EWR 15 (2016), Nr. 4 (Juli/August)

Elisabeth Ostermann
LehrerIn werden im Spannungsfeld subjektiver Erwartungen und objektiver Ausbildungsanforderungen
Professionsspezifische Entwicklungsaufgaben für Lehramtsstudierende
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2015
(203 S.; ISBN 978-3-7815-2042-4; 39,90 EUR)
LehrerIn werden im Spannungsfeld subjektiver Erwartungen und objektiver Ausbildungsanforderungen Bedingt durch internationale Schulleistungsvergleichsstudien besteht in der Lehrer(aus)bildung ein Reformdruck. Infolgedessen soll über eine Ausrichtung an kompetenzorientierten Modellen eine stärkere Professionalität in der Lehrerbildung erreicht werden. Ostermann gelingt die Betrachtung des Spannungsfelds von Erwartungen der Lehramtsstudierenden an das Studium, den Beruf und der Motivation, den Lehrerberuf zu ergreifen einerseits und externen Ansprüchen, die den Prozess des Lehrer-Werdens beeinflussen, andererseits. Als Instrument der Professionalisierung sollen Entwicklungsaufgaben durch Ostermanns Studie für die Lehrerbildung nutzbar gemacht werden, um dieses Spannungsfeld aufzulösen.

Ostermanns Dissertation ist auch ein kritischer Blick auf die durch Strukturreformen gekennzeichnete veränderte Ausbildung der Pädagogen in Österreich und anderswo, die mit dem Ruf nach einer erhöhten Professionalisierung des Lehrerberufs einhergeht. Das Anliegen der Autorin erschöpft sich jedoch nicht darin. Vielmehr trägt sie mit der Ausdifferenzierung des Konzepts der Entwicklungsaufgaben selbst zur Professionalisierung der Lehrerausbildung bei. Damit wird sie dem Anspruch gerecht, qualitativ-empirische Arbeit praktisch wirksam werden zu lassen. Durch Ostermann werden „subjektive Sichtweisen von Lehramtsstudierenden“ und die Anforderungen, die das Curriculum an sie stellt, vereint. Dies gelingt, indem sie der Frage nachgeht, welche professionsspezifischen Entwicklungsaufgaben sich für Lehramtsstudierende u.a. aus berufsbiografischen Interviews ableiten lassen.

Nach der „Einführung in die Fragestellung“ erläutert die Autorin in den „Ausgangsbedingungen“ theoretische Hintergründe der Studie. Zu Beginn gibt sie einen historischen Abriss über die Organisation der Lehrerbildung in Österreich und stellt bedeutsame Entwicklungslinien dar. Der Fokus liegt dabei auf aktuellen Umstrukturierungsmaßnahmen der Lehrerbildung an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten in Österreich (u.a. wird das ministerielle Programm „PädagogInnenbildung NEU“ thematisiert). Dabei werden die professionstheoretische Debatte angerissen und die für die Forschung wichtigen Ansätze des Persönlichkeitsparadigmas, Prozess-Produkt-Paradigmas sowie Experten-Paradigmas knapp erläutert, leider fehlt hier die Auseinandersetzung mit dem strukturtheoretischen Professionsansatz. Ebenso werden Stufenmodelle der Kompetenzentwicklung, Standards der Lehrerbildung sowie Modelle zur Professionalität des Lehrerberufs mit dem Ziel dargestellt, diese als defizitär in Bezug auf die individuelle Perspektive zu problematisieren.

Die Feststellung, dass subjektive Sichtweisen stärker in Bezug auf die Professionalisierung fruchtbar gemacht werden sollten, nimmt Ostermann zum Anlass, den Fokus auf eine Auseinandersetzung mit der Bildungsgangforschung und im Speziellen mit den Entwicklungsaufgaben zu legen. Als Teil des objektiven Bildungsgangs werden bestehende curriculare Vorgaben exemplarisch erläutert. Das Konzept der Entwicklungsaufgaben legt sie, eingebettet in den subjektiven Bildungsgang, detailliert dar, um es als Instrument der Professionalisierung in der Lehrerausbildung nutzbar zu machen. Dies geschieht bei Ostermann mit dem Ziel, Entwicklungsaufgaben für eine erfolgreiche Berufskarriere zu realisieren.

Unter „Untersuchungen“ wird das Forschungsdesign dargestellt, indem die grundlegenden Fragestellungen sowie die Stichprobe (N = 30) und der Untersuchungsverlauf erläutert werden. Insgesamt greift die Autorin auf 70 Interviews mit Studierenden des Grund- und Hauptschullehramts in Österreich in drei Erhebungswellen zurück, die sie mit der Grounded Theory ausgewertet hat.

Die Studie besticht durch ihren multimethodischen Zugang, den sie durch eine Verknüpfung von qualitativen und quantitativen Daten erreicht. Im Mittelpunkt der kohärenten Arbeit sind in der „Darstellung der Untersuchungen und deren Ergebnisse“ die Befunde der Interviews (s.o.) der qualitativen Hauptstudie veranschaulicht. In Ergänzungsstudie 1 gewinnt Ostermann über Leistungen der Studierenden (Maturanote, Studienleistungen, Bachelorarbeit, Unterrichtspraxis durch Praxislehrkräfte) quantitative Daten und in Ergänzungsstudie 2 über die Analyse von Videografien von Unterricht Erkenntnisse. Dabei werden Selbsteinschätzungen der Studierenden durch Fremdaussagen untermauert.

