EWR 7 (2008), Nr. 5 (September/Oktober)

Hermann Veith
Sozialisation
München/Basel: Reinhardt 2008
(96 S.; ISBN 978-3-8252-3004-3; 9,90 EUR)
Sozialisation Nur 18 x 12 x 0,8 cm misst und 109 g wiegt dieses kleine Buch! – Der Buchrückentext verspricht dennoch, dass der Autor „Studienanfängern alle wichtigen Fragen zur Sozialisation“ „klar – knapp – konkret“ beantwortet, so das Motto der neuen Reihe UTB Profile, die im April 2008 mit Themenbänden und Personenporträts zum Einstieg in wichtige Inhalte verschiedener Studienfächer begonnen wurde. Entsprechend soll auch das vorliegende Buch „ein kompakter Einstieg in das Thema“ sein (Einbandrückentext). Es richtet sich eigens an Studierende aus modularisierten Studiengängen – sprich künftige Bachelor: in Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie.

Wie Veith in der Einleitung schreibt, soll das Buch „einen ersten, aber nicht oberflächlich bleibenden Einblick in die Grundfragen der Sozialisationsforschung“ bieten (9). Und wie er zu Recht vermerkt, ist das „nicht ganz einfach“ (ebd.). Eigentlich hätte Veith ergänzen können, dass es „die“ Grundfragen im Sinne eines Kanons überhaupt nicht gibt. Er deutet an, dass die Schwierigkeit mit der Vielheit der beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen und mit der Uneinheitlichkeit bis Widersprüchlichkeit der theoretischen Konzepte zu tun habe. Interessant ist daher die Frage, was der Autor auswählt bzw. wie er sich festlegt.

Sieben Fragen sind es, die den Hauptteil in Kapitel gliedern:

  • „Warum sind wir zur Selbstbestimmung gezwungen?“ Veith antwortet, indem er sich dem Ausdruck „Sozialisation“ begriffsgeschichtlich nähert. Er verdeutlicht, warum sich die Sozialwissenschaften mit dem Thema befassen. In den Mittelpunkt stellt er theoretische Grundsichten, welche die Eigenaktivität des Individuums im Sozialisationsprozess hervorheben.

  • „Wie beeinflusst uns die Gesellschaft?“ In diesem Kapitel wird ein theoretisches Rahmenmodell entworfen. Orientiert ist es an der ökologischen Sozialisationsforschung Bronfenbrenners und an der bekannten Programmatik, die Geulen und Hurrelmann mit Blick auf eine umfassende Sozialisationstheorie entworfen haben. Damit folgt er dem pädagogischen Mainstream.


Die nächsten drei Kapitel gelten den aus dieser Sicht wichtigsten Kontexten der Sozialisation: Familie, Schule und Peergroups. Es sind jeweils einige aktuelle statistische Daten eingefügt.

  • „Welche Entwicklungsbedeutung hat die Familie?“ Es geht um den Rahmen, den die Gesellschaft der Familie vorgibt. Dargestellt werden die Mechanismen, durch die die Familie in der Sozialisation als Sozialsystem wie als Handlungskontext wirkt.

  • „Was lernt man eigentlich in der Schule?“ Diese Frage wird in erster Linie aus Sicht der Sozialisationstheorie betrachtet. Deshalb geht es weniger um das Thema Wissenserwerb als um Schule als eine organisierte Sozialisationsinstanz.

  • „Wie wichtig sind die Anderen?“ Veith bezieht sich exemplarisch auf Peer- und Freundesgruppen. Wie der Einzelne soziale Beziehungen wahrnimmt und gestaltet, wird unter den Blickpunkten seines Entwicklungsstandes und der Lebenslage dargestellt. Ein Exkurs zur Mediensozialisation schließt sich an.

  • „Wie entwickelt sich die Persönlichkeit?“ Dieses Kapitel verhandelt Grundfragen der Entwicklung von Kompetenz und Persönlichkeit. Es geht jeweils kurz um Kognition, Moral, Emotion, Motivation, Sprache und Identität.
  • „Was ist denn schon ‚normal’?“ Zum Schluss werden Vorstellungen von Normalität in Frage gestellt: ihre oft scheinbare Selbstverständlichkeit, die nicht zu einer Pluralität von Lebensentwürfen, Stilen oder Kulturen passt. Veith thematisiert exemplarisch Alters- und Geschlechtsrollen, Migrationshintergründe, abweichendes und riskantes Verhalten.


