EWR 12 (2013), Nr. 2 (März/April)

Martina Richter
Die Sichtbarmachung des Familialen
Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe
Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2013
(308 S.; ISBN 978-3-7799-1295-8; 36,95 EUR)
Die Sichtbarmachung des Familialen Schon seit Jahren beschäftigt sich die deutschsprachige Sozialpädagogik intensiv mit der Ausdifferenzierung der Diagnose einer Transformation des Wohlfahrtsstaates hin zu einem aktivierenden, post-wohlfahrtsstaatlichen Arrangement. Dessen Strukturen und Effekte werden dabei nicht nur im Hinblick auf die sich verändernden Verteilungsmechanismen untersucht, sondern im gouvernementalitätstheoretischen Sinne vor allem auch mit Blick auf die damit verbundenen Subjektivierungsformen. Im Kontext einer umgreifenden ‚Riskant-Setzung‘ von Kindheit richtet sich die staatliche Aufmerksamkeit dabei vermehrt auf Familien, was als zunehmende gesellschaftliche Ver-Öffentlichung und Ent-Privatisierung der Familie diskutiert wird.

Mit dieser sich wandelnden Konfiguration von Familie beschäftigt sich auch Martina Richters empirische Studie „Die Sichtbarmachung des Familialen. Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe“. Anders als die in dem oben aufgerufenen Forschungsfeld zumeist durchgeführten Programm- und Diskursanalysen, verfolgt die Autorin das Ziel anhand konkreter Gesprächssituationen zwischen Sozialarbeiterinnen und ihren Klienten herauszuarbeiten, wie sich in dem genannten Jugendhilfe-Setting „ein sozialpädagogischer Bezug auf Familie herstellt bzw. wie Familie von den Akteuren in ihren sozialen Praktiken konstituiert wird“ (26). Denn gerade die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH), so Richter, würde oft als Paradebeispiel einer restriktiven Familienpolitik und der aktivierenden Funktionen der Jugendhilfe kritisiert, den konkreten Prozessen der „Familienkonstitution“ (27) in der Praxis der SPFH sei sich bisher jedoch kaum gewidmet worden.

Um es gleich vorwegzunehmen: die Studie liefert bezogen auf diese wichtige Fragestellung interessante Analysen zur Einbettung der SPFH in wohlfahrtsstaatliche Transformationsprozesse und überzeugt auch in der detailreichen Rekonstruktion von Prozessen und Merkmalen der Gesprächsdynamiken im sozialpädagogischen Spannungsfeld von ‚Hilfe/Kontrolle‘. Empirische Erkenntnisse zu den „Prozessen der Familienkonstitution in einem (post-)wohlfahrtsstaatlichen Kontext“ (27) liefert sie indes nur implizit. Dies liegt vor allem daran, dass die Arbeit zwischen einer analytischen Fokussetzung auf die sozialpädagogische Konstitution von Familie im wohlfahrtstheoretischen Spannungsfeld der De- und Re-Familialisierung am Beispiel der SPFH und einer Rekonstruktion von professionellen Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe mäandert. Damit ist auch verbunden, dass Richters analytisches Modell eher vom Leser sukzessiv erarbeitet werden muss, als dass es leserfreundlich systematisch entfaltet wird.

