimmung zu asymmetrischen Geschlechter- und Männlichkeitsordnungen organisieren. Eindrücklich wird dabei entfaltet, wie „gute Elternschaft und Pädagogik“ mit der Anerkennung hegemonialer Jungenmännlichkeit verbunden werden.

Im Epilog, der die Arbeit über die Analyse hinausgehend um eine normative sozialpädagogische Kommentierung bereichert, fordert Fegter kritische Aufmerksamkeit dem Diskurs gegenüber, der eine besondere Haltung der Sorge und Anerkennung auf jene Jungen richtet, die am wenigsten von den diskutierten Problemen betroffen sind und hegemoniale Männlichkeitsmuster verkörpern sowie auch davon profitieren. Über die Analyse eines Fotos von Jugendlichen, die weder ethnisch noch migrantisch markiert sind und deren Aussehen keinen niedrigen sozioökonomischen Status suggerieren, argumentiert Fegter ihre Positionierung: aus diesen Jungen Krisensubjekte zu machen, die einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen, heißt, ihre Position vor anderen Jungen und Mädchen weiter zu stärken. Im Anschluss an differenzsensible Pädagogik fordert die Autorin, solchen diskursiven Prozessen kritisch zu begegnen und sich zugleich auch diesen Jungen gegenüber zu verantworten. Über die Figur „schlechter Elternschaft und Pädagogik“ suggeriert der Diskurs eine Perspektive, die Jungen bestimmte Interessen homogenisierend zuschreibt: „[d]iese Perspektive ist keine notwendige, und es gibt gute Gründe, ihr nicht zu folgen“ (184). Fegter argumentiert machtsensibel über geschlechtliche Normen nachzudenken und Jungen in intersektionaler Perspektive wahrzunehmen. Eine Haltung, die die vorangegangene Kommentierung plausibel und konsequent zu Ende führt.

Die Arbeit ist sehr gut lesbar und strukturiert, Lesende wissen stets genau was sie erwartet. Adressiert wird ein breites Spektrum: In Teilen (bspw. in den erklärenden Ausführungen zu Diskurs oder der sozialen Konstruktion von Geschlecht) wäre ein voraussetzungsvolleres Schreiben durchaus möglich gewesen. Aber durch die inhaltliche Spannweite von einer nachvollziehenden Hinführung zu einer argumentativ anspruchsvoll unterlegten Analyse wird das Buch informativ und anschlussfähig für Studienanfänger/innen, Praktiker/innen sowie erfahrene Wissenschaftler/innen.
Charlotte Spellenberg (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Charlotte Spellenberg: Rezension von: Fegter, Susann: Die Krise der Jungen in Bildung und Erziehung, Diskursive Konstruktion von Geschlecht und Männlichkeit. Wiesbaden: Springer VS 2012. In: EWR 12 (2013), Nr. 1 (Veröffentlicht am 19.02.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353118601.html