EWR 7 (2008), Nr. 1 (Januar/Februar)

Jürgen Schriewer (Hrsg.)
Weltkultur und kulturelle Bedeutungswelten
Zur Globalisierung von Bildungsdiskursen
Frankfurt a.M., New York: Campus 2007
(382 S.; ISBN 978-3-593-38031-5; 45,00 EUR)
Weltkultur und kulturelle Bedeutungswelten Ein Großteil der Diskussion in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft ist mit den aktuellen Umstellungen und Transformationen der Bildungssysteme beschäftigt. Der Grund hierfür liegt nicht zuletzt in der zunehmenden Bedeutung transnationaler Prozesse und insbesondere der signifikanten Rolle neuer Akteure wie den Internationalen (Regierungs)Organisationen, der UNESCO, den Organen der Europäischen Union, der WTO und last but not least, der OECD. Vor diesem Hintergrund bietet der vorliegende Band, der zweite der im Kontext des Sonderforschungsbereichs 640 an der Humboldt Universität zu Berlin erschienenen Publikationsreihe: „Eigene und fremde Welten“ eine wichtige Perspektivenerweiterung, die in mehrfacher Hinsicht zentrale Differenzierungen thematisiert. Zum ersten wird deutlich, dass der Begriff der Internationalisierung keinesfalls ein als rezent zu bezeichnendes Phänomen zum Ausdruck bringt, sondern eine lange Tradition bezeichnet. Zum zweiten zeigen die vorliegenden Beiträge die thematische Vielfalt und die empirische Vielförmigkeit der Diffusions- und Aneignungsprozesse. Schließlich bereitet der Band eine theoretische Diskussion auf, indem der Begriff der Weltkultur vor allem in seiner neoinstitutionalistischen kognitiven Zuspitzung mit anderen Bedeutungsdimensionen und Referenzen konfrontiert wird.

In drei großen Teilen wird in jeweils vier Beiträgen das in der Einleitung von Jürgen Schriewer dargelegte Anliegen der empirischen Differenzierung und Spezifizierung entfaltet. Der erste Teil, überschrieben mit „Begegnung – Rezeption – Interpretation“, wird von David Philips eröffnet, der sich mit den Formen der britischen Beobachtung des deutschen Bildungswesens im neunzehnten Jahrhundert auseinandersetzt und dabei eine einschlägige Unterscheidung in fünf Stadien der Entwicklung einer vergleichenden erziehungswissenschaftlichen Perspektive nutzt.

Der zweite von Eckhardt Fuchs stammende Beitrag ist mit den Relationen zwischen Deutschland und den USA zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts befasst. Bereits im Obertitel „Gouvernementaler Internationalismus und Bildung“ ist angesprochen, dass es in den Ausführungen weniger um individuelle Personen als Akteure geht – wie im Beitrag von David Philips – als vielmehr um politische Strukturen und Medien. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Ende des neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts populären Weltausstellungen in Kombination mit einer bestimmten wechselseitigen nationalen Wahrnehmung.

Beschäftigen sich diese beiden Beiträge mit unterschiedlichen Formen der Begegnung, so geht es Marcelo Caruso am Beispiel der „Weltklassiker“ John Dewey und Jean Piaget um die Untersuchung von Rezeptionsprozessen am Beispiel Lateinamerikas. Diese Fallstudie liefert wichtige Spezifizierungen und Klärungen und trägt damit bei zur Modifikation gängiger Theoretisierungen und Kategorisierungen der Verbreitung pädagogischer Programme und Konzepte.

Mit einem besonderen Fall der Interpretation im Sinne einer „Transformation von ‚Reformpädagogik’ und utopischem Sozialismus“ setzt sich Ludwig Liegle am Beispiel unterschiedlicher pädagogischer Praktiken und Konzepten des jüdischen Gemeinwesens Palästinas auseinander. Vor dem Hintergrund einer präzisen Unterscheidung zwischen unterschiedlichen pädagogischen Wissensformen und einer prägnanten Analyse der gesellschaftlichen Kontextbedingungen leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis pädagogischer Transferprozesse.
Damit leitet der Beitrag Liegles über zum zweiten thematischen Block des Bandes, der mit „Transfer – Transformation – Appropriation“ überschrieben ist und mit Barbara Schultes Untersuchung zu „Rezeption und Aneignung westlichen Wissens in China“ eröffnet wird.

Auch in diesem Beitrag wird klar herausgearbeitet, wie „neue“ und „fremde“ Wissensbestände kontextspezifisch umgearbeitet, eingepasst, verändert werden, aber auch wie diese umgekehrt auf bestehendes Wissen, Handlungsformen und Deutungsmuster einwirken. Gita Steiner-Khamsi und Hubert O. Quist zeigen am vielschichtigen Beispiel eines „afrikanischen Bildungsimports aus den USA“ die erziehungswissenschaftliche Relevanz einer präzisen Analyse sowohl der bildungspolitischen Rezeptions- als auch der Diffusionsprozesse. Im Unterschied zu den universalistisch angelegten „klassischen“ nationalen Exporten handelt es sich hier um ein im nationalen Kontext (den USA) entstandenes partikularistisches Konzept (das mit dem Namen Hampton-Tuskegee assoziierte Ausbildungsmodell für die afroamerikanische Bevölkerung).

