EWR 10 (2011), Nr. 3 (Mai/Juni)

Svendy Wittmann / Thomas Rauschenbach / Hans Rudolf Leu (Hrsg.)
Kinder in Deutschland
Eine Bilanz empirischer Studien
Weinheim / München: Juventa 2011
(308 S.; ISBN 978-3-7799-2240-7; 26,00 EUR)
Kinder in Deutschland Die gestiegene Aufmerksamkeit für die Bevölkerungsgruppe Kinder in Deutschland stellt den Ausgangspunkt dieser Veröffentlichung dar. Im Anschluss an eine gleichnamige Fachtagung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) im Herbst 2008 verfolgt der Band das Ziel einer thematisch geordneten Bilanzierung und Diskussion aktueller Studien und ihrer Befunde zu Kindern, Kindsein und Kindheit in Deutschland. Er beansprucht, eine erstmalige, umfassende, thematische Gesamtdarstellung zu liefern und die Kindheitsforschung durch die gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse dieser Studien zu erweitern. Der zentrale Bezugspunkt des Bandes besteht vor allem darin, den Wandel der Kindheit und den gesellschaftlichen Bedeutungszuwachs dieser Lebensphase sowie die daran anknüpfenden Auseinandersetzungen in Politik, Öffentlichkeit und Wissenschaft auf ein empirisch solides Fundament zu stellen. Im Vordergrund stehen das DJI-Kinderpanel und die DJI-Kinderbetreuungsstudie, die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (KiGGS), das LBS-Kinderbarometer, der UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland und die World Vision Kinderstudie.

Die Einführung durch die Herausgeber beschreibt die in den beiden vergangenen Jahrzehnten gewachsene Bedeutung von Kindern in Politik und Öffentlichkeit. Dabei identifizieren sie u. a. eine Komprimierung der Kindheit unter Gesichtspunkten der frühen Bildung. Auch wenn die Aufmerksamkeit für Kinder in den vergangenen Jahren zugenommen hat, so die Autoren, zeige sich dennoch eine thematische Beständigkeit. So erfahren viele Reformvorschläge der 1960er und 1970er Jahre eine Renaissance in öffentlichen Debatten und treffen aufgrund des gestiegenen Stellenwerts des Kindesalters auf neue, reformwillige politische Rahmenbedingungen.

Gleichzeitig gewinnen Kinder und Kindheit sowie die qualitativen Veränderungen dieser Lebensphase auch in der Forschung an Bedeutung. Neben zunehmender Altersgradierung und sozialer Segmentierung von Kindheit stellen die subjektiven Sichtweisen von Kindern, ihre Betreuung und Bildung, Kinderarmut, Kinderschutz sowie die Rechtsstellung von Kindern zentrale Dimensionen des Lebens und Aufwachsens dar. Sie erlauben eine Beschreibung und Untersuchung von Kindheit und verdeutlichen die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Diese Dimensionen liegen zum Teil quer zu den zentralen Themenbereichen des Lebens und Aufwachsens von Kindern. Die acht Kapitel des Buches widmen sich mit jeweils drei Einzelbeiträgen diesen ausgewählten Themenbereichen.

Im ersten Kapitel wird der Themenbereich „Zweckfreie Kindheit“ aufgespannt. Gloger-Tippelt betrachtet diese Lebensphase aus entwicklungspsychologischer Sicht und widmet sich anhand empirischer Befunde der grundsätzlichen Frage nach der Eigenständigkeit der Kindheit in Abgrenzung zu Argumentationsmustern, die den gesellschaftlichen Nutzen von Kindern betonen. Vor dem Hintergrund eines sozialisationstheoretischen Verständnisses der Aufgabe der Entwicklung von Kompetenzen stellt Schneekloth im zweiten Beitrag die „Idee eines Schonraums“ (47) zur Disposition.

Ebenso wie der zweite Beitrag kommen auch Olk und Hübenthal zu dem Ergebnis, dass die Idee des Schonraums für die zeitgenössische Kindheit inadäquat ist. Sie analysieren das Spannungsverhältnis zwischen Instrumentalisierung und Zweckfreiheit von Kindheit. Dies erfolgt anhand der Reflexion unterschiedlicher konzeptioneller Zugänge einzelner Studien. Während der Ansatz der UNICEF-Studie auf der Kinderrechts-Konvention basiert und das Wohlergehen von Kindern in einer Gegenwartsperspektive in den Blick gerät, nehmen Studien der OECD einen auf die Zukunft gerichteten Blick auf Kinder als volkswirtschaftliches Humankapital ein, in das es zu investieren gilt.

