EWR 11 (2012), Nr. 3 (Mai/Juni)

Sammelrezension Curriculare Bausteine für die Aus- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte für Kitas

Klaus Fröhlich-Gildhoff / Stefanie Pietsch / Michael Wünsche / Maike Rönnau-Böse (Hrsg.)
Zusammenarbeit mit Eltern
Ein Curriculum für die Aus- und Weiterbildung
(Materialien zur Frühpädagogik Bd. 7)
plus CD
Freiburg: Verlag FEL 2011
(264 S.; ISBN 978-3-932650-43-3; 15,00 EUR)
Susanne Viernickel / Iris Nentwig-Gesemann / Henriette Harms / Sandra Richter / Stefanie Schwarz
Profis für Krippen
Curriculare Bausteine für die Aus- und Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte
(Materialien zur Frühpädagogik Bd. 8)
plus CD
Freiburg: Verlag FEL 2011
(210 S.; ISBN 978-3-932650-44-1; 15,00 EUR)
Zusammenarbeit mit Eltern Profis für Krippen Neben dem quantitativen Ausbau von Kindertageseinrichtungen war in den vergangenen Jahren die Qualität der Kinderbetreuung Gegenstand öffentlicher, politischer und fachwissenschaftlicher Diskurse. Im internationalen Vergleich und in einschlägigen Studien wie PISA und der OECD-Studie Starting Strong II wurde Deutschland hinsichtlich des schulischen Bildungswesens kein exzellenter Platz zugewiesen. Dies warf seine Schatten auch auf den Elementarbereich und generierte in Anbetracht ehrgeiziger Ausbaupläne die Frage, wie der quantitative Ausbau angesichts historisch gewachsener Strukturen zugleich mit einer qualitativen Verbesserung des Betreuungsangebots verbunden werden könnte. Neben der bildungspolitischen Forderung nach der Verbesserung der bestehenden fachschulischen Ausbildungsformen wurde die Professionalisierung des Sektors Kindheitspädagogik vorangetrieben, um den sich verändernden gesellschaftlichen Anforderungen an Kindertagesbetreuung gerecht zu werden. Hierzu wurden auf Bundes-, Landes-, Universitäts- und Hochschulebene vielfältige Initiativen ergriffen, die von der Implementierung einschlägiger Studiengänge über die Reform der beruflichen und fachschulischen Ausbildung bis hin zu Projekten reichten.

Ein bundesweites Projekt ist PIK – Profis in Kitas, das unter der Federführung der Robert-Bosch-Stiftung an fünf Standorten in Deutschland durchgeführt wurde. Die beiden vorliegenden Bände wurden von den Projektgruppen an der PH Freiburg (zum Thema „Zusammenarbeit mit Eltern“) und an der Alice-Salomon Hochschule Berlin (für „Profis in Krippen“) entwickelt. Sie sind Bestandteile einer Reihe von insgesamt neun Bänden zu aktuellen Themen der Kindheitspädagogik.

Die beiden Publikationen wollen durch die Entwicklung von Standards für die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften Beiträge zur qualitativen Verbesserung der Ausbildung von Fachpersonal für Kitas leisten. Der Bezugspunkt beider Curricula ist das im PIK-Projekt entwickelte Kerncurriculum zur Frühpädagogik. Dessen Ziel ist eine von Studierenden zu entwickelnde professionelle Haltung als Querdimension und Basis individueller Performanz im Bildungs- und Erziehungsalltag in Kitas. Um diese zu fördern, sind die beiden Bände auf die Akteure in Studiengängen, Fachakademien und Fachschulen, sowie in der Fort- und Weiterbildung als Zielgruppe ausgerichtet. Für sie sollen die dargelegten Inhalte Referenzpunkte zur Bewertung und Überprüfung der eigenen Studienordnungen und Fächerkataloge sein.

