EWR 15 (2016), Nr. 4 (Juli/August)

Reinhard Bauer
Didaktische Entwurfsmuster
Der Muster-Ansatz von Christopher Alexander und Implikationen für die Unterrichtsgestaltung
Internationale Hochschulschriften, Band 628
Münster: Waxmann 2015
(320 S.; ISBN 978-3-8309-3369-4; 34,90 EUR)
Didaktische Entwurfsmuster Der in Wien geborene Architekt Christopher Alexander entwickelte in den 1970er Jahren eine vielbeachtete Theorie, um für gleiche oder ähnliche Entwurfsprobleme bewährte Lösungen in einer einheitlichen Sprache bereitzustellen. In seinem bekannten Werk „A Pattern Language“ (Alexander et al., 1977 [1]) schlug er von der Stadtplanung bis hin zu Innenarchitektur mehr als 250 Entwurfsmuster vor, die im Sinne einer praktischen Anleitung eine systematische Beschreibung des jeweiligen Problems sowie dessen erprobte Lösung und Begründung umfassten. Alexanders architekturtheoretischer Muster-Ansatz wurde schnell von anderen Disziplinen aufgegriffen. Die Informatik und die Softwareentwicklung bedienten sich seiner Idee der Mustersprache ebenso wie Konzepte des E-Learnings, womit der Muster-Ansatz schließlich im Sinne didaktischer Entwurfsmuster weiterentwickelt wurde. Jenseits des E-Learnings sind didaktische Entwurfsmuster im Rahmen der Allgemeinen Didaktik bislang allerdings kaum beachtet worden. Die hier rezensierte Monografie, die als Dissertation an der Universität Klagenfurt entstanden ist, setzt an dieser Stelle an und versucht den Muster-Ansatz von Christopher Alexander als ein potentielles Konzept auf die Didaktik zu übertragen.

Die Gliederung der Arbeit folgt dem typischen Aufbau eines Entwurfsmusters und umfasst dadurch fünf Teile, die nach den Beschreibungskategorien der Musterelemente betitelt werden: Umfeld, Problem, Spannungsfeld, Lösung und Konsequenzen – eine angesichts des Themas konsequente, auf den ersten Blick aber durchaus unübersichtlich wirkende Gliederungsstruktur. Beispielsweise werden die beiden im Rahmen der Arbeit durchgeführten empirischen Studien nicht in einem Kapitel dargestellt, sondern einzelne Abschnitte finden sich in getrennten Oberkapiteln wieder.

Im ersten Teil „Das Umfeld verstehen“ führt der Autor zunächst knapp in die theoretischen Grundlagen von Entwurfsmustern in Analogie zum Aufbau von literarischen Dramen ein und erläutert anschließend die Problemstellung und Zielsetzung seiner Arbeit. Die Übertragung des Pattern-Ansatzes auf die Didaktik wird vor allem mit dem angenommenen Vorteil begründet, dass durch die Nutzung von Entwurfsmustern Praxiswissen von Experten dokumentiert und somit anderen zugänglich gemacht werden könne. Der Forschungsstand zu Entwurfsmustern wird für die Bereiche (Software-)Architektur und Didaktik zusammengefasst und in einer Abbildung zeitlich und nach Forschungsbereichen gegliedert dargestellt, wobei die Lesbarkeit der Abbildung aufgrund der kaum unterscheidbaren Grautöne eingeschränkt ist. Das Forschungsdesiderat wird dennoch deutlich, nämlich die Frage nach dem Potential des Muster-Ansatzes in der allgemeinen Didaktik im Sinne von didaktischen Entwurfsmustern zur Planung und Gestaltung von Unterricht.

Der Autor nähert sich dieser Frage durch zwei empirische Studien: Inhaltsanalytisch ausgewertete leitfadengestützte Interviews mit 14 Lehrkräften sollen u. a. erfassen, was aus Perspektive der Lehrkräfte konstante Faktoren der Planung und Gestaltung von Unterricht sind, die als Muster beschrieben werden können. Die Auswertung der Interviews ist lediglich in Auszügen und im Hinblick auf die Annäherung an didaktische Entwurfsmuster dargestellt. Im Ergebnis zeigt sich die Verschriftlichung von Unterrichtsentwürfen als die am häufigsten genannte Subkategorie, die wiederum in vier geclusterte „Sub-Sub-Kategorien“ untergegliedert wurde: (1) Administrationsliste, stichwortartige Liste, Tagesordnung, (2) didaktisches Konzept, Reflexionsinstrument (Erinnerungsstütze), Verlaufsplanung, (3) Skriptum, Struktur schaffen (Schulübungsheft) sowie (4) digitalisierte Form (Moodle). Der Autor führt knapp aus, dass alle diese Begriffe im Sinne von Alexanders Muster sein könnten. Die gebildeten Kategorien werden nicht näher erläutert, was zur besseren Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse allerdings notwendig gewesen wäre.

