EWR 7 (2008), Nr. 6 (November/Dezember)

Régis Malet
La Formation des Enseignants Comparée
Identité, Apprentissage et Exercice Professionnels en France et en Grande-Bretagne
(Komparatistische Bbliothek, Comparative tudies Series, Bibliothéque d´Etudes Comparatives. Band/Vol. 17)
Frankfurt/M.: Lang 2008
(259 S.; ISBN 978-3-631-56695-4; 48,70 EUR)
La Formation des Enseignants Comparée Gegenwärtig sind auf internationaler Ebene weit reichende Transformationsprozesse in den Bereichen Erziehung und Bildung unter Schlagwörtern wie Wettbewerb, Schulautonomie oder Schulprogrammentwicklung zu beobachteten. Die Bildungspolitik vieler Staaten scheint unter Druck geraten zu sein, nicht zuletzt weil internationale Organisationen zunehmend an Bedeutung gewinnen und als neue Akteure den öffentlichen Bereich mitgestalten. Régis Malets Beitrag setzt an dieser Stelle an. In seinem Buch mit dem Titel „La formation des enseignants comparée Identité, apprentissage et exercice professionnels en France et en Grande-Bretagne“ legt er eine zusammenfassende Darstellung seiner Forschungsergebnisse der letzten zehn Jahre im Bereich der Schul- und Professionsforschung vor. Im Mittelpunkt steht dabei der länderspezifische Vergleich zwischen Frankreich und Großbritannien für die Sekundarstufe. Er geht davon aus, dass im Zuge der Anpassungsbemühungen zahlreicher Staaten an die neuen ökonomischen, politischen und kulturellen Verhältnisse die Lehrer und Lehrerinnen als zentrale Gruppe von der Reformpolitik betroffen sind. Die theoretische Rahmung von Malets Arbeit bildet die im soziologischen Neoinstitutionalismus im Umfeld um John W. Meyer erarbeitete so genannte Isomorphiethese. Diese besagt, dass sich die national geprägten Bildungssysteme durch universale Diffusion von als kognitive Kultur bezeichneten Elementen aneinander immer mehr „anähneln“. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass sie identisch werden.

Die Monographie von Malet lässt sich in vier thematische Schwerpunkte einteilen. Im ersten Schwerpunkt rekonstruiert Malet die beruflichen Identitäten von LehrerInnen in Frankreich und in Großbritannien, die dann miteinander kontrastiert werden. Der zweite thematische Fokus von Malet liegt in der Betrachtung der Organisation der LehrerInnenausbildung. Der dritte Themenkomplex behandelt die Auswirkungen von Transformationsprozessen, also Neugestaltungen, auf das Bildungswesen. Sie werden am Beispiel des Berufsstands der LehrerInnen diskutiert. Im vierten Schwerpunkt schließlich stellt Malet ausgehend von einer grundsätzlichen Reflexion über die Methode des Vergleichs seinen Zugang vor.

Im ersten Themenkomplex analysiert Malet anhand von qualitativ angelegten Studien, die im Zeitraum von 1989 bis 2005 entstanden die beruflichen Identitäten von LehrerInnen. Den Ausgangspunkt bilden Globalisierungsprozesse, die, wie es heißt, fragmentierende Wirkungen auf persönlicher, beruflicher und sozialer Ebene entfalten. Fragmentierung hat Instabilität sowohl für Individuen als auch für Institutionen, eine „double instabilité“ (25f.) zur Folge.

Anhand der empirischen Arbeiten wird entlang der Statuspassagen Studienbeginn, Übergang in die berufliche Praxis und Berufseinritt rekonstruiert. Nach Malet lassen sich zwei nationale Modelle, ein „modèle épistémocratique français“ und ein „modèle pragmatique anglais“ unterscheiden (58). Insgesamt betonen die angehenden französischen Lehrkräfte eine starke Entkopplung zwischen der akademischen und der praktischen Welt. Die Studierenden nehmen die akademische Welt nicht als einen Ort wahr, an dem eine Identifikation mit der berufspraktischen Identität stattfindet, sondern sehen die Hochschule als einen Ort der intellektuellen und sozialen Persönlichkeitsentwicklung (48f.). Die angehenden britischen Lehrkräfte hingegen bestätigen die beschriebene Entkopplung von Theorie und Praxis nicht (S. 57). Im Fall von Großbritannien handle es sich um Campusuniversitäten, in denen die Studierenden nicht nur ausgebildet werden, sondern auch dort leben. Dies ermögliche ihnen eine berufliche Sozialisation und die Möglichkeit, während ihrer gesamten Ausbildung eine berufliche Identität zu entwickeln. Ferner sei die Nähe zwischen der akademischen Welt und der Profession in der praxisorientierten Ausbildungsstruktur zu sehen (59).

