EWR 6 (2007), Nr. 1 (Januar/Februar 2007)

Heinrich Ricking
Wenn Schüler dem Unterricht fernbleiben
Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung
Bad Heilbrunn: Verlag Klinkhardt 2006
(182 S.; ISBN 978-3-7815-1408-9; 26,00 EUR)
Wenn Schüler dem Unterricht fernbleiben Das dauerhafte Fernbleiben vom Unterricht stellt ein ernst zu nehmendes Entwicklungsrisiko für Heranwachsende dar (164). Dennoch wurde das Thema viele Jahre ignoriert und ist erst in den letzten Jahren in den Fokus der Fachwelt sowie der Öffentlichkeit gerückt. An dieser Entwicklung ist der Autor durch eigene Vorarbeiten maßgeblich beteiligt. Bereits seit 1997 stehen Schüler, die nicht zur Schule gehen wollen oder können, im Zentrum seines Forschungsinteresses.

Inhaltlich gliedert sich das Buch in zwei Schwerpunkte. Zunächst werden die betroffenen Schüler und die Bedingungen ihres Verhaltens sowie Erscheinungsformen und Erklärungsansätze von Schulabsentismus behandelt (Kapitel 3 und 4). Bezugnehmend auf den aktuellen Forschungsstand, wonach die Schule selbst zunehmend als Einflussgröße für Schulabsentismus ins Licht der Öffentlichkeit rückt (76), richtet sich im Anschluss der Fokus auf die zentrale Frage der Prävention und Intervention in der Schule (Kapitel 6 und 7).

Nach der Einführung in die Thematik diskutiert Ricking in Kapitel 2 die Schulpflicht aus verschiedenen Perspektiven. Der Autor verdeutlicht zunächst die ursächliche Verbindung von Schulpflicht und Schulabsentismus und erläutert im Anschluss das Begriffspaar Schulpflicht und Schulzwang. Es geht dabei um Vorkehrungen und Maßnahmen, die aus schulrechtlicher Sicht getroffen werden können, wenn es zu Schulpflichtverletzungen kommt. Kapitel 5 erörtert darauf bezugnehmend Möglichkeiten und Grenzen schulrechtlicher Interventionsstrategien. In diesem Zusammenhang übt der Verfasser Kritik an Modellen, die, wie das „Nürnberger Modell“, mit Zwangsmaßnahmen, etwa Geldstrafen oder polizeiliche Zwangszuführung der Heranwachsenden, auf Schulversäumnisse reagieren. Das Modell wird zwar von den Initiatoren angesichts der abnehmenden Zahl der von der Polizei aufgegriffenen Schulschwänzer als erfolgreich eingeschätzt, jedoch ist „die konkrete Ausgestaltung ergänzender schulpädagogischer Maßnahmen, die dafür sorgen, dass der Schüler nicht nur vom äußeren Druck an den Schultisch gekettet, vom Unterricht und der positiven Schulwirkung profitiert, (...) noch nicht erkennbar“ (96). Ricking gibt zu bedenken, dass „mit der körperlichen Anwesenheit (...) aus rechtlicher Sicht dem Anspruch der Schulpflicht entsprochen worden sein (mag), das eigentliche Bildungs- und Erziehungsziel“ aber „so noch nicht erreicht“ sei (97). Die zwangsorientierten Sanktionen sollten, so der Autor, in der Praxis stets mit pädagogischen Anreizen und Hilfsangeboten gekoppelt werden.

In Kapitel 3 folgt die Erörterung der Zielgruppen. Unter dem Oberbegriff Schulabsentismus werden drei unterscheidbare, jedoch nicht klar voneinander abzugrenzende, Formen unerlaubter Fehlzeiten zusammengefasst: das Schulschwänzen, die Schulverweigerung und das Zurückhalten von Schülern. Während Gründe für das Schulschwänzen bis in die Mitte der 70er Jahre hinein hauptsächlich im außerschulischen Bereich (Elternhaus, Verwahrlosung, niedriger Bildungsstand, mangelnde Intelligenz) vermutet wurden, hat sich der Blickwinkel auf die Bedingungsfaktoren bis zum heutigen Zeitpunkt entscheidend ausgeweitet. Schule selbst gilt heute als bedeutender Träger von Einflussgrößen. Dieser Einsicht folgt die Erkenntnis, „dass Schulen durchaus die Möglichkeit haben, Einfluss auf das Schulbesuchsverhalten ihrer Schüler zu nehmen“ (24). Angeführt wird in diesem Zusammenhang Kornmanns Reaktion [1] auf Hissnauers Literaturanalyse [2], welche die Entwicklung der theoretischen Einordnung des Schulabsentismus treffend mit der Frage „Schulschwänzen – Persönlichkeitsmerkmal oder Symptom verbesserungsbedürftiger Unterrichtsqualität?“ (24) zusammenfasst. Gegenseitige Schuldzuweisungen erweisen sich jedoch als wenig hilfreich, denn Schulverweigerung darf weder als „individuelles Persönlichkeitsmerkmal mit familienbedingter Genese“ (24) verstanden werden, noch kann schulvermeidendes Verhalten allein auf die verbesserungswürdige Qualität von Unterricht zurückgeführt werden. Heute wird vielmehr von einem komplexen, multifaktoriellen Ansatz ausgegangen, bei dem Schulabsentismus als „multikausal bedingtes Verhalten aufgefasst werden (kann), in dem die relevanten Einflussgrößen aus unterschiedlichen Settings in vielschichtigen Regelsystemen kumulieren und in dynamischem Interaktionszusammenhang stehen“ (25).

