EWR 11 (2012), Nr. 1 (Januar/Februar)

Beata Walter
Die berufliche Orientierung junger Menschen
Untersuchungen zur Verantwortung von Gesellschaft und Pädagogik
Frankfurt am Main: Peter Lang 2010
(331 S.; ISBN 978-3-6316-0342-0; 54,80 EUR)
Die berufliche Orientierung junger Menschen Mit ihrer Dissertation präsentiert die Erziehungswissenschaftlerin Beate Walter eine Abhandlung über die Situation der beruflichen Orientierung junger Menschen in Deutschland. Der Untersuchungsschwerpunkt liegt in der Ausdifferenzierung sozialisatorischer Effekte und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen hinsichtlich der Berufsorientierung sowie der pädagogischen Maßnahmen der für den Orientierungsprozess relevanten Institutionen. Die Arbeit greift den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung bzw. den Beruf auf und expliziert deren Relevanz für eine sich verändernde Gesellschaft. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Akteure im Prozess der Berufsorientierung entsteht das multiperspektivische Bild eines komplexen Unterstützungssystems, welches insbesondere das Phänomen der Verantwortung in den Blick nimmt.

Wenngleich die Befunde zeigen, dass Familie und Eltern (noch) die Entscheidungsprozesse in Bezug auf die Berufswahl ihrer Kinder dominieren, erwächst den Schulen, aber auch anderen Institutionen, die komplexe Aufgabe, steuernd in den Prozess der beruflichen Orientierung einzugreifen. Der wachsende Einfluss von Schule und Supportsystemen gründet auf den sich schnell verändernden Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten sowie den gesellschaftlichen und marktspezifischen Wandlungsprozessen (31f). Familien, insbesondere aus sozial schwachen Herkunftsmilieus, können dieser Entwicklung immer seltener Stand halten (36f). Die damit verbundene Verlagerung der (gesellschaftlichen) Verantwortung führt zu einem vielschichtigen Bewältigungsansatz, der die „berufliche Orientierung als pädagogische Querschnittsaufgabe“ charakterisiert (109). Die Schule muss hierbei, in enger Kooperation mit den weiteren Akteuren des Übergangsprozesses, diese Herausforderung annehmen, um nicht zuletzt der sich verschärfenden sozialen Heterogenität entgegenzutreten (118f).

Zu Anfang ihres Buches gibt Walter eine konzise Einleitung, welche die zugrundeliegende Problematik ihrer Untersuchung strukturiert erfasst. Es folgt eine knappe, aber dennoch präzise und größtenteils auf dem aktuellen Stand der Forschung verortete Systematisierung der zentralen Begrifflichkeiten.

Im folgenden Teil der Studie wird ausführlich auf diverse Sozialisationsaspekte rekurriert, welche die beruflichen Integrationsmechanismen unter Berücksichtigung der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erfassen und die Komplexität der Einflüsse auf die Lebensphase der Jugend als Ausgangspunkt darstellen. Die Explikation der gesellschaftspolitischen Relevanz von Kontextvariablen zieht sich unterdessen wie ein roter Faden durch die verschiedenen Entwicklungsaspekte, wodurch eine für diesen Bereich umfassende Systematik entsteht.

Das vierte Kapitel widmet sich dem komplexen Phänomen der Verantwortung, die zunächst durch eine philosophisch-soziologische Annäherung erfolgt, und konturiert, „wer mit welcher Verpflichtung und rechtlicher Kompetenz“ (106) für den beruflichen Eingliederungsprozess eintritt. Der Autorin gelingt es, durch diese Schwerpunktlegung, einen präzisen Diskurs zu führen, der die differenten Normen und Ansprüche unter einer kollektiven Orientierungsverantwortung subsumiert und darüber hinaus die „Ambivalenz der kollektiven Verantwortung“ (89) herausstellt.

Logisch darauf aufbauend wird in einem nächsten Schritt die berufliche Orientierung in der Rollenbeschreibung von Familie, Peergroups, Schule, Jugendhilfe, Wirtschaft und weiteren Einflussgrößen dargestellt und hinsichtlich ihrer spezifischen Ausprägungen definiert.

