EWR 7 (2008), Nr. 5 (September/Oktober)

Regina Egetenmeyer
Informal Learning in betrieblichen Lernkulturen
Eine interkulturelle Vergleichsstudie
Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren 2008
(233 S.; ISBN 978-3-8340-0405-5; 19,80 EUR)
Informal Learning in betrieblichen Lernkulturen Der Begriff des informellen Lernens begann erst vor zehn Jahren, sich in Deutschland richtig zu verbreiten. Noch 1999 versuchte man, mich während einer Tagung vergleichender Erziehungswissenschaftler von der mangelnden Relevanz dieses Themenfeldes zu überzeugen. Seitdem hat sich viel getan. Der Begriff und das damit fassbarer gewordene Phänomen lösten sich aus dem Dasein einer gerade noch in Bezug auf Entwicklungsländer wahrgenommenen Restkategorie. Diskussionen aus dem Angelsächsischen gelangten nach Deutschland, Studien aus den USA, Kanada und England wurden auch hier bekannt. Nach und nach kam es zu Forschungsprojekten mit dem Ziel, dem Phänomen auch in deutschen Kontexten der Arbeitswelt oder etwa der Erwachsenenbildung nachzugehen.

Egetenmeyer zeichnet diese Entwicklung nach und erschließt wiederum Neuland. Sie legt eine der ersten interkulturell vergleichenden Studien zum informellen Lernen im betrieblichen Kontext vor. Die Untersuchung richtet sich auf betriebliche Lernkulturen in Spanien, Deutschland und Großbritannien.

Die Autorin geht zunächst im Überblick auf die internationale und deutsche Forschung zum informellen Lernen ein und liefert damit einen sehr guten Einstieg in das Diskussions- und Forschungsfeld. Sie erarbeitet einen eigenen Begriff des informellen Lernens, den sie sehr solide aus der internationalen Diskussion und deutschen Ansätzen entwickelt. Das methodische Instrumentarium vergleichender Erziehungswissenschaft setzt Egetenmeyer sensibel ein, was sich auch an ihrem sehr angemessen vorsichtigen Umgang mit der Begrifflichkeit zeigt. Weil ihre Studie drei europäische Länder mit unterschiedlichen kulturellen Bedingungsfeldern betrifft, benennt sie das informelle Lernen in englischer Sprache und definiert ihren Arbeitsbegriff. Dennoch auftretende Schwierigkeiten bei den in englischer und deutscher Sprache geführten Interviews werden deutlich benannt und berücksichtigt. Auch die mögliche Enge der Blickwinkel der Interviewten, etwa zwanzig Führungskräfte, wird problematisiert.

Betriebliche Lernkulturen, vielfältig ohne Bezug auf informelles Lernen diskutiert, sind ein ganz wesentlicher Teil des Bedingungsgeflechts für arbeitsbezogenes informelles Lernen. Die Differenzen zwischen drei sich kulturell unterscheidenden Orten stehen im Mittelpunkt der Fragestellung. Die Auswertung der Interviews erbringt sehr interessantes Datenmaterial, das anhand einer Reihe relevanter Kategorien ausgewertet wird: Lerngegenstand, Lernwege, Lernmotive und Lernressourcen. Auch die Frage der Kontrolle über das informelle Lernen wird mit bearbeitet.

Einige der Ergebnisse betreffen Unterschiede beim Blick auf informelles Lernen im betrieblichen Zusammenhang. So ist in deutschen Firmen auch der Erkenntnisgewinn wichtig, während in den englischen und spanischen Betrieben (eines international operierenden Konzerns) der direkte Verwertungszusammenhang das Interesse bestimmt. Die jeweils prägenden Bildungsvorstellungen sind also auch bei der Wertschätzung des informellen Lernens wahrnehmbar. Im Vergleich der Lernwege zeigen sich deutliche Unterschiede, auch die Lernressourcen sind jeweils nicht identisch.

Das Buch weist eine gut nachvollziehbare Struktur auf und reiht sich mit den dargestellten und analysierten Ergebnissen in die Reihe der Studien ein, die Hintergründe für Gestaltungsprozesse betrieblichen Lernens liefern. Durch die interkulturelle Perspektive gibt es sowohl jenen gute Einblicke, die in international operierenden Unternehmen tätig sind, als auch denjenigen, deren Interesse die international vergleichende Forschung ist. Es sensibilisiert deutlich für Unterschiede der Lernweisen und setzt Kriterien für einen kritischen Umgang mit der Adaption von Forschungsergebnissen aus anderen kulturellen Kontexten. Es handelt sich hier um eine fundierte, unter beiden Interessenslagen hervorragend verwertbare Arbeit.
Bernd Overwien (Kassel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Bernd Overwien: Rezension von: Egetenmeyer, Regina: Informal Learning in betrieblichen Lernkulturen, Eine interkulturelle Vergleichsstudie. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 5 (Veröffentlicht am 09.10.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383400405.html