EWR 7 (2008), Nr. 3 (Mai/Juni)

Karin Reiber / Regine Richter (Hrsg.)
Entwicklungen der Hochschuldidaktik - Ein Blick zurück nach vorn
Beiträge zur Tübinger Tagung vom 29.11. bis 01.12.2006
Berlin: Logos 2007
(197 S.; ISBN 978-3-8325-1652-9; 29,00 EUR)
Entwicklungen der Hochschuldidaktik - Ein Blick zurück nach vorn Der Herausgeberband mit zehn Einzelbeiträgen fasst die Vorträge im Rahmen einer von der Hans-Böckler-Stiftung und der GEW unterstützten Tagung zur Hochschuldidaktik an der Universität Tübingen zusammen. Im Mittelpunkt stand dabei einerseits die Analyse der historischen Entwicklung der Hochschuldidaktik als Wissenschaftsgegenstand und als institutionalisierter Bestandteil der Hochschullandschaft in Ost- und Westdeutschland, wobei insbesondere die Aufarbeitung der Entwicklung der Hochschuldidaktik in der DDR den Organisatorinnen der Tagung ein besonderes Anliegen war, wie Regine Richter in ihrem Vorwort betont. Andererseits boten die Tagung und der vorliegende Tagungsband auch Raum für die Diskussion aktueller hochschuldidaktischer Herausforderungen und Handlungsfelder. Beide Schwerpunkte spiegeln sich in den Inhalten der Beiträge wieder bzw. werden in manchen direkt in Beziehung zueinander gesetzt.

Karin Reiber gibt in ihrem einleitenden Beitrag einen Ausblick auf die folgenden Beiträge und verordnet diese in der hochschuldidaktischen Themenlandschaft. Bereits in ihrem Beitrag wird das breite Verständnis von Hochschuldidaktik deutlich, das dem gesamten Band zugrunde liegt, indem die Verfasserin in Anlehnung an Huber [1] das Aufgabengebiet der Hochschuldidaktik auf alle Probleme ausdehnt, die einen Bezug auf die Aktivitäten an der Hochschule (auch) als einer Ausbildungseinrichtung und auf die Wirkungen dieser Aktivitäten aufweisen, und damit auch Teile der aktuellen Hochschulforschung in die Zuständigkeit der Hochschuldidaktik rückt. Mit dieser Definition werden zumindest randständig auch die Forschungstätigkeiten an Hochschulen – als eine von deren Kernaktivitäten, die auch in die Ausbildung hineinwirkt – zum Gegenstand der Hochschuldidaktik gemacht. Hochschuldidaktik gewinnt dadurch einen weitaus größeren Stellenwert, als in der aktuellen Forschungslandschaft sichtbar wird.

In der Vergangenheit – insbesondere in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – verstand sich Hochschuldidaktik immer auch als Hochschulpolitik und Hochschulreform, was sich per se nicht auf das Tätigkeitsfeld der Lehre beschränken ließ. Dies wird sowohl in dem Beitrag von Werner Naumann, der die Geschichte der Hochschuldidaktik in der DDR aufarbeitet, als auch im Beitrag von Ludwig Huber deutlich, der die historische Entwicklung der bundesrepublikanischen Hochschuldidaktik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nachzeichnet. Beide Beiträge ergänzen sich sehr gut, indem sie die hochschuldidaktischen Entwicklungen, das Wirken der zentralen Akteure (z.B. Herbert Schaller für die DDR und die Bundesassistentenkonferenz für die BRD) und Institutionen dieser Zeit separat für beide deutschen Staaten beschreiben. Dabei greifen beide Autoren auch die oftmals sehr heterogenen und nicht immer ganz durchsichtigen Motive der hochschuldidaktischen Protagonisten auf und ordnen Entwicklungsstränge und Diskurse in die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit ein.

