EWR 13 (2014), Nr. 5 (September/Oktober)

René Tuma / Bernt Schnettler / Hubert Knoblauch
Videographie
Einführung in die interpretative Videoanalyse sozialer Situationen
Wiesbaden: Springer VS 2013
(135 S.; ISBN 978-3-531-18731-0; 16,99 EUR)
Videographie Publikationen zur Methodik und Methodologie videoanalytischer Zugänge sind in den Sozialwissenschaften und den Erziehungswissenschaften in den letzten Jahren keine Seltenheit [1]. Im Zuge der Ausrufung des iconic bzw. pictorial turn [2] ist dies auf ein gesteigertes Interesse an der Eigenlogik des Bildes in einer medialen Gesellschaft zurückzuführen. Mit dem Einsatz von Videodaten in der qualitativen Forschung verbinden sich einige Vorteile gegenüber konventionellen Verfahren, so etwa die vermeintliche mimetische Qualität des (Video-) Bildes, die immense Informationsdichte videographischer Daten und die dauerhafte Fixierung. Damit geht nicht zuletzt der Wunsch einher, empirische Erfahrung reproduzierbar und intersubjektiv verifizier- und kommunizierbar zu machen. Eben diese verführerischen Qualitäten des Videobildes werfen aber auch Fragen auf, die zu einer Pluralisierung der z. T. auf unterschiedliche erkenntnis- und sozialtheoretische Traditionen verweisenden Zugänge führen. Dabei ist das Feld einerseits von methodologisch-theoretischen Grundfragen bestimmt (von „Was kann die qualitative Videoforschung leisten?“ bis zu „Was ist das Soziale?“), andererseits von der Bearbeitung forschungspraktischer Fragen und damit einhergehend einer Vielzahl an programmatisch-systematisierenden Methodenangeboten und „Schulen“, die einen je eigenen Zugang vertreten. Tuma, Schnettler und Knoblauch reihen sich mit ihrem Studienbuch in dieses diskursive Feld ein und präsentieren dem Leser einen Überblick über die von ihnen entwickelte Methode der „Videointeraktionsanalyse“. Eine große Stärke des Einführungswerks liegt darin, dass es, indem methodologische Grundfragen mit einbezogen werden, nicht der gängigen Baukastenlogik einer pragmatisch-funktionalistischen Methodenlehre folgt. Gleichsam werden die Autoren dem Anspruch, eine „verständliche Einführung in die videographische Methode“ (Verlagstext) zu geben, an vielen Stellen gerecht.

Das Buch folgt dem konventionellen Aufbau eines Einführungswerkes. An die Einführungskapitel zur grundlegenden Rolle der Videoanalyse in der interpretierenden Sozialforschung reihen sich Kapitel zur Geschichte der Videoanalyse, zu ihrer Methodologie und zu einem Überblick über aktuelle Ansätze, wie z. B. der Dokumentarischen Methode, der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik und letztlich der von den Autoren vertretenen ethnomethodologisch-konversationsanalytischen Ansätze. Den zweiten Teil des Buches bilden forschungspraktische Kapitel. Hier werden hilfreiche und gut strukturierte Hinweise zu Datenerhebung und Sampling gegeben, ebenso wird die Methode der Videointeraktionsanalyse anhand der exemplarischen Dokumentation einer Datensitzung veranschaulicht. Zudem werden Bilder und Verschriftlichungsbeispiele angeführt, die einen Überblick über die Möglichkeiten und Grenzen der Präsentation und Publikation videoanalytischer Forschungsergebnisse bieten. Distinktive Merkmale der Einführung (und der vorgestellten Analysemethode) sind die sozial- und erkenntnistheoretische Rahmung der bisher hauptsächlich von Knoblauch vertretenen „Videointeraktionsanalyse“ [3] sowie die detaillierten Erläuterungen zum Analyseprozess von Videosequenzen – es lohnt, diese beiden Punkte genauer in den Blick zu nehmen.

