EWR 15 (2016), Nr. 2 (März/April)

Juliette Wedl / Annette Bartsch (Hrsg.)
Teaching Gender?
Zum reflektierenden Umgang mit Geschlecht im Schulunterricht und in der Lehramtsausbildung
Bielefeld: transcript 2015
(564 S.; ISBN 978-3-8376-2822-7; 34,99 EUR)
Teaching Gender? Wenngleich das Thema „Gender und Schule“ nicht neu ist, mangelt es in der Lehramtsausbildung und im Schulunterricht nach wie vor an einer kritisch-reflektierten Auseinandersetzung mit Geschlecht. Hier setzt der 560-seitige Sammelband von Juliette Wedl und Annette Bartsch an. In drei Teilen wird zunächst der aktuelle Stand der Forschung zur Bedeutung von Geschlecht in der Schule, insbesondere im Unterrichtsgeschehen und in schulischen Interaktionen thematisiert („Wie wird Geschlecht gemacht?“). Im Mittelpunkt des zweiten Teils („Gender reflektieren“) stehen konkrete Ideen für eine praxisnahe Umsetzung von Genderwissen für verschiedene Fächer des Schulunterrichts, bevor im dritten Teil Konzepte zur Integration der Gender Studies in die Lehramtsausbildung („Gender-Wissen vermitteln“) vorgestellt werden.

Nach einer Einleitung in das Thema „Teaching Gender?“, in der die Herausgeberinnen aufzeigen, wie alltägliche schulische doing gender Prozesse ablaufen, und für eine geschlechterreflektierte und -reflektierende Pädagogik plädieren, beginnt Teil I mit einer historischen Perspektive auf die Diskurse zu Geschlecht und Bildung in den letzten 150 Jahren. Barbara Rendtorff zeigt, dass die Vorstellungen von geschlechtlichen Fähigkeiten, Interessen und Begabungen ohne die Entstehung und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu denken sind. Lydia Jenderek arbeitet für die von ihr befragten zwölf Lehrkräfte eine „ambivalente Haltung“ (62) heraus: Der Einsatz einer geschlechterdifferenzierenden Didaktik steht demnach teilweise im Widerspruch zu den Selbstwahrnehmungen und geäußerten Einstellungen der Befragten. Zu dem Ergebnis, dass der Unterricht – hier der berufsorientierende Unterricht – nach wie vor traditionelle Geschlechterbilder reproduziert, kommen auch Barbara Thiessen und Inken Tremel. Über eine Wissensvermittlung hinaus, ist für den berufsorientierenden Unterricht eine „genderreflektierte Entdramatisierung von Geschlechterdifferenz“ (80) und Reflexivität vonnöten. Dass der schulische Erfolg von Mädchen noch immer nicht gleichermaßen zu dem beruflichen Erfolg führt, wie derjenige von Jungen, hängt für Corinna Onnen nach wie vor mit dem heimlichen Lehrplan zusammen. Dem kann, so die Autorin, nur eine „gendersensible Didaktik“ (92) entgegenwirken. Wie wichtig gerade auch eine pädagogische Haltung der Lehrkräfte ist, die geschlechtliche Vielfalt anerkennt und bei diskriminierendem Verhalten interveniert, um Ausgrenzungen und Ausschlüsse zu vermeiden, Normen auszuweiten und Handlungsspielräume zu erweitern, macht Konrad Manz anhand von Beispielen aus dem Unterrichtsalltag der Sekundarstufe I deutlich.