Die „Private Kindheit“ steht im Zentrum des zweiten Kapitels. Der Beitrag von Andresen widmet sich einer Begriffsbestimmung von Privatheit. In einer ersten Dimension stehen die Familie und soziale Ungleichheit im Vordergrund, in einer zweiten die Relevanz von Freundschaften für das Aufwachsen. In einer dritten Dimension wird ein besonderer Akzent auf kindliche Zeitressourcen gesetzt.

In einer bildungs- und kindheitssoziologischen Perspektive betrachtet Büchner den Zusammenhang zwischen familiärer Privatsphäre und den Bildungsprozessen von Kindern. Der Autor argumentiert mit dem Habitusbegriff und gesellschaftlichen Distinktionsmechanismen sowie den sich daraus ergebenden differenten Passungsverhältnissen zwischen schulisch erwartetem und familiär vermitteltem Habitus. Der Beitrag spricht sich für eine „habitusherstellende Bildungspolitik“ (80) aus, um Differenzen zwischen Dispositionen zu verringern.

Mit einem relationalen Verständnis von Privatheit im Verhältnis zur Öffentlichkeit argumentiert Jurczyk in ihrem Beitrag. In diesem Verhältnis betrachtet sie Ambivalenzen in der Wahrnehmung von Kindheit.

Das dritte Kapitel, „Verarmte Kindheit“, beginnen Beisenherz und Alt mit einer Diskussion der Vor- und Nachteile von empirischen Ansätzen der Quantifizierung von Kinderarmut auf der Basis relativer Einkommensarmut der Haushalte, in denen Kinder leben. Zwar erlaube dieser Ansatz eine eindeutige Operationalisierung, jedoch können weitere Ausprägungen von Armut nicht berücksichtigt werden. Internationale Ansätze zur Indikatorisierung kindlichen Wohlergehens hingegen berücksichtigen die Mehrdimensionalität kindlicher Lebenslagen und gehen über die Analyse materieller Deprivation hinaus.

Der Beitrag von Meier-Gräwe ist auf die Prävention kindlicher Armut gerichtet. Im Mittelpunkt steht eine Typologisierung von Armut, aus der heraus Notwendigkeiten der Prävention abgeleitet werden.

Gegenstand des dritten Beitrags ist die wissenschaftliche und politische Thematisierung von Kinderarmut aus einer wohlfahrtsstaatstheoretischen und kindheitssoziologischen Perspektive. Mierendorff vertritt die These, dass die Forschung der vergangenen 15 Jahre nur selektiv die Armut von Kindern aufgegriffen hat, und dass parallel dazu auf politischer Seite nur bestimmte Aspekte von Kinderarmut berücksichtigt wurden. Während zunächst Maßnahmen zur materiellen Existenzsicherung im Vordergrund standen, erfolgten später Erziehungs- und Sozialisationsmaßnahmen.

„Gesunde Kindheit“ steht im Mittelpunkt des folgenden Kapitels. Schlaud betrachtet Gesundheit als mehrdimensionales Konstrukt des physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens von Kindern. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede nach dem Geschlecht, der sozialen und ethnischen Herkunft. Trotz der insgesamt guten gesundheitlichen Situation von Kindern macht er deutliche Anzeichen für eine „neue Morbidität“ (141) aus, die sich in der Zunahme an chronischen Krankheiten und psychischen Störungen vergegenwärtigt.

Geschlechtsunterschiede werden im Beitrag von Kolip fokussiert und Ansätze zur Erklärung dieser Unterschiede im Hinblick auf die Prävention und Förderung kindlicher Gesundheit betrachtet. Auch wenn die Berücksichtigung des Geschlechts in der Forschung kindlicher Gesundheit noch unterentwickelt ist, lassen sich erste Erklärungen auf biologisch-genetische und auch sozialisatorische Faktoren und die Entwicklung eines geschlechtsspezifischen Rollenverhaltens zurückführen.

Brandl-Bredenbeck untersucht im dritten Beitrag unter einer sozialisationstheoretischen und entwicklungspsychologischen Perspektive, welche Bedeutung körperliche Aktivitäten und Sport für die Erhaltung der Gesundheit von Kindern besitzen.