Die zweite diskursanalytische Studie bildet den deutlich umfangreicheren Anteil der Dissertation und wird im Teil „Das Problem verstehen“ ausgeführt, in dem auch eine ausführlichere Theoretisierung zu didaktischen Entwurfsmustern vorgenommen wird. Die Studie umfasste neben fünf explorativen Interviews mit Muster-Experten, eine Analyse der Rezeptions- bzw. Entwicklungsgeschichte didaktischer (Entwurfs-)Muster und die Analyse der aktuellen Publikationslage durch eine Inhalts- und Zitationsanalyse. Die einzelnen Entwicklungsschritte und der Stand zu didaktischen Entwurfsmustern werden gründlich dargestellt und veranschaulicht. Dabei wird deutlich, dass der Diskurs über didaktische Entwurfsmuster eng an den Diskurs zu Entwurfsmustern in der Software-Architektur geknüpft ist und ein theoretisches Rahmenkonzept für die Anwendung didaktischer Entwurfsmuster bislang fehlt, was auch damit begründet wird, dass sich bislang weniger Didaktiker als vielmehr Informatiker mit dem Muster-Ansatz auseinandersetzen.

Konsequenterweise widmet sich die Arbeit daher in einem dritten Teil „Das Spannungsfeld verstehen“ allgemeindidaktischen Modellen, um nach einem möglichen theoretischen Bezugsrahmen für didaktische Entwurfsmuster zu suchen. Dabei greift der Autor auf zentrale allgemeindidaktische Modelle von Klafki, Heimann, Schulz und Reich zurück. Die Auseinandersetzung mit den didaktischen Modellen erfolgt einerseits durch eine zusammenfassende Darstellung der jeweils zentralen Modellmerkmale. Andererseits wird eine Gegenüberstellung zu Muster-Ansätzen vorgenommen. Der Autor kommt zu dem Fazit, dass sich „in den allgemeindidaktischen Modellen, durchaus […] das Konzept der Entwurfsmuster – in mehr oder weniger deutlichen Ansätzen – verbirgt“ (224). Allgemeindidaktische Modelle seien „ein Hort von unzähligen Mustern“ (224).

Die Diskussion über Zusammenhänge zwischen allgemeindidaktischen Modellen und didaktischen Entwurfsmustern bildet die Grundlage, um im vierten Teil der Arbeit „Die Lösung verstehen“ den Versuch zu unternehmen, die von Christopher Alexander aufgestellten Gestaltungsprinzipien der Lebendigkeit (15 Struktureigenschaften lebendiger Zentren) von der Architektur auf die Didaktik zu übertragen, d.h. ursprünglich architektonische (räumliche) Strukturmuster in didaktische Prinzipien zur Unterrichtsplanung und -gestaltung zu überführen. Dabei wird beispielsweise die Struktureigenschaft der rhythmischen Wiederholung („alternating repetition“) als Rhythmisierung des Unterrichts im Sinne einer Strukturierung in einzelne Unterrichtsphasen interpretiert. Die Übertragung wird sowohl tabellarisch als auch erläuternd für jede der 15 Struktureigenschaften vorgenommen. Zusätzlich werden den Begriffen jeweils entsprechende Handlungen in Form von Verben zugeordnet. Der Begriff des „Zentrums“ im Sinne des physikalischen Raums bei Alexander wird in den Begriff der didaktischen „Entscheidung“ transferiert.

Wenngleich hierbei konsequent an die didaktischen Konzepte angeknüpft wird, erfolgt die Interpretation der Struktureigenschaften relativ frei. Die generelle Problematik einer Übertragbarkeit räumlicher Architektur-Kategorien in die Didaktik und die vorgenommene Analogiebildung zum Entscheidungsbegriff werden kaum diskutiert – insbesondere nicht unter der Frage, ob die Komplexität der Begrifflichkeiten vergleichbar ist. So vermisst der Rezensent auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Limitationen dieser Arbeit. Vielmehr schließt die Monografie im letzten Teil „Die Konsequenzen verstehen“ mit einem Fazit sowie knappen Implikationen für die Musterforschung und Unterrichtspraxis.

In der Gesamtbetrachtung handelt es sich um eine komplexe und anspruchsvolle Arbeit, die in der Pattern-Community berechtigterweise Beachtung finden wird und den Forschungsstand und die Debatte zu didaktischen Entwurfsmustern jenseits des dominanten Bereichs des E-Learnings ausdifferenziert – gerade auch, weil eine Verbindung zu allgemeindidaktischen Modellen erfolgt. Inwiefern die Arbeit angesichts der immer wieder aufgeworfenen Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Entwurfsmustern im allgemeindidaktischen Diskurs aufgenommen wird und die Erkenntnisse von der Lehrerbildung zur Weiterentwicklung der Planung von Unterricht genutzt werden, bleibt abzuwarten.

[1] Alexander, C. / Ishikawa, S. / Silverstein, M.: A Pattern Language. Towns, Buildings, Construction. New York: Oxford University Press 1977.
Andreas Bach (Salzburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Bach: Rezension von: Bauer, Reinhard: Didaktische Entwurfsmuster, Der Muster-Ansatz von Christopher Alexander und Implikationen für die Unterrichtsgestaltung Internationale Hochschulschriften, Band 628. Münster: Waxmann 2015. In: EWR 15 (2016), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383093369.html