EWR 15 (2016), Nr. 3 (Mai/Juni)

Wiebke Scharathow
Risiken des Widerstandes
Jugendliche und ihre Rassismuserfahrungen
Bielefeld: transcript 2014
(478 S.; ISBN 978-3-8376-2795-4; 39,99 EUR)
Risiken des Widerstandes Wissenschaftliche Studien zu Rassismuserfahrungen im Allgemeinen und ebenjenen von Jugendlichen im Speziellen sind in der deutschsprachigen Forschungslandschaft bisher nur vereinzelt publiziert worden [1]. Eine Ursache hierfür ist sicherlich, die noch immer tabubesetzte und mit großen Unsicherheiten geprägte Sichtweise auf das Themengebiet Rassismus in der BRD. Ein Hinweis hierauf ist der Umstand, dass der Terminus „Rassismus“ nur sehr selten in wissenschaftlichen Abhandlungen genutzt wird. Vielmehr wird auf Surrogate wie beispielsweise „Diskriminierung“ und „Benachteiligung“ zurückgegriffen, welche die spezifischen Charakteristika von Rassismus als Forschungsgegenstand und Erfahrung sui generis nicht trennscharf analysieren können. Demnach kann eine dezidierte Rassismusforschung, die den Anspruch besitzt, eine rassismuskritische Analyse zu betreiben und dies bereits im Titel formuliert, als notwendiger Beitrag zu einem Paradigmenwechsel bezeichnet werden.

Wiebke Scharathow gelingt dies bereits im Titel und der Fragestellung ihrer Dissertation, die sie im Jahr 2013 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg eingereicht hat. Dabei untersuchte sie in ihrer Studie Folgendes: „Ausgangspunkt dieser Erkundungen sind die subjektiven Perspektiven von Jugendlichen: Ich frage in dieser Arbeit nach ihren Erfahrungen mit Rassismus, danach, was diese Erfahrungen für sie bedeuten und wie und mit welchen Effekten sie mit Rassismuserfahrungen umgehen“ (12).

Diesen Forschungszielen geht Wiebke Scharathow folgendermaßen nach: Im ersten Kapitel „Verortungen und Perspektiven der Forschungsarbeit (17-54) bettet sie ihre Forschungsfragen in das Feld der Rassismusforschung ein, indem sie ebenjenen deutschsprachigen Diskurs darstellt, kritisch kommentiert sowie ein alternatives Rassismusverständnis darlegt. In diesem Rahmen kritisiert sie die fälschlicherweise betriebene Gleichsetzung von „Rassismusforschung“ und „Rechtsextremismusforschung“ (23) und analysiert die Ursachen der Tabuisierung des Begriffs „Rassismus“ in der BRD, die sie u.a. in den herrschenden „Abwehrmuster[n]“ verortet, die „Rassismus […] in ein außen und in die Vergangenheit verbannt“ (33). Im Gegensatz dazu betont sie mit ihrer eigenen Rassismusdefinition, wonach „Rassismus ein soziales und gesellschaftliches System von Diskursen und Praktiken der machtvollen Unterscheidung und Kategorisierung von Menschen [ist], mit welchen Ungleichbehandlung und ungleiche Machtverhältnisse legitimiert werden“ (37) zum einen die „Sinngebungsinstanz“ (40) und das „Denksystem“ (41) des Rassismus und zum anderen die Aktualität und Wandlungsfähigkeit rassismusrelevanter Wissenssysteme (43).
Um zu verdeutlichen, was sie unter Rassismuserfahrungen begreift, beruft sie sich auf Paul Mecherils Definition [2], der darunter „jede Erfahrung von Angriff oder von Geringschätzung der eigenen Person oder nahe stehender Personen durch Andere […], die physiognomische Merkmale (wie Haarfarbe, Hautfarbe) oder soziale Merkmale (wie Kleidung, Sprache) vor dem Hintergrund von Abstammungs- und Herkunftskonstruktion als Hinweise auf moralische oder intellektuelle Unterschiede lesen, die zu ihren Gunsten laufen und die bei dieser Art von Unterschieden das Recht auf Angriff oder Geringschätzung zu haben meinen“ (51), versteht.

