EWR 16 (2017), Nr. 3 (Mai/Juni)

Kurt Möller / Janne Grote / Kai Nolde / Nils Schuhmacher
"Die kann ich nicht ab!" – Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugendlichen in der (Post-)Migrationsgesellschaft
Wiesbaden: Springer VS 2016
(836 Seiten; ISBN 978-3-658-02301-0; 59,99 EUR)
"Die kann ich nicht ab!" – Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugendlichen in der (Post-)Migrationsgesellschaft Dieser Band fasst die Ergebnisse einer Studie zusammen, die sich mit gruppenbezogenen und menschenfeindlichen Ablehnungshaltungen von Jugendlichen beschäftigt. Die Studie ist an die bundesweite Forschung zur sogenannten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) angelehnt, ein Forschungsprogramm welches der Frage nachgeht, wie Menschen unterschiedlicher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft wahrgenommen werden und mit feindseligen Mentalitäten konfrontiert sind.
Die dem vorliegenden Band zugrunde liegende Studie zielt darauf ab, Ablehnungshaltungen unter in Deutschland lebenden Jugendlichen zu erheben und neben den unterschiedlichen Erscheinungsformen auch die Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen von Ablehnungshaltungen zu eruieren.

Der Band ist in drei Teile gegliedert:

Teil A gibt einen differenzierten und umfassenden Überblick zum aktuellen Stand der GMF-Forschung in Deutschland sowie zu weiteren für die Studie relevanten Forschungen zu Ablehnungshaltungen. Eine wichtige Referenz bilden insbesondere die Ergebnisse der Langzeitstudie des Bielefelder Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung (2002-2012) zur GMF sowie die Ergebnisse einer Jugendumfrage zu abwertenden Einstellungen [1]. Darüber hinaus präsentieren die Autoren den aktuellen Forschungsstand zu den für die eigene Studie relevanten Themenfeldern von Ablehnungshaltungen und verweisen auf existierende Theoriedefizite und Forschungsdesiderata, die der vorliegende Band für sich zu schließen beansprucht. Während die GMF-Forschung bisher vor allem als quantitative Einstellungsforschung mit repräsentativen Erwachsenen-Stichproben konzipiert war, so ist die vorliegende Studie die in Deutschland erste qualitativ angelegte Untersuchung, die speziell auf die Altersgruppe der Jugendlichen ausgerichtet ist. Im Gegensatz zu der quantitativ ausgerichteten GMF-Forschung, die eher statische und punktuelle Bestandsaufnahmen zu GMF liefert, werden mit dem längsschnittlichen Design, auch die Dynamik und Prozesshaftigkeit von Haltungsbildungen analysiert.

Teil B präsentiert die inhaltlichen und methodischen Grundlagen sowie die empirischen Ergebnisse der Studie und bildet mit seinen gut 600 Seiten den Schwerpunkt des Bandes.

Die Autoren formulieren als Hauptziel der Studie, „einerseits biographische Prozesse des Aufbaus, der Konsolidierung und ggf. der Fundamentalisierung, andererseits Faktoren der Distanz und Distanzierung […] von ‚gruppenbezogenen‘, ‚menschenfeindlichen‘ Haltungen bei in Deutschland lebenden Jugendlichen mit und ohne sogenannten Migrationshintergrund zu untersuchen und auf ihre Bedingungen zurückzuführen.“ (82).
Die Datenerhebung erfolgte mittels themenzentrierter, teilstrukturierter qualitativer Interviews mit 43 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Die Fallauswahl war an dem Ziel orientiert, die „Heterogenität des Untersuchungsfeldes falltypologisch zu repräsentieren“ (125). Die Jugendlichen wurden zu zwei Zeitpunkten befragt; zwischen den einzelnen Interviews lagen 11 bis 14 Monate. Diesen „echten Längsschnitt“ (130) stellen die Autoren als methodische Besonderheit heraus und begründen es mit dem Ziel, „Differenzen aktueller Einstellungen gegenüber früheren Einstellungen zu reflektieren und Gründe für die Veränderung anzubringen“ (130), aber auch die erhobenen Daten zu validieren, d. h. sicherzustellen, dass Aussagen von den Forschern richtig verstanden und interpretiert wurden.

