EWR 13 (2014), Nr. 1 (Januar/Februar)

Christoph Stumm
Netzwerkbildung bei Freelancern
Die Entstehung von arbeitsbezogenen Netzwerken vor dem Hintergrund der Fairness als Regel des sozialen Austauschs
Darmstädter Beiträge zur Berufspädagogik
Paderborn: Eusl Verlag 2012
(234 S.; ISBN 978-3-940625-25-0; 25,00 EUR)
Netzwerkbildung bei Freelancern Unter dem Einfluss des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels entstehen neue, flexible Formen der Erwerbsarbeit. Christoph Stumm untersucht das „Freelancertum“ als eine vergleichsweise neue und moderne Form der Selbstständigkeit. Er stellt fest, dass Netzwerke eine wichtige soziale Ressource für Freelancer darstellen, um am Markt bestehen zu können. Seine zentrale Untersuchungsfrage ist, unter welchen Bedingungen und mit welcher Motivation es zur Herausbildung arbeitsbezogener Netzwerke und Kooperationsstrukturen unter Freelancern kommt. Den theoretischen Reflexionsrahmen der Arbeit stellen dabei die Equitytheorie und das darin enthaltene Prinzip der Fairness dar.

Die Entstehung des Freelancertums, so Stumm, sei eine Folge der Aufweichung klassischer betrieblicher Organisationsstrukturen. Dieser Wandel habe die Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse in Richtung von Freier Mitarbeit begünstigt (1). Bestimmte betriebliche Leistungen in der Wertschöpfungskette würden nicht mehr von abhängig beschäftigten Mitarbeitern erbracht, sondern immer öfter von unabhängigen Freelancern. Mit der steigenden Zahl an Solo-Selbstständigen gehe ein Strukturwandel selbstständiger Beschäftigung einher. Dies beinhalte auch den Trend zu immer kleineren Betriebsgrößen (24). Bestimmte Branchen und Berufe seien davon in besonderem Maße betroffen, z.B. Lehrer, Trainer und Kosmetiker (25). Dieser Wandel der Arbeitswelt und seine Konsequenzen werden ausführlich in Kapitel 2 dargestellt. Stumm betrachtet darin das Freelancertum als einen aktuellen Trend im individuellen Streben nach beruflicher Autonomie. Die Motive dafür, als Freelancer zu arbeiten, seien vielfältig, sie reichten von der individuellen Selbstverwirklichung, der Steigerung des Einkommens bis hin zur Überbrückung von Arbeitslosigkeit.

Bei Freelancern handele es sich um eine sehr heterogene Form der Erwerbstätigkeit. Aufgrund dessen seien in der Literatur unterschiedliche – oftmals unzutreffende – Begriffe für diese Form der Selbstständigkeit zu finden, z.B. Mikrounternehmer, Solounternehmer usw. (4). Andere Begriffe deuteten tendenziell auf die Prekarität dieser Form der Selbstständigkeit hin. Als Ein-Personen-Unternehmen würden sie alle „Funktionen eines Unternehmers in einer Person vereinen“ (57). Sie übernähmen verschiedene Funktionen und damit auch unterschiedliche Rollen. So werde mit dem Wandel der Arbeitswelt der passive, auf Arbeit wartende Arbeitnehmer zunehmend ersetzt durch einen aktiven, eigenverantwortlichen Arbeitstypus. Damit stelle das Freelancertum eine „bisher unbekannte Konstellation aus Expertentum und Unternehmertum unter der Leitmaxime der Individualisierung und des Freiheitsstrebens dar“ (58). Allerdings befinde sich der Freelancer gegenüber seinem Auftraggeber in ähnlichen Abhängigkeiten wie der „Lohnarbeiter des Industriezeitalters“ (64) gegenüber dem Fabrikeigentümer. Aus diesem Rollenverständnis resultieren für Stumm spezifische Kompetenzen, die als Anforderungen an den Freelancer gestellt werden, z.B. die eigene Vermarktungsfähigkeit über Netzwerke und soziale Kontakte (65).

