EWR 12 (2013), Nr. 1 (Januar/Februar)

Thomas Koinzer
Auf der Suche nach der demokratischen Schule
Amerikafahrer, Kulturtransfer und Schulreform in der Bildungsreformära der Bundesrepublik Deutschland
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011
(279 S.; ISBN 978-3-7815-1811-7; 32,00 EUR)
Auf der Suche nach der demokratischen Schule Deutschland und die USA: Beide Länder verbinden historische Migrationsströme, intensive ökonomische Verflechtungen und eine politische Dominanz in ihrem Einflussbereich, aber auch ein aktiver kultureller Austausch, ein langjähriges transatlantisches Bündnis und die pragmatische Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Im Bildungsbereich sind es weniger Ähnlichkeiten, die zum kontinuierlichen deutsch-amerikanischen Austausch führen, sondern sich als dauerhaft erweisende Unterschiede, insbesondere zwischen der amerikanischen comprehensive high school, einer Schule für alle, und der hochgradig gegliederten Sekundarstufe Deutschlands mit vielen Schulformen, etwa Sonderschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium oder Gesamtschule.

Wenn es um Ideen für Reformen und Verbesserungen von Bildung, Ausbildung und Wissenschaft geht, verläuft seit nunmehr hundert Jahren der transatlantische Austausch eher nach Osten als nach Westen, allerdings ist das weltweit nachgefragte deutsche duale System der beruflichen Bildung hier eine wichtige Ausnahme. Um Reformagenden in Deutschland zu legitimieren, werden derzeit amerikanische Beispiele benutzt, insbesondere die führenden Forschungsuniversitäten, auch wenn diese zum Teil der Humboldt’schen Konzeption entsprungen sind. Andererseits wird die „Amerikanisierung“ auch kritisch bewertet, wenn sie mit einer breitflächigen Privatisierung, dem Verlust von kulturellen Traditionen oder mit dem Anlegen von Effizienzkriterien gleichgesetzt wird. Die deutsch-amerikanische Beziehung, sei es in Kultur, Politik oder Wirtschaft, ist nie einfach. Im Bildungsbereich wird sie zudem stark von ideologischen Positionen und halbwahren Zuschreibungen bestimmt.

An dieser Ambivalenz setzt Thomas Koinzer an, um die tatsächlichen Prozesse des Lernens von anderen zu beleuchten, ohne dabei in unzureichend empirisch belegte Pauschalisierungen von „Amerikanisierung“ zu verfallen. In „Auf der Suche nach der demokratischen Schule“ wird exemplarisch anhand vielfältiger, teilweise erstmalig erschlossener Quellen verdienstvoll untersucht, wie ein solcher Kulturtransfer im pädagogischen Feld systematisch ermöglicht werden könnte bzw. worden ist. Es ist theoretisch und methodisch durchaus schwierig, konkret oder gar kausal die Ergebnisse solcher transnationaler Mobilität (Auslandsaufenthalte) und die daraus entstehenden Ideentransfers und -interpretationen zu belegen. Dennoch kann der Autor überzeugender, als dies in vielen vorhergehenden Studien geschehen ist, dokumentieren, wie solche Transferprozesse stattfanden sowie welche Bedeutungen sie unmittelbar und mittelfristig gehabt haben. Er zeigt aber auch deutlich die Grenzen des gegenseitigen Verständnisses auf.

Indem er die Studienreisen deutscher Sozialwissenschaftler, Bildungsforscher, Lehrer, Verwaltungsbeamter, Politiker und Verleger in die USA anhand der Amerikafahrer oder Teilnehmer der German Educators‘ Missions rekonstruiert, werden gleich zwei „Formen der Reflektion“ aufgedeckt und analysiert: die unmittelbaren („immediaten“) und die „reflektierten“ Formen der Teilnehmer. Während für viele andere Studien die persönlichen Eindrücke der Reisenden ausgereicht haben, wird hier zusätzlich die Forschungstätigkeit über die Zeit analysiert. Unter den Teilnehmern sind bekannte Namen des Who’s Who der deutschen Nachkriegsintelligenzija: Theodor W. Adorno, Hellmut Becker, Wolfgang Edelstein, Jürgen Habermas, Max Horkheimer, Hartmut von Hentig, Jakob Muth, Rosemarie Nave-Herz, Reinhard Tausch, Wolfgang Zapf u.v.m.. Durch die eingehende Analyse der Rezeption des amerikanischen Modells der demokratischen Schule für alle im deutschen Diskurs über Schulreformen wird nicht nur die Attraktivität dieser Ideen in den Bildungsreformdebatten der 1960er und 1970er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch deren Einfluss verdeutlicht.