Klaus-Peter Horn geht in seinen historischen Analysen deutlich weiter zurück und zeichnet die Entwicklung universitärer Lehre vom Mittelalter über die Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis hin zur heutigen Massenuniversität nach und entdeckt auch in der letztgenannten noch Spuren Humboldtscher Vorstellungen vom universitären Lehrbetrieb. Interessant sind insbesondere auch die Reflexionen Horns zu den aktuellen Umbrüchen in der Hochschullandschaft. Er sieht in den neuen gestuften Studiengängen auch Chancen zur Revitalisierung der Ideen Humboldts zur Universität, wenn man die Bachelor-Phase als Übergangsphase zwischen Schule und Hochschule versteht und die eigentliche universitäre Ausbildung im klassischen Sinne in die Master- und Promotionsstudiengänge verlagert. Der Bachelor wird so zu einem verschulten Zugeständnis an politische Vorgaben zu Gunsten einer Master- und Promotionsphase, in der forschendes Lernen und Lehren wieder im Vordergrund stehen. Inwieweit die durch den Bachelor stark eingeschränkten personellen Kapazitäten dann aber noch ausreichen, dieses universitäre Ideal zu realisieren, bleibt offen.

Kritische Einwände gegen eine Didaktisierung von Hochschullehre greift Horst Rumpf in seinem Beitrag auf. Er erliegt nicht der Versuchung diesen durch normative Argumentationen ihre Rechtmäßigkeit abzusprechen, sondern nimmt die in der Kritik enthaltenen Befürchtungen ernst und reformuliert sie als Mahnungen an die Hochschuldidaktik. Die Befürchtungen einer Reglementierung und Verschulung von Hochschullehre sowie einer Trivialisierung von Wissenschaft nimmt er ebenso als ernstzunehmende Herausforderungen der Hochschuldidaktik an, wie die Bedeutung eines unverstellten Blickes auf die Phänomene, den andere durch hochschuldidaktische Bemühungen gefährdet sehen. Rumpf zeigt für die genannten Problemfelder Lösungsansätze auf und gibt richtungsweisende Empfehlungen, um die Hochschuldidaktik eben vor diesen Fehlentwicklungen zu bewahren.

Jörg Knoll und Werner Naumann nehmen in ihrem gemeinsamem Beitrag übergeordnete Studienziele – jenseits des reinen Wissenserwerbs – in den Blick, machen aber gleichzeitig die Notwendigkeit einer fachdidaktischen Verankerung der Vermittlung dieser sogenannten Schlüsselqualifikationen deutlich. Anhand von Beispielen aus der Lehrerbildung wird die Bedeutung praktischer Erfahrungen während einer universitären Ausbildung sichtbar, was die Autoren dem Praxisbezug als einer hochschuldidaktischen Ebene neben Personen-, Sach- und Institutionenbezug zuordnen.

Aus einer eher lerntheoretischen und kognitionspsychologischen Perspektive heraus argumentiert Rudolf Tippelt für eine stärkere Lernerzentrierung und den Einsatz aktivierender Lehr-Lernformen in der Hochschullehre. Dabei wird deutlich, dass die Prinzipien forschenden, situierten und problembasierten Lernens an der Hochschule vor dem Hintergrund nach wie vor aktuell und bedeutsam und u.a. anschlussfähig an motivationstheoretische Konzepte sind.

Ein Zwischenfazit zu Intentionen, Stand der Umsetzung und sich abzeichnenden Problemen im Kontext des Bologna-Prozesses gibt Heidrun Jahn in ihrem Beitrag. Die Akkreditierung von Studiengängen und ein Wechsel hin zu einer Outputsteuerung auch im Hochschulbereich werden als wesentliche Elemente der Qualitätssicherung in der Hochschule gesehen. Dies scheint angesichts überladener und übermäßig reglementierter Studiengänge, einer zu hohen Prüfungsdichte und fehlenden Studienangeboten für berufstätige Studieninteressierte dringend geboten, wenngleich viele der genannten Problemfelder weniger der Einführung gestufter Studiengänge an sich als vielmehr deren konkreter Umsetzung geschuldet sind.

Mit der Heterogenität der Studierendenschaft schneidet Barbara Friebertshäuser ein bisher von der Hochschuldidaktik eher stiefmütterlich behandeltes und gleichzeitig immer wichtiger werdendes Thema an. Die Autorin verweist auf eine „Vervielfältigung der Lebenslagen und Lebensmuster“ (170) von Studierenden und zeichnet anhand qualitativer Fallstudien die Studieneinstiegsphase für Studierende aus eher bildungsfernen Milieus nach. Mit einer eher kulturanthropologisch geprägten Herangehensweise arbeitet Friebertshäuser die schrittweise Anpassung an die Konventionen und den akademischen Habitus des jeweiligen Faches heraus und differenziert in diesem Kontext die Herkunfts-, die studentische bzw. akademische Fach- und die Berufskultur als unterschiedlich weit auseinanderliegende Sozialisationsmuster. Mit dieser Herangehensweise wird ein breites Forschungsfeld eröffnet, das deutlich über die bislang vorliegenden eher lehrpragmatischen Abhandlungen der Hochschuldidaktik zu Anfangssituationen [2] hinausgeht. Wegweisend ist hier auch der Verweis von Friebertshäuser auf die Heterogenität der Lehrenden, die bislang noch wenig im Fokus hochschuldidaktischer Forschung stand.