Am Ende jedes Kapitels finden sich ein bis vier aktuelle Literaturhinweise (zu Büchern aus den Jahren 2002-2008) ebenso wie ein bis vier Internetadressen. Als kommentierte Referenzen können sie für eine weitere Beschäftigung mit den Themen dienlich sein. Das Buch enthält vier Tabellen und sechs Abbildungen, aber leider keine entsprechenden Verzeichnisse, die ein schnelles Wiederfinden ermöglichen würden. Der Anhang umfasst schließlich das Literaturverzeichnis, ein 2-seitiges Glossar mit 25 Begriffen und ein Sachregister, das 49 Wörter enthält.

Mit 16 Seiten ist das Kapitel zur Entwicklung der Persönlichkeit am umfangreichsten. Alle anderen umfassen jeweils etwa zehn Seiten. Sie sind durch Überschriften (die das Inhaltsverzeichnis nicht aufführt) in Abschnitte gegliedert. Fett gedruckte Stichwörter markieren Unterabschnitte. Zudem sind durch Rahmenlinien und Tags „Definitionen“ und „Kernaussagen“ kenntlich gemacht. Im fortlaufenden Text wird regelmäßig durch Kursivdruck hervorgehoben. Das schafft zusammen Übersichtlichkeit; führt aber in Versuchung, sich auf das Hervorgehobene zu konzentrieren.

Geschickt nutzt Veith die Darstellung von Situationen, um theoretische Vorstellungen zu veranschaulichen. Alternativ beginnt er mit einem Gedankenexperiment, flicht eine Anekdote ein. Beispiele dienen der Illustration. Statistische Daten vermitteln da und dort einen aktuellen empirischen Einblick. Problematisieren kann man, dass der Autor nicht darstellt, wie er zu seinen Grundfragen kommt und nach welchen Kriterien eine Aussage den Rang einer „Kernaussage“ erhält. Liegt der Gliederung eine Systematik zugrunde? Die Bedeutsamkeit einer Offenlegung der eigenen theoretischen Bezugspunkte und des Vorverständnisses geraten womöglich mit dem Konzept der Buchreihe in Konflikt, erscheint jedoch zur Eröffnung von Reflexionsmöglichkeiten notwendig.

Zu bemängeln ist weiterhin, dass der Inhalt einer „Definition“ nicht immer dem entspricht, was eine solche sein soll. Es finden sich etwa empirische Aussagen unter diesem Etikett. Ähnliches gilt für die Beschreibung, welchen Stellenwert ein verwendeter Ausdruck innerhalb einer Theorie innehat. Umgekehrt wird nicht jede Definition als solche kenntlich gemacht.

Trotz der genannten Kritikpunkte kann das Buch als anerkennenswert gelungen betrachtet werden, wenn man es als das nimmt, was es tatsächlich ist: einen Einstieg, keineswegs eine Einführung oder gar ein Lehrbuch. Das sollte auch den Studienanfängern deutlich werden! (Das offensive Marketing des Einbandrückentextes mag dazu verführen, mehr zu erwarten.) Ansonsten hat Veith es verstanden, einen knappen und verständlichen theoretischen Aufriss der Sozialisationsthematik vorzunehmen. Viele wichtige Themen aus der aktuellen Sozialisationsforschung werden in einer bündigen, gut lesbaren Darstellung auf diesen bezogen.

Mag der Experte manche Darstellungen als zu pauschal oder womöglich missverständlich einschätzen, so erscheint dies gerechtfertigt, um Anfängern die Hürde des Einstiegs so niedrig wie möglich aufzustellen. Das Buch eignet sich gut zum Eigenstudium – oder als gemeinsame Lektüre zu Beginn eines einführenden Sozialisationsseminars. Bei aufmerksamem, neugierigem Lesen sollte sich eine Menge neuer Fragen ergeben, an die der/die Leser/in nun anschließen kann.
Christian Beck (Wörrstadt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christian Beck: Rezension von: Veith, Hermann: Sozialisation. München/Basel: Reinhardt 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 5 (Veröffentlicht am 09.10.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978382523004.html