Der empirische Teil der Studie beabsichtigt, vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, das Zusammenspiel der für den beruflichen Orientierungsprozess maßgeblichen Instanzen zu explorieren und eine systemübergreifende Aussage zur beruflichen Integration als Schlüsselfunktion der Vergesellschaftung junger Menschen herzustellen. Das methodische Vorgehen, das in der vorliegenden Darstellung noch strukturierter und ausführlicher hätte dokumentiert werden können, umfasst eine schlüssige Triangulation von qualitativen und quantitativen Erhebungen, die für die Region und Stadt Leipzig umfassend realisiert wurden. Die Auswertung der Ergebnisse ergibt einen stringenten und den grundlegenden Arbeitshypothesen entsprechenden Überblick, der mit zahlreichen Originalzitaten der interviewten Experten untermauert und in der Konklusion folgerichtig resümiert wird.

Die betrachtete Arbeit stellt, insbesondere in ihrem ersten Teil, den Versuch dar, das nicht nur pädagogisch intensiv rezipierte Thema der beruflichen Orientierung mit all seinen immanenten Aspekten und Bedingungen umfassend zu bearbeiten. Den derzeit aktuellen Forschungsstand gibt die Arbeit dabei jedoch nur mit einer ausschnittartigen Berücksichtigung der berufspädagogischen Expertise wieder, sodass es der Abhandlung in Teilen an einer sachlichen Kohärenz mangelt, die sowohl das angestrebte Gesamtbild des beruflichen Orientierungsprozesses als auch die Spezifika der Übergangsproblematik nur eingeschränkt widerspiegelt. Dieses Defizit ist allerdings weniger erheblich, betrachtet man die sehr gut gelungene und detaillierte Bezugnahme auf die verschiedenen Dimensionen der schulisch-beruflichen Sozialisation, die der Betrachtung eine soziologisch und sozialpädagogisch geprägte Perspektive verleihen. Der Blickwinkel, beinhaltet unter anderem die spezifische „Sozialisation in modernen Lebenswelten“ (31ff), den Aspekt der „Berufsorientierung und Jugendhilfe“ (122ff) sowie die Betrachtung der „Benachteiligungsfaktoren in ihrer sozialen Durchschlagskraft“ (58ff), welche die wissenschaftliche Diskussion des schulisch-beruflichen Übergangs um wertvolle, ansonsten nur sporadisch behandelte Betrachtungen ergänzen.

Walter gelingt es, neben dem Spagat, den entstandenen Erklärungsansatz der beruflichen Bildung durch eine lokal begrenzte empirische Untersuchung zu stützen, vor allem durch eine interdisziplinäre Betrachtung von Berufsorientierung deren Komplexität zu identifizieren und somit den Fokus auf die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses zu richten.

Insgesamt handelt es sich bei der vorliegenden Publikation um einen sehr gelungenen Beitrag zur Erforschung des Übergangs Schule-Beruf, sodass die Autorin ihrem eigenen Anspruch, einen Teil zu einer erweiterten Perspektive des Themas beizutragen, gerecht wird. Vornehmlich die Erarbeitung des Phänomens der Verantwortung für den beruflichen Orientierungsprozess stellt einen herausragenden Aspekt zum fachlichen Diskurs dar. Die Wahrnehmung und Umsetzung der Verantwortung von Schule und Akteuren im System der beruflichen Orientierung, verbunden mit der Thematisierung von Schuld und Scheitern, wird konkretisiert und vor dem Hintergrund ihrer politischen und gesellschaftlichen Brisanz sachlich beleuchtet.
Christian J. Gras (Weingarten)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christian J. Gras: Rezension von: Walter, Beata: Die berufliche Orientierung junger Menschen, Untersuchungen zur Verantwortung von Gesellschaft und Pädagogik. Frankfurt am Main: Peter Lang 2010. In: EWR 11 (2012), Nr. 1 (Veröffentlicht am 24.02.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978363160342.html