Die zentralen theoretischen Konzepte der Studie bilden der GMF-Ansatz und das Theorem der Intergrations-Desintegrationsdynamik [2]. Darauf aufbauend haben die Autoren das sogenannte KISSeS-Modell (Kontroll-, Integrations-, Sinnlichkeits- und Sinnerfahrungen sowie erfahrungsstrukturierende Repräsentationen und Selbst- und Sozialkompetenzen) entwickelt, welches sie als zentrales Raster für die Analyse von Ablehnungshaltungen verwenden (105ff). Dabei werden die Kontrollerfahrungen u. a. als Möglichkeit zur Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Handlungssicherheit verstanden; Integration als Erfahrungen u. a. der Zugehörigkeit, Anerkennung, Teilhabe und Identifikation definiert; Sinnlichkeit und sinnliches Erleben als u. a. das Erleben positiver körperlicher und psychischer Zustände verstanden sowie Sinnerfahrung und Sinnzuschreibung als Techniken der Komplexitätsreduktion und Herstellung einer Ordnung (110f). Um den subjektiven Umgang der Jugendlichen mit diesen Gegebenheiten und die sich vollziehenden Prozesse systematisch einzubeziehen, wird auf eine zweite Ebene, die der Erfahrungsstrukturierung, rekurriert um zu erfassen „wie die Individuen im Prozess des Erfahrungsablaufs, das Aufsuchen, die Wahrnehmung, die Beschreibung, die Deutung, die Bewertung und die Einordnung von Erfahrungen vornehmen und sie kommunizierbar machen.“ (113).

Die Präsentation der empirischen Befunde beginnt mit der Darstellung von Fallskizzen (135ff). Anschließend werden in einzelnen Unterkapiteln die empirischen Befunde für die sechs thematischen Felder von Ablehnungshaltungen präsentiert (178-693).

Im Anschluss daran werden die Ergebnisse unter drei Perspektivsetzungen gebündelt betrachtet (693ff). Es wird gezeigt, (1) welchen Erklärungsgehalt das KISSeS-Konzept für die Entstehung von Ablehnungshaltungen hat, (2) inwieweit die Lebensphase Jugend mit ihren spezifischen Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben die Ablehnungshaltungen prägt und (3) auf welche Weise die einzelnen Facetten von Ablehnung miteinander in Verbindung stehen und ob pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen identifizierbar sind.
Im abschließenden Teil C präsentieren die Autoren Schlussfolgerungen in Bezug auf inhaltliche, theoriebezogene und methodisch-empirische Herausforderungen sowie darüber hinaus praxisbezogene Konsequenzen, die sich an Adressaten aus Politik, Gesellschaft und der Sozialen und pädagogischen Arbeit richten. Hier werden einige Aspekte wie z. B. die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik, der Bedarf weiterer anwendungsbezogener Forschung oder aber die Notwendigkeit des Ausbaus politischer (Bildungs-)Programme und Initiativen herausgestellt.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „die Vorstellung eines kohärenten «GMF-Syndroms» weitgehend revidiert, wenn nicht gar gänzlich fallengelassen werden muss.“ (762) [Anm. d. Verf.: Der Begriff des Syndroms wird verwendet, weil die Vorstellung von Ungleichwertigkeit den Kern aller Formen von GMF bildet]. Als Begründung führen sie an, dass Zusammenhänge zwischen Ablehnung und Sozialisation mit dem „GMF-Syndrom“ nicht hinreichend differenziert erfasst werden, dass sie zu statisch und zu flach angelegt sind und damit die Ablehnungshaltungen in ihrer Komplexität und inhaltlichen Tiefe nicht systematisch erfasst werden können (763).
Demgegenüber liefert das KISSeS-Konzept aus ihrer Sicht ein differenzierteres Erklärungsmodell, das gesellschaftliche Rahmenbedingungen, strukturelle Faktoren und soziale Einflüsse einbezieht und gleichzeitig auch die Entstehungsprozesse von Ablehnungshaltungen aus der subjektiven Perspektive von Jugendlichen eruiert. Zudem ermöglicht die längsschnittliche Untersuchungsanlage aus Sicht der Autoren, die hervortretenden „jugendphasenspezifischen Beweglichkeiten und Dynamiken als wesentliche Haltungsmerkmale“ (763) herauszuarbeiten.