Das Kapitel fünf ist der „Betreute[n] Kindheit“ gewidmet. Rauschenbach betrachtet die Veränderung der Formen von Betreuung, Bildung und Erziehung differenziert nach Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren sowie von 3 Jahren bis zum Schuleintritt. Deutlich werden die Auflösung der Selbstverständlichkeit einer privat-familialen Betreuung und eine institutionelle und zeitliche Ausweitung des öffentlichen Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsangebots. Im Ergebnis stellt sich die außerfamiliale Betreuung in öffentlicher Verantwortung zunehmend als Normalität im Kinderleben dar.

Rossbach fokussiert im zweiten Beitrag die Wirkungen institutioneller Betreuung, Bildung und Erziehung auf die sozialen und kognitiven Kompetenzen von Kindern.

Der dritte Beitrag von Honig betrachtet betreute Kindheit unter der Perspektive der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung. Mit dem Begriff der Institutionalisierung von Kindheit als Lebensform und Lebensphase entwickelt sich eine andere Perspektive auf Phänomene der Betreuung von Kindern. Neben die formalen Einrichtungen, die gemeinhin dem Betreuungsbegriff gleichgesetzt werden, treten empirisch nachweisbar informell-familiale Arrangements, welche die Betreuung und auch die Bildungsförderung von Kindern erweitern. Daraus ergibt sich eine notwendige Modifizierung des Betreuungsbegriffs für Theorieentwicklung und Forschung zur Konstitution betreuter Kindheit.

„Kompetente Kinder“ sind das Thema des sechsten Kapitels. Im Vordergrund des Beitrags von Fthenakis stehen dieses Konstrukt sowie seine jeweilige Konkretisierung in den bundesdeutschen Bildungsplänen für Kindertagesstätten. Der ersten Generation dieser Pläne wird dabei attestiert, kein genaues Verständnis des kompetenten Kindes und von kindlichen Kompetenzen expliziert zu haben. Stellvertretend für die Pläne der zweiten Generation wird der hessische Bildungsplan mit seinen Begriffsbestimmungen gegenübergestellt.

Im zweiten Beitrag von Maschke und Stecher stehen fünf Kompetenzdimensionen im Mittelpunkt, wie sie aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen als relevant eingeschätzt werden. Relevanzunterschiede lassen sich vor allem zwischen Kindern und Jugendlichen identifizieren. So gewinnen auf die Verwirklichung von Lebenszielen gerichtete Kompetenzen mit zunehmendem Alter an Bedeutung.

Der dritte Beitrag von Bayer verfolgt eine soziologische Erweiterung der meist individualpsychologisch verstandenen Kategorie des „kompetenten Kindes“. Mit dem Begriff der „Anerkennung“ wird ein Vorschlag unterbreitet, den Kompetenzbegriff um eine „intersubjektive Dimension“ (222) zu erweitern.

Im siebten Kapitel, „Multikulturelle Kindheit“, reflektieren Herwartz-Emden und Mehringer ausgewählte Studien bzgl. des Zusammenhangs zwischen Migrationshintergrund und familialen und (vor-)schulischen Sozialisationskontexten. Mit Ausnahme des DJI-Kinderpanels stellen sie in der Gesamtschau unterentwickelte migrationstheoretische Zugänge fest. Vor allem für eine nach unterschiedlichen Migrationsgruppen differenzierte Betrachtung wird ein Entwicklungsbedarf gegenwärtiger Forschung gesehen.

Betz vertritt im zweiten Beitrag die These, dass die Mehrzahl der vergangenen Kindersurveys die Heterogenität bundesdeutscher Kindheit nicht in der notwendigen sozialstrukturellen und ethnisch-kulturellen Differenziertheit untersucht hat. Die rudimentären Befunde verweisen auf eine nur teilweise Konfundierung von sozialem Milieu und ethnischer Herkunft im Zusammenhang mit relevanten Merkmalen im Kinderleben. In einem „ethnic monitoring“, so Betz (263), sind diese Probleme und die mangelnde Differenziertheit konzeptionell und methodisch zu bearbeiten, um zu soliden Ergebnissen zu gelangen.

Das Kapitel schließt Diehm mit dem Verweis ab, dass Programmatiken der Migrationspädagogik dringend der adäquaten empirischen Fundierung bedürfen.

Im Zentrum des letzten Kapitels steht das Konstrukt „Gute Kindheit“. Bertram greift dazu das sechsdimensionale Konzept des Wohlbefindens zur Beschreibung kindlicher Entwicklung des UNICEF-Berichts auf. „Gute Kindheit“ wird dabei nicht auf schulische Leistungsfähigkeit reduziert, sondern durch weitere Dimensionen kindlichen, vor allem auch subjektiven Wohlbefindens, erweitert und die übliche funktionale Messung damit korrigiert.

