EWR 6 (2007), Nr. 5 (September/Oktober 2007)

Jürgen Reyer
Einführung in die Geschichte des Kindergartens und der Grundschule
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2006
(256 S.; ISBN 978-3-7815-1442-3; 18,50 EUR)
Einführung in die Geschichte des Kindergartens und der Grundschule Nicht erst seit das Land Hessen einen gemeinsamen Bildungsplan für Kindergärten und Grundschulen herausgibt, hat das Thema der Anschlussfähigkeit der beiden Institutionen Konjunktur. Transitionen, Übergang Kindergarten-Grundschule und Resilienz sind nur einige Stichworte, die markieren, dass die Diskussion breit und zugleich differenziert geführt wird. Da erscheint es geradezu zwangsläufig, einen Blick auf die gemeinsame respektive getrennte Geschichte der beiden Institutionen zu werfen. Dass dies von Jürgen Reyer getan wird, ist umso erfreulicher, da er nicht gerade dafür bekannt ist, alte Perspektiven und Positionen nur aufzuwärmen, sondern im Gegenteil nicht selten auf der Suche nach „Wespennestern“ – siehe seine „Kleine Geschichte der Sozialpädagogik“ – zu sein scheint. Ob das der Grund ist, ausgerechnet das Fachpublikum der pädagogischen Historiographie als Adressatenkreis dieses Buches nicht ansprechen zu wollen, mag dahingestellt sein [1].

In jedem Fall ist es Jürgen Reyer wieder einmal gelungen, eine Veröffentlichung vorzulegen, die allein in der Zusammenführung dieser so unterschiedlichen Institutionen in historischer Perspektive neue Erkenntnisse erwarten lässt. Dies ist jedoch nicht Ziel des Buches. Stattdessen strebt der Autor erstens an, Grundlagenwissen für Lernende und Lehrende an Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten zur Verfügung zu stellen. Zweitens möchte er in das wissenschaftliche Studium der Geschichte des Kindergartens und der Grundschule einführen, um letztlich durch Geschichte als Gegenwartserhellung Problembewusstsein zum heutigen Verhältnis zwischen den beiden Institutionen zu erzeugen. Dieses baut Reyer in sieben Kapiteln auf, die sich inhaltlich aber in drei Teile fassen lassen: Im ersten Kapitel gibt Reyer eine grundlegende Einführung in Zugänge zur Geschichte, während die Kapitel 2 bis 6 dazu dienen, die These der Geschichte gegenseitiger Abgrenzungsmotive zwischen Kindergarten und Schule zu entfalten, um abschließend im siebten Kapitel eine Gegenwartseinschätzung vor historischem Hintergrund vorzunehmen.

Folgt man nun dieser Chronologie, so zeigt sich das erste Kapitel als eine hervorragende Einführung in mögliche Perspektiven auf Geschichte überhaupt und eignet sich somit vorzüglich zum Studium wissenschaftlichen Arbeitens generell. Reyers Einführung in zehn unterschiedliche Zugänge zur Geschichte (z.B. begriffs- und ideengeschichtliche, sozialgeschichtliche oder konzeptionsgeschichtliche Zugänge) zeigen nicht nur den Zusammenhang von Perspektive und Ergebnis auf, sondern ermuntern auch in der Ausbildung zu differenzierter Analyse von Quellen und ihrer Kritik.

Erstaunlich ist dann, dass sich Reyer in den darauf folgenden fünf Kapiteln nicht für eine Sichtweise entscheidet, sondern immer wieder unterschiedliche Perspektiven in seine der Zeitschiene folgenden Geschichte der abgrenzenden Motive zwischen Grundschule und Kindergarten einfließen lässt. Dies spiegelt aber die Vielfalt der Aspekte des Wandels der genannten Institutionen und eröffnet damit den Lesenden ein breites Tableau. Es überwiegen dabei aber vor allem bildungstheoretische und institutionengeschichtliche Analysen. Bei letzteren räumt er mit Mythen auf, wenn er verdeutlicht, dass der Ausbau der Kinderbetreuung im 19. Jahrhundert nur unzureichend mit der Industrialisierung zu erklären ist. Vielmehr sei die alleinige gesellschaftliche Festlegung auf das bürgerliche Familienmodell in ihrer Tragweite für Kindererziehung und -betreuung noch nicht ausreichend beschrieben. Dies wird auch hinsichtlich der bildungstheoretischen Überlegungen expliziert, wenn Reyer nahezu eine kleine Einführung in die Begriffsgeschichte der Pädagogik gibt und Fröbels Kindergarten nicht in erster Linie als einen Ort der Erziehung, sondern als ein in Anschluss an Pestalozzis „Wohnstube“ weiterentwickeltes Prinzip der Erziehung überhaupt identifiziert.

Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die weiteren Zeiträume über die DDR und die alte Bundesrepublik hinweg bis in die heutige Zeit beschreiben. Reyer tut dies in jedem Kapitel kenntnis- und aufschlussreich. Dabei offenbart er in der Geschichte der Grundschule und des Kindergartens nahezu ein Paradoxon, das spätestens seit Rousseau die pädagogischen Institutionen begleitet, nämlich Individualität zu ermöglichen und dennoch normativ orientiert „Bürger und Bürgerinnen“ erziehen zu wollen oder zu müssen.

Reyer beschreibt zum Abschluss die fünf dargestellten Zeiträume als Verdichtungszonen der Diskussion und Gestaltung des Verhältnisses von Kindergarten und Schule. Hierbei zeigt sich eine Tendenz von der Notwendigkeit der Begründung der Eigenständigkeit der jeweiligen Institution hin zu einer die Eigenständigkeit gegenüber der Familie betonenden Position. Letztere sei aber bis heute real nicht in allen Punkten erreicht. Mit dieser Analyse löst Reyer seine ersten beiden Ziele ein, nämlich Grundlagenwissen in sehr lesenswerter Weise zu vermitteln und in die Geschichte der beiden Einrichtungen einzuführen.

Hinsichtlich des Anspruchs, einen Beitrag zum Problembewusstsein über das heutige Verhältnis zwischen Grundschule und Kindergarten zu leisten, muss gesagt werden, dass Reyer das Potential seiner Beschreibungen in Kapitel 1-6 nicht in letzter Konsequenz ausschöpft. So wäre es z.B. ein Leichtes gewesen, die vorzüglich beschriebene und in der historischen Rückschau nicht haltbare konservative Kritik an der Einheitsschule (vgl. 163) in der gegenwärtigen Diskussion um Veränderungen des Schul- und des Kindergartensystems neu zu identifizieren, um hier strukturelle Hemmnisse gestützt durch überkommene ideologische Positionen aufzudecken. Auf solche „Entdeckungen“ lenkt das Buch an vielen Stellen, ohne dass der Autor diese für sein Fazit fruchtbar macht. Das gibt dem Leser und der Leserin in positiver Hinsicht einiges zu denken. Genau dies darf man von einem Buch erwarten, das in keiner Ausbildung (sozial-)pädagogischer Fachkräfte fehlen sollte.


[1] Aus diesem Grund beschränkt sich diese Rezension auch auf die Beurteilung der selbst gesetzten Ziele des Buches und verzichtet auf eine auf die Disziplinen der Historiographie sowie der Früh- und Schulpädagogik bezogene Analyse und Bewertung des Buches.
Hilmar Hoffmann (Düsseldorf)
Zur Zitierweise der Rezension:
Hilmar Hoffmann: Rezension von: Reyer, Jürgen: Einführung in die Geschichte des Kindergartens und der Grundschule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151442.html