Als Lehr-Lern-Konzept wird in beiden Publikationen ein konstruktivistischer Ansatz vertreten, der Studierende in einer pro-aktiven, fragenden und forschenden Rolle sieht. Entsprechend werden didaktische Methoden wie die Lernwerkstatt, das Planspiel, etc. empfohlen.

Beide Bände weisen dieselbe Struktur auf: Nach einem Vorwort folgt eine theoretische Herleitung des Curriculums sowie – in Teil I eine inhaltliche Darstellung des Themas. Das eigentliche Curriculum mit zehn Einheiten oder Bausteinen für die Aus- und Weiterbildung folgt in Teil II. Den Abschluss bildet Teil III mit Fachbeiträgen zum jeweiligen Thema. Jeder der drei Teile sowie die einzelnen Bausteine werden mit einer Literaturliste abgeschlossen. Zusätzlich enthält jeder Band eine CD mit den zehn curricularen Bausteinen, um die Umsetzung innerhalb der Aus- und Weiterbildung zu erleichtern. Im Band „Zusammenarbeit mit Eltern“ erfolgt dies mittels konkreter Handreichungen und dem Band „Profis in Krippen“ soll das Curriculum in digitalisierter Form eine Integration in bestehende Curricula oder eine Neukonzeption unterstützen.

(I) Zusammenarbeit mit Eltern
Fröhlich-Gildhoff, Pietsch, Wünsche und Rönnau-Böse als Herausgeber führen das Thema „Zusammenarbeit mit Eltern“ in Teil I über eine Analyse des Beziehungskonstrukts, die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Eltern, die professionelle Haltung von Fachkräften hierzu, methodische Hinweise zum Gelingen der Zusammenarbeit sowie den Verweis auf besondere Herausforderungen, die aus der Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund resultieren, ein. Im Anschluss werden die mehrdimensionalen Zugänge zum Curriculum, der Weg der Entwicklung, Erprobung und Evaluation des Curriculums an fünf Standorten in der Bundesrepublik dargelegt. Es folgt eine Definition des Kompetenzbegriffs und die Darlegung der Methoden der Kompetenzerfassung von Fachkräften. Den Ergebnissen zufolge kann in einem Prä-Post-Vergleich ein Kompetenzzuwachs der Fachkräfte konstatiert werden, der von den Autoren in deutlicher Korrelation zu den Lehr-Lern-Formaten gesehen wird.

Entsprechend wird in Teil II nach einer Übersicht und einer ausführlichen Darstellung der zu erwerbenden Kompetenzen dem eigentlichen Curriculum ein Kapitel vorangestellt, das sich mit methodisch-didaktischen Hinweisen für Lehrende und deren Rolle eingehend befasst. Es schließen sich die curricularen Einheiten, die von unterschiedlichen Autoren der Arbeitsgruppe verfasst wurden, an:

• Überblick und theoretische Grundlage zur Zusammenarbeit mit Eltern
• Rechtlich normativer Rahmen
• Gesprächsführung
• Analysemethoden
• Erziehungsstile
• Spezifische Methoden in der Zusammenarbeit mit Eltern
• Familienbildungsangebote
• Schlüsselprozesse/Übergänge
• Zusammenarbeit mit Eltern im Kontext von Migration
• Innovative Konzepte und Internationale Perspektiven

Teil III bietet vier Texte, die das Curriculum ergänzen und spezifizieren. Martin R. Textor bilanziert die letzten 25 Jahre der Elternarbeit. Sigrid Tschöpe-Scheffler geht der Frage nach, wie der elterliche Erziehungsauftrag angesichts gesellschaftlicher Veränderungen und der veränderten Bedeutung des Kindes innerhalb der Familie gelingen kann. Meinrad M. Armbruster stellt in seinem Artikel das Konzept einer Eltern-AG mit dem Ziel des Empowerments von Eltern vor. Sibylle Fischer schließlich zeigt die Herausforderungen in der kultursensiblen Zusammenarbeit mit Eltern auf und plädiert für eine kultur- und differenzsensible Ausrichtung von Kitas.

