EWR 10 (2011), Nr. 3 (Mai/Juni)

Uwe Sandfuchs / Jörg-W. Link / Andreas Klinkhardt (Hrsg.)
Verlag Julius Klinkhardt 1834-2009
Verlegerisches Handeln zwischen Pädagogik, Politik und Ökonomie
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2009
(255 S.; ISBN 978-3-7815-1834-6; 19,90 EUR)
Verlag Julius Klinkhardt 1834-2009 Für viele Unternehmen oder Institutionen ist es eine Selbstverständlichkeit, zu bestimmten Anlässen – in der Regel runde Geburtstage – auf die eigene Geschichte zurückzublicken. Je nach Tradition und Alter des Hauses findet ein solcher Rückblick seinen Niederschlag in mehr oder weniger aufwändig gestalteten Festschriften oder Chroniken. Ob diese aussagekräftig sind bzw. wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, hängt zum einen davon ab, welche Quellen herangezogen wurden, zum anderen aber auch davon, wer für die Mitarbeit gewonnen werden konnte, und so stehen reich bebilderte Lesebücher neben ernstzunehmenden Forschungsarbeiten.

Auf den ersten Blick erscheint es nur naheliegend, dass gerade auch Verlage als die Orte, an denen solche Bücher entstehen, ebenfalls an einer Darstellung oder Aufarbeitung der eigenen Geschichte interessiert sind. Allerdings wird man bei der Suche nach solchen Werken enttäuscht, gerade wenn man seinen Blick auf wissenschaftliche Verlage richtet, die hier Zurückhaltung zu üben scheinen. Gründe hierfür sind sicherlich der Verlust relevanter Archivalien durch Kriegseinwirkungen oder schlicht die Tatsache, dass viele Verlage ihre Selbstständigkeit verloren haben. Kommt es dennoch zur Publikation einer Verlagsgeschichte, so geht es vorrangig darum, die Bedeutung des Verlages in dem Segment, für das er steht, zu erweisen, in der Regel dadurch, dass man erfolgreiche Bücher von bekannten Autoren hervorhebt. Kritische Aspekte der Geschichte, wie etwa das Verhalten des Verlags im Nationalsozialismus, werden zwar nicht ausgelassen, aber zumeist nur kurz gestreift.

Entsprechend erfreulich ist es, wenn ein Fachverlag für pädagogische Schriften mit einem Buch auf 175 Jahre Firmengeschichte zurückblickt, und noch erfreulicher ist es, wenn dieser Rückblick nicht dem hauseigenen Chronisten anvertraut, sondern die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, die einen eigenständigen Blick auf die Geschichte erwarten lassen, gesucht wird.

Im Falle des Klinkhardt-Verlages ist dabei eine chronologisch gegliederte Festschrift entstanden, die – so das Vorwort der Herausgeber – mit dem Problem umgehen musste, dass die historischen Bestände des Verlagsarchivs 1943 durch Kriegsschäden verloren gingen und somit z.B. wirtschaftsgeschichtliche Aspekte ausgeblendet bleiben mussten. Also entschied man sich für die Formulierung von Fragestellungen, an denen sich die Beiträge orientieren sollten, um „der verlegerischen Leistung von sechs Generationen“ gerecht werden zu können (8). Diese Fragen zielen auf das Verhältnis des Verlages zu den (bildungs-)historischen Entwicklungen, die seine Geschichte begleiteten, auf das Wechselspiel zwischen der Tradition, in der der Verlag steht, und den Wandlungen, die er zwangsläufig durchlaufen muss, um auf dem Markt bestehen zu können, sowie auf die Rolle, die der Verlag heute in der Konkurrenz zu anderen Wissenschaftsverlagen spielt.

Die Anfänge des Verlags schildert Gerhard Meyer-Willner, der nach einem kurzen Blick auf die Familiengeschichte auf die Umstände eingeht, die 1834 die Verlagsgründung in Leipzig begünstigten, und anschließend die ersten – mehr oder weniger erfolgreichen – Publikationen des Verlags vorstellt. Jürgen Overhoff fragt nach der Verortung des Verlags in der politisch bewegten Zeit des Vormärz und verweist auf das Beispiel des Lehrers und Schulreformers Julius Kell, dessen Benjamin-Franklin-Biografie 1845 im Verlag Julius Klinkhardt veröffentlicht wurde. Dass sich der Verlagsgründer mit dieser Publikation durchaus politisch positioniert habe, werde, so Overhoff, an der Intention deutlich, die Kell zu dieser Arbeit motivierte, denn er habe mit der Beschreibung des Lebensweges „des amerikanischen Freiheitshelden“ den „in die Enge getriebenen sächsischen Liberalen“ ein Vorbild geben wollen, damit diese „wieder frischen Mut“ schöpfen konnten (27).

In der Beschäftigung mit den Klinkhardt-Autoren Friedrich Dittes und Johannes Kühnel nehmen Frank Tosch und Uwe Sandfuchs das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert in den Blick. Dabei betont Tosch die bildungsgeschichtliche Bedeutung von Friedrich Dittes, der, „zu den führenden, auch international beachteten Autoren und Lenkern der liberalen deutschsprachigen Lehrerbewegung“ (49) gehörend, seine Auffassungen durch sehr erfolgreiche Publikationen im Klinkhardt-Verlag verbreiten konnte, während Sandfuchs den reformerischen Beitrag von Johannes Kühnel – nicht nur im Bereich der Mathematikdidaktik – und seine Auseinandersetzungen – u. a. mit Eduard Spranger – über Fragen der akademischen Volksschullehrerbildung in den Mittelpunkt rückt.

