EWR 7 (2008), Nr. 5 (September/Oktober)

Anja Tervooren
Im Spielraum von Geschlecht und Begehren
Ethnographie der ausgehenden Kindheit
Weinheim/München: Juventa 2006
(248 S.; ISBN 978-3-7799-0250-8; 21,00 EUR)
Im Spielraum von Geschlecht und Begehren Der vorliegende Band aus der Reihe Kindheiten (herausgegeben von Imbke Behnken und Jürgen Zinnecker) ist die publizierte Fassung der Dissertation von Anja Tervooren und präsentiert die Ergebnisse einer umfangreichen ethnographischen Studie an einer Berliner Schule. Die leitende Frage ihrer Forschungsarbeit lautet, wie Kinder im Übergang zur Jugend Geschlecht performativ hervorbringen. Forschungsmethodisch nimmt sie ihren Ausgangspunkt bei den Praxen der untersuchten Kinder im Umfeld der Schule oder in der Schule selbst. Im Zentrum von Tervoorens Arbeit steht somit die Beobachtung kindlicher Einübungsprozesse und Inszenierungen von Geschlecht. Im Sinne dieser kulturtheoretischen Ausrichtung grenzt sie sich gegenüber (frühen) Sozialisationstheorien ab, die Entwicklungsaufgaben von Kindern verallgemeinernd an gesellschaftlichen (Geschlechter-)Rollen Erwachsener orientieren, und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Eigenaktivitäten von Kindern und die jeweils differenten Ausformungen von Kindheit. Diesem Zugang verdankt sich eine Fülle von Material, das in Videoworkshops und Gruppendiskussionen entstanden ist und durch Protokolle teilnehmender Beobachtung ergänzt wurde.

Die vorgestellten Ausschnitte geben einen interessanten Einblick in das Alltagsleben der Kindergruppen, die sich aus Kindern unterschiedlicher Herkunft zusammensetzen, die im Großstadtraum leben. Die Interpretation des Beobachteten und Aufgezeichneten wird von Tervooren in zwei Schritten konzipiert: Zunächst werden Rituale der Kinder herausgearbeitet und erst in einem weiteren Schritt wird die performative Hervorbringung von Geschlecht analysiert. Mit dieser Herangehensweise intendiert sie, der Fragestellung nach verschiedenen Geschlechtsinszenierungen nachgehen zu können, ohne vorschnell ihre eigenen bzw. gesellschaftlich gegebenen Auffassungen über Geschlechterdifferenz normierend an das Material heranzutragen (vgl. 63). Die gleichermaßen kontext- wie theorieorientierte Materialanalyse in Anlehnung an methodische Ansätze der Grounded Theory stellt den Hintergrund der von Tervooren entworfenen Skizze einer „performativen Sozialisationstheorie“ (9) dar.

Soweit zum Thema und Konzept der Studie. Hinsichtlich des Aufbaus des Bandes entscheidet sich die Autorin „für ein gleichsam auf den Kopf gestelltes Bild des Vorgehens“ (64) und stellt ihre theoretischen Ergebnisse in einem einleitenden Kapitel voran, um danach ihr ethnographisches Vorgehen zu explizieren und erst in den darauf folgenden Kapiteln das Material und dessen Auswertung darzustellen und zusammenzufassen. Dies schafft gleich zu Beginn einen klaren theoretischen Rahmen, der die Gliederung des empirischen Teils begründet. Die Leser/innen erhalten einen guten Einblick in den Arbeits- und Schreibprozess, der die Interpretation des Materials auf verschiedenen Ebenen nachzeichnet. Allerdings kommt es so auch zu einigen – vielleicht vermeidbaren – Vorgriffen und Redundanzen.

Um ihre theoretische Position bzw. ihren Entwurf einer „performativen Sozialisationstheorie“ zu skizzieren, siedelt Tervooren gleich zu Beginn des ersten Kapitels Erklärungsmodelle der Konstitution von Geschlecht auf einem Kontinuum zwischen den beiden Polen Tun und Widerfahren an. Ihr Augenmerk liegt auf dem aktiven Tun der Kinder, das sie mit Bezug auf Pierre Bourdieus Strukturübungen als Einüben von Geschlecht und Begehren fasst (vgl. 21ff). An Ritualen zeige sich besonders deutlich, wie die körperlichen Akte der Kinder in der Wiederholung auf einen gegebenen gesellschaftlichen Kontext verweisen, aber in diesem nicht gänzlich aufgehen. In den später vorgestellten Beobachtungs- und Diskussionsprotokollen erweisen sich häufig Pop-, Medien- und Freizeitkultur als gesellschaftliche Instanzen, die Normen und Geschlechterbilder anbieten. In den tätigen und körperlichen Übungs- und Lernprozessen der Kinder komme es aber immer auch zu Abweichungen und Verfehlungen.

