EWR 9 (2010), Nr. 2 (März/April)

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
Steuerung der beruflichen Bildung im internationalen Vergleich
Gütersloh: Bertelsmann Stiftung 2009
(506 S.; ISBN 978-3-89204-998-2; 44,00 EUR)
Steuerung der beruflichen Bildung im internationalen Vergleich Es ist ein Verdienst dieser Veröffentlichung, in einem internationalen Vergleich die Steuerung der beruflichen Bildung verschiedener Länder darzustellen und aus einer bildungspolitischen und systematischen Sicht zu würdigen. Mehrere Autorinnen und Autoren haben dazu beigetragen, dass insgesamt ein gut 500-seitiges umfängliches Werk entstanden ist, das vornehmlich auf der Analyse zugänglicher Literatur und den kriteriengeleiteten Einschätzungen von Berufsbildungsexperten beruht.

Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, unter der Federführung des Bremer Berufsbildungsexperten Professor Felix Rauner, steht in dieser Studie insbesondere die Frage im Vordergrund, inwiefern das deutsche System der dualen Berufsausbildung „zukunftsfähig“ ist. Das bestehende System der dualen Berufsausbildung wird nicht grundsätzlich infrage gestellt, vielmehr wird - aufgrund der aktuellen Diskussionen in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik – die Zukunft mit der bildungspolitischen Steuerungsfähigkeit verknüpft. Das Konzept der Zukunftsfähigkeit beinhaltet die Orientierung an kommenden Herausforderungen und Neuerungen auf der Systemebene, wie unter anderem neue Steuerungsmodelle, Bildungsstandards oder die Idee wechselseitiger Anerkennung von Berufsabschlüssen zeigen. Ziel der Untersuchung ist es, durch einen Blick über den nationalen Tellerrand hinaus, Anregungen und Impulse für eine effiziente Neugestaltung der Steuerungsebene der Berufsbildung in Deutschland – in Form von Handlungsempfehlungen – zu sammeln. Daraus ergibt sich auch der international vergleichende Blick, der in erster Linie die Analyse und Evaluation weiterer dualer Berufsbildungssysteme, nämlich Dänemarks, Österreich und der Schweiz einschliesst und darüber hinaus zusätzlich auf die Berufsbildungssysteme Australiens, Chinas und die Formen dualer Ausbildung in den USA eingeht.

Gleich zu Beginn wird, nach einer zehn seitigen Zusammenfassung der gesamten Studie, im zweiten Kapitel ein umfangreicher Synthesebericht, inklusive Handlungsempfehlungen, platziert. An erster Stelle werden die Grundlagen und Probleme der Steuerung beruflicher Bildung in theoretischer Hinsicht abgehandelt. Dabei werden zwei zentrale Steuerungsdimensionen – „Koordination versus Fragmentierung“ und „Input- versus Outputsteuerung“ – erläutert. In Bezug auf den „Public-Value-Ansatz“ – welcher davon ausgeht, dass öffentliche Verantwortlichkeit die Effizienz von Institutionen steigern kann – wird in diesem Kapitel die „optimale Steuerung“ des Berufsbildungssystems durch einen hohen Grad an Koordination unter den Akteuren sowie einer Verbindung von Input- und Output-Steuerung definiert. Die Evaluation der Berufsbildungssysteme beinhaltet das Einteilen der vier Vergleichsländer mit dualer Berufsbildung, in eine kombinierte Matrix der Dimensionen ‚Koordination’ und ‚Steuerungsmodus’. Dabei kommt das Schweizer Berufsbildungssystem der „optimalen Steuerung“ am nächsten, dicht gefolgt von Dänemark. Österreich und vor allem Deutschland hingegen sind, gemäss dieser Matrix, von einer optimalen Steuerung weit entfernt. Kaum erstaunlich, orientieren sich daher die Handlungsempfehlungen für Deutschland vorwiegend am Schweizer und teilweise am dänischen, umso seltener aber am österreichischen System.

Die positive Wertung der Schweiz, beruht unter anderem auf der Darstellung der Schweiz (Kapitel 6), verfasst von Ursula Scharnhorst in Zusammenarbeit mit den beiden Bremer Mitarbeiterinnen Antje Barabasch und Sabine Kurz. In gleicher Weise wie das Kapitel zur Schweiz sind auch die anderen Länder dargestellt, indem neben den Bremer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (für Österreich wiederum Barabasch und Kurz zusammen mit Peter Schlögl, für Dänemark und Deutschland Wolfgang Wittig im ersten Fall mit Bruno Clematide, für Deutschland mit Felix Rauner) ein „heimischer“ Autor, bzw. Autorin zum Zuge kommt.

