EWR 14 (2015), Nr. 3 (Mai/Juni)

Uwe Becker
Die Inklusionslüge
Behinderung im flexiblen Kapitalismus
Bielefeld: transcript Verlag 2015
(207 S.; ISBN 978-3-8376-3056-5; 19,99 EUR)
Die Inklusionslüge Uwe Becker erhebt mit seinem neun Kapitel umfassenden Buch den Anspruch, den (politischen) Diskurs um Inklusion entlang weiterer gesellschaftlicher Entwicklungen, v. a. ökonomischer, zu betrachten. Letztere, so der Tenor seiner Ausführungen, verklären die Potenziale und den „inspirierenden Charakter“ (7), den die UN-BRK für die Gesellschaft eröffnet. Becker will aufzeigen, wie sich die Politik als „euphorische[r] Inklusionsbefürworter[in]“ (11) gibt und dabei die ausgrenzenden, gesellschaftlichen Dynamiken der „Wirtschafts-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik“ (9) ausblendet. Becker warnt vor einem derartig begrenzten Verständnis von Inklusion. Das Ziel seiner Ausführungen liegt auf dem Hinterfragen der „auf Leistung und Konkurrenz gründende[n] Gesellschaftsorganisation“ (17). Ins Zentrum stellt er die „unreflektierte Programmatik der Inklusionsvorstellung“ (16), die sich v. a. auf Arbeit und Bildung bezieht.

In den Kapiteln „Politik von ganz oben – Landung im Diffusen“ und „Alle sollen mitmachen“ – kritisiert Becker, dass Inklusion gesamtgesellschaftlich eher exklusiv, d. h. von Wenigen, diskutiert wird und, dass eine Definition bisher fehlt. Nichtdestotrotz gibt es politische „Aktionspläne“ auf Bundes- und Landesebene, die Inklusion mit Fokus auf Erwerbsarbeit, orientiert an bürgerlichen Vorstellungen, dass eine solche ebenso sinn- wie Selbstvertrauen stiftend sei, proklamieren. Auch orientieren sie sich an einem positiv konnotierten „Drinnen“ gegenüber einem negativen „Draußen“, die einander diametral gegenüber gestellt werden. Dass der Arbeitsmarkt in seiner jetzigen Form Ausgrenzung produziert, die in den politischen Dokumenten unreflektiert bleiben, führt er aus. Auch zeigt er, dass die Aktionspläne aktuell letztlich sensibilisieren sollen und Apelle an die Gesellschaft darstellen. Konträr zu den Aktionsplänen führt Becker politische Dokumente und Ausführungen an, die herausheben, dass es auch mit der UN-BRK rechtlich „keine subjektiven Ansprüche“ (27) auf Inklusion gibt. Die Auseinandersetzung mit den politischen, rechtlichen und finanziellen Barrieren der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt greift Becker anschließend auf. Er zeigt, dass die Politik sich bei der Umsetzung von Inklusion auf eine „moderierende“ (44) Position zurückzieht und das Anliegen so „entpolitisiert“ (44).

Im Kapitel „Chancengerechtigkeit – Die Lotterie des Sozialstaats wird inklusiv“ wird die Neudefinition des Sozialstaats am Beispiel des Schröder-Blair-Papiers [1], das diesen als Mobilisierungsstaat konzipiert, vorgestellt. Zentral an dem Verständnis ist, dass die Beweislast von „Chancenverwirklichung“ an jene delegiert wird, die ‚ihre Chancen nicht ergriffen haben’. Zugleich wird ‚die arbeitende Gesellschaft’ zur Kontrollinstanz, die das Handeln Einzelner auf soziale Kompatibilität prüft. Dass Arbeitslosigkeit in der bestehenden Gesellschaft diskreditiert und moralisiert wird, zeigt Becker am Beispiel von HARTZ-IV auf und warnt davor, dass Behinderung in diesem Kontext in „diffus[e] Vielfältigkeit aufgeh[t]“ (67).

In „Beschädigte Inklusionsräume“ entwickelt Becker den theoretischen Rahmen mit dem er die Inklusionsräume Arbeit und Bildung anschließend analysiert. Die Dichotomie von „Drinnen“ und „Draußen“, wie sie Inklusion und Exklusion nahe legen, halten soziologischen Ausführungen nicht stand, und Becker schlägt mit Bezug auf Kronauer vor, die Komplexität und Mehrdimensionalität gesellschaftlicher Inklusion und Exklusion zu reflektieren.

