EWR 16 (2017), Nr. 1 (Januar/Februar)

Anna Schnitzer / Rebecca Mörgen (Hrsg.)
Mehrsprachigkeit und (Un-)Gesagtes
Sprache als soziale Praxis in der Migrationsgesellschaft
Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2015
(218 S.; ISBN 978-3-7799-2944-4; 29,95 EUR)
Mehrsprachigkeit und (Un-)Gesagtes Deutschpflicht(en) und Türkischverbot(e), wie sie u.a. von der Berliner Herbert-Hoover-Oberschule 2005 und dem Ahlener Gymnasium 2012 ausgesprochen wurden, lösen als regulierende Eingriffe in Sprachpraxen tiefgreifende Diskussionen aus. Mit dem (Nicht-)Sprechen-Können geht immer auch eine Handlungs(-un-)fähigkeit einher: Wer im Handeln ermächtigt oder beschränkt wird, wird auch in der sozialen Beziehung positioniert. Was aber wäre, wenn man jenen Bitten, Deutsch zu sprechen ”damit alle verstehen, worum es geht”, eben nicht nachkommt und stattdessen antwortet: “Will ich denn, dass du mich verstehst?!” Auf diese Fragen und auch jene, worum es eigentlich bei der Regulierung und Sanktionierung von Sprachen und Sprechen geht, suchen die Beiträge des Sammelbandes, herausgegeben von Anna Schnitzer und Rebecca Mörgen, Antworten. Die Herausgeber_innen nehmen den “Diskurs um „die“ Sprache der in Bezug zur Mehrheitsgesellschaft als „anders“ Geltenden” (8) aus einem interdisziplinären Blickwinkel heraus zum Gegenstand und reflektieren sie als symbolische, soziale Praxis in ihrer Eigenschaft “implizite Trägerin von machtvollen Zuschreibungs- und Strukturierungsprozessen” zu sein (8).

Die aus z.T. internationalen Forschungsprojekten hervorgegangenen zehn Beiträge des Sammelbands nähern sich den Sagbarkeiten und Unsagbarkeiten innerhalb der Praxis “Sprache” in der Migrationsgesellschaft mit empirisch-analytischen Zugängen und schlagen einen Bogen, in dem sich dieses Thema sukzessive entfalten kann: von der sprachlichen Ordnung als symbolische Norm mit Wirkungsmacht auf die darin eingelassenen Subjekte (27ff) bis hin zur kindlichen (spielerischen) Auseinandersetzung von Sprachentrennungen u.a. mit code-switching (175ff.) und der längerfristigen Wirkung von Sprache als Exklusionsmittel, einhergehend mit dem paradoxen Vorwurf an die Anderssprachigen, zu wenig für die legitime Sprache zu tun (194ff).

Mörgen und Schnitzer beschäftigen sich mit Mehr-Sprachigkeit als performativem Akt gemäß John Austin und Judith Butler, dem “das konstitutive Verhältnis von Mehr-Sprachigkeit und (Un)Gesagtem und (Un)Sagbarem” (11) innewohnt. Mit Rückgriff auf Pierre Bourdieu wird der monolinguale Habitus benennbar als eine diskursiv produzierte Sicherstellung von Machtverhältnissen, die in “Zugehörigkeitspositionierungen, Ein- und Ausschluss, aber auch Markierungen, Differenzierungen und Klassifizierungen der jeweils legitimen und / oder illegitimen Sprache(n) (...) [münden und] die diesen Diskurs wiederum mit strukturieren, konstituieren und soziale Akteur*innen positionieren” (19).

Karen Geipel, Christiane Micus-Loos und Melanie Plößer zeigen entlang eines Gruppengesprächs von Jugendlichen, ihren Versuch “eine anerkennbare Position zu finden und zu behaupten” (46). Dieser Versuch geschieht, wie die Autorinnen herausarbeiten, durch die “Materialisierung der symbolischen Ordnung in Sprachpraxen” (31) hindurch und innerhalb dessen, was “in Anrufungsprozessen markiert wird bzw. unmarkiert bleibt” (46).

Brigitta Buschs Konzept des Spracherlebens arbeitet die Mehrdimensionalität von sprachlichem Handeln heraus. Ihr Konzept öffnet den subjektiven, sozialen und körperlichen Erlebensraum der Sprache. Hier werden Fremd- und Selbstzuschreibungen als “Diskurse, die (...) miteinander in Widerstreit geraten” (57), greifbar als ein Erleben einer existenziellen Krise des Subjekts. Dabei stützt Busch sich auf John Gumperz Begriff des „sprachlichen Repertoires“ (53) und “auf Michail Bachtins Konzepte von Dialogismus und Heteroglossie sowie auf poststrukturalistische und phänomenologische Zugänge” (50).

Henrike Terhart reflektiert ihre Forschung zu Körperinszenierungen junger Frauen im Migrationskontext auf die Notwendigkeit hin, sich in der qualitativen Sozialforschung der eigenen Sehpraxen und des eigenen Sprechens auf etwaige Reproduktionen von ethnisierenden und rassifizierenden Markierungen hin reflexiv zu verantworten. Ausgehend von Gayatri Spivaks postkolonialen Arbeiten und Paul Mecherils migrationspädagogischer Kritik, fordert sie eine sorgfältige Reflexion dessen, “wer im Kontext von Migration(sforschung) wie über wen spricht beziehungsweise sprechen möchte oder überhaupt darf” (73f).