Die Länderbeschreibungen richten sich jeweils, in Unterkapitel aufgeteilt, nach den gesetzlichen Grundlegungen und Zielsetzungen, nach der Art der Organisation und Steuerung auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene, nach der Ordnungsstruktur, den Lernorten, dem Prüfungswesen, den Unterstützungssystemen der Berufsbildung (darunter wird die Planung, Verwaltung aber auch Forschung und Innovation subsumiert), Qualifizierung des Berufsbildungspersonals, Kosten, Finanzierung und Qualität der Berufsbildung, die Übergänge von der Schule in die Arbeitswelt, schliesslich auch die internationale Dimension der jeweiligen nationalen Berufsbildungssysteme.

Die Autorinnen im Beitrag zur Schweiz bezeichnen vor allem das 2004 in Kraft getretene neue Berufsbildungsgesetz (BBG) als Meilenstein in der Entwicklung beruflicher Bildung, da es als offenes Rahmengesetz formuliert, den Akteuren der beruflichen Bildung genügend Raum belässt und Berufsbildung als gemeinsame Aufgabe des Bundes (bzw. des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie), der Kantone und der Verbände und Sozialpartner bzw. wie sie in der Schweiz neu heissen „Organisationen der Arbeitswelt“ (OdA) versteht. Die OdA haben gemäss dem BBG weitgehende Kompetenzen für die Aus- und Neugestaltung der beruflichen Ausbildungen auf allen Stufen, wobei durch ein „Ticketsystem“ organisatorisch alle Abläufe und die Prioritäten der Berufsreformen der einzelnen Organisationen der Arbeitswelt bestimmt werden. Die Umsetzung dieser Reformen erfolgt gemäss einem „Masterplan Berufsbildung“. Auch weitere Neuerungen innerhalb der Berufsbildung, wie zum Beispiel die Schaffung von „Leading Houses“, welche einer die Berufsbildungsreform unterstützenden Bildungsforschung Auftrieb geben sollen, oder das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), das eine Brückenfunktion zwischen Forschung und Praxis einnimmt, werden genannt. Im Fazit dieses Kapitels weisen die Autorinnen auf den europaweit höchsten Anteil Jugendlicher in einer beruflichen Grundbildung hin und heben die hohe Integrationsfähigkeit der dualen Berufsbildung hervor. Die Offenheit des Berufsbildungsgesetzes ergebe zwar einerseits langwierige Aushandlungsprozesse zwischen den unterschiedlichen Akteuren, sie führe aber durch die geteilte Verantwortung und Zusammenarbeit auch zu nachhaltigen Lösungen. Die Durchlässigkeit und Flexibilität des Systems bewerten sie ebenfalls positiv, jedoch wird richtigerweise auf die deutlichen Unterschiede in den verschiedenen Sprachregionen verwiesen, so dass nicht alle Aussagen für das ganze Land generalisierbar sind.

Bezeichnenderweise fehlt in der Darstellung zur Schweiz ein Unterkapitel, das in den Darstellungen zu Dänemark, Deutschland und Österreich aufgeführt ist. Hierbei geht es im Abschnitt „Übergänge (erste und zweite Schwelle) von der Schule in die Arbeitswelt“ um den Bereich „aktuelle Probleme des Berufsbildungssystems“. Wie in anderen Ländern, so gestaltet sich auch in der Schweiz der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung zunehmend problematischer und erschwert den Zugang vor allem für benachteiligte Jugendliche. Auch dazu gäbe es entsprechende Literatur und Darstellungen, die aber in dieser Studie nicht berücksichtigt wurden.

Die im Kapitel 2 aus der Analyse und Evaluation schlussgefolgerten 24 Handlungsempfehlungen leiten sich darüber hinaus aus den Mittelwerten eines Ratings durch Experten in den jeweiligen Vergleichsländern ab. Dabei ging es im wesentlichen um sechs Hauptkriterien, nämlich inwiefern rechtliche Regelungen abgestimmt seien, wie die jeweiligen Akteure zusammenwirken, ob und welche Innovationsstrategien bestehen, ob es eine Balance zwischen den steuerungsrelevanten Politiken gäbe, wie die Verteilung der strategischen und operativen Funktionen sich darstellt und ob ein System ergebnisorientiert ausgerichtet sei. Genauere Angaben zu den Massstäben der Punktevergabe und Ablauf sowie Teilnehmer und Ergebnisse der Expertenworkshops sind für den Leser am Schluss im Kapitel 10 und 11 auffindbar.