Im zweiten Schwerpunkt betrachtet Malet die Bildungsreformpolitik der beiden Länder für den Bereich LehrerInnenausbildung und erörtert dabei die Tatsache, dass seit Anfang der 1990er Jahre neue Organisationsformen entstehen, die neue Akteure auf den Plan rufen. So wurden in Frankreich 1991 die regional angesiedelten Instituts universitaires de formation des maîtres (IUFM) gegründet, die dem Ministerium unterstehen. Diese stellen die „conseillers pédagogiques“ (CP), meist erfahrene LehrerInnen, die in der Praxisphase als Berater fungieren. In Großbritannien seien mit Antritt der Labour-Regierung ebenfalls große Anstrengungen in der Umgestaltung der LehrerInnenausbildung zu beobachten. Das vom Bildungsministerium herausgegebene Green Paper zur Bildung von Leistungsstandards von 1998 löst heftige Kontroversen aus. Zum einen aufgrund erhöhter Leistungsstandards und zum anderen wegen des Vorwurfs, diese seien unter dem Diktat von Wirtschaftslobbyisten entstanden. In Bezug auf die länderspezifischen Reformen zeigt Malet Möglichkeiten auf, wie der Vergleich auf struktureller Ebene entlang der folgenden Ebenen vorgenommen werden kann. Erstens die Ebene der SchulpraktikantInnen: die französischen „enseignants-stagiaires“ und die britischen „student-teachers“, zweitens die Ebene der BeraterInnen und BetreuerInnen in der Praxis: die „conseillers pédagogiques“ (CP) und die „subject mentors“ und drittens die Ebene der BetreuerInnen in der Hochschule: die „professeurs associés“ und die „university-tutors“. Dabei zeigt Malet, dass die Umsetzung dieser Neuerungen nicht nur nationale Charakteristika aufweist.

Im dritten Themenschwerpunkt wird auf die Auswirkungen von Transformationsprozessen auf den Berufsstand der LehrerInnen eingegangen. Dabei stellt Malet fest, dass gegenwärtig eine Flut von (Bildungs)Reformbestrebungen in beiden Ländern wahrzunehmen sei, die sich sowohl auf die Akteure als auch auf die Organisationen auswirke. In diesem Zusammenhang werden beispielsweise der Diskurs über Schulautonomie beziehungsweise die Schulprivatisierung thematisiert. Wenngleich diese Diskurse nicht als spezifische Angelegenheit dieser Länder zu betrachten sind, zeigt Malet, wie nationale bildungspolitische Akteure darum bemüht sind, die Ökonomisierung der Bildungssektors zu forcieren. Um einen Aspekt herauszugreifen: Die Idee und die Verbreitung des „New Public Managements“ stellt ein weltweites Phänomen dar und Großbritannien nimmt eine zentrale Rolle ein. Dieses Konzept wird später von Frankreich übernommen. Die Übernahme von Leitbildern bedeutet zugleich auch die Veränderung von Arbeitsformen und Organisationsformen der Berufsgruppe der LehrerInnen (141-145).

Der vierte Themenbereich wird mit der Überschrift „Post skriptum. Pourquoi comparer“ eingeleitet. In diesem Abschnitt wird über die Methodologie und das methodische Vorgehen des Vergleichs reflektiert. Nachdem Malet den Sinn und Zweck von Vergleichen grundsätzlich erläutert (177-214), baut er den von M. Maurice angebotenen Ansatz aus, der die Kriterien „cross-national“, „cross-cultural“, „inter-national“ (225) benennt, in dem Malet zwei Aspekte hinzufügt: „la relation et le point de vue“ (240). Damit soll eine Forschungsperspektive in den Vordergrund gestellt werden, die das Prozesshafte, die Kontextualisierung und die Herstellung von Beziehungen fokussiert. Sein Zugang beinhaltet folgende Prämissen: Der Vergleich soll bei der Annährung an das Phänomen die Berücksichtigung seines gesamten Kausalzusammenhangs anstreben. Er soll einen Sachverhalt in seiner Komplexität, unter Berücksichtigung von Kontextualisierung und verschiedenen Perspektiven erhellen können. Er soll Einflüsse und Bedingungsfaktoren für das Phänomen erforschbar machen können (240ff.).

Im abschließenden Kapitel wird ein Fazit gezogen, das im Grunde eine knappe Zusammenfasssung darstellt.

Zusammenfassend bietet Malets Beitrag einen vertiefenden Einblick in die Diskussion um die LehrerInnenausbildung vor dem Hintergrund von Globalisierungsprozessen. Über den Ländervergleich Frankreich und Großbritannien wird Einblick über die berufliche Identität von angehenden Lehrkräften und die beim Bildungsprozess von LehrerInnen beteiligte Institutionen und die Akteure gegeben. Zunächst leistet Malet mit den Ergebnissen über die Professionsforschung einen wichtigen Beitrag insbesondere für die Schulpädagogik. Ferner belebt er die Diskussion um die Isomorphie-These in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft, indem er diese anhand der beispielhaften Diffusion der Redeweisen um New Public Management, Schulautonomie usw. mit empirischen Daten untermauert und eine umfangreiche Reflexion über die Methodologie des Vergleichs bietet. Malet zeigt mit seiner Vergleichsstudie am Beispiel des LehrerInnenberufs die Verwicklung von nationalen und internationalen Prozessen. Während die Ergebnisse aus den ethnographischen Studien einen deutlichen Unterschied in der Wahrnehmung der LehrerInnenausbildung in Frankreich und Großbritannien zeigen, werden diese in den Untersuchungen der administrativen Organe nicht bestätigt.
Zebiba Teklay (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Zebiba Teklay: Rezension von: Malet, Régis: La Formation des Enseignants Comparée, Identité, Apprentissage et Exercice Professionnels en France et en Grande-Bretagne (Komparatistische Bbliothek, Comparative tudies Series, Bibliothéque d´Etudes Comparatives. Band/Vol. 17). Frankfurt/M.: Lang 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978363156695.html