(II) Profis für Krippen
Viernickel, Nentig-Gesemann, Harms, Richter und Schwarz weisen in ihrer Publikation „Profis in Krippen“ zunächst auf das Spannungsfeld hinsichtlich erwarteter und tatsächlicher Qualifikation von Fachpersonal für Krippen hin. Danach werden die Entwicklung der Bausteine sowie deren konzeptionelle Elemente und Aufbau dargelegt. Es folgen, wie oben beschrieben, die Definition des Kompetenzbegriffs und die Ausführungen zum Lehr-Lern-Format. Hier wird ein besonderes Gewicht auf die Ebene der habituellen Orientierung gelegt. Empathiefähigkeit, sensitive Responsivität, biografische Kompetenz und Wertschätzung von Diversität z.B. – betonen die Autorinnen – sind langfristig anzulegende Professionalisierungsprozesse, die einer entsprechenden Methodik und Didaktik bedürfen.

Teil II des Bandes widmet sich im Anschluss den zehn Bausteinen für eine Pädagogik in den ersten drei Lebensjahren:

• Professionelle Haltung: selbstreflexive und forschende Zugänge
• Grundlagen von Entwicklung und Bildung
• Pädagogische Begleitung und Unterstützung frühkindlicher Entwicklungsthemen
• Pädagogische Begleitung und Unterstützung frühkindlicher Entwicklungsthemen für Kinder mit besonderen Entwicklungsverläufen
• Gesundheit und Pflege von Kindern
• Ausgewählte Werkzeuge für die Begleitung von Bildungs- und Entwicklungsprozessen von Kindern
• Institutionelle Betreuung von Kindern – Historische Entwicklung und aktuelle Diskurse
• Pädagogische Ansätze und Praxiskonzepte und deren Relevanz für die Altersgruppe
• Familien mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren
• Spezielle Aspekte der Qualitätsentwicklung

Auch hier enden die Kapitel zu den jeweiligen Bausteinen mit Hinweisen für Lehrende. Im Gegensatz zu Bd. 7 mit seinen konkreten Handreichungen und Musterplanungen, werden in Bd. 8 allgemeine Vorschläge unterbreitet.

Im Unterschied zu den inhaltlichen Originalbeiträgen in Band 7 (Zusammenarbeit mit Eltern), wird in Band 8 (Profis für Krippen) die Idee einer Fachdatenbank favorisiert. Die Vorteile des Zugangs für eine breite Fachöffentlichkeit werden dargelegt. (Inzwischen wird die Datenbank in Kooperation der Alice Salomon Hochschule, der Robert-Bosch-Stiftung, der WiFF und dem Fröbel e.V. realisiert.) Zwei ausgewählte Beispieltexte von Claudia Weigelt zum Thema „Familie im Werden – Veränderungen der Paarbeziehung durch die Geburt des ersten Kindes“ und von Dörte Weltzien‚ „Begleitung von Kooperation und Spiel Null- bis Dreijähriger“, ergänzen das Buch.

Auf den ersten Blick ähneln sich die beiden Publikationen, sind jedoch bei genauer Betrachtung im Zugang und hinsichtlich der zur Verfügung gestellten Materialien unterschiedlich. Während „Zusammenarbeit mit Eltern“ auf einer CD zusätzliche Materialien liefert, enthält die CD des Bandes „Profis in Krippen“ eine digitale Version des Buches. Somit nimmt Bd. 7 zum Thema „Zusammenarbeit mit Eltern“ eine Zwitterstellung zwischen Curriculum und Lehrbuch ein. Beide Curricula sind modular aufgebaut, was sich hinsichtlich der Lesbarkeit als sperrig erweist. Die Einheiten oder Bausteine wiederum sind geprägt von Aufzählungen. Dies ist sicher der Anlehnung an Modulhandbücher geschuldet. Es ist dann gerechtfertigt, wenn die Ausführungen direkt für den Unterricht oder die Lehre genutzt werden sollen.