Der Band endet mit einem Beitrag von Johannes Wildt, der in fünf Thesen die vorangehenden Beiträge resümiert. Er verweist auf das Erbe humanistischer Traditionen, relevante Bezugswissenschaften, die Notwendigkeit über die Studienorganisation hinausgehender Reformen sowie weitere Herausforderungen der Hochschuldidaktik, für deren Integration in das übergreifende Qualitätsmanagement an Hochschulen er nachdrücklich plädiert.

Die Herausgeberinnen haben mit diesem Band ein aus mehreren Perspektiven verdienstvolles Werk vorgelegt. Erstens bieten die verschiedenen Beiträge und Positionen genügend Anknüpfungspunkte für die hochschuldidaktische Forschung, indem sie deutlich auf wichtige und noch wenig bearbeitete Themen verweisen. Zweitens gibt das Buch nicht nur einen vertieften Einblick in die Historie der Hochschuldidaktik in Ost und West, sondern enthält zahlreiche provokante Thesen und Standpunkte, die Ausgangspunkt für weitere Diskussionen sein könnten und sollten. Drittens schließlich werden aus der Summe der Beiträge die Relevanz der Hochschuldidaktik auch und gerade vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Umbruchs an den deutschen Hochschulen sichtbar; ebenso der Beitrag, den die Hochschuldidaktik zur zukünftigen Hochschulentwicklung leisten kann. Die Publikation wird somit zu einer bedeutsamen und lesenswerten Quelle für die Fachwissenschaftler, die sich mit hochschuldidaktischen Themen befassen. Sie eignet sich durch die gute Lesbarkeit und klare Sprache der Artikel aber auch für Studierende und interessierte Laien als Einstiegslektüre in das Themenfeld. Die Inhalte werden teilweise durch grafische Darstellungen verdeutlicht und die historischen Analysen durch Auszüge aus Originaldokumenten der Bundesassistentenkonferenz illustriert.

Der Band macht neben den aktuellen Forschungsthemen und der historischen Entwicklung der Hochschuldidaktik implizit aber auch Forschungslücken sichtbar. Insbesondere im Beitrag von Friebertshäuser, aber auch bei Jahn und Horn wird deutlich, dass angesichts aktueller Herausforderungen der Hochschuldidaktik an vielen Stellen das empirische Fundament fehlt, um in der allgemeinen Diskussion um den Bologna-Prozess und die Einführung gestufter Studiengänge ausreichend gehört zu werden. So bedeutsam und informativ selbstreflexive Standortbestimmungen für eine Disziplin sind, so wichtig wäre auch eine stärkere empirische Fundierung der Hochschuldidaktik, die in der aktuellen Bildungsforschung nur eine Außenseiterrolle einnimmt, was gerade hinsichtlich radikaler Umbrüche in der Studienorganisation ebenso problematisch wie verwunderlich ist. Was die Hochschuldidaktik nun braucht sind aktuelle, empirisch fundierte Studien, die die veränderten Rahmenbedingungen des Studiums sowie die Heterogenität der Lernenden und Lehrenden stärker in den Blick nehmen.

[1] Huber, Ludwig (1995): Hochschuldidaktik als Theorie der Bildung und Ausbildung. In: Ders. (Hrsg.): Ausbildung und Sozialisation in der Hochschule. Enzyklopädie Erziehungswissenschaft, Band 10, S. 114-138. Stuttgart/Dresden: Klett.
[2] Geißler, Karlheinz A. (102005): Anfangssituationen: was man tun und besser lassen sollte. Weinheim: Beltz.
Bernhard Schmidt (München)
Zur Zitierweise der Rezension:
Bernhard Schmidt: Rezension von: Reiber, Karin / Richter, Regine (Hg.): Entwicklungen der Hochschuldidaktik - Ein Blick zurück nach vorn, Beiträge zur Tübinger Tagung vom 29.11. bis 01.12.2006. Berlin: Logos 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 3 (Veröffentlicht am 03.06.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383251652.html