Im zweiten Teil „Gender reflektieren“ werden für die vier Fächergruppen MINT, Sprachunterricht, Ästhetische Fächer und „Gesellschaft lernen“ konkrete empirische Studien, Best-Practice-Beispiele und Konzepte für den Schulunterricht dargestellt. Die Beiträge zielen darauf ab, geschlechtliche Inszenierungen und Zuschreibungen im Unterricht zu verstehen und zu reflektieren. Außerdem geht es um Antworten auf die Frage, wie geschlechtliche Zuweisungen von Kompetenzen und Verhalten im Unterricht reduziert werden können, um Benachteiligungen und Diskriminierungen für heranwachsende Frauen und Männer zu vermeiden und Heterogenität und Vielfalt zu fördern. Ohne auf die Beiträge im Einzelnen einzugehen, sehen die Autorinnen und Autoren beispielsweise in interdisziplinären, fächerübergreifenden Herangehensweisen Möglichkeiten, Mädchen und Jungen für geschlechteruntypische Fächer zu sensibilisieren und ihr Interesse dafür zu fördern (vgl. Broschinski und Glade). Gendersensible didaktische Überlegungen stärken kooperative Lernformen, Projektunterricht sowie biographisches Lernen im Gegensatz zum Frontalunterricht, der bedingt durch Handlungsdruck und unreflektierte Handlungsweisen nicht selten Gefahr läuft, Geschlechterstereotype zu verfestigen (vgl. Onnen, Ertl und Helling). Für den Schulunterricht sind die kritische Wahrnehmung der doing gender Prozesse, des Wechselspiels zwischen Entdramatisierung und Dramatisierung von Geschlecht und der Mitbeteiligung als Lehrkraft an den Konstruktionsprozessen wichtige Voraussetzungen, um Räume jenseits hegemonialer Weiblichkeiten wie Männlichkeiten zu eröffnen und Homogenisierungen von Geschlechtergruppen im Sinne von „die Mädchen“ wie „die Jungen“ aufzubrechen (vgl. Spitzer und Prechtl). Für den Schulalltag besonders relevant sind vor allem die Beiträge, die neben differenztheoretischen und konstruktivistischen Perspektiven queere und poststrukturalistische Sichtweisen berücksichtigen. So versteht Martina Mittag unter Bezug auf Butler und Laclau Geschlecht als leeren und damit deutungsoffenen Signifikanten, „der je nach kulturellem und sozialem Kontext neu gefüllt werden kann“ (252). Für den Fremdsprachenunterricht zeigt sie – wie auch Lotta König, wie mit stereotypen Geschlechterbilden gespielt werden kann und wie „heteronormative Lesegewohnheiten“ (280) beleuchtet werden, um Geschlechterzuschreibungen aufzuweichen und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Am Beispiel des Englisch- und Französischunterrichts verdeutlicht Sonja Lewin eindrucksvoll, wie sich durch die Arbeit mit Bildern Irritationen hervorrufen und visuelle Stereotypen aufdecken lassen, um (Geschlechter-)Konstruktionen nachzugehen und zu verändern. Das „anti-normative Bilderbuch“ (375) „DAS machen?“ zu Sexualität und Identität von Christine Aebi und Lilly Axster nimmt Kinder als Expert_innen ihrer kindlichen Sexualität ernst, zeigt alltägliche (Geschlechter-)Konstruktionen auf und versucht, Normativitäten zu vermeiden. Der Beitrag von Christine Burmann und Martina Schradi fokussiert auf der Grundlage von biografischen Comicreportagen von LSBTI* deren vielfältige Lebensweisen. Das von den Autorinnen vorgestellte Schulprojekt „Ach, so ist das?!“ vermittelt nicht nur niedrigschwellig Wissen über das Leben von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, transidenten und intersexuellen Menschen, sondern sensibilisiert und anerkennt sexuelle Vielfalt. Die Umsetzung der Konzepte für den Schulunterricht haben – so wird von allen Autorinnen und Autoren zu Recht betont – die Bereitschaft der Lehrenden zur Selbstreflexion, Genderkompetenzen bei den Lehrkräften, Genderwissen als Bestandteil der Lehramtsausbildung sowie ein respektvolles, wertschätzendes Klima in der Klasse zur Voraussetzung.

Wie wichtig biographische Reflexionsarbeit für einen professionellen Umgang mit Heterogenität ist, stellt Sandra Winheller mit einem von ihr entwickelten Seminarkonzept im dritten Teil des Buches vor. Die Notwendigkeit, biologisches Wissen zu hinterfragen und zu dekonstruieren, zeigt Helene Götschel auf. Juliette Wedl, Veronika Mayer und Annette Bartsch beschreiben, dass sich ein interdisziplinäres Ringseminar mit E-Learning-Lehreinheiten zu den Gender Studies bewährt hat, um Genderwissen und Genderkompetenzen als einen wichtigen Bestandteil in der Lehramtsausbildung zu verankern.

Weiterführende hilfreiche Links und Materialen, eine Auswahl an Plattformen und Praxishilfen zu Gender und Schule sind am Ende des Bandes zu finden.

Der Sammelband füllt eine Lücke, da es ihm erstens gelingt, auf den aktuellen Stand der Schulforschung Bezug zu nehmen, zweitens verschiedene, sich ergänzende Theorien aus der Frauen- und Geschlechterforschung – differenztheoretische, konstruktivistische, dekonstruktivistische wie queere Ansätze – zu berücksichtigen, und drittens praxisnahe Ideen für den Schulunterricht vorzustellen und zu diskutieren. Dem Buch ist eine große Leser_innenschaft zu wünschen, um die wichtigen Anliegen des Sammelbandes voranzutreiben, nämlich schulische Entfaltungsmöglichkeiten von Schüler_innen zu erhöhen, Vielfalt anzuerkennen, Diskriminierungen zu reduzieren und zu einem reflektierten Umgang mit Geschlecht im Schulunterricht und in der Lehramtsausbildung beizutragen. Dabei ist die Verbindung von theoretischen Reflexionen und konkreten Praxisbeispielen aus dem schulischen Unterricht besonders wertvoll und anregend.
Christiane Micus-Loos (Kiel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christiane Micus-Loos: Rezension von: Wedl, Juliette / Bartsch, Annette (Hg.): Teaching Gender?, Zum reflektierenden Umgang mit Geschlecht im Schulunterricht und in der Lehramtsausbildung. Bielefeld: transcript 2015. In: EWR 15 (2016), Nr. 2 (Veröffentlicht am 24.03.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383762822.html