EWR 11 (2012), Nr. 6 (November/Dezember)

Franz Albert Heinen
NS-Ordensburgen
Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee
Berlin: Christoph Links Verlag 2011
(216 S.; ISBN 978-3-86153-618-5; 34,90 EUR)
NS-Ordensburgen Das Geleitwort des Historikers Hans-Ulrich Thamer zu dieser Publikation ist überschrieben mit der Frage „Was geschah in Vogelsang?“ (8). Und um es vorweg zu nehmen: Zahlreiche Aspekte dieser Frage werden in dem aussagekräftig bebilderten Buch des Journalisten und Buchautors Franz Albert Heinen nicht nur in Bezug auf die in der Nordeifel gelegene Ordensburg Vogelsang, sondern auch unter Berücksichtigung der beiden anderen Ordensburgen in Sonthofen (Allgäu) und am Krössinsee (heutiges Westpommern, nahe der Stadt Złocieniec) beantwortet.

Nicht zum ersten Mal widmet sich Heinen, der auch bei der Sicherung und Auswertung von Quellenmaterial im Rahmen des geplanten NS-Dokumentationszentrums an historischer Stätte in Vogelsang engagiert ist, dieser Thematik, hier jedoch in einer sehr gründlichen und systematischen Form. Dabei arbeitet er vor allem die Rolle heraus, die den Ordensburgen im Schulungssystem zur Herausbildung des politischen Führungsnachwuchses der NSDAP in der Vorstellung von Robert Ley, dem Initiator dieses Systems, zugedacht war, indem er den Alltag in den Ordensburgen, die Querelen innerhalb der Partei um dieses Vorhaben sowie die Gründe, die letztendlich zum Scheitern dieses Mammutprojekts führten, unter die Lupe nimmt.

Zu diesem Zweck wendet sich Heinen in einer kurzen Einleitung der Ideengeschichte dieses Schulungsprogramms zu, die maßgeblich von Alfred Rosenberg und seinen kruden Vorstellungen von einem neuen, aus rassisch einwandfreien und fanatischen Nationalsozialisten bestehenden „Deutschen Orden“ geprägt war und von Robert Ley aufgegriffen wurde. Die Dimensionen, die diese Ideen in der Realität erhalten sollten, arbeitet Heinen dann sehr anschaulich anhand der Architektur und der Baugeschichte der Ordensburg Vogelsang heraus. Dieser Bau stellt ein weiteres Beispiel dafür dar, mit welch kompromissloser „Koste-es-was-es-wolle-Mentalität“ die Nationalsozialisten ihre Pläne umsetzten, denn aus dem Nichts entstand in einem nicht unproblematischen Gelände – die Hanglage sorgte für zahlreiche und kostspielige architektonische Herausforderungen – ein gewaltiges Gebäudeensemble, in dem die Schulung und Versorgung von nahezu 1.000 Männern möglich war und das die Landschaft prägen sollte. Pikantes Detail am Rande: Ein geplantes Kraft-durch-Freude-Hotel mit 2.000 Betten, das einer sozialen Vereinsamung der Ordensjunker auch in sexueller Hinsicht entgegenwirken sollte, konnte nicht verwirklicht werden, so dass es auch nicht zu den von Ley erwünschten Geburten kam, die seiner Ansicht nach auch dann keine Schande für die Beteiligten mit sich gebracht hätten, wenn diese unehelich erfolgt wären (38). Mit ähnlichem Aufwand, wenn auch eine Nummer kleiner, wurden die beiden anderen Ordensburgen gebaut, so dass auch in Sonthofen und am Krössinsee imposante Anlagen entstanden, obwohl, wie auch in Vogelsang, die Baupläne aufgrund finanzieller Engpässe und des Kriegsbeginns nie ganz umgesetzt werden konnten.

Unter der Überschrift „Die Ordensburgen als Tagungsorte“ wird anschließend ein kurzer Blick auf die „rund zwei Dutzend großen Tagungen“ (61) geworfen, die von der NSDAP und ihren Gliederungen in Vogelsang veranstaltet wurden, um den anwesenden Groß- und Kleinfunktionären die Marschrichtung der Reichsleitung zu vermitteln. Dass für solche Großveranstaltungen ebenso wie für die Leitung der Lehrgänge ein entsprechendes Führungspersonal notwendig war, zeigen die Porträts der in den Ordensburgen eingesetzten Kommandanten, die Heinen zufolge überzeugte und fanatische „Alte Kämpfer“ waren. Offene Fragen, so betont der Autor, bleiben in Bezug auf die Burgwache, die von der SS gestellt wurde. Inwiefern sich hier eine Einflussnahme Himmlers auf das Geschehen an den Ordensburgen zeigt, muss noch geklärt werden.

