EWR 10 (2011), Nr. 1 (Januar/Februar)

Rolf Dubs
Bildungspolitik und Schule wohin?
Altstätten: Verlag Tobler 2010
(256 S.; ISBN 978-3-85612-182-2; 38,00 EUR)
Bildungspolitik und Schule wohin? Rolf Dubs versteht sein neues Buch als bildungspolitische Standortbestimmung in einer Zeit, in der die Bildungslandschaft Schweiz stark im Umbruch ist. Ausgehend davon, dass viele der im Fokus stehenden, teilweise kontrovers diskutierten Fragen empirisch nicht geklärt sind und deshalb viele Bildungsmassnahmen durch persönliche Einstellungen und politische Zielvorstellungen der Akteure, Kurzfristigkeit und Gefälligkeit geprägt sind, möchte er schulischen und erzieherischen Entscheidungsträgern eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Reflexion von aktuellen Fragen der Erziehung, Bildungspolitik und der Schule geben. Mit diesem Anspruch befasst sich der Wirtschaftspädagoge Rolf Dubs nicht zum ersten Mal mit Fragen, die weit über die erziehungswissenschaftliche Teildisziplin Wirtschaftspädagogik hinausgehen. Das Buch richtet sich an Mitglieder von Schulbehörden, Lehrerinnen und Lehrer sowie an Eltern. Es soll damit auch für Laien lesbar sein, weshalb der Autor explizit eine allzu wissenschaftlich ausgerichtete Begrifflichkeit vermeidet.

Rolf Dubs deklariert in der Einleitung ausdrücklich seine Ziel- und Wertvorstellungen, welche die im Buch vorgetragenen Ideen beeinflussen; dies in der begründeten und auch berechtigten Annahme, dass es keine objektiven „pädagogischen Wahrheiten“ gibt. Seine normativen Überzeugungen sind die Folgenden: Die Schule solle eine Leistungsschule bleiben, um auf die Bewältigung des Lebens und die Bewährung im Beruf vorzubereiten. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung solle die Schule auch Erziehungsaufgaben übernehmen, wobei aber die Eltern wieder mehr in die Pflicht zu nehmen seien. Die Chancengleichheit im Sinne der gleichen Startbedingungen müsse frühzeitig herbeigeführt werden, wozu der frühkindlichen Erziehung und Bildung viel Bedeutung beizumessen seien. Die Bildung dürfe aber keine Gleichmacherei zum Ziel haben, denn die Menschen seien und blieben unterschiedlich. Schulen und Lehrkräfte bräuchten mehr Ruhe und keine dauernden Reformen, was aber nicht Verzicht auf die wirklich wichtigen, bildungsphilosophisch begründeten und bildungspolitisch fundierten sowie unter guten Rahmenbedingungen ablaufenden Reformen bedeute.

Das Buch ist nach der Einleitung in insgesamt 38 Themen gegliedert. Jedes Thema startet mit einer Frage. Diese diskutiert der Autor auf dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse und seiner eigenen normativen Position. Am Schluss folgt jeweils eine Zusammenfassung in Form prägnanter Antworten auf die Eingangsfrage und dem Hinweis auf weiterführende Literatur.

Das erste Thema lautet „Pädagogische Forschung: Inwieweit darf man sich auf die Erkenntnisse der pädagogischen Forschung verlassen?“ Es ist insofern grundlegend, als der Autor die Notwendigkeit der Verschränkung von Bildungsphilosophie und empirischer Forschung begründet, offenlegt, dass empirische Forschung je nach normativer Grundlegung sowie Anlage und Qualität der Methodik zu widersprüchlichen Ergebnissen führen kann, Empirie aber trotzdem unabdingbar ist für Erkenntnisfortschritte und damit eine bessere Beantwortung der gestellten Fragen.

Daran schliessen sich die folgenden weiteren Themen und Fragen an:

Bildungspolitik: Was sollte man bei bildungspolitischen Forderungen beachten? Bleibt eine nachhaltige Bildungspolitik eine Illusion? Die Gestaltung eines Schulsystems: Werden teilautonom (eigenverantwortlich, selbstständig) geleitete Schulen gelingen? Welche Aufgaben fallen für die Schulbehörden an? Die Leitung einer Schule: Was heisst Leadership in einer geleiteten Schule? Wie ist das Qualitätsmanagement an Schulen auszugestalten? Bildungsstandards: Welchem Ziel dienen sie, und welche Auswirkungen haben sie für die Schule? Die Beziehungen zwischen Schulbehörden und Lehrkräften: Was sollten beide Seiten für förderliche Beziehungen beachten? Schulfinanzen: Macht mehr Geld bessere Schulen? Die freie Schulwahl: Wie ist diese Idee zu beurteilen? Wie gross sollten Schulklassen sein? Wie gross sollen Schulen sein? Wie soll die Sekundarstufe I (4.–9. bzw. 7.–9. Schuljahr) organisatorisch ausgestaltet werden?

