EWR 14 (2015), Nr. 5 (September/Oktober)

Bettina Kleiner / Nadine Rose (Hrsg.)
(Re-)Produktion von Ungleichheiten im Schulalltag
Judith Butlers Konzept der Subjektivation in der erziehungswissenschaftlichen Forschung
Opladen / Berlin / Toronto: Barbara Budrich 2014
(191 S.; ISBN 978-3-8474-0096-7; 24,90 EUR)
(Re-)Produktion von Ungleichheiten im Schulalltag Der hier vorgestellte Sammelband, der auf eine von Nadine Rose und Bettina Kleiner organisierte Tagung im Oktober 2012 in Hamburg zurückgeht, greift zwei aktuelle Themen von sowohl wissenschaftlichem als auch öffentlichem Interesse auf: Einerseits die insbesondere auch in der Erziehungswissenschaft geführte Auseinandersetzung mit Subjektivation und damit die Frage, wie Individuen zu Subjekten „gemacht“ werden und sich zugleich selbst als solche hervorbringen; andererseits die auch öffentlich diskutierte Frage danach, inwiefern Schule daran beteiligt ist, soziale Ungleichheiten herzustellen und festzuschreiben.

Dabei setzt sich der Band mit einer der derzeit populärsten geistes- und sozialwissenschaftlichen Theoretiker_innen auseinander: mit Judith Butler. Wurden deren Theorien in der Erziehungswissenschaft lange Zeit vor allem im Zuge der Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht rezipiert, lässt sich seit einigen Jahren eine breitere inhaltliche Rezeption ihrer Arbeiten feststellen. Exemplarisch kann der 2012 von Norbert Ricken und Nicole Balzer herausgegebene Sammelband „Judith Butler: Pädagogische Lektüren“ genannt werden [1]. Auch der hier vorgestellte Band schließt an das Bestreben, über eine Bezugnahme auf Butlers Gendertheorien hinauszugehen, an, so die Herausgeberinnen Bettina Kleiner und Nadine Rose (10). Thematisch lässt er sich in eine Reihe aktueller Publikationen zum Konzept der Subjektivation einordnen wie bspw. „Techniken der Subjektivierung“, herausgegeben von Andreas Gelhard, Thomas Alkemeyer und Norbert Ricken [2], oder der Band „Selbst-Bildungen“, den das Sprecher_innenteam des gleichnamigen interdisziplinären DFG-Graduiertenkollegs in Oldenburg herausgegeben hat [3].

In der Einleitung führen die Herausgeberinnen in das Thema Soziale Ungleichheiten ein und stellen dar, wie dieses in den letzten etwa 40 Jahren in der Erziehungswissenschaft verhandelt worden ist: Von den sog. Differenzpädagogiken bis hin zu Forschungen, die den Begriff der Differenz problematisieren und sich mit deren performativer Hervorbringung beschäftigen (7-10). Gegliedert ist der Band in drei Teile: 1. „Bildungstheoretische Lesarten zu zentralen Begrifflichkeiten der Butlerschen Subjekttheorie“, 2. „Subjektivation im Kontext von Heteronormativität und Rassismus. Empirische Zugänge mit Blick auf Schule“ und 3. „Adressierungen und Anrufungen. Schulpraxis als Gegenstand empirischer Analysen“. Im ersten Teil findet sich ein Text von Hans-Christoph Koller, in dem Butlers Subjekttheorie rekonstruiert und deren Bedeutung für die Erforschung biographischer Bildungsprozesse herausgestellt wird. Dem gegenüber kritisieren Karen Geipel und Paul Mecheril in ihrem Beitrag Butlers Subjekt(ivitäts)verständnis: Sie gehe von einem privilegierten Subjekt aus, welches sich Autonomieillusionen hingeben und sich darüber hinaus von diesen Illusionen distanzieren könne (44). Diesem postsouveränen und privilegierten Subjektverständnis stellen Geipel und Mecheril Asouveränität und Präsouveränität entgegen bzw. geben sie zu bedenken, dass es auch empirische Subjekte gibt, die sich „Unsouveränität hingäben“ (45) wie bspw. in buddhistischen Meditationen; oder solche, die gar nicht den Status eines souveränen Subjekts einnehmen könnten. Das Konzept der Postsouveränität sei sozial exklusiv und ein entsprechendes Bildungsziel für jene, die nicht souverän seien – und somit auch keine Souveränität einbüßen könnten –, zynisch (53). Aufgabe von Bildung sei es demgegenüber, „Räume [zu] schaffen, in denen Menschen ein Gespür und eine Sprache dafür entwickeln, dass ihnen das Recht auf das zusteht, was theoretisch unterkomplex und wohl auch irreführend Selbstbestimmung genannt wird.“ (53)