Die eigentlichen Lehrgänge, die im nächsten Schritt betrachtet werden, sollten die Mittelposition in einer dreistufigen Funktionärsformung sein, deren erster Schritt die Adolf-Hitler-Schulen waren, deren Struktur, Schulleben und Wirkung Heinen in einem eigenen Kapitel darstellt. Nach dem auf die Schule folgenden Arbeits- und Wehrdienst und einem leidenschaftlichen Einsatz in der Partei und ihren Formationen sollten die „Besten, Bereitesten und Härtesten“ (79) der ehemaligen Adolf-Hitler-Schüler dann mit ca. 25 Jahren zu einem vierjährigen Lehrgang in die Ordensburgen einberufen werden, an den sich nach einer erneuten Auslese eine weiterer Lehrgang an der geplanten „Hohen Schule der NSDAP“, deren Konzeption ebenfalls kurz beschrieben wird, anschließen sollte. Da man selbstverständlich nicht warten wollte, bis der erste Durchgang der 1937 gegründeten Adolf-Hitler-Schulen fertig war, startete man 1936 eine große Rekrutierungswelle, die auf gesunde, politisch verlässliche, arische Männer abzielte, wobei deren Vorbildung und schulische Leistungen völlig außer Betracht blieben. Da sich wider Erwarten nicht genügend Bewerber fanden, wurden die Anforderungen in der Folgezeit immer weiter heruntergeschraubt, so dass man letztendlich jeden einigermaßen Tauglichen zu nehmen schien.

So wurde schließlich 1937 der erste Lehrgang in Krössinsee mit einem Programm aus politischer Schulung und Sport sowie Ausflügen und Besichtigungen in Angriff genommen. Begleitet war der Schulungstag durchgängig von militärischer Disziplin, die den Teilnehmern zuweilen zu weit ging, was auch zu Beschwerden führte. Die Bilanz dieses Lehrgangs war jedoch aus Sicht der Parteileitung alles andere als überzeugend, so dass er mit Beginn des Krieges abgebrochen und auch später nicht wieder aufgenommen wurde. Immerhin aber hatte die Parteiführung innerhalb der Ordensjunker nun viele Kräfte zur Verfügung, die man nach Belieben an den Stellen einsetzen konnte, an denen sie gebraucht wurden, und derer gab es nach den ersten Kriegserfolgen genügend. Und auch wenn hier sicherlich noch ein weiterer Forschungsbedarf gegeben ist, so zeigt Heinen in aller Deutlichkeit, dass viele Ordensjunker bereitwillig an der Umsetzung der für die eroberten „Ostgebiete“ vorgesehenen Maßnahmen mitwirkten und zu willigen Vollstreckern der Ghettoisierung, der Vertreibung und der Selektion von Zivilisten wurden und nicht zuletzt die Ermordung der jüdischen Bevölkerung zielstrebig vorantrieben. Zu Anklagen und Verurteilungen sei es jedoch in der Nachkriegszeit nur selten gekommen, da die Gebietskommissare – ein Amt, das häufig von Ordensjunkern übernommen wurde – aufgrund einer „fatalen Fehldeutung“ ihrer Bedeutung viel zu selten in den Fokus der alliierten und später der bundesdeutschen Gerichte gerieten (125).

Die Verwendung der Ordensburgen im Krieg und deren Nachkriegs- und Wirkungsgeschichte bilden den Abschluss einer Publikation, die deutlich über einen gewöhnlichen Bildband hinausgeht und die sich uneingeschränkt als wissenschaftliche Arbeit bezeichnen lässt, zumal ein Anmerkungsteil, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister nicht fehlen. Mit der historischen Aufarbeitung der Ordensburgen ist man mit diesem Buch ein gutes Stück vorangekommen. Was jetzt noch fehlt, und darauf verweist Heinen selbst, ist eine gründliche Betrachtung der Fragen, die die Bildungsgeschichte interessieren. Handelte es sich bei den Lehrgängen tatsächlich um eine „Indoktrination“ der Teilnehmer, ein Begriff, den Heinen mehrfach verwendet? Wie sah der Unterricht aus, wie das „Schulleben“, welches Schulungsmaterial wurde verwendet, welche Bücher fanden sich in den Bibliotheken, wie wurden diese von den Teilnehmern genutzt? Vieles spricht dafür, dass von einer wie auch immer gearteten Elitebildung in den Ordensburgen keine Rede sein kann, denn der Ausbildung mussten nach den Plänen der Verantwortlichen immer die Bewährung sowie der nächste Ausbildungsschritt folgen. Was nahmen die Ordensjunker stattdessen mit ins Leben? Die verklärende Erinnerungskultur, die Heinen durch die Heranziehung von Zeitzeugenaussagen feststellt, wäre in diesem Zusammenhang ein interessantes Forschungsfeld. So bleibt einerseits noch viel zu tun, doch dürfte das Dokumentationszentrum in Vogelsang einen guten Raum bieten, diese Forschungsdesiderate anzugehen. Andererseits ist es das Verdienst des Autors, ein Buch vorgelegt zu haben, das Maßstäbe setzt und dem trotz des recht hohen Preises eine große Verbreitung zu wünschen ist.
Rüdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rüdiger Loeffelmeier: Rezension von: Heinen, Franz Albert: NS-Ordensburgen, Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee. Berlin: Christoph Links Verlag 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386153618.html