Netzwerke seien ein mehr oder weniger stabiles und erwartbares Beziehungsmuster, welches über gelegentliche Kontakte hinausgehe. Sie förderten die Vielfalt und den Austausch kreativer Gedanken und Ideen. Sie stellten die evolutionäre Weiterentwicklung der Gruppe dar (71). Netzwerke seien gekennzeichnet durch fehlende klare Grenzen und eine kaum abgrenzbare Grundgesamtheit. Diese Grenzen seien eher zufällig, fließend und weder geplant noch steuerbar (72). Netzwerke besäßen für Freelancer unter arbeitsstrategischen Gesichtspunkten eine zentrale Bedeutung (66). Allerdings sei der Forschungsstand insbesondere zur Frage der Netzwerkbildung als defizitär einzuschätzen. Für Freelancer besäßenNetzwerke vor allem instrumentellen Charakter. Sie würden je nach persönlichen Bedürfnissen und vermuteten Chancen gestaltet (67). Im Rahmen der Auftragsakquise übernähmen sie bspw. wichtige Funktionen. Netzwerke erleichterten die Bearbeitung komplexer Aufträge, die für einen Freelancer allein nicht ausführbar wären. Diese Netzwerke seien der Ort, an dem z.B. branchenspezifisches Wissen und Informationen ausgetauscht würden. Daraus resultierten hohe Kompetenzerwartungen der Freelancer an ihre Netzwerkpartner. Allerdings blieben die existierenden Angebote oft hinter diesen hohen Erwartungen zurück.

Freelancer strebten unterschiedliche Kooperationen und Netzwerke an. Daraus ergäben sich unterschiedliche Dilemmata und Spannungsfelder. Diese bestünden insbesondere dann, wenn Freelancer konträr zueinander stehende private Interessen pflegten. Dabei komme es zwangsläufig zu Konflikten. Ein anderes Dilemma ist das Autonomie- und Abhängigkeitsdilemma. Dies sei das Ergebnis von Spezialisierungen innerhalb eines Netzwerkes, wodurch sich die Freelancer in eine gegenseitige Abhängigkeit begäben. Weitere Dilemmata seien das Vertrauensdilemma, das Kooperations- und Konkurrenzdilemma, das Besitzdilemma und das Konfliktdilemma (76ff). Stumm fasst an der Stelle zusammen, dass die Organisation sozialer Beziehungen und Netzwerke eine intensive Tätigkeit sei, die einerseits für Auftraggeber unsichtbar bleibe und andererseits nicht bezahlt werde. Für eine positive Reputation und um von Aufträgen zu erfahren sei Networking und die Pflege sozialer Kontakte jedoch unbedingt notwendig (78). Unter diesem Gesichtspunkt seien sie das Sozialkapital von Freelancern. Es sei existenziell, in ein Netzwerk von partnerschaftlichen und arbeitsbezogenen Kontakten eingebunden zu sein. Mit jedem zusätzlichen Kontakt steige der Nutzen von Netzwerken exponentiell an (102). Das stelle eine wichtige Ressource dar und mindere das Risiko, am Markt nicht bestehen zu können.

Der Prozess der Netzwerkbildung sei darum nicht willkürlich, sondern es bedürfe motivgetriebener Networkingstrategien (81). Die Untersuchung dieser Motive erfolge mit Hilfe der Equitytheorie (82ff). Demnach gehe es darum, dass Menschen „bestrebt sind, die Ergebnisse ihrer sozialen Beziehungen zu maximieren“ (86). Eine Beziehung sei demnach dann ausgewogen bzw. equitabel, wenn die „jeweiligen Beiträge der Interaktionspartner zu relativierten Ergebnissen gleich sind“ (86). Ziel sei es, Beziehungen einzugehen, die getragen werden durch Vertrauen und Fairness. Sie seien die Grundlage für die Entwicklung und das Gelingen zwischenmenschlicher Interaktionen (96). In sozialen Netzwerken gehe es nicht nur darum, den monetär größtmöglichen Nutzen zu erzielen, sondern auch darum, eine Ausgewogenheit in der Beziehung zu erreichen. Die geleisteten Beiträge und der erzielte Nutzen sollten für alle beteiligten Akteure gleich und ausgewogen sein.