Zur Struktur der Arbeit: Nach der Einleitung wird in Kapitel 2 in die „Sozialpädagogische Konstitution von Familie im Wohlfahrtsstaat“ eingeführt. Richter geht dabei von gleichzeitigen Prozessen der „De- und Refamilialisierung der Jugendhilfe“ aus, womit sie die „verschiedenen und teilweise gegenläufigen Phänomene in der Bezugnahme der Jugendhilfe auf privat-familiale Lebensführungsweisen im wohlfahrtsstaatlichen Kontext“ (10) meint. Familialisierung bezieht sich in Richters Verständnis dabei auf eine Funktionsbestimmung der Jugendhilfe, die der Sicherung der Handlungsfähigkeit der Eltern dient, wohingegen De-Familialisierung sich auf die „staatliche Bereitstellung eigenständiger Sozialisations- und Erziehungsinstanzen für Kinder- und Jugendliche“ (11) richtet. In Prozessen der „Re-Familialisierung“ findet dann wiederum gerade durch sozialstaatliche Hilfemassnahmen eine „Verschiebung sozialer Risiken in die Privatheit von Familie“ statt (13). In ihrer lesenswerten wie belesenen Darlegung der sozialpolitischen und rechtlichen Konfigurierung der Sozialpädagogischen Familienhilfe, ihrer Historie und Fallzahlen (Kapitel 2.2) sowie anhand der spannungsreichen Aufgabenstellungen der SPFH arbeitet sie heraus, dass gerade deren Adressatenkreis von Prozessen der Re-Familialisierung besonders betroffen ist (35). Dieser setzt sich vor allem aus Alleinerziehenden und Mehrkindfamilien zusammen. Entsprechend würden diese prekären Lebenslagen nicht sozialpolitisch, sondern sozialpädagogisch bearbeitet, was dazu führe, dass „soziale Risiken in die Privatheit von Familie“ (35) verschoben werden. Hätte man im Anschluss an diese Diagnose nun erwartet, dass ein methodologisches Modell dargelegt wird, dass dieses wohlfahrtstheoretische Konstrukt auf der konkreten Ebene der Interaktionsprozesse in den Gesprächspraktiken der SPFH identifizierbar macht – ähnlich wie dies Oelkers in ihrer Studie mit dem Konzept der „Aktivierung von Elternverantwortung“ getan hat [1] –, so bleibt diese Methodologisierung jedoch zunächst aus. Was sich anschliesst ist die Darstellung des Diskussionsstandes zur Professionalisierung der SPFH, bei der das problematische Verhältnis zwischen Jugendhilfe und Familien im Kontext der SPFH herausgearbeitet wird; anschliessend wird der Forschungsstand zur SPFH entlang einer Einzeldarstellung deutschsprachiger Studien referiert.
Im darauffolgenden Methodologie- und Methodenkapitel (Kapitel 3) widmet sich die Autorin dann sehr ausführlich dem Forschungsprogramm einer ethnomethodologischen Konversationsanalyse. Besonders wichtig sind für sie dabei die Konzepte der „Indexikalität“ und „Reflexivität“ von Sprachpraktiken, weil darüber, so Richter, die Produktion und Reproduktion des institutionellen Kontextes im Vollzug des Gespräches und auch die sprachliche Herstellung und Begründung von Machtpositionen analysierbar werde (77). Das mache wiederum die Ethnomethodologie besonders geeignet, um „die Mechanismen und Manöver der Konstitution des Familialen mikroanalytisch zu dechiffrieren“ und „kontextsensibel“, d.h. unter Berücksichtigung des „institutionellen Settings der SPFH mit seinen normativen Implikationen“ (79) zu rekonstruieren. Mit Blick auf vorliegende Studien zu „Institutionellen Gesprächen in der Sozialen Arbeit“ hebt sie zur Aufklärung dieses Zusammenhangs von machtvollen Positionierungen und institutionellem Kontext vor allem die Herstellung von ‚identities in talk‘ (78) hervor.

Es folgen dann in Kapitel 4 auf satten 170 Seiten die ausführlichen Rekonstruktionen von drei Gesprächssituationen mit je unterschiedlichen Familien und Sozialarbeiterinnen im Rahmen der SPFH. Richter stellt den Gesprächsverlauf jeweils anhand von ausgewählten Sequenzen dar, die mit induktiv gewonnenen Überschriften wie „Konflikt um eine ‚gute Freundschaft‘“, „Gute Eltern sein“ oder „Zettelei“ versehen sind. Die Analyse der Sequenzen erfolgt dabei zunächst immanent und sehr detailliert, was nicht nur sehr gut aufzeigt, an welchen konkreten thematischen Auseinandersetzungen die Positionen zwischen Professionellen und Adressaten verhandelt werden, sondern auch die ethnomethodologische Vorgehensweise instruktiv zur Darstellung bringt. Allerdings fehlt angesichts der Fülle an Einzelbefunden ein straffender analytischer Bezugspunkt, der die Rekonstruktionen und vor allem auch die sich jeweils anschliessenden Resümees systematisiert. Dadurch wäre auch klarer geworden, warum der Fokus der Resümees darauf gelegt wird, wie die Beteiligten ein „institutionelles Gespräch im Kontext der SPFH konstituieren“ (138) und wie dies wiederum mit der Konstitution des Familialen, um die es in Kapitel 2 ging, und der Konstitution von Identitäten und Machtpositionen, die in Kapitel 3 hervorgehoben wurden, zusammenhängt. Erschwerend für die Rezeption kommt hinzu, dass die Resümees lediglich durch eine Fülle an kursiven Hervorhebungen strukturiert sind, die sich zudem manchmal auf ganze Unterkapitel beziehen und deren Stellenwert und interne Relationierung nicht ausreichend deutlich gemacht werden.

