EWR 8 (2009), Nr. 4 (Juli/August)

Anne Schlüter (Hrsg.)
Erziehungswissenschaftlerinnen in der Frauen- und Geschlechterforschung
Opladen: Barbara Budrich 2008
(204 S.; ISBN 978-3-86649-155-7; 22,90 EUR)
Erziehungswissenschaftlerinnen in der Frauen- und Geschlechterforschung Biografische Reflexion ist ein wichtiges Element beruflicher Professionalität, insbesondere für diejenigen, die in Forschung und Lehre tätig sind. Biografische Dokumente liefern darüber hinaus wichtige Erkenntnisse für weitergehende Fragestellungen. Im vorliegenden, von Anne Schlüter herausgegebenen Sammelband setzen sich zehn Erziehungswissenschaftlerinnen mit der eigenen Lebensgeschichte auseinander und offenbaren so einerseits die wechselseitige Beeinflussung von Biographie und beruflicher Karriere und zeigen andererseits die immer noch aktuellen Frage- und Problemstellungen der Frauen- und Geschlechterforschung auf. Darüber hinaus zeichnen die Lebenserzählungen in ihrer Gesamtheit die Geschichte der Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung im Feld der Erziehungswissenschaft nach. Entwicklungen und Verläufe in diesem Prozess werden sichtbar. Die abgedruckten Biografien unterscheiden sich hinsichtlich Schwerpunktsetzung und Abfolge, gemeinsam ist ihnen jedoch, dass vergangene und aktuelle Strukturen im Wissenschaftsbetrieb deutlich werden, die – heute weniger als vor zwanzig oder dreißig Jahren? - eine Gleichstellung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern behindern.

Oft sind es bereits Erfahrungen im Elternhaus, die bei den porträtierten Wissenschaftlerinnen ein Interesse an Themen der feministischen Forschung begründet haben, sei es als Widerstand gegen erfahrene Benachteiligung, wie z. B. bei Ilse Brehmer oder Bärbel Schön, sei es als die Fortführung erlebter Freiräume im Konflikt mit später hinzukommenden Strukturen, wie bei Renate Nestvogel oder Anne Schlüter. Die erlebte eigene Mutterschaft ist für viele der Berichtenden ein einschneidendes Erlebnis, das die wissenschaftliche Laufbahn ins Trudeln bringt und häufig einen gradlinigen Lebenslauf verhindert: Elisabeth de Sotelo spricht von der „Erschütterung meines Lebens durch das Muttersein“ (59), Uta Enders-Dragässer unterbricht ihre Erwerbsarbeit und für Astrid Kaiser wird die zweite Schwangerschaft zu dem Wendepunkt, an dem sie sich mit der Frauen- und Geschlechterforschung auseinanderzusetzen beginnt. Doch auch die Biografien, in denen Mutterschaft nicht thematisiert wird, berichten von Benachteiligungen der Frauen im Wissenschaftsbetrieb, von Diskriminierungen durch Kollegen oder dem Nicht-Ernst-Genommen werden in universitären Gremien. In allen Berichten ist die Erfahrung der weiblichen Besonderheit im Prozess des institutionalisierten wissenschaftlichen Arbeitens präsent.

Allen gemeinsam ist auch eine produktive Wendung der erfahrenen Benachteiligungen, so dass nicht der Eindruck entsteht, ungerechte Verhältnisse sollten bejammert werden. Im Gegenteil: Ilse Brehmer initiiert Selbsthilfegruppen und Forschungsprojekte, Uta Enders-Dragässer studiert nach der Erziehungszeit berufsbegleitend, Elisabeth de Sotelo mobilisiert eine „gewaltige Disziplin“ (73) für die Beendigung ihrer Habilitation, Sabine Hering setzt als Professorin die Etablierung Frauen fördernder Strukturen durch. Astrid Kaiser gibt zusammen mit Monika Oubaid das Gegenbuch zu Rainer Winkels „Deutsche Pädagogen der Gegenwart“ heraus, Renate Nestvogel macht ihren Einfluss als Frauenbeauftragte in Berufungsverfahren geltend, Bärbel Schön absolviert hochschwanger das Rigorosum ihrer Dissertation, Ulrike Schildmann bricht aus engen Verhältnissen zum Studium nach Berlin aus, Anne Schlüter gibt mit Annette Kuhn das „Lila Schwarzbuch zur Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft“ heraus und Elke Kleinau arbeitet direkt nach der Geburt ihres Kindes als Hochschulassistentin. Diese zum Teil sehr privaten Schilderungen verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise das persönliche Element in der Wissenschaft und die individuellen Anstrengungen, die über den Schritt der Netzwerkbildung in die soziale Bewegung „Frauenbewegung“ einfließen.