Beide Curricula folgen einer eigenen Logik hinsichtlich der Definition des Kompetenzbegriffs und der Kategorisierung der von Studierenden zu erwerbenden Kompetenzen und beziehen sich auf das Modell von Nentwig-Gesemann u. a. Dies stellt einen Kontrapunkt zum Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) mit seiner Systematik dar. Angesichts dessen, dass das Modell von Nentwig-Gesemann jedoch den komplexen Anforderungen des Sektors Kindheitspädagogik weitaus gerechter wird, bleibt abzuwarten, welche Logik sich nachhaltig als Referenzsystem durchsetzen wird. Thematisch greifen beide Bände relevante Bereiche der Ausbildung auf. Allerdings wird hier explizit dargestellt, was vielfach bereits in der Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher als Mainstream-Thema Gegenstand des Unterrichts an Fachakademien ist. Für grundständige Studiengänge sind daher die Curricula geeignet, für konsekutive jedoch nur partiell, was sicherlich auch der heterogenen Ausgangslange – bedingt durch föderale Strukturen in Deutschland – geschuldet ist.

Misst man die Publikationen an den darin aufgestellten Maßstäben für Fachkräfte der Kindheitspädagogik, so stellt sich die Frage, warum Hinweise und Musterstunden angeboten werden. Die Zielgruppe sind Lehrende von Studierenden, die zukünftig Lernsettings gestalten sollen, die Kindern pro-aktives und selbstgesteuertes Lernen ermöglichen. Liegt dem Ansatz zu Grunde, dass den Lehrenden der Kindheitspädagogik die Kompetenz abgesprochen wird, konstruktivistische Lehre anzubieten? Durch diesen Widerspruch kommt das vorliegende Konzept an seine Grenzen, denn das Dilemma der Implementierung von Standards mittels thematischer Curricula und der Bereitstellung vorgefertigter Einheiten für den Unterricht trotz des methodisch-didaktischen Anspruchs kann nicht gelöst werden: Vielmehr sollten Lehrende selbst in der Lage sein, ein individuelles Lehr-Lern-Konzept zu erstellen, welches sich an den Kompetenzen der Studierenden orientiert und sie einlädt, sich pro-aktiv, fragend und forschend einzubringen. Einen Wert können die Lehrhinweise und Materialien jedoch in der praktischen Hilfestellung z.B. für neue Lehrende oder als Ideenpool haben.

Irritierend ist ferner, dass die Curricula für BA-Studiengänge entwickelt wurden, sich vom Titel her jedoch an die Aus- und Weiterbildung richten. Hier wird das Niveau des Masterstudiums impliziert, das dem Ziel der wissenschaftlichen Ausbildung dient und Studierende dazu befähigen soll, sich an der Generierung neuen Wissens zu beteiligen. Diesem Umgriff jedoch werden die Ausführungen der vorliegenden Bände nur im Ansatz gerecht. Die Frage nach der Wirkung der beiden Curricula auf die weitere Entwicklung der Ausbildungs- und Studiengänge wird sich im Laufe der Zeit beantworten lassen. Es ist den Autor/inn/en zu wünschen, dass die beiden Bände als Modelle hinzugezogen werden, wenn Ministerien ihre Curricula für die Fachschulen überarbeiten oder BA-Studiengänge konzipiert oder überarbeitet werden. So könnten die beiden Publikationen einen Beitrag zur Professionalisierung(-sdebatte) zur Kindheitspädagogik in Deutschland leisten.
Claudia M. Ueffing (München)
Zur Zitierweise der Rezension:
Claudia M. Ueffing: Rezension von: Fröhlich-Gildhoff, Klaus / Pietsch, Stefanie / Wünsche, Michael / Rönnau-Böse, Maike (Hg.): Zusammenarbeit mit Eltern, Ein Curriculum für die Aus- und Weiterbildung (Materialien zur Frühpädagogik Bd. 7) plus CD. Freiburg: Verlag FEL . In: EWR 11 (2012), Nr. 3 (Veröffentlicht am 31.05.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978393265043.html