Mit einem für die aktuelle bildungspolitische Diskussion bedeutsamen Akteur befasst sich François Orivel in seiner Fallstudie zu den Bildungsreformen postsozialistischer Tansitionsländer: der Weltbank. Wie auch anderen internationalen Organisationen kommt der Weltbank eine zentrale Bedeutung für die Formulierung und Diffusion von Deutungsbeständen und Handlungsmustern bei der Gestaltung der Bildungssysteme zu. Orivels Beispiel zeigt, dass diese Einflussnahme nicht notwendigerweise in strategischer Absicht und aktiver Planung, sondern aus fiskalischen Zwängen erfolgt.

Mit dem Beitrag „Globale Bildungsdiskurse und ihre Indigenisierung in Südasien“ beschließt Markus Maurer den zweiten thematischen Block und nimmt das im dritten Block bedeutsam werdende Konzept der „Weltkultur“ explizit auf. Auch in seinem Beitrag geht es darum, die Komplexität der Aneignungsprozesse und der diese beeinflussenden Faktoren bei der Verbreitung von pädagogischen Konzepten, Programmen, Handlungs- und Wissensformen in Rechnung zu stellen.

Der erste Beitrag des dritten Themenblocks „Weltsystem – Weltbildungsprogrammatik – Pädagogische Semantik“ stammt von den Hauptexponenten des Weltkultur-Konzepts (world polity) John W. Meyer und Franciso Ramirez, die in „The World Institutionalization of Education“ die wesentlichen Thesen und Argumentationslinien ihres Ansatzes noch einmal auf den Punkt bringen. Zentral ist dabei die Perspektive auf den Modellcharakter des modernen Nationalstaats mit seinen zentralen Institutionen, vor allem der der organisierten Massenerziehung. Elizabeth H. McEneaney liefert mit ihrer „Exploration of Effects of Participation in Global Educational Comparisons“ einen Beitrag zum Verständnis der Wirkungen von Weltkultur am Beispiel der sich aus der Teilnahme an internationalen Vergleichsstudien ergebenden möglichen Wirkungen. Im Zentrum ihrer Betrachtung stehen die International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) und ihre Aktivitäten auf dem Gebiet großer vergleichender Schülerleistungsuntersuchungen.

Edwin Keiner und Jürgen Schriewer legen ihrem Beitrag „Erneuerung aus dem Geist der eigenen Tradition? Über Kontinuität und Wandel nationaler Denkstile in der Erziehungswissenschaft“ umfangreiche Zitationsanalysen einschlägiger Fachzeitschriften zugrunde, die interessante Aufschlüsse bieten über die Ausprägung nationaler Referenzräume und die jeweilige Spezifik der Formierung der Disziplin. Als viel versprechende Perspektive für die weitere systematische Ausleuchtung in komparatistischem Zugriff identifizieren die Autoren die Kombination der Zitationsanalyse mit prosopographischen Daten und der Erforschung von Lehrtraditionen.

Jan Spurk schließt mit „Von den Sozialwissenschaften in Europa zu den europäischen Sozialwissenschaften“ an die Überlegungen Keiners und Schriewers am Beispiel der Soziologie an und beschließt damit gleichzeitig den Themenblock. Dieser Abschluss stellt kein endgültiges rückblickendes Schlusswort dar: Angesichts der Entwicklungen in Europa, nicht zuletzt der Programmatik eines gemeinsamen Bildungs- und Wissenschaftsraums entwirft Spurk vielmehr eine Perspektive für die Zukunft der emergenten europäischen Sozialwissenschaften, die sich nicht mehr auf etablierte Traditionen verlassen können.

Der vorliegende Band versammelt durchweg hochkarätige Beiträge, die in geglückter Weise thematisch gebündelt und – ohne dies in expliziten Verweisen zum Ausdruck zu bringen – in vielfältiger Weise aufeinander beziehbar sind. Der Band avanciert auf der Basis empirischer Daten die theoretische und methodologische Diskussion in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft. Es spricht ebenfalls für die Güte des Bandes weitere Diskussionen anzuregen. So scheint mir die Frage nach der präzisen Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem Modell moderner gesellschaftlicher Organisation und den historisch bedingten singulären Ausprägungen noch nicht erschöpfend beantwortet zu sein. Aus disziplinärer Sicht ist interessant, dass sich die mit „Erziehung“ befasste Wissenschaft und Praxis als an eben dieser Schnittstelle positioniert beschreiben lässt.
S. Karin Amos (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
S. Karin Amos: Rezension von: Schriewer, Jürgen (Hg.): Weltkultur und kulturelle Bedeutungswelten, Zur Globalisierung von Bildungsdiskursen. Frankfurt a.M., New York: Campus 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 1 (Veröffentlicht am 06.02.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978359338031.html