EWR 16 (2017), Nr. 1 (Januar/Februar)

Heinz-Hermann Krüger / Catharina Keßler / Daniela Winter
Bildungskarrieren von Jugendlichen und ihre Peers an exklusiven Schulen
Reihe: Studien zur Schul- und Bildungsforschung, Band 62
Wiesbaden: Springer VS 2016
(261 S.; ISBN 978-3-658-13161-6; 34,99 EUR)
Bildungskarrieren von Jugendlichen und ihre Peers an exklusiven Schulen Beim vorliegenden Band handelt es sich um den ersten von mehreren geplanten Ergebnisberichten aus einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt mit dem Titel „Exklusive Bildungskarrieren und der Stellenwert von Peerkulturen“. Kern des Projekts bildet eine auf sechs Jahre angelegte qualitative Längsschnittstudie mit dem Ziel, Bildungskarrieren von Jugendlichen an exklusiven Schulen über insgesamt drei Erhebungszeitpunkte hinweg – von der 10. über die 12. Klasse bis ins Studium bzw. in die Ausbildung oder den Beruf – zu verfolgen. Die aktuell berichteten Ergebnisse beruhen hauptsächlich auf dem ersten Erhebungszeitpunkt, beziehen punktuell aber auch den zweiten mit ein. Untersucht wird, welchen Stellenwert Peers für exklusive Bildungskarrieren von Jugendlichen einnehmen und wie sich Prozesse der bildungsbezogenen und sozialen Distinktion, aber auch der Kohärenzherstellung in diesen Peerbeziehungen gestalten.

Das Projekt ist eingebettet in einen größeren Forschungszusammenhang, der sich mit dem gegenwärtigen Elite- und Exzellenzdiskurs und seinen Auswirkungen auf die deutsche Bildungslandschaft beschäftigt. Entsprechend zielt die Fragestellung auf Praxen der Distinktions-, aber auch der Kohärenzherstellung von Jugendlichen in Schulen mit unterschiedlichen exklusiven Profilen. Den theoretischen Hintergrund bilden dabei das gesellschaftstheoretische Konzept Bourdieus bzw. dessen praxeologische Weiterentwicklung sowie das wissenssoziologisch begründete Milieukonzept von Bohnsack.

Jugendliche aus fünf Gymnasien wurden in die Untersuchung einbezogen. Vier davon sind exklusive Gymnasien – eine privat organisierte International School, eine Eliteschule des Sports, ein traditionsreiches Gymnasien mit musikalisch-darstellendem Profil (Tanzklasse) und ein Gymnasium mit künstlerischem Profil (Spezialklasse Kunst), das die Besonderheit eines angeschlossenen Internats aufweist. Bei der fünften Schule handelt es sich um ein breiter profiliertes allgemeinbildendes Gymnasium, das im Sinne eines Kontrastfalls in die Untersuchung aufgenommen wurde. Die Schulen wurden nach einem Feldmonitoring unter inhaltlichen Gesichtspunkten ausgewählt. Mit 56 Jugendlichen wurden leitfadengestützte Interviews geführt (mindestens 10 pro Schule). Thematisiert wurden dabei unter anderem deren Bildungsaspirationen und Vorstellungen bezüglich der Hochschul- und Berufswahl, die biografische Relevanz des Besuchs eines exklusiven Gymnasiums, die Art der Peereinbindungen sowie die Bildungsaspirationen und schulischen Haltungen von Freundinnen und Freunden sowie der jeweiligen Familien. Nach ersten Analysen wurden zehn „Kern-“ und fünf „Ergänzungsfälle“ identifiziert, mit denen zusätzlich zu den Einzelinterviews Gruppendiskussionen unter Einbezug von Peers geführt wurden. Diese bilden die Grundlage für die präsentierten Auswertungen, die mithilfe der Dokumentarischen Methode vorgenommen wurden.

Der Band gliedert sich in 11 Kapitel. Nach einem ersten Kapitel, in welchem das Studiendesign, die Auswertungsmethode und die theoretischen Bezugnahmen beschrieben werden, folgt ein zweites Kapitel, das sich auf die öffentlich zugänglichen Selbstdarstellungen der Schulen sowie auf Experteninterviews mit den Schulleitern stützt. Das Ergebnis bilden schulische Kurzportraits, welche vor allem die Geschichte, die Klientel und die Besonderheiten der Schulen beschreiben. Diese Kurzportraits werfen bereits ein erstes Schlaglicht auf die sehr unterschiedlich gestaltete Schulkultur an exklusiven Schulen. Ein besonderes Augenmerk gilt in diesem Kapitel den Reflektionen der Schulleiter, vor allem deren Verständnis von Elite und Exzellenz.