Im zweiten Kapitel „Rassismusforschung“ (55-80) reflektiert Scharathow über die Rolle von Forschenden im Rahmen macht- und rassismuskritischer Untersuchungen und resümiert: „Forschende [können] keine neutralen Beschreibungen und Analysen in einer von ihnen vermeintlich unabhängig existierenden Wirklichkeit liefern“ (62). Diese Prämisse ist der Grund, weshalb sie sich im Rahmen ihrer Studie dazu entschließt, „von Mitforschenden [zu] sprechen, […] wenn es […] darum geht, die Partizipation der Jugendlichen, mit denen […] geforscht [wurde], zu betonen“ (65) und von „Beforschten“ zu sprechen, „vor allem in den forschungstheoretischen Auseinandersetzungen, in denen es […] darum geht, das (ungleiche) Verhältnis und die unterschiedlichen Positionen der forschenden und beforschten Subjekte im Forschungsprozess zu beleuchten“ (65). Diesbezüglich reflektiert Scharathow darüber, ob und inwiefern rassismuskritische Forschung „zur Reproduktion bestehender gesellschaftlicher Ungleichverhältnisse“ und zur „Reproduktion von Differenzen“ (78) beiträgt. Sie kommt zu folgendem Schluss: „Differenzen müssen benannt werden, um nach ihren gesellschaftlichen und personellen Funktionen oder den Strukturen und Mechanismen ihrer Produktion befragt werden zu können“ (78).

Im dritten Kapitel „Theoretische Zugänge und methodologische Annäherungen“ (81-137) legt Scharathow ihre forschungsmethodologische Perspektive dar. Sie nutzt die „Grounded Theory“, um „Hypothesen-generierend“ vorzugehen und „im Forschungsprozess und in der Auseinandersetzung mit dem empirischen Material Zusammenhänge und Konzepte zu entdecken“ sowie „Modelle und Theorien aus dem Material heraus zu entwickeln“ (82). Außerdem verortet Scharathow ihr Forschungsparadima in den Cultural Studies und der Kritischen Psychologie, um zum einen der Frage nachgehen zu können, „wie Regime der Repräsentation […] sich in spezifischen Kontexten als konkrete Praktiken manifestieren“ (105) und zum anderen die Analyse von „subjektiv wahrgenommenen Möglichkeitsräume[n], der Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen“ (125) der Jugendlichen zu betreiben.

Im vierten Kapitel „Forschungspraxis“ (139-200) legt Scharathow das Forschungsdesign ihrer Studie dar, indem sie in einem ersten Schritt auf den Entstehungskontext eingeht und anmerkt, dass das Forschungsprojekt aus ihren „praktischen Tätigkeiten und Erfahrungen in einer Einrichtung der außerschulischen Jugendarbeit entstanden“ [ist], weil dort „immer wieder […] deutlich [wird], dass die Jugendlichen […] vielfältige Erfahrungen mit Diskriminierung im Alltag machen, und dass sie mit diesen Situationen und Erfahrungen – sehr unterschiedlich – umgehen“ (139f). In einem zweiten Schritt legt sie dar, welche Personengruppen an der Studie beteiligt waren; insgesamt sind es 22 Jugendliche, wobei die Daten von 16 Jugendlichen „zwischen 13 und 22 Jahren“ „ins zu analysierende Material ein[ge]flossen“ (142) sind. Drittens geht Scharathow auf die Datenerhebung ein, die zweigeteilt stattgefunden hat; zum einen im Rahmen einer Forschungswerkstatt, in der sie in Form von „Gruppendiskussionen“ gemeinsam mit den Jugendlichen „nach Erfahrungen mit Diskriminierung, nach Begründungen für und Bedingungen von Ausgrenzung und nach Handlungsweisen und Handlungsbegründungen geforscht“ (146) hat. Zum anderen hat sie mit den Jugendlichen „problemzentrierte Interviews“ geführt, und ihnen somit „die Gelegenheit gegeben, eigene Sichtwiesen und Begründungen, individuelle Erfahrungen und Gedanken, die während des vorangegangenen Gruppenprozesses zu kurz gekommen sind oder nicht vor der Gruppe geäußert werden wollten, möglichst frei und selbstbestimmt mitzuteilen“ (183f). Neben diesen beiden Formaten der Datenerhebung nutzt Scharathow Gruppendiskussionen und Kurzinterviews mit „15 Jugendlichen zwischen 13 und 22 Jahren“, die sie im Rahmen eines Kunstprojektes pädagogisch begleitet, welches sich zum Ziel gesetzt hat, „Prozesse der Selbsterkundung und Reflexion [in Bezug auf Rassismuserfahrungen] anzustoßen“ (190). Ein „Teil der Jugendlichen […] war auch bei der Forschungswerkstatt dabei“ (190).