Während im ersten Teil des Bandes begriffliche und theoretische Klärungen vorgenommen werden, wird mit dem zweiten und dritten Teil der Fokus auf empirische Arbeiten im Anschluss an Butler gelegt. Im zweiten Teil zeigt Helene Decke-Cornill die Möglichkeit von Kritik an heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit in der Auseinandersetzung mit ästhetischen Texten im englischen Filmunterricht auf. Bettina Kleiner und Nadine Rose thematisieren Heteronormativität und Rassismus in jugendlichen Schulerfahrungen anhand der Analyse eines Interviews mit einer Schülerin und weisen damit auch auf den teilweise unzureichenden institutionellen Umgang mit Differenz hin (91f). In Auseinandersetzung mit Carolin Emckes Buch „Wie wir begehren“ [4] widmet sich Jutta Hartmann geschlechtlicher und sexueller Diversität im schulischen Kontext und macht u.a. aufmerksam auf ungleiche Bildungschancen sowie die Einschränkung der sozialen Lebensfähigkeit für Menschen, die nicht in das Schema bzw. die Matrix heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit passen (102). Im dritten Teil des Bandes befasst sich Norbert Ricken mit dem Zusammenhang von sozialer Herkunft und (der Konstruktion) schulischer Leistung und analysiert pädagogische Differenzordnungen vor dem Hintergrund von Butlers Annahmen zu Anrufung und Adressierung (124). Im Beitrag von Kerstin Rabenstein, Sabine Reh, Julia Steinwand und Anne Breuer geht es ebenfalls um Leistungskonstruktionen sowie um Leistungserwartungen in jahrgangsgemischten Lerngruppen der Sekundarstufe I. Die Autorinnen zeigen auf, wie die Verantwortung für das Einnehmen einer spezifischen Haltung zum Arbeiten und zum Erreichen schulischer Lernziele auf die Einzelnen verschoben und individualisiert wird (151). Auch Christine Thon beschäftigt sich mit Individualisierung, die sie als pädagogisches Credo versteht (155). Sie analysiert Praxishilfen für Lehrer_innen und weist nach, wie diese darin angerufen sowie zur individualisierenden Anrufung der Schüler_innen – und zwar als zugleich eigenverantwortliche sowie verschiedenartige Subjekte – angeleitet werden (161f, 168ff). Abgerundet wird der Band durch einen Epilog jener Denkerin, die in diesem Band im Zentrum steht: Judith Butler.

Butler konstatiert dort, dass solchermaßen betriebene Wissenschaft wie in diesem Band „Interventionen in der Pädagogik ermöglicht“ (181). Sie thematisiert die Subjektkonstitution in der Schule und hält fest, dass es problematisch ist, dass Kinder sich dort einem Normalisierungsprozess unterwerfen müssen, wenn sie den Status eines anerkennbaren Subjekts erreichen wollen (185). Diese Normen der Normalität, die häufig von nationalen Normen abgeleitet sind, so Butler weiter, können u.a. bestimmte Sehnsüchte einschränken oder sie gar zerstören. Das hieße jedoch nicht, dass von direkter Nachahmung von Normen ausgegangen werden könne; dem gegenüber bestehe die Möglichkeit von „Dis-Identifikation“ (186). Unterschiedliche Normen stünden zudem im Widerstreit miteinander und Subjektkonstitution sei kein einmaliger Akt, sondern bedürfe der Wiederholung. Butler spricht sich dafür aus, Widerstand zu lehren – was ihres Erachtens auch in der Schule geschehen könne. Und sie schließt mit einem Plädoyer dafür, der Schule „die Augen zu öffnen für die ganz normale und normalisierte Gewalt, die sie reproduziert, um schließlich in der Schule eine inklusive Praxis der Gewaltfreiheit zu ermöglichen.“ (187)

Der Aufbau des Buches und die entsprechenden Artikel lösen das ein, was die Herausgeberinnen als Anliegen ihres Bandes nennen: das Ausloten der Grenzen und Möglichkeiten von Butlers Subjektkonzept für die (insbes. empirische) erziehungswissenschaftliche Forschung. Für diese ergeben sich – so Rose und Kleiner – u.a. forschungsmethodische Fragen wie auch solche nach der Mobilisierung von Differenzkategorien in der Schule (11).

Abschließend ist festzuhalten, dass der Band mit seinen ausnahmslos lesenswerten Beiträgen sowohl für Leser_innen interessant ist, die sich mit Subjektivation – und im Speziellen mit Butlers Zugang dazu – beschäftigen, als auch für jene, die sich aktuellen Entwicklungen in der Schule widmen, also z.B. individualisiertem Unterricht. Und schließlich ist er besonders für diejenigen von Relevanz, die sich mit dem Thema Ungleichheit in der Schule auseinandersetzen.

[1] Ricken, N. / Balzer, N. (Hrsg.): Judith Butler: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer VS 2012.
[2] Gelhard, A. / Alkemeyer, T. / Ricken, N. (Hrsg.): Techniken der Subjektivierung. Paderborn: Fink 2013.
[3] Alkemeyer, T. / Budde, G. / Freist, D. (Hrsg.): Selbst-Bildungen. Soziale und kulturelle Praktiken der Subjektivierung. Bielefeld: transcript 2013.
[4] Emcke, C.: Wie wir begehren. Frankfurt am Main: S. Fischer 2012.
Angela Janssen (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Angela Janssen: Rezension von: Kleiner, Bettina / Rose, Nadine (Hg.): (Re-)Produktion von Ungleichheiten im Schulalltag, Judith Butlers Konzept der Subjektivation in der erziehungswissenschaftlichen Forschung. Opladen / Berlin / Toronto: Barbara Budrich 2014. In: EWR 14 (2015), Nr. 5 (Veröffentlicht am 23.09.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978384740096.html