Denn die produktiven Wendungen werden oft erst möglich durch verschiedene tragfähige Frauenforschungsnetzwerke, die von den Wissenschaftlerinnen selbst initiiert und gepflegt werden, so zum Beispiel die „Interdisziplinäre Forschungsgruppe Frauenforschung“ (IFF) – heute Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung – an der Universität Bielefeld, die AG Frauen und Schule, die Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauen- und Genderforschung e.V. (GSF e.V.), das Zentrum für Gender Studies an der Universität Siegen sowie der Arbeitskreis Wissenschaftlerinnen von NRW. Die Darstellungen der Zusammenarbeit in Frauenforschungsnetzwerken nehmen in den Erzählungen einen großen Raum ein und verdeutlichen so deren große Relevanz – einerseits für die individuellen Karrieren, andererseits für die Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung im Wissenschaftsbetrieb. Gleichzeitig betonen die Berichte, dass mithilfe des „Netzwerkens“ wissenschaftliche Foren geschaffen werden, in welchen die institutionell wahrgenommene Besonderheit der Frauen nicht existiert.

Letztendlich sind die porträtierten Wissenschaftlerinnen zu einem großen Teil Professorinnen geworden; sie haben Umwege, Hindernisse und Benachteiligungen erfolgreich hinter sich gelassen. Nach der Lektüre des Buches bleibt aber das Empfinden von der Außergewöhnlichkeit dieser Karrieren, die nicht durch Gradlinigkeit, sondern die Integration vieler Seitenstränge geprägt sind. Auf viele der Erzählungen lässt sich die Figur der „Doppelten Vergesellschaftung“ anwenden. Die mit dem weiblichen Geschlecht verknüpften Erfahrungen von Ausschluss und Verzicht werden in den meisten Biografien thematisiert. Bemerkenswert ist eine oft geäußerte Erfahrung des Anders-Seins, des Nicht-Dazugehörens zum professoralen Habitus und/oder der Institution Universität, die durch Begriffe wie „Fremdkulturelle“ (Kaiser) (108), „Außenseiterin“ (Schildmann) (170) oder das Gefühl, dem Wissenschaftsbetrieb „nur partiell zugehörig“ zu sein, (Schön) (136) geäußert wird.

Die Auswahl der veröffentlichten Biografien zeigt jedoch nicht nur eindrücklich die individuellen Wahrnehmungen und Karriereverläufe, sondern bildet auch eine Ent-wicklung hin zu geschlechtergerechteren Praxen im universitären Bereich ab. Die porträtierten Wissenschaftlerinnen sind in den 1930er, 1940er und 1950er Jahren geboren. Daher zeichnet die Gesamtschau auf die Biografien ein Bild der unter-schiedlichen Phasen der Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterfor-schung, besonders durch die stringente Anordnung der Aufsätze nach Geburtsjahr. Wünschenswert bleibt eine Ergänzung durch Biografien aus den Folgejahrgängen, um nicht nur die gelebte Institutionengeschichte weiterzuführen, sondern um auch zu überprüfen, ob Akademikerinnen sich nunmehr als integraler Teil des Wissenschaftsbetriebs empfinden und inwieweit sich die Institution Universität an das Theorem der „Work-Life-Balance“ in weiblichen Karrieren gewöhnt hat.

Das Buch gestattet einen speziellen Blick auf die Anfänge der Frauen- und Ge-schlechterforschung bis hinein in die 1990er Jahre. Es ist für alle, die dieses For-schungsgebiet weiterführen wollen oder sich dafür aus anderen Gründen interessie¬ren, ein wertvolles Dokument. Aber der Sammelband eignet sich nicht nur als histori¬sches Dokument - „So war das damals also!“, sondern auch als Antwort auf Bärbel Schöns Frage: „Was lernt uns das?“ (136) Es lernt uns aus Sicht der unmittelbar Beteiligten, dass Frauennetzwerke viel erreicht haben und dass solche Zusammenschlüsse weiterhin unerlässlich sind, um auf dem Weg zur Chancengleichheit in der Wissenschaft weiter voran zu kommen. Und es lernt uns, Mut zu haben. Mut zu eigenen Wegen, neuen Fragen und Projekten und vor allem zu einer individuellen, freien Lebensführung im Kontext wissenschaftlichen Arbeitens.
Ilka Benner (Gießen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ilka Benner: Rezension von: Schlüter, Anne (Hg.): Erziehungswissenschaftlerinnen in der Frauen- und Geschlechterforschung. Opladen: Barbara Budrich 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 4 (Veröffentlicht am 31.07.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386649155.html