Ohne Zweifel legen die Autoren mit dem vorliegenden Band eine äußerst erkenntnisreiche Studie vor, die differenzierte Einsichten in die komplexen Entstehungsprozesse und -bedingungen von Ablehnungshaltungen unter Jugendlichen liefert. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der GMF-Forschung; und das gleich in zweifacher Hinsicht. Erstens in Bezug auf die methodische Vorgehensweise; die Studie erfasst mit Hilfe qualitativer Methoden die Entstehungs- und Artikulationsprozesse von Ablehnungshaltungen und geht damit über die bisher in der GMF-Forschung vorherrschende quantitative Einstellungsforschung hinaus. Zweitens in Bezug auf die inhaltlich-konzeptionelle Ausrichtung; die Studie beschränkt sich nicht auf die Analyse von Einstellungen und Verhaltensbereitschaften, sondern nimmt darüber hinaus auch die konkreten Handlungen sowie Entstehungs- und Erscheinungsformen von Ablehnungshaltungen in den Blick. In diesem Zusammenhang erweist sich das zugrunde gelegte KISSeS-Konzept als eine sinnvolle theoretische Erweiterung bzw. Grundierung des GMF-Modells.

Den Autoren gelingt es insgesamt auch, den (insbesondere für das Jugendalter wichtigen) passageren Charakter vieler Ablehnungshaltungen herauszuarbeiten. Leider tritt dieser Aspekt bei der Ergebnisdarstellung etwas zu sehr in den Hintergrund. Gerade das Vorhandensein längsschnittlicher Daten hätte nahegelegt, diesen Entwicklungsaspekt stärker zu berücksichtigen. So bleibt der Eindruck bestehen, den durch diesen innovativen Zugang gewonnenen Mehrwert nicht vollends ausgeschöpft zu haben. Bei der Lektüre entsteht zuweilen der Eindruck, die Autoren beziehen ihre Interpretationen und Abstrahierungen auf Einzelfälle (ohne dies aber explizit deutlich zu machen). Hier hätte man sich an einigen Stellen eine stärkere Bezugnahme zum empirischen Material und damit auch mehr empirische Validierung gewünscht.

Insgesamt ist der Band sehr systematisch aufgebaut und übersichtlich strukturiert; dazu tragen auch die vielen Zusammenfassungen und Synopsen bei. Angesichts des enormen Umfangs des Buches läuft der Leser jedoch an einigen Stellen Gefahr, sich in der zuweilen erschlagenden Text- und Materialfülle zu verlieren und die Fragestellung und leitende Analyseperspektive aus den Augen zu verlieren. Der Lesbarkeit nicht zuträglich ist der zum Teil schwierige Sprachduktus (lange, verschachtelte Sätze).

Diese Detailkritik soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um einen äußerst gewinnbringenden Band handelt, der die GMF-Forschung um neue Aspekte ergänzt und damit eine wichtige Grundlegung für zukünftige Forschungsvorhaben zu Ablehnungshaltungen, Gewalt(handeln) aber auch Extremismus von Jugendlichen liefert.

[1] Mansel, J. / Spaiser V.: Ausgrenzungsdynamiken. In welchen Lebenslagen Jugendliche Fremdgruppen abwerten. Weinheim / München: Beltz Juventa 2013.

[2] Heitmeyer, W.: Das Desintegrations-Theorem. Ein Erklärungsansatz zu fremdenfeindlich motivierter, rechtsextremistischer Gewalt und zur Lähmung gesellschaftlicher Institutionen. In. Ders. (Hrsg.): Das Gewalt-Dilemma. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, 29-69
Andreas Heinen & Helmut Willems (Luxemburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Heinen & Helmut Willems: Rezension von: Möller, Kurt / Grote, Janne / Nolde, Kai / Schuhmacher, Nils: "Die kann ich nicht ab!" – Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugendlichen in der (Post-)Migrationsgesellschaft. Wiesbaden: Springer VS 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 3 (Veröffentlicht am 30.05.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365802301.html