Stumm erörtert nun die Grundzüge und Paradigmen der Equitytheorie als Grundlage der dann folgenden empirischen Untersuchung zu den Motiven von Freelancern, Netzwerke zu gründen. Im Vorfeld untersucht er den aktuellen Forschungsstand zur Beschäftigungsform des Freelancers (105ff). Dabei liegt sein Fokus auch auf den Arbeiten, die an der Beschäftigungsform des Freelancers ein nur sekundäres Forschungsinteresse hatten, wie z.B. in Untersuchungen zu „Neue Selbstständige“, Arbeitskraftunternehmer oder atypische Beschäftigung. Er stellt fest, dass das zentrale Interesse dieser Forschungsarbeiten auf den Themen Work-Life-Balance und auf den Auswirkungen des Lebensstils auf Gesundheit, Arbeits- und Lebenssituation liegt. Zu den Themen Freelancer und Netzwerkbildung bestünden große Forschungsdefizite (111). So richteten die meisten Forschungsarbeiten ihren Fokus auf bestehende, nicht jedoch auf sich bildende Netzwerk.

In seinem empirischen Untersuchungsteil wertet er die Fragebögen von insgesamt 90 befragten Freelancern im Hinblick auf seine Untersuchungsfrage aus. Er befragte zu jeweils gleichen Teilen Freelancer aus dem IT-Bereich, Trainer und Coaches sowie Unternehmensberater. Nach einer sehr ausführlichen Beschreibung der Itembildung, der Erhebungsmethode und der Prüfung der Datenqualität kommt Stumm zur Darstellung seiner Befragungsergebnisse (155). Er zeigt, dass es vor allem die persönlichen Kontakte, die gemeinsamen Projekterfahrungen und die Empfehlung durch Dritte sind, die als wichtigste Faktoren für die Netzwerkbildung benannt werden. Als zentraler Nutzen von Netzwerken werden die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, die Bearbeitung komplexer Aufträge sowie die fachliche Weiterentwicklung benannt (157). Die Charaktereigenschaften und fachlichen Fertigkeiten des Partners sollten die eigenen ergänzen. Das Kompetenzniveau der Partner sollte gleichwertig sein. Genauso sollten die Zielvorstellungen der beiden Partner übereinstimmen (163). Die Ergebnisse würden auch darauf hindeuten, dass es vor allem die harten Faktoren sind, z.B. die Minderung von Risiken und monetäre Gründe, die für Freelancer die Motivation zur Netzwerkbildung darstellten(186). Dennoch werde dem Aspekt der Fairness ein besonders hoher Stellenwert eingeräumt. Sie solle als notwendige Kompetenz von Freelancern verstanden und als Bestandteil von Qualifizierung etabliert werden (208). Hier stellt sich dem Leser des Bandes möglicherweise die Frage, wie lässt sich zu Fairness bzw. zu fairem Handeln qualifizieren?

Insgesamt gibt die mit diesem Band vorliegende Dissertation von Christoph Stumm einen guten Einblick in das Phänomen „Freelancer“ als moderne Form der Selbstständigkeit und des Einzelunternehmertums. Die Arbeit greift ein kaum untersuchtes Phänomen der Berufs- und Arbeitswelt auf. Sie gibt einen guten Überblick über den Forschungsstand und die Forschungsdefizite zu diesem Thema sowie interessante Einblicke in die Relevanz sozialer Netzwerke für die Arbeit und das unternehmerische Überleben des Freelancers. Damit eröffnet sie weiterführenden Forschungsarbeiten mehrere Anschlussmöglichkeiten. Etwas störend ist der sehr umfangreiche Teil zum Forschungsdesign sowie zu den Methoden der Datenerhebung und zur Datenqualität. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass es sich hier um eine Qualifizierungsarbeit handelt.
Dietmar Heisler (Gießen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Dietmar Heisler: Rezension von: Stumm, Christoph: Netzwerkbildung bei Freelancern, Die Entstehung von arbeitsbezogenen Netzwerken vor dem Hintergrund der Fairness als Regel des sozialen Austauschs Darmstädter Beiträge zur Berufspädagogik. Paderborn: Eusl Verlag 2012. In: EWR 13 (2014), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978394062525.html