Beisenkamp, Klöckner und Hallmann versetzen sich im zweiten Beitrag ebenfalls in die Situation der Kinder und deren eigene Sicht auf eine gute Kindheit. Sie verdeutlichen die Relevanz des subjektiv empfundenen kindlichen Wohlbefindens für eine adäquate Vorstellung von guter Kindheit.

Abschließend widmet sich Bühler-Niederberger forschungsprogrammatischen Überlegungen zu Stand und Perspektiven der Kindheitsforschung. Sie plädiert dabei für eine Verschränkung verschiedener theoretischer Perspktiven, um „ungleiche“ Kindheiten sowohl in einer sozialstrukturellen wie auch in einer generationalen Betrachtung beschreiben und analysieren zu können.

In der Gesamtschau liefert der Band nicht nur Einblicke in die Datenlage zu Kindern sowie in die verschiedenen Themen heutigen Kinderlebens, sondern implizit auch in die Vielfalt der Forschungsperspektiven. Hervorzuheben ist die Gleichzeitigkeit von vor allem sozialisationstheoretischen, entwicklungspsychologischen und kindheitssoziologischen Sichtweisen. Die Konzeption des Bandes verzichtet auf die Explikation eines übergreifenden konzeptionellen Verständnisses von Kindheit und öffnet sich für ein breites Spektrum an Perspektiven und Zugängen.

Olk und Hübenthal verdeutlichen jedoch eindrücklich, dass sich die gewählte Konzeptionalisierung dessen, was Kindheit bedeutet, unmittelbar auf die Studienergebnisse auswirkt. Darum zeigt der Sammelband auch, dass es die eine Kindheitsforschung, die er adressiert, nicht gibt.

Offen bleibt in der Einführung ebenso das Verhältnis zwischen Kindheitsforschung und Sozialberichterstattung über Kinder, sind doch gerade die ausgewählten Studien in diesem Kontext zu verorten. Solche Verweise treten nur in Ausnahmen auf, besonders deutlich und unter migrationstheoretischen Gesichtspunkten bei Betz.

Auffällig sind die strukturellen Unterschiede zwischen den Einzelbeiträgen. Neben dem Umfang unterscheiden sie sich vor allem im Stellenwert von Empirie und Theorie und bewegen sich dabei ohne Regelmäßigkeit im Spektrum zwischen informativ-deskriptiv bis hin zu rein theoretisch-reflexiv oder gar (pädagogisch-) programmatisch. Dies irritiert die Erwartungen, die der Untertitel des Bandes hervorruft.

Zudem bleibt unklar, warum die Konzeption des Bandes sechs Studien ins Zentrum stellt. Manche Beiträge gehen nicht auf diese Studien ein, andere wiederum ziehen weitere Studien heran, ohne dass diese im dafür vorgesehenen Anhang aufgeführt werden.

Abschließend bleibt hervorzuheben, dass der Band mit den gewählten Themenbereichen auf zentrale gesellschaftspolitische Herausforderungen wie bspw. den Bedeutungszuwachs der Betreuung und Bildung in (früher) Kindheit oder der ethnisch und sozial heterogenen Kindheit reagiert. Dies geschieht unabhängig von theoretischen Ansätzen sowie unabhängig von der jeweiligen Befundlage. Maßgeblich ist stattdessen die inhaltliche Priorität der Themen und Dimensionen im Leben und Aufwachsen von Kindern.

Gerade der Verweis auf die vorhandenen theoretisch-konzeptionellen und empirisch-methodischen Desiderate – besonders deutlich im Kapitel „Multikulturelle Kindheit“ – kann die entscheidenden Anstöße für die Weiterentwicklung der Forschung liefern. Der Band leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Überblick über die Forschung zu Kindern und Kindheit in Deutschland sowie über die gegenwärtig vorhandenen Möglichkeiten und Grenzen.
Christian Haag (Luxemburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christian Haag: Rezension von: Wittmann, Svendy / Rauschenbach, Thomas / Leu, Hans Rudolf (Hg.): Kinder in Deutschland, Eine Bilanz empirischer Studien. Weinheim / München: Juventa 2011. In: EWR 10 (2011), Nr. 3 (Veröffentlicht am 22.06.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377992240.html