Bezugnehmend auf die genannte Definition wendet sich der Autor im Folgenden gegen linear-kausale Deutungsmuster. Zwar gilt als gesichert, dass die Familie neben der Schule auch weiterhin ein bedeutendes Erklärungsfeld im Zusammenhang mit Schulabsentismus darstellt. Diese Ergebnisse dürfen aber, so Ricking, keinesfalls zu einseitigen Kausalattribuierungen führen, da der determinierende Charakter solcher schichtspezifischen Zuschreibungen stigmatisierend wirke (90). Ohnehin funktioniere Schule eher nach Mittelschichtnormen (Fleiß, Ordnung, ...), was lernschwache Schüler aus vorwiegend unterprivilegiertem Milieu vor unübersehbare Hürden stelle. Mit fallender Leistung empfinden diese Jugendlichen die Schule mehr und mehr als einen Ort der Unlust. In der Folge wählen einige dann Verweigerung oder Flucht, um diesem Zustand zu entkommen. Es droht die Festschreibung negativer Kreisprozesse, bestehend aus Leistungsversagen, niedrigen Erwartungen an die eigene Leistungskraft, gefolgt von einer resignativen Haltung des Schülers. Zusammenfassend, so der Autor, wird deutlich, „dass beim Verhältnis von ‚schlechtem Schüler’ und Schule von einem Systemfehler gesprochen werden kann“ (91), zu dessen Entschärfung Maßnahmen von Seiten der Schule nötig wären, wie die Vermeidung von Etikettierungen, individuumsbezogener Leistungsbeurteilung und eine lebensweltorientierte Unterrichtsgestaltung.

Kapitel 6 erläutert Optionen schulpädagogischer Prävention und Intervention. Als grundlegend erscheint, dass sich Schule erst einmal selbst als Präventivkraft gegen Absentismus entdecken muss, damit sie eigene Strategien gegen das Problem entwickeln und entsprechend handeln kann, „bevor der Schüler handelt und geht“ (102). Ricking wirft der Schule vor, ihre Schüler zu häufig über Mahnung und Zwang zurückgewinnen zu wollen: „Sie [die Schule] versteckt sich hinter Schulgesetzen und Erlassen, negiert so zumindest sektoral ihren pädagogischen Anspruch und nutzt gegebene pädagogische Freiräume nicht“ (102). Hinsichtlich der Frage, welche Gestaltungsoptionen denn nun den Absentismus in Schulen zu senken vermögen, hat Ricking in Zusammenarbeit mit Thimm und Kastirke [3] Standards formuliert. Eine Übersicht veranschaulicht die Einflussfaktoren auf den unterschiedlichen Ebenen in schulischen Wirkungsgefügen (105). Besonders hervorzuheben ist die Forderung nach einer gezielten Verstärkung von Anwesenheit, statt der Bestrafung von Abwesenheit. Erzwungene Anwesenheit wird, so die plausible Begründung, nur in Ausnahmefällen lernförderliches Verhalten nach sich ziehen.

Das Buch bietet in den folgenden Kapiteln eine hilfreiche Zusammenstellung konkreter Handlungsempfehlungen im Umgang mit illegitimen Schulversäumnissen für Schulen und einzelne Lehrer und lässt auch Beispiele aus der Praxis nicht vermissen. Einblicke in Therapieansätze bei angstbedingter Schulverweigerung (Kapitel 8) und rehabilitative Ansätze für entkoppelte Jugendliche (Kapitel 9) richten sich in erster Linie an Praktiker in weiteren pädagogisch-therapeutischen Berufsfeldern und runden den Praxisteil ab.