Der sozialtheoretische Rahmen, vor dem die Autoren ihre Analysemethode präsentieren, wird in detaillierter und für ein Einführungswerk angemessener Weise eingebracht. Neben einer ausdrücklich ethnographisch-sozialkonstruktivistischen Perspektive (in Abgrenzung zu rein hermeneutischen Herangehensweisen) bedienen sich die Autoren hauptsächlich der Ethnomethodologie und im Anschluss daran der Konversationsanalyse in der Tradition Garfinkels bzw. Sacks‘. Diese wiederum finden ihren Ausgangspunkt in einer phänomenologisch orientierten Sicht auf die soziale Welt (Schütz / Luckmann). Als Grundkategorie der Rekonstruktion der sozialen Lebenswelt wird Sinn angeführt, den die Autoren jedoch nicht in der klassischen Dichotomie als subjektiven und sozialen Sinn ausdeuten wollen. Vielmehr wird Sinn in der Methodenhaftigkeit, der Reflexivität und der Ordnungshaftigkeit sozialer Interaktionen situativ erst hervorgebracht (90) und wird in Interaktionen manifest. Mit diesen drei Grundannahmen zur sinnhaften Struktur sozialen Handelns eröffnen die Autoren ein Analyseraster für die Forschungspraxis, das auf einzelne Mikrosequenzen angewendet werden und Orientierungsmöglichkeiten in oft unübersichtlichen Datenmengen schaffen kann.

Die Mikrosequenzen werden dann, ähnlich wie in der Sequenzanalyse der Objektiven Hermeneutik, auf ihre möglichen (Aus-)Gänge hin überprüft (59, 89ff). Die Videointeraktionsanalyse setzt das Ziel dabei aber nicht in die Rekonstruktion einer das Soziale übersteigenden oder latenten, allgemeinen Sinnstruktur. Sowohl der Sinn sozialer Handlungen als auch die Beobachtungskategorien werden vielmehr „erst im Verlauf der Beobachtung und auf der Basis der Handlungen der Akteure und deren Relevanz […] also aus dem Material heraus“ entwickelt (46). Die Sequenzen werden in diesem induktiven Vorgehen zu Konzepten erster Ordnung. Diese Mikrosequenzen, die den Hauptanalysegegenstand darstellen, zeigen aber auch ein Problem der empirischen Videoforschung im Allgemeinen auf: Bevor eine Sequenz analysiert werden kann, muss sie als solche ausgewiesen werden. Dieses Problem der Selektion von Sequenzen lösen die Autoren, indem sie die Videosequenzen in sogenannte Aggregate teilen, hier zu verstehen als „Untereinheiten des Interaktionsablaufes, die bestimmte kommunikative Strukturen aufweisen“ (80). Die kommunikativen Strukturen ergeben sich in Anlehnung an Sacks wieder aus den Relevanzen der Akteure.

Die Frage, wie letztlich Relevanzen erkannt und Handlungssequenzen als sinnhaft-kohärent eingegrenzt werden können, bleibt aber unbeantwortet. Auch die exemplarisch dargestellte Datensitzung hilft hier – bis auf die Veranschaulichung der organisationalen Struktur empirischer Forschungsprozesse – kaum weiter, da die dort vorgeschlagenen Interpretationen sehr knapp bleiben und damit ohne den theoretischen Rahmen eher assoziativ wirken (94ff). Es zeigt sich hier ein weiteres generelles Problem qualitativ-empirischer Forschungen: Werden Relevanzen, Typen, Kategorien und letztlich Theorien nur aus dem Datenmaterial heraus gebildet und begründet (106) bzw. wird, wie in der Grounded Theory Methodology, auf die Emergenz der Daten gesetzt, geraten die formierenden und prä-formierenden theoretischen Vorannahmen im Forschungsprozess aus dem Blick. Die Autoren setzen zwar auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial. Sie betonen z. B. wiederholt, dass Datenerhebung und Datenanalyse ineinandergreifen und so in differentieller und differenzierender Wirkung aufeinander Einfluss nehmen, indem analytisch gewonnene Hinsichten weitere Erhebungen beeinflussen (85). Eine Reflektion des Forschungsprozesses im Sinne einer „theoretischen Empirie“ [4], die nach Meinung des Rezensenten eine Bereicherung für ein Einführungswerk wäre, wird jedoch nicht erwähnt.

