EWR 14 (2015), Nr. 5 (September/Oktober)

Regina Rätz / Bettina Völter (Hrsg.)
Wörterbuch Rekonstruktive Soziale Arbeit
Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit, Band 11
Opladen / Berlin / Toronto: Barbara Budrich 2015
(406 S.; ISBN 978-3-86649-383-4; 39,90 EUR)
Wörterbuch Rekonstruktive Soziale Arbeit Das „Wörterbuch Rekonstruktive Soziale Arbeit“ geht, um ein Ergebnis bereits vorwegzunehmen, in seiner Anlage über den klassischen Anspruch eines Wörterbuches hinaus. So wird der Stichwörterteil zum einen ergänzt durch einen Serviceteil, der orientierende Artikel zu unterschiedlichen Aspekten der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit versammelt, wie etwa zu ihren Implikationen für die Disziplin und die Profession Sozialer Arbeit, zu Aspekten ihres Studiums und zu ihren institutionalisierten Strukturen. Zum anderen wird er erweitert um einen Teil, in dem „klassische“ Studien kurz zusammengefasst werden, die in verschiedener Hinsicht wegweisend für die Rekonstruktive Soziale Arbeit gewesen sind – wie z.B. die aktuell breit rezipierte Studie „What is Social Case Work?“ von Mary Richmond (1922) (305ff), welche die soziale Einzelfallhilfe theoretisch und empirisch fundiert hat. Dadurch leistet der Band vor allem eines: Er macht Lust darauf, sich in den Gegenstand zu vertiefen und weiterzulesen. Durch zahlreiche externe und interne Literaturverweise ist es Leserinnen und Lesern ein Leichtes, dies auch in die Tat umzusetzen.

Die Herausgeberinnen – beide ausgewiesene Forscherinnen im Feld der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit und engagiert im „Netzwerk Rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biografie“ – formulieren ihr Anliegen fast ein wenig zurückhaltend: Es gehe ihnen darum, „knapp, aber informativ in Begriffe einzuführen und dabei Definitionen, Entstehung, theoretische Zugänge und methodische Verfahren zu erläutern sowie Bezüge zur Sozialen Arbeit herzustellen“ (7). Dabei „unterschlagen“ sie die zugrunde liegende Systematik, die erst der Serviceartikel „Rekonstruktive Soziale Arbeit – ein Konzept zur Entwicklung von Forschung, beruflicher Praxis und professioneller Selbstreflexion“ von Bettina Völter (253ff) erhellt. So liefert der Band Stichwörter zu folgenden Aspekten der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit: theoretische Fundamente (z.B. „Pragmatismus“ (122ff)), Grundannahmen, -haltungen und -prinzipien (z.B. „Fall“ (70ff)) sowie Methoden und Arbeitstechniken (z.B. „Narrationsanalyse“ (140ff)). Weiterhin werden Bezüge zu den drei zentralen Bereichen der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit – das sind Forschung, berufliche Praxis und professionelle Selbstreflexion – hergestellt und das Konzept jeweils für diese Bereiche im Einzelnen konkretisiert, wie z.B. das „Narrative Interview“ (152ff) als Forschungsmethode, die „Dialogische Biografiearbeit“ (46ff) als Praxismethode und die „Narrative Supervision“ (150ff) als Methode der professionellen Selbstreflexion. Darüber hinaus sind Stichwörter im Band zu finden, die dem Konzept Rekonstruktiver Sozialarbeit nicht inhärent, jedoch ihm verwandt sind (z.B. „Psychoanalyse“ (180ff)), und Stichwörter zu einzelnen Textsorten, die als bedeutsame Grundlage rekonstruktiver Zugänge verstanden werden können (z.B. „Argumentation“ (23), „Beschreibung“ (24) und „Erzählung“ (60f)).

Die Qualität der Beiträge im Einzelnen lässt auf eine weitgehend sorgsame Erarbeitung der breit gefächerten Autorinnen- und Autorenschaft schließen, wozu nicht zuletzt die klare Gliederung in Kurzdefinition; Bedeutung im Rahmen Rekonstruktiver Sozialer Arbeit; theoretischer, entstehungsgeschichtlicher und/oder gegenwärtiger Diskussionskontext und ausgewählte Literatur beiträgt. So ist es gelungen, sowohl die disziplinäre als auch die professionelle Bedeutung der einzelnen Aspekte einheitlich herauszuarbeiten, was als eine weitere hervorzuhebende Leistung des Bandes gelten kann. Auf diese Weise ist zudem eine instruktive historiographische Perspektive etabliert worden. Dies kann gerade im Rahmen von Grundlagenwerken zur Sozialen Arbeit, in denen ihre Geschichte häufig eher randständig bearbeitet wird, durchaus als innovativ gelten.