Nathalie Thomauske zeigt mit einem postkolonialen und hegemonietheoretischen Blick, wie das Silencing anderssprachiger Kinder in deutschen und französischen frühkindlichen Bildungseinrichtungen in Folge einer Dethematisierung und fehlender Reflexion “eines pädagogischen politischen Verhältnisses im Sinne Gramscis in einem gesellschaftlichen Machtverhältnis” (105) zur Verfestigung dieser Verhältnisse führt und der “strukturellen Diskriminierung mehrsprachigen Migrationsanderen (...) [und ihrer] Entmächtigung durch Sprachlosigkeit” (106) Vorschub leistet.

Melanie Kuhn und Isabell Diehm erörtern im elementarpädagogischen Alltag die Sprech- und Sichtweisen von “Eltern und Erzieherinnen im sprachpraktischen Diskurs” (111) über das (Nicht-)Sprechenwollen von Sprache(n) der Kinder. Mithilfe der Einordnung des kindlichen (Nicht-)Sprechens als “Kompetenzphänomen” (115), “Entwicklungsphänomen” (118) und Identitätsphänomen (125) erfahren betreffende Kinder eine Fremdpositionierung, die zugleich die Selbstpositionierungen der Erwachsenen verhandelbar machen.

Anna Schnitzler bricht mit Rekonstruktionen von “biographischen Positionierungen in Interviews” (150) in der Schweiz zu “unterschiedliche[n] Dimensionen des Unsagbaren” (148) im Kontext von Mehrsprachigkeit auf. Sie zeigt auf, dass trotz der gegebenen “Vielsprachigkeit durch das Territorialprinzip und die Fluidität der Sprachgrenzen” die Mehrsprachigkeit der Interviewten “mit ihren verschiedenen Bezugspunkten der Zugehörigkeit zu einem Teil in der Schule unsichtbar bleibt” (149f) und so zu nicht sagbaren (Ungleichheits-)Erfahrungen führt.

Claudia Seele arbeitet heraus, wie institutionelle monolingualisierende Praktiken im untersuchten frühpädagogischen Praxisfeld in Luxemburg zu einem “Spannungsverhältnis zu den alltäglichen translingualen, sprachübergreifenden, -wechselnden und -mischenden Praktiken” (170) führen und im Ergebnis Differenzproduktionen schaffen, in denen die Kinder lernen, sich als “Kinder in Kinderbetreuungseinrichtungen zu verhalten” (171) und sich dabei zugleich der erwachsenen sprachlichen Ordnung anzupassen.

Edina Krompàk fokussiert in ihrer Untersuchung in einem deutschsprachigen Kanton in der Schweiz den Umgang mehrsprachiger Kinder mit den sprachlichen Praxen, in denen sie leben: zwischen den “expliziten sprachlichen Regelungen des Kindergartens bzw. der Schule” (189), künstliche Sprachentrennungen von Standarddeutsch und Schweizerdeutsch zu praktizieren und “den impliziten sprachlichen Vereinbarungen innerhalb der Peer-Gruppe” (189), die individuelle Unterschiede des Sprachgebrauchs aufweisen, bewerkstelligen die Kinder ihre Mehrsprachigkeit “[d]urch code-switching innerhalb von Sprachen und Systemen (...) und schlagen damit eine Brücke zwischen den künstlich getrennten Sprachwelten” (190).

Alfonso Del Percio und Alexandre Duchêne zeichnen nach, wie sich in der Bewertung der sprachlichen Praktiken von SchülerInnen “Wertzuschreibungspraktiken, bzw. Kapitalisierungs- und Dekapitalisierungsprozesse” (195) materialisieren. Sie stellen fest, dass den “institutionellen Praktiken, diskursiven Strategien sowie (...) [dem] kulturelle[n] Wissen und [den] Sprachideologien” (196) eine auf “Instrumentalisierung von Sprache als Faktor von politischer und ökonomischer Legitimation der gesellschaftlichen Strukturierung“ (214) bauende Sprachideologie innewohnt, die “einer politischen Bekämpfung der strukturellen Bedingungen gesellschaftlicher Ungleichheiten” (214) entgegensteht.

Mit diesem interdisziplinär und international gespannten Bogen regt das Sammelband Wissenschaftler_innen, erziehungs- und bildungswissenschaftliche Studierende sowie schulpolitische Akteure an, sich der Sprache in der Migrationsgesellschaft kritisch zuzuwenden und genauer auf das warum und wie der Regulierungen der Zugänge zur Teilhabe an der sprachlichen Praxis durch und in Sprache zu schauen.
Aslı Can Ayten (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Aslı Can Ayten: Rezension von: Schnitzer, Anna / Mörgen, Rebecca (Hg.): Mehrsprachigkeit und (Un-)Gesagtes, Sprache als soziale Praxis in der Migrationsgesellschaft. Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2015. In: EWR 16 (2017), Nr. 1 (Veröffentlicht am 02.02.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377992944.html