In den narrativen Interviews dokumentiert Ostermann Eingangsbedingungen und Sichtweisen der Studierenden zur Studien- und Berufswahl (zu Studienbeginn), Ausbildungserfahrungen (nach 2-3 Semestern) und ein abschließendes Fazit zur gesamten Ausbildung (am Studienende), aus denen sie u.a. die stark auf die Persönlichkeit der Studierenden bezogenen Entwicklungsaufgaben Selbstsicherheit, -verantwortlichkeit und Perspektivwechsel ableitet. Interessant erscheint hier die Gegenüberstellung der subjektiven, „studierendenseitigen“ (u.a. 107) mit den curricularen, „studierendenbezogenen“ Entwicklungsaufgaben, die sich teilweise überschneiden (z.B. Perspektivenwechsel). Der interinstitutionelle Vergleich verspricht einen Mehrwert und hätte noch vertieft werden können.

Aus der Ergänzungsstudie 1 gehen u.a. Entwicklungsaufgaben hervor, die die Praxislehrkräfte bei ihren Studierenden als ausgebildet erleben, darunter die Orientierung an Schülerbedürfnissen. Weitere Aufgaben lassen sich aus den 25 Vignetten der Unterrichtsbeobachtung ableiten, u.a. fachliche Sicherheit und die Gestaltung einer positiven Lernatmosphäre. Die Analyse der Unterrichtsstunden erfolgt mithilfe von Kriterien guten Unterrichts, u.a. Helmke (2006). Die kriteriumsorientierte Auswertung erscheint im Ansatz schlüssig, jedoch wäre eine vertiefende Beschreibung des methodischen Vorgehens wünschenswert gewesen, der Leser bleibt alleingelassen in der Betrachtung der Vignetten.

Im Anschluss werden die 17 ermittelten Entwicklungsaufgaben zu sieben gebündelt. Es handelt sich dabei um Selbstverantwortlichkeit als „studierendenseitige“ und Reflexion sowie Perspektivenwechsel als „studierendenbezogene“ Entwicklungsaufgabe, ferner Schülerzentrierung, Vermittlung, Verhaltenskontrolle und Sicherheit als auf beide Perspektiven bezogene Entwicklungsaufgaben. Darauf folgt anhand von vier Fallstudien die „Entfaltung von Entwicklungsaufgaben im Studienverlauf“. Damit verdeutlicht die Autorin vor allem den Bezug zur Bildungsgangforschung. Dies gelingt ihr durch die Auswahl der Beispiele und die deutlich akzentuierende sowie kontrastierende Gegenüberstellung der Fälle, die sowohl über eine erfolgreiche Bewältigung als auch über problematische „Professionalisierungswege“ Auskunft geben.

Im Kapitel „Resümee und Ausblick“ verweist die Autorin auf die besondere Bedeutung der Reflexion über Entwicklungsprozesse im Studium und verstärkt damit die Relevanz der von ihr geführten Interviews als Element für deren Realisierung. Vielversprechend erscheint hier die Praktikabilität der von ihr ermittelten Entwicklungsaufgaben, die in das Ausbildungscurriculum aufgenommen und durch „Professionalisierungsmappen“ (185) praktisch erprobt werden können. Einschränkend ist hier die Stichprobe, die ausschließlich Studierende der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein umfasst. Zudem wäre eine stärkere Verortung der Arbeit und der gewonnenen Erkenntnisse im theoretischen Kontext der Entwicklungsaufgaben wünschenswert gewesen. Hier gilt es, die abgeleiteten Entwicklungsaufgaben in weiteren Studien auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen, also z.B. im Ländervergleich zu spezifizieren.

Die Autorin zeigt im Sinne der Bildungsgangforschung über die gesamte Studie hinweg, dass „Lernen als individuelle[r] Prozess zu verstehen“ (149) ist, in dem Entwicklungsaufgaben als Instrument der Professionalisierung genutzt werden können. Über Zugänge der Selbst- und Fremdeinschätzung erarbeitet sie sieben Aufgaben, die für die Entwicklung von Professionalität im Lehrerberuf bedeutsam sind. Dabei nimmt sie mit der subjektiven Sichtweise einen eher vernachlässigten, aber umso bedeutsameren Blick auf die Lehrerbildung ein, der es Studierenden ermöglicht, über die eigene Person und Berufsbiografie zu reflektieren sowie die Perspektive zu erweitern. Zudem bietet sie mit ihrem Konzept Lehrerbildnern Anknüpfungspunkte für eine gelingende Professionalisierung. Insgesamt handelt es sich bei der Arbeit von Ostermann um einen lesenswerten Band, der zur Professionalisierung der Lehrerbildung beitragen kann.
Annika Braun (München)
Zur Zitierweise der Rezension:
Annika Braun: Rezension von: Ostermann, Elisabeth: LehrerIn werden im Spannungsfeld subjektiver Erwartungen und objektiver Ausbildungsanforderungen, Professionsspezifische Entwicklungsaufgaben für Lehramtsstudierende. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2015. In: EWR 15 (2016), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378152042.html