Diese Ergebnisse bilden die Grundlage für die Handlungsempfehlungen. Dabei ist zu bemerken, dass die Streuung der Bewertung der einzelnen Items teilweise stark ausgeprägt ist, was eine gewisse Uneinigkeit der Expertenschaft vermuten lässt. Weniger ausgeprägt sind die Streuungen der Bewertungen der dänischen Experten, jedoch ist dies insoweit erklärbar, dass diese Teilnehmergruppe lediglich aus vier Personen bestand, während bei den anderen drei Ländern bei acht bis zehn Teilnehmern ein Ergebnis zu eruieren war. Da die Expertenbewertungen eine zentrale Grundlage für die Analyse und Evaluation der dualen Berufsbildungssysteme Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz bilden, sind diese Streuungen der Bewertungen nicht unbedeutend und beim Lesen mit zu bedenken.

Einige Handlungsempfehlungen orientieren sich direkt am Schweizer Berufsbildungssystem, wie zum Beispiel Handlungsempfehlung 2 zeigt: „Bündelung der gesamtstaatlichen Steuerungsfunktionen in einem Bundesamt für Berufsbildung, das mit vergleichbaren Kompetenzen ausgestattet ist wie das BBT der Schweiz“ (56). Auch bei den meisten folgenden Handlungsempfehlungen erhält die Schweiz einen Vorbildcharakter.
Auf beinahe gleicher Ebene befindet sich die Rezeption des dänischen Berufbildungssystems, welches durch seine koordinierte Output-Steuerung nur gering von der „optimalen Steuerung“ abweicht und dadurch insgesamt eine positive Beurteilung erfährt.

Im Gegensatz dazu steht das im Kapitel 4 gefasste, stark defizitorientierte Fazit des Berufsbildungssystems und seiner Steuerung in der Darstellung Deutschlands durch Rauner und Wittig, welches unter anderem durch die hochgradige Ausdifferenzierung des Berufbildungssystems und mangelhafte Abstimmung gekennzeichnet sei. Auch das eigentlich als attraktiv bezeichnete Berufsbildungssystem Österreichs (Kapitel 5) unterliegt einer eher skeptischen Bewertung. Da es aufgrund der Analysen stark hinter Dänemark und der Schweiz liegt, wird es für die Handlungsempfehlungen kaum berücksichtigt.

Nicht uninteressant, aber zu hinterfragen bleibt die ebenso detaillierte Ausarbeitung der Berufsbildungssysteme Australiens, Chinas und den USA (Kapitel 7 - 9), welche für die Handlungsempfehlungen in Bezug auf das deutsche System nicht in Betracht gezogen werden. Der angekündigte ergänzende Überblick wird zwar geleistet, jedoch fehlt darin die konkrete Formulierung „interessanter Anregungen für eine effiziente und nachhaltige Steuerung einer Neugestaltung des deutschen dualen Systems“, die auf dem Klappentext des Buches versprochen wurden. Diese Kapitel beziehen sich nicht systematisch auf die Untersuchung, sie sind als Ergänzung der internationalen Sichtweise sicherlich sinnvoll, jedoch entbehren sie einer Verknüpfung zum eigentlichen Ländervergleich.

Die vorrangig an der Schweiz orientierten Handlungsempfehlungen, um die Zukunftsfähigkeit des deutschen Berufsbildungssystem zu steigern, vernachlässigen die Erkenntnis, dass Berufsbildungsreformen auch an die jeweilige spezifische politische Kultur und auf pfadabhängigen Entwicklungen des Landes beruhen und deswegen trotz scheinbarer Ähnlichkeiten des Modells nicht so einfach übertragbar sind [1].

Diesen kritischen Anmerkungen zum Trotz ist die vorliegende Studie als Ganzes bemerkenswert hinsichtlich der Aufarbeitung der Steuerungsfrage, deren zentrale Bedeutung für die Weiterentwicklung eines Berufsbildungssystems eindrücklich hervorgehoben wird. Das Buch ist darüber hinaus für Leserinnen und Leser hilfreich, die sich einerseits einen Überblick über die verschiedenen Berufsbildungssysteme der aufgeführten Länder machen möchten und die andererseits sich sehr wohl an den nachvollziehbaren und wegweisenden Handlungsempfehlungen für das deutsche Berufsbildungssystem orientieren möchten.

[1] Gonon, Philipp (2009): Reformsteuerung, Stabilität und Wandlungsfähigkeit der Berufsbildung – „Laboratory Federalism“ als Motor der Bildungsreform in der Schweiz. In: Ute Lange, Sylvia Rahn, Wolfgang Seitter und Randolf Körzel (Hrsg.), Steuerungsprobleme im Bildungswesen. Festschrift für Klaus Harney. VS Research
Dominique Oesch (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Dominique Oesch: Rezension von: Stiftung, Bertelsmann (Hg.): Steuerung der beruflichen Bildung im internationalen Vergleich. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 2 (Veröffentlicht am 13.04.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978389204998.html