Wie soll die Elternmitwirkung in der Schule ausgestaltet werden? Was braucht ein Kind, um glücklich zu sein? Wann sollen Kinder eingeschult werden, und wie soll eine allfällig frühere Einschulung ausgestaltet werden? Was kann die Schule tun, um Kinder und Jugendliche aus anderen Kulturen besser in unsere Gesellschaft zu integrieren? Was sollten Eltern und Lehrkräfte beachten, wenn sie Kinder und Jugendliche zu Persönlichkeiten erziehen wollen?

Erbringen die Schülerinnen und Schüler heute schlechtere Leistungen als früher? Wie ist eine leistungsorientierte Schule zu charakterisieren? Chancengleichheit: Wie kann versucht werden, sie zu verbessern? Begabungs- und Begabtenförderung: Was ist darunter zu verstehen?

Lernen die Schülerinnen und Schüler in einem instruktionalen oder in einem konstruktivistischen Unterricht besser und mehr? Was ist guter Unterricht? Gibt es die „lernwirksamsten“ Lehr- und Lernformen (Unterrichtsmethoden)?

Werterziehung in der Schule: Welchen Beitrag können die Schulen leisten, und wo liegen die Grenzen? Caring – den Schülerinnen und Schülern Sorge tragen: Warum müssen sich alle Lehrerinnen und Lehrer um das Caring bemühen? Ordnung im Klassenzimmer und im Schulhaus: Dürfen Lehrpersonen Disziplin einfordern? Aggressionen und Gewalt in der Schule: Wie ist damit umzugehen?

Sind Hausaufgaben sinnvoll und wirksam? Wie soll die Schülerbeurteilung gestaltet werden, und braucht es Noten? Prüfungsangst: Welche Wirkung hat sie, und wie kann ihr begegnet werden?

Lehrfreiheit: Wie weit darf sie gehen? Sollen Lehrerinnen und Lehrer beurteilt werden? Leistungslöhne für Lehrkräfte: Sollen Lehrpersonen weiterhin fix besoldet werden, oder sind flexible Formen der Entlöhnung vorteilhafter?

Wie sind die Klagen vieler Lehrpersonen über die zunehmende Belastung im Beruf und durch Burn-out-Prozesse zu beurteilen? Erfolgreiche Lehrpersonen: Wie sieht ein ideales Lehrerbild aus?

Da es sich bei den Antworten des Autors zu den gestellten Fragen bereits um verdichtete Bearbeitungen der Themen handelt, lassen sich diese hier, das heisst im Rahmen einer Rezension, kaum noch weiter zusammenfassen. Sie entsprechen aber weitgehend dem selbst gesetzten Anspruch des Autors, den aktuellen Stand der Wissenschaft zu den Problemstellungen aufzunehmen, transparent die Normativität der eigenen Wertungen offenzulegen und daraus praktische Empfehlungen zu formulieren. Das Buch beeindruckt durch die Breite des Themenspektrums. Die Fragestellungen sind im Hinblick auf die aktuellen bildungspolitischen Problemstellungen und Diskussionen auch treffend ausgewählt. Das Werk spiegelt zudem die Vielfalt und zugleich Ganzheitlichkeit des Lehr- und Forschungsbereichs von Rolf Dubs wider. Es liest sich einerseits wie eine retrospektive, auf Praxisverwendung ausgerichtete Gesamtdarstellung seines pädagogischen Schaffens, und bezieht andererseits in synthetisierender Weise neue Entwicklungen der Disziplin mit ein. Insofern handelt es sich um so etwas wie ein praxisorientiertes Nachschlagewerk für aktuelle Bildungsfragen von Anwendern und Laien, ohne dass diese sich mit den Details wissenschaftlicher Publikationen abmühen müssen. Die Folge ist naturgemäss, dass sich das Buch nur eingeschränkt als Bezugsquelle wissenschaftlicher Arbeiten verwenden lässt. Durch den zwecks besserer Lesbarkeit erfolgten Verzicht auf Literaturangaben im Text lässt sich zudem nur erschwert prüfen, ob die dargelegten Zusammenhänge empirisch erwiesen sind, nur theoretischen Positionen ohne empirisches Fundament entsprechen oder einzig Erfahrungen des Autors widerspiegeln. Dabei ist anzumerken, dass auch letztere dank der einzigartigen Kombination von Theorie- und Praxiskompetenz einen hohen Handlungsnutzen haben. Voraussetzung für die unmittelbare praktische Verwertbarkeit ist allerdings, dass die Leserschaft dort mit den normativen Grundannahmen des Autors einverstanden ist, wo diese für die Auswahl von möglichen Empfehlungen aus zwei oder mehr Alternativen ausschlaggebend sind. Aber auch bei nicht übereinstimmenden normativen Grundannahmen können die Leserinnen und Leser dank der angegebenen Literatur rasch und gezielt tiefer in das Thema eindringen.
Franz Eberle (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Franz Eberle: Rezension von: Dubs, Rolf: Bildungspolitik und Schule wohin?. Altstätten: Verlag Tobler 2010. In: EWR 10 (2011), Nr. 1 (Veröffentlicht am 16.02.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978385612182.html