Der Serviceteil umfasst – neben dem bereits genannten Beitrag von Völter – Artikel von Gisela Jakob zu Aspekten und Varianten des forschenden Lernens (259ff), von Ingrid Miethe zum Netzwerk Rekonstruktive Soziale Arbeit und Biografie (266ff), von Gerhard Riemann zum Kritikpotenzial der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit, etwa hinsichtlich der Analyse von (strukturellen) Fehlertendenzen des professionellen Handelns (270ff), von Rudolf Schmitt zum Promovieren im Bereich Rekonstruktive Soziale Arbeit (276ff), und von C. Wolfgang Müller einen ungewöhnlich und persönlich gestalteten Rück- und Ausblick auf rekonstruktive Forschungen und Maßnahmen im Rahmen Sozialer Arbeit (282ff). Mit diesem Rundblick wird der Serviceteil seinem Anliegen gerecht und kann Praktikerinnen und Praktiker, Studierenden und dem wissenschaftlichen Nachwuchs Orientierung bieten.

Den dritten Teil des Bandes bildet der Abschnitt „Klassikerstudien zusammengefasst“. Auch dieser Teil überzeugt vor allem durch die klare Gliederung der Beiträge in Zusammenfassung der Studie, Informationen zu Autorinnen und Autoren, Aufbau und zentrale Inhalte, sowie Rezeption bzw. Bedeutung der Studie im Rahmen Rekonstruktiver Sozialer Arbeit heute. Neben bekannten Untersuchungen, wie den „Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel (321ff) oder „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ von Peter Berger und Thomas Luckmann (340ff), finden sich erfreulicherweise auch unbekanntere Studien wie Jane Addams‘ „The Long Road of Woman’s Memory“ (296ff), mit deren Hilfe bis dato noch wenig rezipierte Wege zu verstehenden Zugängen der Sozialen Arbeit nachvollziehbar werden. Kritisch zu sehen ist jedoch das vollständige Fehlen von deutschen Studien. Das verwundert, da diese in jüngerer Zeit in der Forschung aufgearbeitet werden, wie z.B. die groß angelegte Studie der Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit „Forschungen über Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart“ [1], oder auch Forschungen aus dem Zusammenhang des Hamburger psychologischen Instituts um William Stern [2].

Zusammengefasst bietet der Band nicht nur einen umfassenden, sondern auch lesenswerten und informativ gestalteten Zugang zum Feld der Rekonstruktiven Sozialen Arbeit für eine Leserschaft sowohl aus professionellen Handlungsfeldern wie auch aus wissenschaftlichen Zusammenhängen. Dabei haben die Texte einen eher einführenden Charakter und bieten – dies sei erneut betont – durch reichhaltige Verweise Gelegenheit zur vertiefenden Lektüre. Damit sticht der Band aus den bisherigen Publikationen der im Budrich-Verlag erschienenen Reihe „Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit“ positiv heraus.

[1] Salomon, A. (Hrsg.): Forschungen über Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart. 13 Bde. Bd. 1, 2, 4, 5 Berlin: Herbig; Bd. 3, 6-13 Eberswalde: Müller 1930-1933. Vgl. insbesondere den ersten Band der Reihe: Salomon, A. / Baum, M. (Hrsg.): Das Familienleben in der Gegenwart. 182 Familienmonographien. Berlin: Herbig 1930.
[2] Vgl. z.B. Muchow, M. / Muchow, H. H. (1935): Der Lebensraum des Großstadtkindes. Hamburg: Riegel. Weinheim: Juventa , Neuausgabe 1998.
Dayana Lau (Halle)
Zur Zitierweise der Rezension:
Dayana Lau: Rezension von: Rätz, Regina / Völter, Bettina (Hg.): Wörterbuch Rekonstruktive Soziale Arbeit, Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit, Band 11. Opladen / Berlin / Toronto: Barbara Budrich 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 5 (Veröffentlicht am 23.09.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386649383.html