Mit der Möglichkeit des „Fehlgehens“ (23) beschreibt Tervooren einen produktiven Spielraum im Prozess des kindlichen Geschlecht-Werdens. Wesentliche Elemente dieser Inszenierungen seien sowohl die rituelle Wiederholung als auch die darin angelegte Veränderung (24ff), die Erprobung und das Zeigen (28ff) dieser Versuche, Geschlecht zu inszenieren, sowie die Stilisierung und Verkörperung, die das „allmähliche Verfestigen der Geschlechterinszenierungen“ (35) beschreibe. Die Autorin nimmt darüber hinaus zur Strukturierung und theoretischen Kontextualisierung ihres Analysematerials Judith Butlers Kritik der heterosexuellen Matrix auf. Sie weist mit Butler darauf hin, dass die Bezugnahme auf Geschlecht deskriptiv nicht möglich ist, sondern in der Referenz auf Sexualität/Begehren immer schon präskriptiv vollzogen wird. In kritischer Absicht gegenüber einer dichotomen heterosexuellen Normierung von Geschlecht würden Brüche im Verhältnis von körperlichem Geschlecht, sozialem Geschlecht und Begehren aufgezeigt. Die separate Analyse des Materials entlang dieser drei Dimensionen ermögliche, dass vielfältige Inszenierungen in den Blick kommen könnten, ohne sie lediglich als Abweichung oder Affirmation der Norm zu lesen.

Das empirische Material ist in den Kapiteln 3 bis 5 um die Einsatzpunkte „Körperstile: als Mädchen oder Junge durchgehen“, „Der Kampf mit dem eigenen Geschlecht: Macht unter Jungen und Mädchen“ und „Geteiltes und doppeltes Begehren in der ausgehenden Kindheit“ gruppiert. Anhand von Transkriptauszügen werden den Leserinnen und Lesern die beobachteten Kinder (-gruppen) in verschiedenen Situationen – beim Spiel, in Diskussionen mit den Forscherinnen, bei der Vorbereitung für Videoprojekte, im Pausenhof usw. – vorgestellt. Zunächst beschreibt Tervooren, wie Mädchen und Jungen mit Gesten, Stimme, Kleidung und Körperinszenierungen in Alltagssituationen, Spielen und in Interaktionen mit Erwachsenen ihre Körper geschlechtlich stilisieren, bevor ihre Körper diese geschlechtlichen Merkmale bereits entwickelt haben. So geht sie davon aus, dass bei Kindern „mehr noch als bei Erwachsenen Körperstile das Geschlecht (bestimmen)“ (68). Am Beispiel dreier Mädchen im Pausenhof würde die Hervorbringung von Weiblichkeit in ihrer überdeutlichen Darstellung sichtbar und damit als Stilisierung erkennbar. Eine andere untersuchte Mädchengruppe idealisiert hingegen männlich konnotierte Körperstile, wie ‚cool’ und ‚lässig’ zu sein, ohne diese Stile aber für sich selbst ausgiebig zu erproben, während die Schule – wie an einer weiteren Beobachtung herausgearbeitet wird – auch Möglichkeiten des „passings“ biete, indem ein Mädchen sich als Junge inszeniert und anerkannt werde (vgl. 81).

Im vierten Kapitel des Bandes interpretiert die Autorin an den Beispielen einer „rituellen Beschimpfung“ (120f), der Interaktion dreier Jungen beim Computerspiel (127f) und einer Tanzaufführung in der Schule (135f), wie Jungen ihre Unterschiede untereinander bewusst inszenieren und damit Machtverhältnisse und Gewalt ebenso wie Gewaltvermeidung bearbeiten. Besonders interessant an den vorgestellten Beispielen ist, inwiefern nicht nur Geschlecht und unterschiedliche familiäre Hintergründe in den Blick kommen, sondern auch Migrationserfahrungen thematisiert werden. Während die Jungen – so die Analyse der Autorin – speziell ihre Differenzen sichtbar machen und ihre Hierarchien rasch wandelbar seien, liegt das Augenmerk der Mädchen auf der Inszenierung der Geschlossenheit ihrer Gruppe nach außen. Damit bewegten sie sich fortwährend in einem Spannungsverhältnis von Ähnlichkeit und Unterscheidung bzw. Individualisierung. So seien Hierarchien in Mädchengruppen gefestigter und ausgeprägter (143f).