Eingeleitet von einer allgemeinen Betrachtung zur Konstituierung der Pädagogik als universitärem Fach, vorgenommen von Eva Matthes, folgen zwei Beiträge, die den Weg des Klinkhardt-Verlags durch die Jahre des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und den Nationalsozialismus untersuchen. Andreas Pehnke arbeitet dabei die besondere Rolle heraus, die der Verlag als Multiplikator sächsischer Schulreformen übernahm, indem er sowohl Periodika als auch Einzelschriften veröffentlichte, die die Ideen der Reformer verbreiteten und ihn „zum anerkannten Kommunikationsmedium für die Theorie und Praxis sowohl der sächsischen Versuchsklassen- als auch der Versuchsschularbeit“ werden ließ (107).

Erfreulich ausführlich und ohne die oft anzutreffenden Berührungsängste mit einem „heiklen“ Thema widmet sich Jörg-W. Link schließlich einerseits dem Publikationsprofil des Verlags im Nationalsozialismus und andererseits der Haltung des damaligen Verlagsleiters, Walther Julius Klinkhardt, zu der neuen politischen Richtung. Link arbeitet die Mitgliedschaft Klinkhardts in der NSDAP (Eintrittsjahr 1937) sowie in anderen parteinahen Organisationen heraus und weist unter Bezug auf das Verlagsprogramm nach, dass der Verlag sich zwar nicht gänzlich neu orientierte, durch die Aufnahme neuer Programmsegmente aber durchaus dazu beigetragen habe, „die NS-Ideologie im Bereich Pädagogik öffentlich zu kommunizieren“ (136). Dass der Verlag wirtschaftlich von diesem „Zusammengehen von verlegerischer Tätigkeit und Weltanschauung“ profitierte, die negativen Folgen dieser Strategie aber mit und nach Kriegsende als Verhängnis erleben sollte, betont Link abschließend und beweist damit, dass in einer Firmenfestschrift auch dunkle Kapitel der eigenen Geschichte offengelegt werden können.

Der Zeitraum „Nachkriegszeit bis zur Gegenwart“ wird anschließend betrachtet, wobei zunächst Rüdiger Hartmann die problematische Verlegung des Verlags nach Bad Heilbrunn betrachtet. Die neuen politischen Verhältnisse in der sowjetischen Besatzungszone ließen nach Einschätzung der Verleger eine Fortsetzung des Verlagsbetriebs in Leipzig nicht zu. Es bedurfte allerdings großer Anstrengungen, die durch die Auswertung von Briefwechseln anschaulich dargestellt werden, bis der Neuanfang im Westen erste Erfolge zeitigte. Zu diesen Erfolgen gehört mit Sicherheit die Reihe „Klinkhardts Pädagogische Quellentexte“, deren Entstehungsgeschichte vom heutigen Verlagsleiter Andreas Klinkhardt dargestellt wird und die einen aufschlussreichen Einblick in die Höhen und Tiefen der Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftler und der Verlagsleitung bei der Entwicklung eines besonderen Projekts vermittelt.

Nachdem Werner Sacher die spannungsreiche Beziehung zwischen Verleger und Wissenschaftler betrachtet, zeichnet der nächste Beitrag den Weg nach, den ein Bestseller des Klinkhardt-Verlags genommen hat. Der Autor weiß sicher, wovon er spricht, denn es ist Herbert Gudjons selbst, der die Geschichte des bald 120.000 Mal verkauften und von ihm geschriebenen Buches „Pädagogisches Grundwissen“ erzählt. Auf den letzten Teil der Festschrift mit der Überschrift „Verlegen im Netzwerk“, in dem Volker Hühn auf die Kooperation des Klinkhardt-Verlags mit der UTB (Uni-Taschenbücher GmbH, ein Zusammenschluss mehrerer Verlage mit dem Ziel, spezielle Fachbücher für Studierende zu publizieren) eingeht, Reinhard Graf auf die notwendige und vom technischen Fortschritt geprägte Partnerschaft von Druckerei und Verlag verweist, Andreas Baer über das Netzwerk aus Verlagen, dem „Verband deutscher Schulbuchverlage Bildungsmedien e.V.“ und der Erziehungswissenschaft aufklärt und Thomas Tilsner den komplexen Vorgang der Buchherstellung anreißt, folgt ein Anhang mit wichtigen Daten zur Firmengeschichte und vielfältigen Literaturhinweisen. Damit wird eine erfreulich unprätentiöse, auf Selbstbeweihräucherung verzichtende Verlagsgeschichte angemessen beendet. Dabei steht die sachliche Aufarbeitung zwar im Vordergrund, aber dennoch ist eine gut lesbare und abwechslungsreiche Darstellung gelungen, die auch anderen Festschriften als Vorbild dienen kann.
Rüdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rüdiger Loeffelmeier: Rezension von: Sandfuchs, Uwe / Link, Jörg-W. / Klinkhardt, Andreas (Hg.): Verlag Julius Klinkhardt 1834-2009, Verlegerisches Handeln zwischen Pädagogik, Politik und Ökonomie. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2009. In: EWR 10 (2011), Nr. 3 (Veröffentlicht am 22.06.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151834.html