Im dritten Kapitel wird dann stärker auf die individuellen und kollektiven Orientierungen der Jugendlichen Bezug genommen. Forschungsleitend dabei ist die Frage nach dem „Passungsverhältnis“ zwischen den individuellen und kollektiven Orientierungen der Jugendlichen einerseits und den Ansprüchen und Versprechen der Schulen hinsichtlich ihrer Exklusivität andererseits. Deutlich wird, dass in den einzelnen Schulen mit dem Begriff der Elite sehr Unterschiedliches verbunden wird. Beispielsweise wird in der Eliteschule des Sports der Begriff recht unkritisch zur Bezeichnung einer sportlichen Leistungsspitze herangezogen. In der International School kommt dem Begriff dagegen eher die Bedeutung einer politischen oder wirtschaftlichen Funktionselite zu, wobei die Rolle des Geldes durchaus auch kritisch reflektiert wird. Herausgearbeitet wird zudem, wie über die kollektiven Orientierungen der Jugendlichen schulinterne Distinktionslinien erzeugt werden. So gibt es in der International School Jugendliche, deren Eltern nur vorübergehend in Deutschland arbeiten und die vor allem deshalb die Schule besuchen, weil sie die deutsche Sprache nur unzureichend beherrschen und einen international anerkannten Abschluss anstreben. Daneben gibt es aus Sicht der Jugendlichen deutsche Schülerinnen und Schüler (die „faulen reichen Deutschen“), die die Schule hauptsächlich aus Prestigegründen besuchen und deren Eltern das Schulgeld selbst bezahlen – bei den ausländischen Jugendlichen wird das Schulgeld häufig von den Arbeitgebern der Eltern übernommen. Eine andere, über die kollektiven Orientierungen der Peers hergestellte Distinktionslinie verläuft innerhalb der Eliteschule des Sports zwischen Schülerinnen und Schülern, die gezielt für den Leistungssport trainieren, und denjenigen, die Sport nur als Hobby begreifen. Erstere beschweren sich dann etwa über den mangelnden Leistungswillen der anderen und über zu viel Rücksichtnahme der Schule, die ihrer Meinung nach zulasten ihrer eigenen sportlichen Förderung geht.

Das vierte und fünfte Kapitel beleuchten ein eher klassisches Thema der Jugendforschung: Peers als unterstützendes Netzwerk zur Bewältigung des Bildungsalltags vs. Peers als eine der Bildung eher abträgliche Parallelwelt. Im Fokus stehen dabei allerdings Jugendliche mit dualen Bildungskarrieren, d. h. Jugendliche, die sowohl ihre Allgemeinbildung als auch ihre Spezialausbildung im Bereich Musik, Tanz oder Leistungssport vorantreiben und durch diese Doppelbelastung deutliche Einschränkungen ihrer Freizeit hinnehmen müssen. Es überrascht nicht, dass die Peernetzwerke dieser Jugendlichen häufig in einem besonders engen Zusammenhang mit der speziellen Ausbildung stehen, wobei die spannende Frage nach der Kausalität im Wechselverhältnis zwischen der Verfolgung der Karriere und der Entstehung und Aufrechterhaltung von Peerbeziehungen aufgeworfen wird. Schlüssig wird diese Frage jedoch erst nach weiteren Auswertungen im Längsschnitt beantwortet werden können. Nebenbei zeichnet sich auch für Jugendliche mit dualen Bildungskarrieren eine gewisse Variationsbreite in der Funktion von Peers ab. Typologisch unterschieden werden Peers als hochkulturelle Wegbegleiter, als emotionale und fachliche Unterstützungsnetzwerke sowie als Parallelwelt zu kulturellen und sportlichen Leistungen. Dezidiert riskante Peerkulturen fanden sich nicht im Material.

Das sechste Kapitel untersucht den Spezialfall von Peerbeziehungen in exklusiven Internatsschulen. Anhand dreier ausgewählter Fälle wird die Bandreite der Beziehungen, die von „familienähnlich“ bis zu bloßer „Zweckgemeinschaft“ reicht, verdeutlicht.

Im siebten und achten Kapitel geht es um die berufsbiografischen Lebensentwürfe der Jugendlichen. Hier erfolgt zunächst eine quantitative Auswertung über alle befragten Jugendlichen hinweg. Ergänzt wird diese anschließend durch eine qualitative Darstellung der Berufs- und Lebensentwürfe eines Schülers und einer Schülerin aus der International School. Thematisiert werden die subjektiven Wünsche, die antizipierten Möglichkeiten, der Einfluss der Eltern und die Rolle von Peernetzwerken im Hinblick auf die beruflichen Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen.

Die Kapitel neun bis elf sind wiederum Spezialthemen gewidmet, welche sich bei den Auswertungen sozusagen nebenbei ergaben. So geht es im neunten Kapitel um Männlichkeitsentwürfe zweier Jugendlicher, im zehnten um Körperrepräsentationen von Tänzern und im elften um die Internetnutzung von Jugendlichen in Peerzusammenhängen.

Insgesamt gibt das Buch einen guten Einblick in die Vielfalt der Formen der Ausgestaltung von Bildungs- und Berufswünschen von Jugendlichen an exklusiven Schulen und berücksichtigt dabei auch die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Herkunftsmilieus. Herausgearbeitet wird, in welchem spezifischen Zusammenhang die Herkunftsmilieus mit der jeweiligen Schulkultur stehen und wie letztere wiederum durch die Jugendlichen selbst im Austausch mit ihren Peers mitgestaltet wird. Das Buch löst somit durchaus ein, was die Autoren eingangs versprechen. Es besticht zudem durch seine handwerklich gute Qualität, so dass man auch auf die Folgebände gespannt sein darf. Liest man das Buch als Ganzes, ergeben sich leichte Redundanzen. Diese sind jedoch verzeihlich, denn angelegt ist es in Form von Kapiteln, die auch unabhängig voneinander als Einzelbeiträge gelesen werden können.
Christine Schmid (Frankfurt am Main)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christine Schmid: Rezension von: Krüger, Heinz-Hermann / Keßler, Catharina / Winter, Daniela: Bildungskarrieren von Jugendlichen und ihre Peers an exklusiven Schulen, Reihe: Studien zur Schul- und Bildungsforschung, Band 62. Wiesbaden: Springer VS 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 1 (Veröffentlicht am 02.02.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365813161.html