Der Einfluss von Studienreisen ist zugleich naheliegend wie auch schwer zu fassen. Niemand hinterfragt anscheinend mehr die Sinnhaftigkeit von Auslandserfahrungen, aber was bedeutet denn, in den zitierten Worten von Wolfgang Mitter, „die Erziehungswirklichkeit fremder Länder“ (69) tatsächlich? Jeder, der eine Zeit im Ausland verbracht hat, wird über die Herausforderungen berichten können, die fremden Traditionen und Normen zu verstehen, aber zugleich als Reisender mit fremdem, vergleichendem Blick auch unhinterfragte Selbstverständlichkeiten des Gastlands aufdecken zu können. In den heutigen Zeiten von Erasmus, Studiosus, EasyJet und Co ist die Zahl der akademischen Reisen in allen Altersstufen exponentiell gestiegen. Auch die German Educators‘ Missions von damals gibt es heute noch in ähnlicher Form, etwa als durch die Fulbright-Kommission finanzierte Bildungsreisen der International Education Administrators. Wie verändern solche Bildungsreisen Bildungsforschung und -politik?

Für den Zeitraum der „langen 1960er Jahre“ (241) paart der Autor einen reichen und spannenden Quellenfundus aus Reiseberichten mit einer umfassenden Analyse der von den Amerikafahrern verfassten relevanten Zeitschriftenbeiträge, in denen die Erfahrungen und das angeeignete Wissen explizit für die Bildungsforschung im deutschsprachigen Raum genutzt wurde. Die gewählten Zeitschriften – Zeitschrift für Pädagogik, Bildung und Erziehung, Die Deutsche Schule sowie Gesellschaft, Staat, Erziehung – bilden ein Korpus für die Untersuchung zentraler Themen der dortigen und hiesigen Erziehungswissenschaft: nicht nur die Schul- und Bildungsforschung oder das Schul- und Bildungssystem, sondern auch das Schul- und Unterrichtsklima sowie die Kommunikation bis hin zu Lehrerbildung, Programmiertem Lernen oder Team-Teaching wurden thematisiert. Auch Fragen der „guidance and counseling“, der kompensatorischen Erziehung oder der Social Studies und politischen Bildung sowie gelebte Demokratie waren Gegenstand. Mit dieser umfassenden Diskussion werden die Amerikafahrer konkret und die schwierige Vermittlung zwischen Kulturen kritisch begleitet. Über den Blick in die andere Richtung, also die möglichen Einflüsse der Amerikafahrer auf die Vereinigten Staaten, erfahren wir in dieser Studie jedoch wenig. Eingebettet in die Tradition des Einflusses des deutschen Beispiels auf andere Länder hat jüngst David Phillips (2011) für Großbritannien diese alternative Perspektive, von Deutschland ausgehend, systematisch herausgearbeitet. [1]

Die Studie von Koinzer glänzt durch ihre differenzierte Rekonstruktion der dem amerikanischen Bildungssystem entgegengebrachten „Mischung aus Bewunderung und Geringschätzung“ (103). Dadurch können wir auch in unserer Zeit der ständigen und leider äußerst oberflächlichen Vergleiche diese unausweichliche Ambivalenz besser nachvollziehen. Wir können uns so besser der Herausforderung von Argumentationen stellen, die auf dem Vergleich mit dem Ausland basieren. Dabei sollten wir nicht vergessen, wie wichtig der „Optimismus der Aufklärung“ (Wolfgang Edelstein zitiert nach Koinzer, 152f) sein kann, um die notwendige gesellschaftliche Debatte und politische Willensbildung zur demokratischen Schule weiterzuführen – auch ein halbes Jahrhundert nach den Amerikafahrten und den daran anschließenden unterschiedlichen Visionen. Inzwischen hat die Ratifizierung des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung 2008 „inklusive Bildung“ – und damit die Schule für alle – für alle Ebenen des Bildungswesens in Deutschland verbindlich gemacht, wie sie in den USA und anderen Ländern seit Jahrzehnten entwickelt wurde. Das tiefgreifende Verständnis solcher transnationaler Transfers kann am sinnvollsten über sorgfältige vergleichende und historische Analysen wie die vorliegende untersucht werden, auch wenn sie entgegen der Wunschvorstellung vieler Bildungsreformer, die mit Referenz zu ausländischen Modellen argumentieren, eher die Komplexität und Konditionalität solcher kulturellen Übertragungen offenlegen.

[1] Phillips, David: The German Example: English interest in educational provision in Germany since 1800. London: Continuum 2011.
Justin J.W. Powell (Luxemburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Justin J.W. Powell: Rezension von: Koinzer, Thomas: Auf der Suche nach der demokratischen Schule, Amerikafahrer, Kulturtransfer und Schulreform in der Bildungsreformära der Bundesrepublik Deutschland. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011. In: EWR 12 (2013), Nr. 1 (Veröffentlicht am 19.02.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151811.html