Kapitel 5 konzentriert sich auf unterschiedliche Akzentuierungen der Beziehungen der Kinder zwischen Freundschaft und Sexualität. Zwei Videoproduktionen bzw. Beobachtungen ihres Entstehungsprozesses sowie Ausschnitte der Gruppendiskussionen mit den Mädchen und Jungen bilden die Grundlage für die Interpretation der Beziehungsgefüge, orientiert am Begehren im Sinne des eingangs skizzierten Butler’schen Zugangs. Tervooren entfaltet anhand des vorgelegten Materials vielfältige Begehrenskonstellationen der Kinder, die die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Begehren, intime gleichgeschlechtliche Freundschaften der Mädchen und homosexuelle Inszenierungen der Jungen ebenso thematisieren wie erste öffentliche Darstellungen heterosexueller Kontakte. Diese werden teilweise stellvertretend von einzelnen Mädchen der Clique erprobt, aber den Kindern von Erwachsenen auch zugeschrieben, ohne dass es – wie die Autorin aus der Gruppendiskussion schließt – ihrem eigenen Begehren entsprechen würde. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Beschreibung einer Szene, in der die Jungen sich in ihrer gleichgeschlechtlichen Gruppe nicht nur mit der Inszenierung von Männlichkeit, sondern auch mit der Darstellung von Weiblichkeit beschäftigen.

Insgesamt ermöglicht Anja Tervooren mit dem präsentierten Datenmaterial vielschichtige Einblicke in die komplexen wie kontingenten (Alltags-) Praxen der Geschlechterkonstitution von Kindern am Übergang zur Jugend. Insofern wird die Studie ihrem forschungsmethodischen Anspruch, unterschiedliche und auch widersprüchliche Weisen der Hervorbringung von Geschlecht herauszuarbeiten, durchaus gerecht. Während das theoretische Resümee, das die Studie einleitet, besonders die Brüche in der Inszenierung von Geschlecht als produktives Moment hervorhebt, um über normativ gesetzte Zweigeschlechtlichkeit hinauszugehen, kommt es in der abschließenden Einschätzung des Materials dennoch immer wieder zu Schließungen auf der Folie von erwarteten Geschlechterdarstellungen. Dies mag der Schwierigkeit geschuldet sein, dass sich Verschiebungen kaum als solche interpretieren lassen, ohne auf den kulturellen Bedeutungskontext, der den Rahmen für diese Verschiebungen und Spielräume darstellt, zu rekurrieren. Zugunsten der Fokussierung auf die Cliquen der Kinder – also auf die Gleichaltrigengruppe, der große Bedeutung für die Entwicklung „angemessener Ästhetiken und Praktiken des Körpers“ (101) zukomme – tritt allerdings die gesellschaftliche Dimension der Frage danach, was als ‚angemessen’ gelten kann – und somit auch dessen Problematisierung – in den Hintergrund. So räumt die Autorin selbst ein, dass mit einem betont handlungsorientierten, qualitativ-ethnographischen Forschungszugang historisch-strukturell gegebene gesellschaftliche Normen, Machtverhältnisse und Traditionen aus dem Blick geraten können.

Erziehungswissenschaftliche Fragestellungen kommen zwar nur implizit unter Verweis auf „informelle pädagogische Praxen“ (22) und „reziproke Bildungsprozesse“ (33) zur Sprache, weshalb deren Ausarbeitung leider zu kurz kommt, dennoch finden sich wichtige Anknüpfungspunkte für eine erziehungs- und bildungstheoretische Reflexion. Erziehungswissenschafter/innen, Lehrenden und Studierenden im pädagogischen Feld bietet Anja Tervoorens Studie ein beeindruckendes Angebot an Daten und Analyseansätzen zur Geschlechtersozialisation von Kindern, die im Begriff sind, Jugendliche zu werden.
Christine Rabl (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christine Rabl: Rezension von: Tervooren, Anja: Im Spielraum von Geschlecht und Begehren, Ethnographie der ausgehenden Kindheit. Weinheim/München: Juventa 2006. In: EWR 7 (2008), Nr. 5 (Veröffentlicht am 09.10.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377990250.html