EWR 10 (2011), Nr. 4 (Juli/August)

Holger Gast / Antonia Leugers / August H. Leugers-Scherzberg
Optimierung historischer Forschung durch Datenbanken
Die exemplarische Datenbank "Missionsschulen 1887-1940"
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2010
(231 S.; ISBN 978-3-7815-1720-2; 29,80 EUR)
Optimierung historischer Forschung durch Datenbanken Der vielversprechend formulierte Titel gibt das Hauptanliegen des Buches von Holger Gast, Antonia Leugers und August Leugers-Scherzberg wieder: Anhand des konkreten Anwendungsfalls der Datenbank „Missionsschulen 1887-1940“, die im DFG-Forschungsprojekt „Katholische Missionsschulen in Deutschland 1887-1940“ entwickelt wurde, sollen die Möglichkeiten dargestellt werden, die relationale Datenbanken zur Verbesserung und Vereinfachung von (bildungs-)historischer Forschung bieten. Dabei arbeiten die Autoren den hohen Stellenwert „enger Kooperation und Kommunikation“ (10) in einem interdisziplinären Forschungsprojekt heraus. Sie plädieren für eine klare Aufgabenteilung – so wurde in einem ersten, gescheiterten Versuch eine Historikerin mit dem Aufbau einer Datenbank für das Forschungsprojekt betraut (12) –, wobei die Entwickler, in der Regel also Informatiker, die „Experten für die präzise und fehlerfreie Umsetzung des vereinbarten Datenmodells“ seien. Die Historiker dagegen besäßen „als Anwender die alleinige Entscheidungsbefugnis, wo immer inhaltliche Aspekte der Arbeit“ (220) relevant würden. Diese Aufgabenteilung sollte auch entsprechende Berücksichtigung durch einen in der Softwareentwicklung erprobten inkrementellen Entwicklungsprozess finden (vgl. 22).

Außerdem ist es den Autoren ein Anliegen, neben dem Risiko falsch verstandener Kompetenzbereiche, weitere „Risiken“ und dazu „Chancen“ (13) von Datenbanken zu benennen und stets aus der Sicht der Anwender zu formulieren. Denn um Datenbanken kompetent und aktiv aufzubauen und sie später gleichermaßen fachkundig zu nutzen, müssten die unter der Bedienoberfläche verborgenen Prozesse freilich von den Anwendern verstanden worden sein (vgl. 14). Diesem Anspruch gerecht werdend, liest sich das erfahrungsgesättigte Methodenbuch wie eine Gebrauchsanweisung zur reibungsarmen, interdisziplinären Zusammenarbeit.

In der Einleitung beschreiben die Forscher den Aufbau einer Datenbank als dreiphasigen Prozess, dem auch die inhaltliche Struktur des Buches folgt.

  1. Phase: Modellierung und Erstellung der Datenbankanwendung, was voraussetze, a) den Datenbestand genau zu kennen und b) alle grundsätzlichen Forschungsfragen bzw. Abfrageoperationen zu antizipieren. Damit ist nicht gemeint, dezidiert jede Abfrage vorauszuplanen, sondern die allgemeinen Forschungsfragen, welche später als Operationen ausgeführt werden und daher vorher im Gerüst berücksichtigt werden müssen, damit sie überhaupt ausgeführt werden können (20).

  2. Phase: Dateneingabe, dazu müsse a) die erste Phase abgeschlossen sein und b) die Dateneingabe höchst zuverlässig und genau erfolgen. Zuverlässig und genau könnten die Daten wiederum nur eingetragen werden, wenn bei der Eingabe ein Verständnis für die späteren Abfragen vorhanden sei.

  3. Phase: Auswertung der Datenbank. Diese Phase könne sich mit der zweiten überschneiden, sobald Daten zu Bereichen vollständig vorliegen. Abschließend könnten mittels der Datenbanksprache SQL Abfragen formuliert werden, die die Antworten auf die Forschungsfragen enthalten.

Außerdem erläutern die Autoren einleitend den Stellenwert von Datenbanken in der historischen Forschung. Mag man noch in den 1970er und 1980er Jahren gefragt haben, ob der Einsatz elektronischer Datenverarbeitung in der historischen Forschung sinnvoll sei, so stelle sich diese Frage nicht mehr, was allein schon an der üblichen Büroausstattung zu beobachten sei (vgl. 11). Zu konstatieren bleibe aber, dass meist nur eine „amateurhafte Anwendung der neuen Technologien“ (ebd.) vorherrsche.

Dem entgegenwirkend befassen sich neben Teilen der Einleitung das dritte und vierte Kapitel des Buches mit informationstechnischen Grundlagen von Datenbanken. Zunächst aber wird im zweiten Kapitel dem Historiker bekanntes Terrain betreten: Hier wird der Inhalt des „DFG-Forschungsprojekt ‚Katholische Missionsschulen in Deutschland 1887-1940‘“ auf etwas mehr als 30 Seiten vorgestellt, wozu der Forschungsstand, der historische Kontext, die Forschungsfragen und die Schilderung der Quellen gehören.