Zuletzt kann noch – nicht als Wertung, sondern als prüfendes Kriterium – nach Möglichkeiten gefragt werden, die eher handlungssoziologisch ausgerichtete Videoanalyse-Methode in der pädagogischen Forschung anzuwenden. Abgesehen von den medialen Vorteilen des Videos zur Dokumentation pädagogischer Prozesse [5] bieten v. a. die ethnomethodologische Fundierung und der Fokus auf Interaktionen im beobachteten Geschehen Anknüpfungspunkte. In ethnomethodologischen Zugängen kann eine produktive Basis für eine qualitative Schul- und Unterrichtsforschung liegen, die nach relevanten Sinnbezügen und Wissensformen einer „pädagogischen Wirklichkeit“ fragt. Diese bleibt dabei in ihrer Eigenlogik und lebensweltlichen Dignität bestehen und wird nicht vom wissenschaftlichen Blick konstituiert. Eine solche Forschungshaltung kommt der Frage nach der Pädagogizität auf ganz eigene Weise nach. Das Pädagogische würde damit nicht von vornherein gesetzt (etwa durch den Fokus auf die „pädagogische Institution“ Schule), sondern ergäbe sich erst aus dem je einzelnen Handlungszusammenhang. Zudem geraten durch den engen Fokus auf die Interaktionen Handlungsformen in den Blick, die sich ggf. erst in der bestimmten Situation als solche herausstellen. Hier müsste das o. g. Problem der Selektivität pädagogisch differenziert werden und nach der Eigenlogik pädagogischer Handlungseinheiten (z. B. Unterrichtsphasen) gefragt werden. Auch forschungspragmatisch scheint die von den Autoren vertretene „Fokussierte Ethnographie“ (64) für den pädagogischen und schulischen Bereich interessant, da sie fast ohne den sonst üblichen langen Feldaufenthalt und die Offenheit der Fragestellung operiert. Im Gegensatz zu anderen (video-)ethnographischen Zugängen, die hauptsächlich Schul- und Lernkulturen zu ihrem Gegenstand machen, ließen sich mit der hier vorgestellten Methode gezielt pädagogische und ggf. didaktische Interaktionen in den Blick nehmen. Das Buch von Tuma, Schnettler und Knoblauch wird so auch für die empirische pädagogische Forschung relevant und bietet einen guten Ausgangspunkt für Forscherinnen und Forscher, die sich in die qualitative Videographie einarbeiten wollen.

[1] Vgl. etwa: Schluß, H. / Jehle, M. (Hrsg.): Videodokumentation von Unterricht. Zugänge zu einer neuen Quellengattung der Unterrichtsforschung. Wiesbaden 2013.; Bohnsack, R.: Qualitative Bild- und Videointerpretation: Die dokumentarische Methode. Stuttgart 2011; Reichertz, J. / Englert, C.: Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. Wiesbaden 2011.; Knoblauch, H. / Schnettler, B. / Tuma, R.: Interpretative Videoanalysen in der Sozialforschung. In: Maschke, S. / Stecher, L. (Hrsg.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. Weinheim 2010.
[2] Vgl. zum „iconic turn“: Boehm, G.: Die Wiederkehr der Bilder. In: ders: Was ist ein Bild? München 1994, 11-38.; Zum „pictorial turn“: Mitchell, W.: Der Pictorial Turn. In: Kravagna, C. (Hrsg.): Privileg Blick. Kritik der visuellen Kultur. Berlin 1997, 15-40.
[3] In vorigen Publikationen von Knoblauch auch als „Video-Interaktions-Analyse“ bezeichnet, siehe: Knoblauch, H.: Die Video-Interaktions-Analyse. In: Sozialer Sinn, Jg. 5 (2004), Heft 1, 123-138.
[4] Kalthoff, H.: Zur Dialektik von qualitativer Forschung und soziologischer Theoriebildung. In: Kalthoff, H. / Hirschauer, S. / Lindemann, G. (Hrsg.): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung. Frankfurt am Main 2008, 8-34.
[5] Vgl. dazu: Dinkelaker, J. / Herrle, M.: Erziehungswissenschaftliche Videographie: Eine Einführung. Wiesbaden 2009.
Sales Severin Rödel (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sales Severin Rödel: Rezension von: Tuma, René / Schnettler, Bernt / Knoblauch, Hubert: Videographie, Einführung in die interpretative Videoanalyse sozialer Situationen. Wiesbaden: Springer VS 2013. In: EWR 13 (2014), Nr. 5 (Veröffentlicht am 10.10.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353118731.html