Im Kapitel „Raum der Erwerbsarbeit“ wird die Arbeitsmarktsituation entlang der Konsequenzen der HARTZ-Reformen fokussiert und die Frage aufgeworfen, welche Bedeutung diese für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt haben. Arbeit hat, ebenso wie Arbeitslosigkeit, in der gegenwärtigen Gesellschaft eine große Bedeutung für den / die Einzelne(n). Arbeitslosigkeit erfüllt gegenüber der Arbeit die Funktionen der Entsolidarisierung, indem deren Ursachen zunehmend individualisiert werden und gesellschaftliche Ursachen ausgeblendet bleiben. Auch wirkt Arbeitslosigkeit disziplinierend auf Erwerbstätige. Der „aktivierende Sozialstaat“ rekurriert dabei auf ein Gerechtigkeitsverständnis, das diese im Nachgehen einer Arbeit bereits als erfüllt sieht.

In „Raum der Bildung“, dem siebten Kapitel, beschreibt der Autor (Schul-)Bildung in ihrem Verhältnis zur Erwerbsarbeit. Er führt aus, dass das deutsche Schulsystem in vielfacher Hinsicht „Bildungsverlierer“ (126) hervorbringt. Obwohl „Bildungsarmut“ (128) kein neues Phänomen ist, stellt sie die davon Betroffenen in der aktuellen Arbeitswelt vor spezifische Konsequenzen: Zum einen sind die Erwerbsmöglichkeiten im Niedriglohnsektor zurückgegangen und zum anderen garantieren die dort gezahlten Löhne kein Leben jenseits staatlicher Transferleistungen bzw. der Armutsgrenze. Auch in der Schule beobachtet Becker die Tendenz der Individualisierung von Bildungsarmut. Eine familiäre, leistungskonforme Sozialisation schützt hiervor; Aspekte, die auch bei den Übertrittempfehlungen von der Grund- in die Sekundarstufe herangezogen werden. Als weiteren, marginalisierenden Aspekt führt Becker die zunehmende „Normierung der Kindheit“ (138), wie z. B. verpflichtende, medizinische Vorsorgeuntersuchungen, an, die (implizit) auch Abweichungen von den Normen konstruieren. Becker kritisiert, dass die schulische Umsetzung von Inklusion v. a. auf die Formel verkürzt wird, Sonderschulen abzuschaffen, ohne die ausgrenzenden und marginalisierenden Strukturen der Regelschule zu modifizieren.

Becker führt im Kapitel „Der öffentliche Raum“ aus, dass der Inklusionsdiskurs v. a. Erwerbsarbeit und Bildung fokussiert und so nur einen Teil der UN-BRK aufgreift. Am Beispiel der freien Wahl des Aufenthaltsorts zeigt er, wie Menschen mit Behinderungen durch die Sozialgesetzgebung in diesem Recht eingeschränkt werden.

Im abschließenden Kapitel „Inklusionslogiken“ resümiert Becker, dass die öffentliche und politische Auseinandersetzung mit Inklusion, die in Form eines „Appells an die Zivilgesellschaft“ (171) vorgenommen wird, im Widerspruch zu einer Politik steht, die auf der Grundlage finanzpolitscher Alternativlosigkeit argumentiert. Auch läuft sie den an ökonomischen Logiken orientierten Normierungstendenzen zuwider, wie sie sich z. B. in einer „leistungszentrierten Pädagogik“ (187) zeigen. Diese Strukturen implizieren eine (totale) Inklusion in das (Wirtschafts-)System ohne Möglichkeit, sich hieraus zu exkludieren. Becker plädiert vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund auch für eine begriffliche Reflexion und schlägt vor, von Marginalisierungen innerhalb der Gesellschaft zu sprechen, anstatt von Exklusion. Er plädiert für die Erweiterung der Inklusionsdiskurse über Arbeit und Bildung hinaus, da die UN-BRK das Potenzial einer kritischen Auseinandersetzung mit der „Dominanz der Ökonomie“ (188) innerhalb der Gesellschaft bietet und damit gesamtgesellschaftliche Entwicklungen aufwirft.

Das Buch von Becker eröffnet eine hoch interessante, fundierte soziologische Auseinandersetzung der Praxis der gesellschaftlichen Bearbeitung von Inklusion. Für den erziehungswissenschaftlichen, insbesondere auf Schule bezogenen Fachdiskurs wirft der Autor diverse Reflexionsimpulse auf, die bereichernd sind und zugleich zur ‚schonungslosen’ Auseinandersetzung mit der eigenen Forschungs- und Lehrpraxis einladen.

[1] Der Weg nach vorne für Europas Sozialdemokratien. Ein Vorschlag von Gerhard Schröder und Tony Blair (1999): http://www.glasnost.de/pol/schroederblai..., Zugriff 15.05.15
Tanja Sturm (Basel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tanja Sturm: Rezension von: Becker, Uwe: Die Inklusionslüge, Behinderung im flexiblen Kapitalismus. Bielefeld: transcript Verlag 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 3 (Veröffentlicht am 11.06.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383763056.html