Rickings Ausführungen zum Lehrerverhalten, dem er eine Schlüsselfunktion bezüglich der Prävention von Absentismus zuweist, liefern Stoff für Diskussionen. Eine Tabelle, in der die Häufigkeit von Schulreaktionen auf Absentismus am Beispiel zweier Schulen dargestellt wird, verdeutlicht, wie gering die Kontrolle und wie wenig ausgeprägt die Bereitschaft, überhaupt zu reagieren, teilweise vorhanden ist. Als Vorraussetzung für eine erfolgreiche Absentismusprävention sei demnach zunächst die Bereitschaft von Lehrkräften, „diesem Schülerverhalten ein angemessenes Maß an Aufmerksamkeit zu schenken“ (113) vonnöten. Der Autor kritisiert, dass Lehrer das Absentismusproblem häufig auf der Grundlage subjektiver Alltagstheorien beurteilen und fordert mehr diagnostische Kompetenz von dieser Berufsgruppe. Ferner kommt er zu der Besorgnis erregenden Feststellung, dass in signifikanter Häufigkeit das Beziehungsverhältnis zwischen häufig fehlenden Schülern und ihren Lehrern als zerrüttet bezeichnet werden muss. Welche Lehrer hingegen als erfolgreich in Sachen Absentismusprävention bezeichnet werden können, verwundert kaum; es sind diejenigen, „die allgemein den diskutierten Kriterien eines ‚guten’ Lehrers entsprechen“ (114). Gute Lehrer sind in der Lage, Kontrolle und Aufsicht über ihre Schüler zu realisieren, sie sind humorvoll, bauen intensive Beziehungen zu ihren Schülern auf, setzen guten Unterricht um, sind fair, behandeln ihre Schüler mit Respekt, räumen ihrer Klasse Freiheiten ein und sind um einen intensiven Kontakt zu den Erziehungsberechtigten bemüht (115). Wie bei schulischen Problemen jeglicher Art (Unterrichtsstörungen, Delinquenz, Gewalt) nimmt auch in Rickings Argumentation die Qualität von Unterricht eine wichtige Rolle ein. Guter Unterricht trägt seiner Meinung nach entscheidend zur Vermeidung von Unterrichtsverdrossenheit und Unlust und dem in der Folge drohendem Schulabsentismus bei.

Durchweg positiv fällt der kritisch-reflektierende Umgang des Autors mit dem Forschungsgegenstand auf. Neben den genannten werden in der vorliegenden Publikation zahlreiche weitere Aspekte einer kritischen Überprüfung unterzogen, wie z.B. der Zusammenhang von Intelligenz und Schulschwänzen oder der Einfluss der Geschlechtszugehörigkeit auf das Schulbesuchsverhalten. Erfreulich ist ebenso, dass Ricking Forschungsstudien aus Großbritannien und den USA in seine Arbeit einbezieht, da aus diesen Ländern bereits seit den 80er Jahren umfassende Forschungsergebnisse und Erfahrungen aus der schulpädagogischen Praxis vorliegen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es sich bei diesem Buch um eine differenzierte und gut verständliche Aufarbeitung des bestehenden Forschungsstandes handelt. Neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Absentismusforschung liefert es nicht, das lag aber auch nicht in der Absicht des Verfassers. Studierenden und Lehrenden, die sich mit der Thematik vertraut machen wollen, ist die Lektüre uneingeschränkt zu empfehlen. Lehrkräften sei das Buch abschließend besonders ans Herz gelegt. Nicht so sehr, weil es konkrete Präventions- und Interventionsmaßnahmen aufzeigt – sie sind größtenteils nicht besonders innovativ und aus anderen schulischen Zusammenhängen (z.B. Umgang mit Disziplinschwierigkeiten) hinlänglich bekannt – sondern weil es Wissenslücken schließt und zum Nachdenken über die betroffenen Schüler und das eigene (Lehrer-)Verhalten anregt.

[1] Kornmann, R. (1980): Schulschwänzen – Persönlichkeitsmerkmal oder Symptom verbesserungsbedürftiger Unterrichtsqualität? In: Psychologie in Erziehung und Unterricht 27, S. 240-242.
[2] Hissnauer, W. (1979): Schulschwänzen – Häufigkeit und Ursachen. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht 26, S. 354-361.
[3] Ricking, H./ Thimm, K./ Kastirke, N. (2004): Schulische Qualitätsstandards bei Schulabsentismus. In: B. Herz/ K. Puhr/ H. Ricking (Hrsg.): Problem Schulabsentismus. Wege zurück zur Schule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 241-253.
Barbara Zschiesche (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Barbara Zschiesche: Rezension von: Ricking, Heinrich: Wenn Schüler dem Unterricht fernbleiben, Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung. Bad Heilbrunn: Verlag Klinkhardt 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 1 (Veröffentlicht am 30.01.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151408.html