In Teil 5, der „Reflexionen und Theoretisierungen der empirischen Befunde“ gewidmet ist, werden dann einführend noch einmal die „wesentlichen methodologischen Zugänge“ (264) der Studie vorgestellt: „Identities in Talk“, „Machtpositionen in institutionellen Gesprächen“, „Strukturmomente der SPFH“ und „Eltern bzw. Mütter als Adressatinnen der SPFH“. Anschliessend steigt die Autorin wieder sehr konkret in die bereits vorher dargestellten Befunde ein und vergleicht diese über die drei Fälle hinweg. Als bedeutsame Befunde werden herausgearbeitet: der kommunikative Umgang mit ‚heiklen Themen‘ (268), in welchem der Kontrollkontext der Gespräche aufgerufen und bearbeitet wird, sodann „die für die SPFH bedeutende Unterscheidung hinsichtlich professioneller Machtpositionen im sozialpädagogischen Gespräch“, welche mit Blick auf den Kontext von Fremdmeldung und Selbstmeldung als „Power in Discourse“ und „Power behind Discourse“ theoretisch gefasst werden (270); und die deutliche Orientierung der Professionellen an dem Instrument Zielbogen, das die Gespräche mit seiner Fokussierung auf Probleme und Ziele mit einer deutlichen Defizitperspektive belastet.

Mit „sozialpädagogischen Ausblicken“ (290) auf die professionellen Problemstellungen in den Gesprächen schliesst die Arbeit ab und lässt die Leserin trotz einer Fülle an interessanten Perspektiven doch etwas ratlos zurück, was nun die „Sichtbarmachung des Familialen“ in den Gesprächspraktiken der SPFH angeht.

Zwar ist über den Verlauf der Arbeit deutlich geworden, dass Richter die ‚Konstitution des Familialen‘ vor allem auf der Ebene der machtbeladenen und relationalen Herstellung von Identitäten im Kontext der Strukturproblematiken der SPFH-Gespräche aufsucht. Hier leistet die Arbeit eine wichtige Ergänzung bisheriger Forschungsperspektiven mit Blick auf die konkreten kommunikativen Praktiken der bearbeitenden Reproduktion dieser Strukturproblematiken. Neben der Frage, wie diese ‚Identities in talk‘ nun genau mit der Konstitution des Familialen zusammenfallen – ist es etwas anderes ob Väter und Mütter adressiert werden, oder das ‚Familiale‘? – bleibt dabei zum Schluss jedoch auch offen, wie die Befunde in den vorher aufgespannten konzeptionellen Rahmen der Re-Familialisierung der Jugendhilfe einzuspannen ist. Hier hätte man sich zum Schluss vor allem eine etwas analytischere Systematisierung und Diskussion der Ergebnisse gewünscht, um die erarbeiteten Befunde noch einmal auf die Ausgangsfragen zurückzubinden.

Lesenswert bleibt das Buch aber allemal. Zum einen wegen der detaillierten Darstellung der SPFH und ihrer strukturellen Dilemmata im Kontext des sich wandelnden Wohlfahrtstaats und der feinanalytischen Rekonstruktion von drei Gesprächssituationen in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, die mit Blick auf die machtvolle Bearbeitung der Spannung zwischen Hilfe und Kontrolle insbesondere für die Weiterentwicklung professionstheoretischer Perspektiven und die Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeitern ein reichhaltiges Reservoir an materialen Analysen bietet.

[1] Oelkers, N. (2009) Aktivierung von Elternverantwortung; Aktivierung von Elternverantwortung. Zur Aufgabenwahrnehmung in Jugendämtern nach dem neuen Kindschaftsrecht. Bielefeld: Transcript
Sabine Bollig (Luxemburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sabine Bollig: Rezension von: Richter, Martina: Die Sichtbarmachung des Familialen, Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2013. In: EWR 12 (2013), Nr. 2 (Veröffentlicht am 03.04.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377991295.html