Bei der Formulierung der Forschungsfragen weisen die Autoren bereits auf die neuen Möglichkeiten hin, die das Werkzeug (vgl. z. B. 215) Datenbank biete, um komplexe Fragen zu beantworten. So lägen üblicherweise in der historischen Bildungsforschung quantitative Daten nur als „Massendaten zu Schulen und Schülern in Zeitreihen“ (53) vor, die keine differenzierten Aussagen zu Veränderungen unter den Schülern oder einzelnen Schülerkarrieren erlaubten (vgl. ebd.). Dagegen lassen sich mit der Datenbank natürliche Personen zu jedem Zeitpunkt identifizieren. Das bedeutet, man kann einzelne Schüler und Lehrer oder Klassen- bzw. Kursverbände zu einem bestimmten Datum identifizieren, aber ebenso über die Zeit hinweg individuelle Karrieren und kollektive Zusammensetzungen studieren. Damit sei „erstmals … die Rekonstruktion von Quer- und Längsschnitten durch den Schuljahresverlauf“ (54) möglich.

Das dritte Kapitel behandelt die erste Phase, den interdisziplinären Prozess des Modellierens einer Datenbank: „Die Anwender formulieren zunächst ihre Hauptanforderungen, die die Entwickler in ein erstes ER-Modell umsetzen“(59). Dabei erfasse dieses Entity-Relationship-Datenmodell „die Dinge der wirklichen Welt und ihre Beziehungen zueinander“(60). Übersetzt man „Dinge“ in „Entitäten“ und „Beziehungen“ in „Relationen“, so erschließt sich die Abkürzung „ER-Modell“ als Entity-Relationship-Modell (59ff). In (Anwender)verständlicher Sprache werden die wichtigsten Begriffe erläutert und mit hilfreichen Diagrammen veranschaulicht.

Im Übergang vom dritten zum vierten Kapitel vermischen sich, dem Inhalt geschuldet, die Phasen. So wird erläutert, wie die Daten eingegeben und Relationen definiert werden können mit Blick auf die Abfragelogik. Dazu wird die relationale Tabellenstruktur von Grund auf erläutert, damit die Anwender die Validität von Ergebnissen späterer Abfragen einschätzen können (vgl. 87). Abfragen und Operationen werden dann in der zweiten Hälfte des vierten Kapitels erläutert und schlussendlich mit dem fünften Kapitel am Anwendungsfall konkretisiert.

Damit erfolgt der Eintritt in die dritte Phase und es wird gezeigt, „wie es mit Hilfe der Missionsschulen-Datenbank möglich ist, zentrale Fragen der historischen Bildungsforschung aufgrund komplexer Auswertungen gespeicherten Datenmaterials historisch präziser als bisher zu beantworten“ (131). Als zentral definieren die Autoren Fragen nach dem Bildungswachstum, nach Anspruch und Funktion von Schulen, nach individuellen und kollektiven Schülerkarrieren. Das Titelversprechen einlösend zeige sich die Optimierungsmöglichkeit darin, „Längsschnitterhebungen und Bildungsbiographien höchst differenziert [zu] erfassen und aus[zu]werten – und dies mit allen zu berücksichtigenden Bedingungsfaktoren, auch die durch Eltern, Lehrer und die Schulorganisation gesetzten“ (213).

Dass die datenbankgestützte Forschung einen regen, vorausschauenden und engen Austausch zwischen Entwicklern und Anwendern benötigt, wird immer wieder betont (10ff, 87ff, 217ff). Das Buch will hierüber aufklären und liefert einen Beitrag, diesen Prozess zu harmonisieren, da die Funktionsweise von Datenbanken und ihre Erstellung anhand eines konzeptuellen Datenmodells nachvollziehbar erläutert werden. Obwohl dem Buch ein Register fehlt, lässt es sich dank des übersichtlichen Aufbaus und des detaillierten Inhaltsverzeichnisses auch als Handbuch gebrauchen. Insbesondere das Entity-Relationship-Diagramm im Anhang kann als Vorlage für verwandte Forschungsabsichten verwendet werden.

Durch diese gelungene Vermittlung zwischen den beiden Welten der Informatiker und (Bildungs-)Historiker mag es auch gelingen, potentielle Quellen von „leidvolle[n] Erfahrungen“ (22) zu umgehen, wodurch letztendlich der Forschungsprozess eine Optimierung erfährt. Damit kann ferner der Weg geebnet werden in der „historischen Forschung insgesamt“ (222) vermehrt Datenbanken einzusetzen, um deren Berechnungs- und Auswertungspotenziale zu nutzen und dadurch auf eine zweite Weise Forschung zu optimieren.
Anne Hild (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anne Hild: Rezension von: Gast, Holger / Leugers, Antonia / Leugers-Scherzberg, August H.: Optimierung historischer Forschung durch Datenbanken, Die exemplarische Datenbank "Missionsschulen 1887-1940". : . In: EWR 10 (2011), Nr. 4 (Veröffentlicht am 30.08.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151720.html