Im fünften Kapitel „Jugendliche und Rassismuserfahrungen“ (201-412) widmet sich Scharathow der Ergebnispräsentation ihrer Datenanalyse. Bevor sie mit der Datenauswertung beginnt, merkt Scharathow an, dass sie „auch dann, wenn Rassismus, der sich in den Schilderungen der Jugendlichen erkennen lässt, von ihnen selbst nicht als Rassismus oder Diskriminierung benannt oder erkannt wird“ (202f), als solchen benennt. Während die Jugendlichen die Begriffe „Diskriminierung“ und „Rassismus“ synonym benutzen oder den Begriff „Rassismus“ zu vermeiden versuchen, beschreibt Scharathow den „Nicht-Gebrauch des Rassismusbegriffs […] als Teil bzw. als Konsequenz von Rassismus“ (203). In dem ersten Unterkapitel „Diskriminierung – Differenzierung und Grenzziehung“ unterscheidet sie (1) Diskriminierung als jugendliche Spaßpraxis“ (208), (2) „Ernste Diskriminierung“ (211) und die Ambivalenz (3) „Betroffener und Akteur von Diskriminierung“ (212) zu sein. Im zweiten Unterkapitel „Rassismuserfahrungen, Herausforderungen und Handlungsweisen“ arbeitet Scharathow (1) die rassismusrelevante Konstruktion alltäglicher „Zugehörigkeitsverhältnisse“ (216-248) heraus, in deren Folge die befragten Jugendlichen als „Andere“ konstruiert werden; stellt (2) „rassistische Artikulationsweisen“ (248-266) dar, die u.a. von Mitschüler_innen und Lehrer_innen der befragten Jugendlichen geäußert werden; arbeitet (3) „Rassismus als unlogische Erfahrung“ (266-286) der Jugendlichen heraus, indem sie herausstellt, dass das Wissen der Jugendlichen über Rassismus „nicht immer aus[reicht], um konkrete rassismusrelevante Erlebnisse […] zufriedenstellend erklären zu können“ (266); geht auf die Subtilität von rassismusrelevanten Äußerungen ein, indem sie (4) Rassismus als Erfahrung einseitiger Sichtbarkeit“ (286-324) kennzeichnet; identifiziert (5) den „Rassismusverdacht als Rassismuserfahrung“ (324-356), da sie feststellt, dass das „Kommunizieren und Deuten [von] Rassismuserfahrungen trotz Zugehörigkeitsmomenten oder ohne Beweise […] sich als überaus schwierig“ (325) für die Jugendlichen darstellt; zeichnet (6) „Rassismus als verschwiegene Erfahrung“ (356-407) nach, indem sie belegt, dass „die Thematisierung von als rassistisch […] empfundenen Handlungsweisen“ für die Jugendlichen „aus unterschiedlichen Gründen oftmals nicht legitim und / oder (zu) risikoreich erscheint“ (356); verdeutlicht, dass sich (7) „Rassismus als unsichtbare Erfahrung“ (407-412) in Gestalt eines „absurde[n], undeutliche[n] und häufig diffuse[n] Phänomen[s]“ (407) für die Jugendlichen präsentiert.

In ihrem Resümee (413-444) fasst Scharathow die zuvor in Kapitel fünf dargestellten Ergebnisse noch einmal zusammen, indem sie beispielsweise folgendes konstatiert: „Rassismus manifestiert sich in den Lebenswelten von Jugendlichen, die als Andere oder als nicht-deutsch kategorisiert werden, in vielfältiger, häufig subtiler Weise“ (414) und „aufgrund gesellschaftlicher und diskursiver Bedingungen […] [ist die Thematiserung von] Rassismuserfahrungen […] eine unsichere Angelegenheit“ (423).

Wiebke Scharathow hat mit ihrer Dissertation eine immanent notwendige und sehr wichtige Studie publiziert, die die alltäglichen Erfahrungen Jugendlicher treffend analysiert, die von relevanten Personen (Freund_innen, Mitschüler_innen und Lehrkräfte) als „Andere“ konstruiert werden. Ihr gelingt es in hervorragender Art und Weise die Subtilität der Rassismuserfahrungen Heranwachsender zu dokumentieren und zu analysieren sowie die Schwierigkeit der Thematisierung ebensolcher Erfahrungen zu belegen. Die Lektüre dieser Dissertation ist für Personen aus der Wissenschaft und der pädagogischen Praxis gleichermaßen dringend zu empfehlen.

[1] Melter, C.: Rassismuserfahrungen in der Jugendhilfe: Eine empirische Studie zu Kommunikationspraxen in der Sozialen Arbeit. Münster: Waxmann 2006; Terkessidis, M.: Die Banalität des Rassismus. Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive. Bielefeld: transcript 2004.

[2] Mecheril, P.: Was Sie schon immer über Rassismuserfahrungen wissen wollten. In: Leiprecht, R. / Kerber, A. (Hg.): Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Handbuch. 1. Auflage. Schalbach / Taunus: Wochenschau 2005, 462-471.
Karim Fereidooni (Bochum)
Zur Zitierweise der Rezension:
Karim Fereidooni: Rezension von: Scharathow, Wiebke: Risiken des Widerstandes, Jugendliche und ihre Rassismuserfahrungen. Bielefeld: transcript 2014. In: EWR 15 (2016), Nr. 3 (Veröffentlicht am 25.05.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383762795.html